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 Artikel 21: Zeit-Fragen Nr. 52/53 vom 30. 12. 2002

 Mit der Globalisierung zur Weltherrschaft?

von Manfred Ritter, Nürnberg

Dem Aufstieg des antiken Rom zur Weltmacht stand zunächst Karthago als gleichstarker Rivale im Wege. Erst als Karthago zerstört war, konnte Rom seine Herrschaft ohne übermässige Schwierigkeiten von England bis Ägypten ausdehnen.

Die Geschichte scheint sich etwa 2000 Jahre später zu wiederholen. Die USA etablieren sich immer mehr als das neue Rom und die Rolle des Verlierers (also Karthagos) ist der ehemaligen Sowjetunion zugefallen. Nachdem dieses rivalisierende Imperium zerfallen ist, steht nun nichts mehr der Eroberung der Welt durch die USA im Wege. Die «einzige Weltmacht» strebt dieses Ziel auch systematisch an. Sie will offenbar alle Völker beherrschen und notfalls auch unterwerfen, die Bodenschätze besitzen oder sonstige (zum Beispiel strategische) Bedeutung haben.

Andernfalls riskieren diese, von einer gigantischen Militärmaschinerie niedergewalzt zu werden. Wer dies noch bezweifelt, sollte nur einmal den Rüstungsetat der USA (über 350 Mrd. Dollar) betrachten, der inzwischen grösser ist als der der gesamten restlichen Welt. Wenn er nur zur Verteidigung dienen soll, müsste man ihn - bei den derzeitigen weltpolitischen Machtverhältnissen - als eine gigantische und völlig absurde Verschleuderung von Steuergeldern bezeichnen. Er wird allerdings dann zu einer «sinnvollen» Investition, wenn er der Vorbereitung von Angriffskriegen dient. Angriffskriege sind zwar seit den «Nürnberger Prozessen» verboten. Dies scheint die Entscheidungsträger in den USA aber offenbar nicht zu stören, denn Sanktionen gibt es bekanntlich immer nur für den jeweiligen Besiegten.

Die Zielrichtung dieser Politik kann inzwischen wohl nur noch von ganz Einfältigen geleugnet werden. Jeder Staat, der sich nicht dem neuen Imperium unterwirft, dürfte in Kürze am Schicksal des Irak studieren können, wohin dies führt.

Mancher Kenner der römischen Geschichte könnte hier zwar einwenden, dass ein neues «römisches Weltreich - made in USA» auch gewisse Vorteile bieten würde, wie etwa einen Weltfrieden entsprechend dem alten «pax romana», und viele wären sogar bereit, dafür den Verlust von Selbstbestimmungsrechten in Kauf zu nehmen. Diese an sich erwägenswerte Überlegung geht allerdings in einem entscheidenden Punkt von falschen Voraussetzungen aus.

Denn das, was uns heute als US-Weltherrschaft entgegentritt, hat nicht im Entferntesten die staatstragende politische Kraft des alten Roms und seine kulturelle und zivilisatorische Gestaltungsfähigkeit. Der Präsident der USA und seine Administration sind trotz aller von ihnen repräsentierten Macht nur ein Werkzeug in der Hand des (vorwiegend in den USA angesiedelten) Grosskapitals. Sie haben in den entscheidenden Fragen ausschliesslich diesem Kapital zu dienen und seiner Gewinnmaximierungs- und Ausbeutungspolitik den Weg zu ebnen.

Ein amerikanischer Soziologe hat einmal erklärt, dass etwa 200 Familien in den USA dieses Kapital im wesentlichen repräsentieren und gemeinsam bestimmen, welche Politik der jeweilige US-Präsident mit seinem gesamten militärischen und finanziellen Potential weltweit durchzusetzen hat.

Ideologie der Gewinnmaximierung

Hier liegt die entscheidende Gefahr. Denn diese im Hintergrund agierenden Herrschaftskreise haben leider nur eine Ideologie, und dies ist die Gewinnmaximierung mit der Konzentration des Reichtums und damit der Macht auf wenige Personen bzw. Familien. Wie bei den alten Pharaonen in Ägypten gibt es am Ende dieser Machtergreifung nur noch eine ganz kleine Oberschicht mit absoluter Macht, und der Rest der Menschen lebt in einem Fellachenstatus. Der derzeit in den Industriestaaten vorhandene breite Mittelstand hat in einer solchen Welt keine Überlebenschancen mehr.

Solche Gesellschaftsordnungen, die den «Wohlstand für alle» endgültig beseitigen, dürften allerdings nicht problemlos durchzusetzen sein. Zumindest würde die Umstrukturierung unserer relativ freien Gesellschaft in eine verarmte Sklavengesellschaft mit Chaos, Mord und Totschlag verbunden sein. Auch Kriege könnten in einer solchen Welt inszeniert werden, um die Rüstungsindustrie anzukurbeln oder um die Betroffenen von der Erkenntnis ihrer Unterdrückung durch das Grosskapital abzulenken. Es wird also voraussichtlich nicht zum «römischen Frieden», sondern eher zum Kampf aller gegen alle und zur allgemeinen Verelendung führen.

Wem die Weltmacht nur dazu dient, seine masslose Geldgier zu befriedigen, der wird nie im Sinne des Gemeinwohls regieren. Denn einem geldgierigen Kaufmann fehlt bereits jedes Bedürfnis, die politische Führung zum Wohle aller Menschen anzustreben und auszuüben. Dazu müsste er seinen Charakter völlig ändern, und so etwas wäre nur mit einem Wunder zu bewerkstelligen. Wenn eingefleischte Kaufleute daher die politische Macht total kontrollieren, führt dies zu krassen Fehlentwicklungen, da es dann am gesellschaftlich notwendigen Gleichgewicht der Kräfte fehlt, das allein eine Politik zum Wohle aller Beteiligten sicherstellen kann.

Die Menschen sind und bleiben trotz ihres ausgeprägten Denkvermögens Teil der Natur und werden von ihren Trieben gesteuert und nicht selten auch fehlgesteuert. Wir folgen also letztlich alle uralten genetischen Programmierungen. Diese haben bisher das Überleben und den Aufstieg der Menschheit gesichert. Dies gilt auch hinsichtlich der von der Natur vorgesehenen «Leithammel». Von diesen wird erwartet, dass sie sich für das Wohl ihrer Herde einsetzen oder gar aufopfern. Dafür und nur dafür wird ihnen grössere Macht zugebilligt als den übrigen. Dies gilt auch für menschliche Gesellschaftsstrukturen. Menschliche Triebe sind jedoch besonders stark der Gefahr von Perversionen ausgesetzt.

Deshalb ist es auch nicht unüblich, politische Macht «einzukaufen», nur um damit noch mehr Geld zu verdienen bzw. aus den Völkern herauszupressen. Vom natürlichen Standpunkt aus ist dies aber eine der übelsten und zerstörerischsten Perversionen des menschlichen Erwerb- und Machttriebes. Denn die Natur hat den Machttrieb dafür vorgesehen, dass einzelne mit seiner Hilfe das Gemeinwohl gegen den individuellen Egoismus durchsetzen und damit das Überleben der Gruppe zu sichern, nicht jedoch um extremerweise individuelle Reichtümer anzuhäufen. Deshalb hat der Machttrieb auch in gut funktionierenden Demokratien seinen berechtigten Platz; allerdings immer unter der Kontrolle durch die Mehrheit der Bürger.

Grosskapital steuert Politiker

Über die anonym arbeitenden Vertreter des Grosskapitals und deren Steuerung der Politiker aus dem Hintergrund fehlt jede Kontrolle durch das Volk. Es würde diesem nicht einmal nutzen, den formal herrschenden Präsidenten durch ihr Wählervotum abzusetzen, da dessen Nachfolger mit der gleichen Selbstverständlichkeit wieder «eingekauft» würde wie sein Vorgänger. Bei der heutigen nahezu totalen Herrschaft der grossen Medien über das Denken der meisten Bürger hat ohnehin nur der Kandidat eine Chance gewählt zu werden, der sich das Wohlwollen der grossen Medien erkaufen kann. Letztere leben allerdings weitgehend von den Werbeausgaben der Grossindustrie und müssen daher deren Weisungen befolgen. Im Vergleich zu diesem wahlentscheidenden Einfluss der Massenmedien sind die eigentlichen Parteispenden nur noch «peanuts».

Damit schliesst sich der Kreis der Herrschaft. Ein Aussenstehender hat so gut wie keine Chance, in diesen Kreis hineinzukommen. Wenn in den USA ein Wahlkampf stattfindet, dann ist es allenfalls ein Kampf rivalisierender Konzerne, die sich beim Sieg des von ihnen gesponserten bzw. eingekauften Kandidaten Vorteile beim Zugriff auf staatliche Gelder versprechen. Im Fall des derzeitigen US-Präsidenten hat eindeutig die Rüstungsindustrie gesiegt.

Nationale Grenzen niedergewalzt

Solche US-internen Auseinandersetzungen ändern aber relativ wenig an der immer deutlicher sichtbar werdenden Zielrichtung der Eroberung der Welt. Diesem Ziel stehen nationale Grenzen natürlich im Wege. Sie werden daher auf allen möglichen Ebenen niedergewalzt. Gleiches geschieht mit der nationalen Interessenswahrnehmung, obwohl sie unverzichtbare Voraussetzung jeder Selbstbestimmung und jeder Demokratie ist.

Da man sich in den USA derzeit offiziell (noch) zur Rechtsstaatlichkeit und Demokratie bekennt und diese Staatsform auch der übrigen Welt predigt, kann man (noch) nicht einen Weltdiktator ernennen, der dann systematisch die übrige Welt militärisch erobert, sondern muss diese Eroberung subtiler mit den feineren Waffen des Kapitals durchführen. Dass diese Methode besser funktioniert als rohe Gewalt, hat schon König Philipp, der Vater von Alexander dem Grossen erkannt, als er erklärte, dass ein Sack Gold jedes Stadttor öffnen würde.

Wie derzeit die Dritte Welt mit Geld erobert und zum Kolonialstatus zurückgeführt wird, kann man übrigens detailliert in dem Buch «Global brutal» von Michel Chossudovsky (Michel Chossudovsky. Global brutal. Der entfesselte Welthandel, die Armut und der Krieg. Frankfurt am Main 2002. Verlag Zweitausendundeins, ISBN 3-86150-441-3) nachlesen.

Die Verschuldung dieser Länder zwingt sie zur weitgehenden Aufgabe ihrer demokratischen Selbstbestimmung und zur politischen und wirtschaftlichen Unterwerfung gegenüber ihren Gläubigern.

Wenn man bedenkt, dass die weiterhin anhaltende Abwanderung der Industrie aus den Hochlohnländern in die Niedriglohnstaaten im Rahmen der Globalisierung und die damit verbundene kontinuierliche Verschlechterung der Wirtschaftslage auch Europa in absehbarer Zeit (auch aufgrund hoher Staatsverschuldung) in eine ähnlich desolate finanzielle Situation bringen wird, wie sie derzeit in den Entwicklungsländern herrscht, kann man sich vorstellen, welches Schicksal unseren Demokratien und damit unserer Freiheit droht.

Rolle der Globalisierung

Hier wird auch erkennbar, welche Rolle die Globalisierung der Wirtschaft neben der Gewinnmaximierung der grossen Konzerne in diesem strategischen «Spiel» um die Weltmacht spielt. Sie soll die derzeit noch relativ starken Hochlohnländer - insbesondere Europa - durch das mit der Abwanderung der Industrie bewirkte langsame Ausbluten der Wirtschaft so sehr schwächen, dass sie der neuen US-Weltherrschaft (des Grosskapitals) keinerlei Widerstand mehr entgegensetzen können und froh sein dürfen, wenn sie mit einem gehobenen Vasallenstatus davonkommen. Die englische Regierung hat dies bereits erkannt und übt sich in den entsprechenden Unterwerfungsgesten.

Dies müsste nicht so sein. Die Europäer müssten nur die Kraft aufbringen, sich von der WTO mit ihrem Ziel weltweiter totaler Zollfreiheit abzuwenden. Sie müssten also geeignete Massnahmen beschliessen, um sicherzustellen, dass der Grossteil aller in Europa verbrauchten höherwertigen Waren auch vor Ort produziert wird. Dazu müsste man nur die Chancengleichheit der hier produzierenden Betriebe gegenüber den Produzenten in Niedriglohnländern wieder herstellen. Dies kann allerdings nur durch Wiedereinführung entsprechender Schutzzölle für eine wirtschaftliche Grossregion Europa (an den gemeinsamen Aussengrenzen) geschehen. Nur so könnten sich die Europäer noch aus dem Würgegriff durch das Grosskapital der USA befreien.

Wer dagegen glaubt, das Heil sei in der bedingungslosen Unterwerfung unter die USA zu finden, könnte eine sehr böse Überraschung erleben, wenn das System der globalisierten Wirtschaft einen Kollaps erleidet und in einer Weltwirtschaftskrise von noch nie dagewesenem Ausmass endet. Dann scheitern zunächst auch die Welteroberungspläne des US-Grosskapitals, das auf einem globalen wirtschaftlichen Scherbenhaufen auch keine Paläste mehr aufbauen kann. Es geht ihnen dann nicht anders als den Walfängern, die nach dem Abschlachten der letzten Wale ihre Schiffe verschrotten können.

Eine solche Erkenntnis scheint aber nicht in die Köpfe der US-Entscheidungsträger eindringen zu können. Hier spielen wohl auch historisch gewachsene Mentalitäten in den USA eine Rolle, da man sich in diesem riesigen, sehr dünn besiedelten Land einen rücksichtslosen Raubbau an der Natur leisten konnte, weil immer noch genügend unberührtes Land übrigblieb. Wenn man allerdings bei der extrem wachsenden Weltbevölkerung eine solche Politik weltweit umsetzen würde, müsste dies mit einer globalen Katastrophe enden.

Die im Rahmen der Globalisierung erfolgende zunehmende Ausbeutung der Ressourcen mit ihrer Zerstörung gewachsener Strukturen, die über Jahrhunderte eine entscheidende Lebensgrundlage der betroffenen Völker darstellten, richtet zunehmend Schäden an, die eines Tages mit unzähligen Toten bezahlt werden müssen.

Wir sollten daher nach besten Kräften auf diese Gefahren hinweisen und so versuchen, diese Entwicklung noch zu verhindern.

Manfred Ritter verfasste zusammen mit Klaus Zeitler das Buch «Armut durch Globalisierung - Wohlstand durch Regionalisierung». Es ist erschienen im Leopold-Stocker-Verlag, Graz 2000. ISBN 3-7020-0883-7

 

Artikel 21: Zeit-Fragen Nr.52/53 vom 30. 12. 2002, letzte Änderung am 30. 12. 2002

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