Artikel 21: Zeit-Fragen Nr. 18 vom 19. 5. 2003
«Soziale, ökonomische und ökologische Überlebensmodelle gegen das Versagen von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik» ist der Untertitel von Wolfgang Hingsts neuestem Buch (ISBN 3-909234-00-3), das im Frühjahr 2003 im schweizerischen Zeit-Fragen-Verlag erschienen ist. Der Untertitel verspricht nicht zuviel. Wir haben es nämlich mit einem aussergewöhnlichen Buch zum Zeitgeschehen zu tun - gleichberechtigt stehen Kritik des Bestehenden neben Ausblick und Möglichkeiten, aus dem Schlamassel herauszukommen. Einmal ein Buch, das dem Leser neben fundierter Analyse auch reale Wege und Alternativen aufzeigt. Wir haben eben die Wahl. Der rote Gedankenfaden des Buches könnte heissen: Wir können auch anders! Nämlich umweltbewusst, von der Lehrmeisterin Natur lernend, wahrhaft demokratisch, sozial, friedlich. Wir wissen, wie es nicht geht. Wir wissen, wie es geht. Warum also zögern wir?
Bestechend ist auch - und das merkt man bei der Lektüre sehr rasch: Der Wiener Historiker Wolfgang Hingst ist alles andere als ein naiver Optimist oder gar Träumer. Seit dem Studium ist er ein scharfer Beobachter und Kritiker des Zeitgeschehens, der seinen Blick nicht zuletzt durch jahrzehntelange Arbeit als Redaktor im österreichischen Funk und Fernsehen (unter anderem «Help», «Argumente», «Brennpunkt») unermüdlich schulen konnte und sich der Suche nach Wahrheit verschrieb. Die offene Auseinandersetzung scheute er nie. In seinen Buchveröffentlichungen wandte er sich stets politisch äusserst brisanten Themen zu: «Zeitbombe Radioaktivität», «Zeitbombe Gentechnik», «10 Thesen gegen Gross-Europa. Ein Essay wider den Grössenwahn», «Abgezockt - Ihre Zukunft als EU-Bürger» und andere mehr. Vor allem aber ist Hingst einer, dem es gelungen ist, wirklich unabhängig zu bleiben. Keine wie immer geartete Parteigängerei oder Andienerei an irgendwelche Lobbies machen ihn so sympathisch und vor allem so glaubwürdig.
Betrachtet man die zentralen Probleme unserer Gegenwart - Neoliberalismus und Raubtierkapitalismus, korrupte Machteliten jeglicher politischen Couleur, Sozialabbau, Unterdrückung und Ausbeutung der Entwicklungsländer, Umweltzerstörung, Täuschung und Verrohung durch Medien und aggressivste Kriegstreiberei -, so prognostizieren Fachleute aus verschiedenen Fakultäten nicht nur wirtschaftlichen Zusammenbruch, sondern Selbstzerstörung der Menschheit noch in diesem Jahrhundert. Das ist Hingsts Ausgangspunkt für alle weiteren Ausführungen.
Nüchtern beschreibt der Autor den Zustand unserer «Demokratien». Er hat dabei vor allem Österreich und Deutschland im Blick. Politische Parteien und unsere gewählten Regierungen werden immer mehr zu Handlangern der multinationalen Grosskonzerne. Unterstützung auf allen Ebenen liefert eine zentralisierte Bürokratie in Form der EU und ein Klüngel von Parteien, die sich kaum voneinander unterscheiden, die sich vor allem um den eigenen Machtausbau kümmern und nicht um die Bürger. Hier kann, so Hingst, die Antwort nur heissen: Stärkung der Bürger und Entwicklung beziehungsweise Ausbau der direkten Demokratie. Hingst hat aus allen deutschsprachigen Ländern eine umfassende Bestandsaufnahme der Aktivitäten in diesem Bereich zusammengetragen. Allein das ist schon eine Fundgrube.
Dass der Präsident des österreichischen Verfassungsgerichtshofs (und auch schon sein Vorgänger) offenherzig verkündet, dass wir uns von der Vorstellung verabschieden müssen, «dass alles Recht in Österreich vom Volk ausgeht, das heisst demokratisch legitimiert ist», thematisiert Hingst ebenso wie Versuche von Machtpolitikern der Art eines Andreas Khol (VP), den politischen Mitbestimmungswillen der Menschen zu Kaffeekränzchen oder einer von oben gesteuerten «Bürgergesellschaft» zurechtzubiegen und zu instrumentalisieren.
Nicht die Menschen sind desinteressiert an Politik, sie werden von ihr ferngehalten. Demnach ist auch das vielerorts stetig beklagte Desinteresse der Jugend an Politik heuchlerisch. «Lifestyles ersetzen die Politik, das passt nahtlos in die Tendenz der herrschenden politischen Klasse, die Leute zu verdummen und von politischen Aktivitäten fernzuhalten.» Fernsehen, Computer, Computerspiele ... , warum bieten wir gerade unseren Jugendlichen sonst nichts an?
In einer Zusammenschau richtet der Autor diese gesellschaftlichen Probleme genauso ins Licht wie die wahnsinnige Kriegspolitik Amerikas in der Folge des 11. September 2001.
Und immer sind auch wir angesprochen, es liegt an uns, das Klagen aufzugeben und tätig zu werden.
Im grossen Kapitel «Raubtierkapitalismus» finden wir eine detailliert belegte Darstellung von gemachten Staatskrisen, dem Spiel mit dem Hunger der Hälfte der Welt zu Profitzwecken, der Rolle des IWF, der WTO und schliesslich dessen, was «Triadisierung» bedeutet.
Im nachfolgenden Kapitel «Ökotopia» geht es um eine alternative Zukunft. Nicht Marktwirtschaft, sondern eben eine «humane Gesellschaft auf der Grundlage demokratischer Willensbildungs- und Entscheidungsstrukturen» muss Ziel solcher Alternativen sein. Neben «grünem Geld», «Ethik-Fonds», Umweltbanken und Ökosteuern werden verschiedene Varianten der Geldbeschaffung für Umweltschutz und ökologische Projekte vorgestellt. Denn: Die Devise des 21. Jahrhunderts muss heissen: Zurück zum Umweltschutz!
Das Elend der Atomenergie mit ihren noch nicht abschätzbaren Folgen versus erneuerbare Energien (Sonne, Wind, Wasser, Wasserstoff, Biomasse) ist ein entscheidender Punkt in «Paradies oder Weltuntergang». Welche Richtung wir der Energiepolitik der nächsten Jahrzehnte geben, wird schon für die nächste Generation, so Hingst, entscheidend sein: «Kohle, Erdöl und Erdgas waren die Träger der Industrialisierung. Die Atomenergie, ein Abfallprodukt des Krieges, schien ein neues Zeitalter einzuleiten. Es wurde durch Tschernobyl beendet. Jetzt sind erneuerbare Energien die Hoffnung. [...] Es ist noch nicht lange her, da wäre diese Prognose belächelt worden.» Ob es um wasserstoffbetriebene Autos geht, die laut Experten bereits in 10 Jahren auf den Markt kommen sollen (Fritz Vahrenhold, Aufsichtsrat von Shell, erklärte Wasserstoff bereits zum künftigen Kerngeschäft des Unternehmens), oder ob es um zahlreiche private, kommunale oder staatliche Projekte zur Nutzung von Sonne, Wasser und Wind zur Energiegewinnung in Europa und anderswo geht - Wolfgang Hingst hat auch hier gründlich recherchiert und eine herrliche Palette an Projekten vorgelegt, die zu durchdenken jedem Energieverbraucher zu empfehlen sind.
Was in den letzten 20 Jahren geschrieben wurde, um einer ökologischen Weiterentwicklung unserer Länder entgegenzuwirken, ist auch Thema. Nach dem Motto: ungesund ist vor allem die Natur, zum Beispiel: «Jeder zweite Naturstoff erweist sich als krebserregend» wurden im Namen der Wissenschaft Abhandlungen verfasst, die nur grossen Industriezweigen, die um ihre Absatzmärkte bangten, dienten.
Über den Weg einer ökologischen (biologischen) Landwirtschaft, deren Entwicklung im politischen Zusammenhang spannend dargestellt wird, und einer regional verankerten Selbstversorgung kehrt der Autor wieder zu den zentralen Problemen zurück: WTO und EU mit ihrem Zentralismus als erklärten Feinden eines ökologischen Umbaus der Gesellschaft. Sie sind nicht nur Feinde einer vernünftigen Umweltpolitik, sondern auch einer echten Friedenspolitik. «Zwischen dem Verbrechen des Krieges und dem Verbrechen der Umweltzerstörung herrscht eine enge Beziehung. Letztlich lässt sich für jeden Krieg belegen, dass er nicht nur menschen-,sondern ebenso umweltfeindlich ist. [...] Umgekehrt lässt sich sagen, dass wahrhaft ökologisch orientierte Menschen immer auch friedliebende Menschen sind.» So Hingst in seinem letzten Kapitel.
Am Ende kommt Hingst nochmals auf die nächste Generation, auf die Jugend zu sprechen. Einer deutschen Umfrage entsprechend seien die Menschen zwischen 15 und 25 «erfreulich konservativ. Am meisten Vertrauen haben sie zu ihren Eltern (95%). Das wichtigste im Leben sind Familie (62%), Freundschaft, Gesundheit, Liebe. Am wenigsten wichtig: Spass (19%), Geld, Freizeit, Sex.» Die sogenannte Fit-und-Fun-Generation sei - so Hingst - sozialer als landläufig angenommen wird. Sie hat auch Angst vor Krieg und bei ihren Idolen stehen Umweltgruppen wie Greenpeace ganz oben. Am wenigsten Vertrauen haben sie in Politiker. Fast alle sagen, dass es sich lohnt, gegen Umweltzerstörung, soziale Ungerechtigkeit und Diktatoren zu kämpfen. Sogar auf die Frage nach ihrem Verhältnis zum Staat sagen fast zwei Drittel, dass sie sich verantwortlich fühlen für das, was in ihrem Land passiert.
Wir würden gut daran tun, dies nicht zu ignorieren. Hierauf lässt sich aufbauen. Der aufmerksame und pflegliche Umgang von Mensch zu Mensch, von Mensch zu Umwelt ist angesagt. Wir haben die Wahl.
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