Artikel 16: Zeit-Fragen Nr. 13 vom 7. 4. 2003
Bildung Österreich
Drastische Sparmassnahmen werden vom Bildungsministerium als «Entlastungspaket» für Schüler verkauft, eine entsprechende Verordnung ist bereits in Begutachtung.
lb. Derzeit brodelt es in Österreichs Konferenzzimmern. Für den 9. April ist bundesweit ein Aktionstag an den Schulen geplant. Auch Eltern- und Schülervereinigungen machen mobil. Mit soviel Widerstand hat die Ministerin offenbar nicht gerechnet. Sie gibt sich überrascht. Was ist der Grund für die Aufregung?
Angeblich hat eine Studie von Bildungspsychologen, die die durchschnittliche «Schülerarbeitszeit» in verschiedenen OECD-Ländern zum Thema hatte, Bildungsministerin Gehrer auf den Plan gerufen: Vor allem Österreichs Jugendliche der Sekundarstufe I (das sind die 12- bis 14jährigen) wären mit weit mehr Unterrichtsstunden und häuslicher Arbeitszeit belastet als der OECD-Durchschnitt, etwa um 200 Stunden mehr als PISA-Gewinner Finnland.
Gehrer reagierte Anfang März mit einer Pressemitteilung, in der sie eine «Entlastung» der österreichischen Schüler durch eine Senkung der Unterrichtszeit auf OECD-Durchschnitt ankündigte. Sie widersprach damit im übrigen ihren eigenen Aussagen zum Thema Stundenkürzungen, die sie noch im November 2002, also vor den letzten Nationalratswahlen, gemacht hatte. Es werde zu keinen Stundenkürzungen kommen, hatte sie damals versichert, obwohl zu diesem Zeitpunkt die OECD-Studie bereits bekannt war. Pikant an der Sache ist ausserdem, dass mittlerweile belegt ist, dass die Vergleichsstudie, auf die sich die Ministerin stützt, nur so von Fehlern strotzt. Zum Teil wurde übersehen, dass in vielen Ländern die Schüler ein Jahr mehr bis zur Matura absolvieren als in Österreich, dass der musisch-kreative Bereich oder der Religionsunterricht in einigen Ländern gar nicht in die Unterrichtszeit einberechnet wird, dass die Stunden teils mit 45 oder 50, teils mit 60 Minuten berechnet wurden.
Überprüft wurde gar nichts. Wurden bisher Änderungen im Bildungsbereich zumindest nach Prüfung bzw. Entwicklung in Fachkommissionen durchgeführt, so wurde die aktuelle «Entlastungsverordnung» sozusagen mit einem Federstrich verfügt. Die Begutachtungsfrist endet am 25. April.
In allen Schularten sind rigorose Stundenkürzungen vorgesehen, in der Hauptschule etwa 7 Wochenstunden in 4 Jahren (120 statt bisher 127), in der gymnasialen Unterstufe 6 und in der Oberstufe der Gymnasien und Realgymnasien 8 (130 statt bisher 138).
Dafür, welche Stunden gekürzt werden sollen, gibt es zwar einen Vorschlag des Ministeriums, dieser tritt aber nur in Kraft, wenn es zu keiner Einigung im Schulgemeinschaftsausschuss (SGA) der jeweiligen Schule kommt. Das heisst, das schulpartnerschaftlich besetzte Gremium des SGA (jeweils 3 Lehrer-, 3 Eltern- und 3 Schülervertreter) soll darüber befinden, welche Fächer gekürzt werden sollen. Das Zauberwort dafür ist die sogenannte «Standortautonomie». Noch nie war es so offensichtlich wie jetzt, dass mit dem Hinweis auf die Möglichkeit «schulautonomer» Entscheidungen nur politische Verantwortung abgeschoben und der Kampf um Stunden und Arbeitsplätze in die Konferenzzimmer hineingetragen wird. Weder Lehrer noch Eltern wollen aber entscheiden, welches Fach an ihrer Schule im nächsten Jahr weniger unterrichtet wird, die Schüler sind damit schlicht überfordert. Ein pädagogisches Konzept existiert nicht. Ausserdem sind die Auswirkungen auf die Anstellungssituation an den Schulen prekär. So fallen etwa an Schulen mit 20 Klassen zwei Posten weg.
Den österreichischen Lehrern wurde in den letzten Jahren viel zugemutet. Die neuen Lehrpläne der Unterstufe («Lehrplan 2000») sind noch nicht einmal in allen Klassen umgesetzt, die neuen Stundentafeln für die Oberstufe wurden im November 2002 verordnet und sind nur schon wieder veraltet. Das Bildungsministerium spricht von einer weiteren Runde einer «Entrümpelung» der Lehrpläne.
Die Motivation vieler Lehrer ist derzeit am Nullpunkt. Obwohl in allen internationalen Studien der österreichischen Schule bisher eine hohe Qualität bescheinigt wird, wird ihre Arbeit durch verantwortungslose und kurzsichtige Massnahmen entwertet.
Was ist zu tun? Nur wenn Lehrer und Direktoren es verweigern, darüber zu entscheiden, wer an ihrer Schule im nächsten Jahr nicht mehr unterrichten soll und wenn vor allem Eltern dagegen auftreten, dass rigorose Sparmassnahmen auf Kosten der Bildung ihrer Kinder durchgesetzt werden, ist noch mit einer Rücknahme der «Entlastungsverordnung» zu rechnen.
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