Artikel 1: Zeit-Fragen Nr. 20 vom 2. 6. 2003
rko. F.William Engdahl beschreibt in seinem Buch «Mit der Ölwaffe zur Weltmacht» den Weg zur neuen Weltordnung. Der Kampf ums Erdöl wird in einen historischen Zusammenhang gebracht. Die wirtschaftlichen und währungspolitischen Hintergründe von Konflikten und Kriegen werden schonungslos aufgedeckt. England wie die USA waren und sind bestrebt, ihren Weltmachtanspruch durch Waffengewalt, Geheimdiplomatie und schmutzige Tricks zu erzwingen. Die Kontrolle über die Erdölressourcen ist heute eng mit der US-Währungspolitik verbunden. Es liegt im Interesse der USA, Dollar und Erdöl eng aneinander zu koppeln. Diese Bindung stützt den Dollar als Weltwährung, indem sie die Länder weltweit zwingt, Dollars als Zahlungsmittel für ihre Erdölimporte bereitzuhalten. Dies erklärt zu grossen Teilen die künstliche Stabilisierung einer Währung, die aufgrund der wirtschaftlichen Realitäten den Führungsanspruch längst verloren hat und für die Welt ein enormes Inflationsrisiko darstellt. Für die USA und den Dollar hat die Kontrolle über das Erdöl existentielle Bedeutung. Aus diesem Grund versuchen die USA mit allen Mitteln, eine Weltordnung zu schaffen, die ihnen die uneingeschränkte und umfassende Kontrolle über die Erdöl-Ressourcen verschafft.
Zeit-Fragen führte mit William Engdahl ein Gespräch über sein aufrüttelndes Buch.
F. William Engdahl: Als geborener Amerikaner, der seit Jahren in Europa lebt, habe ich Schritt für Schritt bemerkt, dass die amerikanische Volkswirtschaft - wie viele andere - in eine falsche Richtung geht. Ich habe beobachtet, wie die Stabilität der 50er Jahre sich zusehends auflöste. Seit Anfang der 90er Jahre zeichnet sich der wirtschaftliche Niedergang Amerikas ab. Dann plötzlich, Mitte der 90er Jahre, gab es einen neuen Impuls, die «IT»-Revolution oder «dot.com»-Revolution. Und jetzt, fünf bis sechs Jahre später, stellen wir das Scheitern der «New Economy» fest. Nach meiner Meinung kann man die wirtschaftlichen Entwicklungen nur im Kontext mit der Geschichte verstehen. Ich meine nicht einfach die Geschichte, die man täglich in der Schule lernt. Vielmehr geht es um die Hintergründe. Wir müssen verstehen, wie es war und was wirklich passierte: Wie Eliten aus Finanz und Wirtschaft die Wirtschaftspolitik steuern und unter welchen Voraussetzungen Nationen über eine bestimmte Zeit ihren Hegemonieanspruch aufbauen und verteidigen. Vor hundert Jahren sahen sich die Engländer, das British Empire, als Weltmacht, und seit 1945 beanspruchen die Amerikaner diese Rolle. Mit dem Irak-Krieg hat die Frage nach der Hegemonie neue Dimensionen aufgedeckt. Deswegen habe ich dieses Buch geschrieben.
Sehr viel. Im Jahre 1945, als in Bretton Woods, New Hampshire, der IWF geboren wurde, gab es nur eine einzige bedeutende Nation mit Goldreserven, das waren die damaligen USA. Der Dollar war ein Gold-Dollar. Alle anderen Währungen, das englische Pfund, die deutsche Mark, der französische Franc, der japanische Yen hatten keine direkte Verbindung zum Gold. Nach dem Zweiten Weltkrieg besassen die USA den weitaus grössten Anteil an Goldreserven. In bezug auf das Erdöl gab es einen Vertrag zwischen Roosevelt und dem damaligen König von Saudi-Arabien. Dieser sicherte Amerika während des Krieges die Kontrolle über das Erdöl der arabisch-amerikanischen Oil-Company in Saudi-Arabien (ARAMCO). Schon damals legten die Amerikaner ihre Hand auf die weltgrössten Erdölreserven. Das Bretton-Woods-System war einseitig auf die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Amerika und Europa ausgerichtet. Es ging um den Wiederaufbau nach dem Krieg und sollte eine gewisse Stabilität zwischen Amerika und Europa bringen. Aber der grösste Teil unserer Erde, die sogenannten Dritte-Welt-Länder, blieben ausserhalb dieser neuen Währungsordnung, was ich als einen grossen Fehler betrachte. Die für den Wiederaufbau wichtigen Erdöllieferungen kamen von amerikanischen Firmen und mussten natürlich in Dollars bezahlt werden. Dies führte zu einer anhaltenden Nachfrage nach Dollars. Die stark steigende Nachfrage nach Dollars wurde durch die Beschleunigung der Notenpresse abgedeckt. Bis 1968 ging die Rechnung auf. Dann aber fehlte in den USA plötzlich das Gold, um die weltweite Dollarschwemme durch entsprechende Goldreserven abzudecken.
1967 begann die Krise des englischen Pfundes. Das englische Pfund war das «weak link in the chain» (das schwache Glied in der Kette). Die französische und andere Notenbanken versuchten Dollars in Gold umzutauschen. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis die amerikanische Währung das Schicksal des Pfundes teilte. Im August 1971, als Nixon Präsident war, erfuhren die Amerikaner von der Absicht der Franzosen, ihre grossen Dollarguthaben in Gold einzutauschen. Das bewusst über das Wochenende angekündigte Tauschvorhaben bedeutete das Ende der Golddeckung des Dollars: Nixon teilte noch im gleichen Monat an einer Pressekonferenz mit: «Wir tauschen keine Dollars mehr gegen Gold.» Diese - ohne Vorankündigung und einseitige - Aufhebung der Goldbindung an den Dollar entlastete die USA von enormen Auslandschulden auf Kosten der übrigen Welt. Mit der Aufhebung der Goldbindung kam das System schwankender Währungen (Floating), was der Durchsetzung des Petro-dollar-Systems diente (das heisst, Öl durfte nur noch in Dollar abgerechnet werden).
1973 hat es im Nahen Osten einen Krieg gebraucht - den sogenannten Yom-Kippur-Krieg zwischen Israel und Ägypten und verschiedenen arabischen Ländern. Henry Kissinger zog damals die Fäden. Der Krieg hat eine 400prozentige Erhöhung des Ölpreises durch die OPEC gebracht. Diese 400prozentige Preiserhöhung - ich erkläre es deutlich in meinem Buch - wurde vorher in einem Geheimtreffen in Schweden zwischen Spitzenleuten der Bilderberger-Gruppe aus Europa, insbesondere England, den USA, British Petroleum, Royal Dutch Shell und Grossbanken usw., geplant. 1975 setzte sich der Systemwechsel (Erdöl gegen Dollars) bis Ende der 90er Jahre durch. Das Petrodollar-System beherrschte bis Anfang dieses Jahrhunderts unangefochten den Welthandel und bestimmte damit die weltweite Wirtschaftsentwicklung. Das System stützte den Dollar als Weltwährung. Mit dem Euro hat der Dollar nun aber ernsthafte Konkurrenz erhalten. Die von der EU geschaffene Währung könnte nämlich anderen Notenbanken als Reservewährung dienen.
Nein, «wollten» ist meiner Meinung nach zu stark. Sie haben nichts gegen die Euro-Einführung unternommen. Ich habe das sehr genau beobachtet und darüber mit vielen Leuten aus den USA gesprochen. Ich bin überzeugt, dass die Amerikaner sich gesagt haben: «Wenn wir ganz offen gegen den Euro sind, dann ist das eine Kriegserklärung gegenüber der EU. Wir warten und sehen, was kommt, und hoffen, dass sich eine gewisse Stabilität ergibt.» Es sind vor allem die Grossfirmen und Multis, die sich eine europäische Einheitswährung gewünscht haben. Als Erleichterung und Gewinnoptimierungsmöglichkeit! Seitens der Amerikaner aber wurde kein solcher Wunsch geäussert. Die Idee kam damals nach der Wiedervereinigung Deutschlands aus Mitterands Kreis, also aus Frankreich.
Ganz einfach. Zwischen dem Beginn des Yom-Kippur-Kriegs 1973 und dem Sturz des Schahs von Persien und der Revolution Khomeinis 1979, die interessanterweise mit viel Unterstützung des englischen Geheimdienstes zustande kam, erhöhte sich der Preis für Erdöl um mehr als 1300 Prozent. Innerhalb von zehn Jahren kostete ein Barrel Erdöl statt 9 oder 10 Dollar 30 bis 40 Dollar. Der hohe Dollarpreis brachte viele erdölimportierende Länder in grosse Not. Sie suchten nach Alternativen. Warum Erdöl nicht mit japanischen Yen, D-Mark oder Schweizer Franken bezahlen? - Weil ein Geheimabkommen aus dem Jahre 1975 dies verhinderte. Ich habe diesen Sachverhalt im Zuge der Vorbereitungen für mein Buch genau erforscht.
1975 besuchte der amerikanische Finanzminister die Spitzenleuten der arabischen Länder. Diese sagten, Saudi-Arabien müsse sich gegen die kommunistische Bedrohung aus Syrien, dem Irak und anderen Nachbarländern verteidigen. Zu diesem Zweck müssten Waffen gekauft werden, natürlich bei den Amerikanern. Als Gegenleistung für die Waffenlieferungen musste sich Saudi-Arabien in einem vertraulichen Papier verpflichten, dass die OPEC-Länder Erdöl ausschliesslich gegen Dollars verkaufen. Und bis heute ist das so.
Dies hat unter anderem zur Schuldenkrise der Dritten Welt geführt. Alle Länder wie Argentinien, Brasilien oder Polen, alle waren plötzlich gezwungen, ihre Dollarguthaben um 400 bis 1300 Prozent zu erhöhen, damit sie Erdöl für ihre Volkswirtschaften importieren konnten. Alle erdölimportierenden Länder - auch Japan - mussten riesige Mengen an Dollars aufnehmen, um ihre Wirtschaft am Leben zu erhalten. Dies hatte einen enormen inflationären Effekt und begründete die Schuldenkrise der Dritten Welt und der sogenannt «aufstrebenden Länder» wie Mexiko, Argentinien usw. in den 80er Jahren.
Bis 1982 funktionierte dieser Deal. Aber dann ging nichts mehr. Viele Länder standen vor dem Bankrott. Sie waren nicht mehr in der Lage, ihre Auslandschulden bei den amerikanischen oder Londoner Banken zu tilgen.
Die Kehrseite des Petrodollar-Geschäftes - Kissinger nannte es Petro Dollar Economy - bewirkte bei den OPEC-Ländern plötzlich einen enormen Überfluss an Dollars.
Da sie diese Dollar-Guthaben nicht im eigenen Land investieren konnten, wurden die Petrodollars in westlichen Banken investiert (recycliert). Natürlich flossen die Dollarströme in die Londoner City und nach New York. Die Banken hatten plötzlich einen Überfluss an Petrodollars. Und diese Dollars wurden als Darlehen an die Importländer Südamerika, Afrika, EU usw. weitergegeben. Das heisst, es entstand die Petrodollar-Wirtschaft. Für die Wirtschaftsentwicklung der dollarabhängigen Länder war dies eine enorme Belastung mit zerstörerischer Wirkung.
Durch die enormen Dollarschulden Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre sind Länder wie Argentinien unter Druck gekommen. Das Land brauchte ein Abkommen mit dem IWF, um seine Bonität zu bestätigen. Wichtig zu wissen, das der IWF am Anfang, in Bretton Woods 1944, überhaupt nicht für Dritte-Welt-Länder konzipiert worden war. Er war als Wiederaufbaumittel für die Währungsstabilität der westeuropäischen Länder nach dem Krieg gedacht. Länder wie England oder Frankreich, die schon vorher viel Erfahrung mit Notenbankstabilität hatten, brauchten nur ab und zu eine Interimsstabilität. Erst später wurde der IWF quasi als Wirtschaftspolizist für die Wirtschaftspolitik in den Dritte-Welt-Ländern konzipiert. Seit 1977/78 oder Anfang der 80er Jahre - am Anfang der Schuldenkrise Lateinamerikas - hat sich der IWF als Hüter der Interessen der Banken in New York, London oder Deutschland entwickelt. Als «Polizist» der global operierenden Grossbanken diktierte der IWF den Schuldnerländern eine vernichtende Sparpolitik.
Damit diese Zinsen und Schulden zurückbezahlen. Ohne rigorose Schuldentilgung gibt es keinen Pfennig von den westlichen Banken, was den totalen Ruin bedeutet. Die Abhängigkeit vom IWF hatte für diese Länder fatale Folgen und veränderte ihre nationalen Volkswirtschaften mit gravierenden Konsequenzen für die Bevölkerung. Gleichzeitig war dies Teil der sogenannten Globalisierungsphase Ende der 80er und 90er Jahre.
Das ist zu allgemein. Aber es ist richtig, Erdöl brauchen alle Länder. Im Vergleich zum Erdöl spielen Gold und andere Bodenschätze eine untergeordnete Rolle.
Erdöl müssen alle Länder kaufen, und darum ist es das einzige, was den Dollar noch stützt.
Ja, bis auf die Einführung des Euro. Im Euro liegt Potential für die Zukunft, und damit gerät der Weltwährungsanspruch des Dollars unter Druck. Die Franzosen und die Deutsche Bank versuchten ganz offen, andere Länder für den Euro zu gewinnen. Auf verschiedenen Reisen führte Chirac selbst in Japan und China entsprechende Gespräche, so auch mit dem chinesischen Premierminister. Er empfahl: «Legt in Zukunft einen Teil eurer Reserven in Euro an. Wir sind ja auch eure Handelspartner.» Bis jetzt haben diese Länder aufgrund ihrer konservativen Haltung die Anlagestrategie noch nicht wesentlich geändert. Dies könnte ändern, wenn es im Irak einen andern Sieger als die USA gäbe oder der Krieg gar nicht stattgefunden hätte. Die Russen sind bereits daran - zumindest zu einem Teil -, ihre Dollars auf der Notenbank in Euro umzutauschen. Dies vor allem mit Blick auf die regen Wirtschaftsbeziehungen zwischen Russland und den EU-Ländern. Das russische Erdgas-Konglomerat «Gasprom» ist vom Exporterfolg nach Deutschland, Frankreich und Italien abhängig.
Kurzfristig ja. Für die nächsten fünf bis zehn Jahre. Aber das Problem ist die enorme Auslandnettoverschuldung der Amerikaner. Ich habe neulich die Studie eines Institutes in Hannover gelesen, nach der sich die US-Verschuldung zwischen 1999 und heute fast verdoppelt hat.
3,7 Billionen Dollar beträgt die Gesamtschuld heute.
Ja, deutsche Billionen, amerikanische Trillionen.
Das ist eine enorme Gefahr für den Dollar als Weltwährung, weil zum Beispiel die Notenbanken Chinas oder Japans, Südkoreas oder Taiwans plötzlich ihre Dollars in Euro umtauschen würden. Wenn 100 oder 200 Milliarden Dollar als Währungsreserven in China und Japan gehalten werden und mit 5 oder 7 Prozent pro Jahr verzinst werden, dann fällt da ein enormer Gewinn an. Würden nun die Dollarbestände (in Form von Staatsanleihen) in Euro umgetauscht, dann käme es zu einer Dollarkrise, wie wir sie noch nie erlebt haben. Man schätzt einen Kurseinbruch von bis zu 40 Prozent. Ich vermute, es könnte sehr schnell noch viel schlimmer kommen. Dies könnte daher möglicherweise ein Hintergrund - aber nicht der einzige - für den Krieg gegen Saddam Hussein im Irak sein. Es geht bei diesem Konflikt also um die Kontrolle über das zukünftige Erdölpotential und um die Botschaft an alle Länder: Noch immer muss mit Dollars und nicht mit Euro gezahlt werden. Verschiedene Länder versuchten nämlich, die Erdöl-Dollarbindung zu durchbrechen. So auch der Irak im Jahr 2000. Die Welt soll wissen: Wenn jemand versucht, ein Spiel gegen den Dollar zu veranstalten, dann stehen unsere Streitkräfte bereit. Das ist unausgesprochen, aber ich bin überzeugt, diese Überlegungen spielen in manchen Kreisen in Washington, in New York, aber auch in der City von London eine wichtige Rolle. Die meisten Amerikaner wissen natürlich überhaupt nichts von solchen Strategien und sollen das auch nicht wissen, aber so ist das.
Engdahl, F. William, Mit der Ölwaffe zur Weltmacht. Neuauflage 2002.
Dieses Buch kann bezogen werden bei: Kopernikus Schweiz, 8006 Zürich, Tel.: 01 363 88 33, Fax: 01 363 88 23, www.buch-kopernikus.ch
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F. William Engdahl hat in den USA Politische Wissenschaften und Wirtschaftswissenschaften studiert. International bekannt wurde er durch sein Buch «Mit der Ölwaffe zur Weltmacht» (2. Auflage 2002), in dem er die politökonomischen Hintergründe der Machtpolitik im 20. Jahrhundert darstellt (vgl. die Buchrezension in Zeit-Fragen Nr. 19 vom 25. Mai). In seinen Artikeln hat er sich mit historischen, aber auch mit aktuellen Themen, insbesondere der US-amerikanischen Geopolitik befasst. Engdahl lebt seit mehr als 20 Jahren in Deutschland und arbeitet dort als freier Publizist. |
Vier britische Soldaten wollen das Verteidigungsministerium in London verklagen. Sie waren gegen chemische Kampfstoffe geimpft worden und leiden nun nach eigenen Angaben am Golfkrieg-Syndrom.
Nach der Impfung sei es den britischen Soldaten gesundheitlich so schlecht gegangen, dass sie nicht am Irak-Krieg teilnehmen konnten, berichtet die BBC. Die Symptome seien Depressionen, Hautausschläge und Atemprobleme.
«Ich hatte selbst mit ungefähr 400 Veteranen des ersten Golfkriegs zu tun», sagte Mark McGhee, Anwalt der Soldaten. «Und deren Symptome waren identisch mit denen der Männer, die ich jetzt vertrete.» Die 45000 britischen Soldaten, die in diesem Jahr im Irak im Einsatz waren, waren zuvor mehrfach gegen chemische und biologische Kampstoffe geimpft worden.
Das Verteidigungsministerium ging erst einmal in die Defensive. Es wisse bislang nichts von den vier Soldaten, aber es gebe ein Programm, um mögliche Symptome frühestmöglich zu erkennen, wurde mitgeteilt. Nach Ansicht von Simon Wessely, Professor am King's College in London, ist es möglich, dass eine Reihe von innerhalb kurzer Zeit verabreichten Impfungen zu Problemen führen könnte. Es sei aber zu früh zu sagen, dass es ein «Golfkrieg-Syndrom 2» gebe. Bis heute ist ungeklärt, welche Auswirkungen der Einsatz uranhaltiger Geschosse in dem 1991 gegen den Irak geführten Golfkrieg für Soldaten und Zivilbevölkerung hatte. Unter dem Golfkrieg-Syndrom, mit dem zahlreiche unter anderem mit Kopf- und Gliederschmerzen oder Depressionen verbundene Beschwerden zusammengefasst wurden, litten damals schätzungsweise 30000 US-Golfkriegsveteranen.
Experten hatten seinerzeit als Auslöser eines solchen Syndroms unter anderem den Einsatz panzerbrechender Uran-Granaten, irakische Giftgasangriffe sowie Schutzimpfungen gegen Kampfgase nicht ausgeschlossen.
Quelle: Spiegel Online vom 27.5.03
Sheikh Mohammad Jawad al-Naifus, einer der mutmasslichen Schlächter an Tausenden von schiitischen Aufständischen im zweiten Golfkrieg 1991, wurde am 18. Mai 2003 von den USA - so meldet Human Rights Watch am 30. Mai 2003 unter Berufung auf eine Presseerklärung des US-Hauptquartiers - aus dem Lager Bucca Internment bei Umm Qasr «aus Versehen aus der Haft entlassen» (sic!). al-Naifus war am 26. April von US-Marines in der Nähe von al-Hilla gefangengenommen worden, nachdem ihn örtliche Beamte und Angehörige der Opfer beschuldigt hatten, persönlich an den Massenmorden beteiligt gewesen zu sein. Nach einem Verhör durch das Judge Advocate General's (JAG) Corp am 18. Mai war er schliesslich freigelassen worden, weil der JAG-Offizier von den Anklagen gegen ihn angeblich nichts gewusst habe!
Nach Human Rights Watch ist al-Naifus Führer des Stammes der Albu Alwan und einer der Schlüsselfiguren der Massenmorde, deren Gräber jüngst entdeckt worden sind. Mehrere Augenzeugen sagten gegenüber Human Rights Watch aus, sie seien damals an den Exekutionsorten und in den Militärcamps gewesen, wo die Opfer vor ihrer Ermordung gefangengehalten wurden, und sie hätten beobachtet, wie al-Naifus und Mitglieder seines Stammes persönlich an den Exekutionen teilnahmen. Nach den Morden war das Land mit dem grössten Massengrab den örtlichen Bauern weggenommen und einem Stammesmitglied von al-Naifus gegeben worden, damit dieser die Massengräber bewache.
Die Meldung ist besonders in dem Zusammenhang wichtig, dass die USA und die Briten sich in auffälligerweise nicht um die Sicherung der Massengräber kümmern, so dass viele Leichen ausgegraben werden, ohne dass eine genaue Untersuchung über die Umstände ihres Todes stattfindet.
Dieselben USA, die - gegen jedes Menschenrecht und jedes internationale Recht und gegen jede Kultur und gegen jede Sitte - in Guantanamo in Konzentrationslagern willkürlich, ohne Anklage, Verteidigung oder Prozess, Menschen wie Tiere halten, isolieren, foltern, dieselben USA entlassen «aus Versehen» einen Massenmörder? Grund dafür gibt es genug. Eine genaue Untersuchung der Gräber und Verhöre der damaligen Verantwortlichen wird erheblichen Staub aufwirbeln: War es doch Bush sen., der die irakischen Schiiten 1991 zuerst zum Aufstand gegen Saddam ermuntert und dann den Krieg gegen Saddam gestoppt hatte. Damit dieser noch militärisch stark genug war, den Schiitenaufstand, den der US-Präsident angefeuert hatte, wieder niederzuschlagen. So liessen die USA Menschen sich gegenseitig abschlachten. Die amerikanischen GIs, auf dem Vormarsch nach Bagdad plötzlich von Bush gestoppt, mussten in ohnmächtiger Wut - wenige Meter davon entfernt - tatenlos dem Massenmord zusehen, der sich vor ihren entsetzten Augen abspielte!
Wurde der mutmassliche Massenmörder also «aus Versehen» entlassen, weil er erzählen könnte, mit welchem US-Offizier oder welchem CIA-Agenten er damals verhandelt hatte?
Die Verbrecher, die diesen Krieg seit 1991 - mal ganz offen, mal weniger offen, - führten und führen und die am Morden Unschuldiger Millionen Dollars verdienen, sie gehören öffentlich benannt und sie und ihre Taten geächtet. Denn Verbrechen, die nicht benannt und erzählt werden und die nicht öffentlich verurteilt und gesühnt werden, triumphieren über die Menschlichkeit und legen sie in Ketten. In den Geschichtsbüchern der «Sieger» stehen sie dann nicht mehr. Und wenn niemand sie mehr weiss, dann gibt es sie auch nicht mehr. Eine der vielen Forderungen, die in diesem Krieg gestellt werden müssen, ist die nach einer internationalen Untersuchungskommission, die diese Zusammenhänge restlos aufklärt und eine öffentliche Verurteilung möglich macht - im Namen der geschändeten Rechte und der besudelten Würde der Toten und ihrer Hinterbliebenen, im Namen der Gerechtigkeit!
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