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 Artikel 10: Zeit-Fragen Nr.41 vom 3.11.2003

Vor 70 Jahren

Die Hungersnot in der Ukraine 1932/1933

Stalins verschwiegener Völkermord

von Dr. med. Olena Geissbühler-Moyseyenko, Sigriswil

Zum 70. Mal jährt sich der grösste Völkermord des letzten Jahrhunderts. 1932/1933 verhungerten Millionen ukrainischer Bauern, wurden willkürlich erschossen oder starben während der Deportation.

Die Ukraine war 1933 ein Todeslager un-glaublichen Ausmasses. 45 Millionen hungerten, und 11 Millionen verhungerten, wurden erschossen oder deportiert. Die genauen Zahlen weiss niemand. Aber in den letzten 12 Jahren, nach dem Untergang der Sowjetunion, wurden viele authentische Archivdokumente entdeckt und veröffentlicht, Berichte der Partei- und Staatsorgane der bolschewistischen Macht wie auch die geheimen Akten des deutschen Auswärtigen Amtes. Die heutige Schätzung ist über 11 Millionen Tote. Die Menschen starben, weil sie sich dem Kommunismus entgegenstellten.

Diese Hungersnot fand in der Ukraine, der Kornkammer Europas, statt. Sie war nicht verursacht durch eine natürliche Katastrophe wie Dürre oder Epidemie, sie war nicht Folge kriegerischer Handlungen. Die Hungersnot war eine bewusst inszenierte, sorgfältig geplante und konsequent durchgeführte Handlung Stalins.

Diese Hungersnot hatte hauptsächlich politische Gründe. Zu einem ging es um die Kollektivierung der Landwirtschaft. Stalin musste den massiven und unerwarteten Widerstand der ukrainischen Bauern gegen Kollektivierung, sprich Enteignung, und die Opposition gegen die Moskauer Politik der kolonialen Ausbeutung brechen. Zum anderen musste der ukrainische Nationalismus, der Wunsch der Ukrainer nach Wiederherstellung der Unabhängigkeit, Selbständigkeit und Freiheit bezwungen, das kulturelle und soziale Leben, die Basis des ukrainischen Widerstandes, zerstört und mussten die wohlhabenden, unabhängigen Bauern unterjocht werden.

Mit der Kollektivierung der Landwirtschaft kam die Agrarproduktion unter die Kontrolle Stalins. Die Abgabenquoten für Vieh und Getreide wurden festgesetzt. Um den massiven Widerstand der ukrainischen Bevölkerung zu brechen, wurden 1932 die schon übermässigen Abgabequoten, die sogenannten Getreideeinzugslieferungen, massiv erhöht und zusätzliche Sonderlieferungen verordnet. Wurden die Abgabequoten nicht erfüllt, und sie konnten ja nicht erfüllt werden, erfolgte unter dem Vorwand der Sabotage die Beschlagnahmung aller Nahrungsmittel, inklusiv Saatgut, Massenverhaftungen, Deportationen und Hinrichtungen. Der Widerstand der Bauern wurde als Sabotage definiert.

Die verzweifelten Menschen, die, um zu überleben, Getreide versteckten, wurden eliminiert. Hausdurchsuchungen und Kontrollen wurden durch Stossbrigaden fanatischer Jungkommunisten durchgeführt. Die Strafe für solchen «Diebstahl sozialistischen Eigentums» war willkürliche Erschiessung oder Deportation. Kinder wurden, bei Verrat ihrer Eltern, zu Helden der Sowjetunion ernannt. Während die Menschen verhungerten, wurde das Getreide zu Schleuderpreisen ins Ausland verkauft. In die leeren Häuser der toten Ukrainer wurden Russen übersiedelt.

All diese Massnahmen führten zu einer katastrophalen Versorgungslage und schliesslich zum Massensterben. Die Ukraine war den kommunistischen Schergen wehrlos ausgeliefert, und der Westen schaute untätig zu.

Der Sommer 1933 war der Höhepunkt der Katastrophe. Millionen verhungerten, Millionen wurden erschossen, Millionen deportiert. Die Hungersnot war während der Sowjetzeit tabu und wurde von Stalin geleugnet. Viele damalige westliche Intellektuelle, Künstler und Politiker verharmlosten, beschönigten oder ignorierten die Zustände. Der Westen wollte zu diesem Zeitpunkt die Sowjetunion aus politischen Gründen nicht unter Druck setzen oder verärgern. Ausländische Reporter durften nicht in die Ukraine reisen, die Ukraine war völlig isoliert und im Stich gelassen.

Aber es gab doch Schriftsteller, die über die Hungersnot geschrieben haben, Schriftsteller wie Lev Kopelev, der in seinem Buch «Aufbewahren für alle Zeit» schreibt: «Ich war selbst dabei, suchte nach verstecktem Getreide und glaubte an die grosse sozialistische Umgestaltung. Wir alle erfüllten eine revolutionäre Pflicht, wir vollbrachten eine historische Tat.» Wie Boris Pasternak: «Was ich sah, liess sich in Worten nicht ausdrücken [...]» oder Alexander Solschenizyn, George Orwell oder Arthur Koestler, sie und viele mehr haben darüber berichtet.

Sehr lesenswerte Bücher sind «Ernte des Todes - Stalins Holocaust in der Ukraine 1929-1933» (The Harvest of Sorrow, 1986) von Robert Conquest und «Erinnerung an den Roten Holocaust» von Paul Rothenhäusler/Hans-Ueli Sonderegger (2000).

Schon unter Lenin wurde 1919 Hunger als politische Waffe eingesetzt. Auch damals waren die Folgen verheerend, für das Land wie auch für die Menschen. Für Stalin und seine Anhänger war es ein Kampf um den Sozialismus und gegen die freien Bauern in der Ukraine. Andrej Sacharow schrieb einmal über die «Ukrainophobie» Stalins, der der Meinung war, dass man das ukrainische Volk mit Stumpf und Stiel ausrotten sollte, dass dies aber wegen der grossen Bevölkerungszahl nicht möglich wäre.

Stalin siegte, er brach den Widerstand des ukrainischen Volkes. Aber zu welchem Preis. 11 Millionen Tote und ein verwüstetes Land, das sich noch immer nicht erholt hat. Der rote Terror ermöglichte den Kommunisten damals, in der Ukraine an der Macht zu bleiben.

Jetzt ist die Ukraine frei, aber dieses Verbrechen gegen die Menschlichkeit hat seine Spuren hinterlassen. Die grosse Hungersnot wird im Westen als Wahrheit anerkannt, bald auch von der Uno. Stalins verschwiegener und vom Rest der Welt ignorierter Völkermord ist Tatsache. Heute gedenken wir der 11 Millionen Toten, die zu den Opfern des Roten Terrors zählen. Es ist nie zu spät für Wiedergutmachung, und es ist nie zu spät, sich der Opfer zu erinnern.


Tschernobyl-Folgen

Strontium-Fallout bewirkt frühe Säuglingssterblichkeit

Die frühe Säuglingssterblichkeit (perinatale Mortalität) in den ukrainischen und weissrussischen Gebieten um Tschernobyl nahm 1987, dem Jahr nach dem Reaktorunglück, zu. Für dasselbe Jahr wurde auch die Zunahme der frühen Säuglingssterblichkeit in Deutschland und Polen untersucht, wobei sich der Effekt der Cäsiumbelastung schwangerer Frauen zuordnen liess.

Nach 1989 gab es in Weissrussland und in der Ukraine einen zweiten unvermuteten Anstieg der frühen Säuglingssterblichkeit. Für diesen erneuten Anstieg lässt sich eine Beziehung zur Strontiumbelastung schwangerer Frauen herstellen. Das zeigte Alfred Körblein vom Umweltinstitut München jetzt in einer Untersuchung. Seine Ergebnisse stimmen mit dem Anstieg der frühen Säuglingssterblichkeit in Deutschland nach den oberirdischen Atombombentests in den 50er und 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts überein. Während sich der Effekt von Radiocäsium im wesentlichen auf 1987 begrenzt zeigte, blieb der Strontium-Effekt bis zum Ende des Untersuchungszeitraumes 1998 nachweisbar. Insgesamt überwiegt dabei die Zahl der früh verstorbenen Säuglinge ab 1988 (Strontium-Effekt) die bis 1987 (Cäsium-Effekt) um das Zehnfache. Das steht im Widerspruch zu der Behauptung, dass der Cäsiumgehalt im Tschernobyl-Fallout mehr als 10fach grösser war als der Strontiumgehalt. So scheint es, dass die heute verwendeten Dosisfaktoren die Wirkung von Strontium auf die frühgeburtliche Sterblichkeit deutlich unterschätzen.

Quelle: A. Körblein: Strontium fallout from Chernobyl and perinatal mortality in Ukraine and Belarus. Radiats Biol. Radioecol. 2003. Mar-Apr; 43(2):197-202. Strahlentelex 398-399 vom 7.8.2003 www.strahlentelex.de

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bha. Das schweizerische Bundesamt für Gesundheit hat kürzlich die Initiative für ein nationales Tumorregister ergriffen. Niemand könne heute einen Strahlenunfall ausschliessen. Neu sollen auch Messungen der Radioaktivität in Umwelt und Lebensmitteln vorgenommen werden. Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit - DEZA - hat zudem zusammen mit der Uno ein neues Informations- und Forschungsnetzwerk zu Tschernobyl gestartet. Nur wenn Fakten, Risiken und Heilmittel bekannt seien, könnte den Menschen, die noch immer an den Folgen der Reaktorkatastrophe von 1986 litten, ein wenig geholfen werden. Der Newsletter unter dem Namen www.chernobyl.info berichtet über die gesundheitlichen - akuten wie langfristigen - Folgen eines Unfalls mit nuklearer Strahlung. Weissrussische Wissenschafter waren - neben Ärzten aus der Ukraine - am besten in der Lage, ins Detail gehende Untersuchungen anzustellen. Die lebensbedrohende Wirkung der Strontiumstrahlung wurde erst später vollumfänglich ausgewertet.

Strontium wird leicht anstelle von Calcium in die Knochensubstanz eingebaut. Erst im Laufe von 28 Jahren zerfällt es bis auf die Hälfte seiner Masse. Ein durch Strontium belasteter Organismus wird so quasi ein Leben lang bestrahlt. Strontium ist auch ein gefährliches radioaktives Folgeprodukt von Kernwaffenexplosionen. Die Forschungen von Körblein verdienen Beachtung.

 

Artikel 10: Zeit-Fragen Nr.41 vom 3.11.2003, letzte Änderung am 4.11.2003

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