Artikel 1: Zeit-Fragen Nr.30 vom 9.8.2004
von Dr. rer. publ. W. Wüthrich
Am 16. Oktober 1934 ist eine Genossenschaft gegründet worden, die heute in ihrer Art und Entwicklung in der Schweiz und weltweit etwas Besonderes ist: Die WIR Wirtschaftsring-Genossenschaft, die vor kurzem ihren Namen in WIR-Bank geändert hat.
Wir lesen in ihren Statuten: «Die WIR-Genossenschaft ist eine Selbsthilfe-Organisation von Handels-, Gewerbe- und Dienstleistungsbetrieben. Sie bezweckt die angeschlossenen Teilnehmer zu fördern, ihre Kaufkraft durch das WIR-System einander dienstbar zu machen und in den eigenen Reihen zu halten, um damit den Teilnehmern zusätzlichen Umsatz zu verschaffen».1
Die WIR-Genossenschaft ist eine Gemeinschaft mit einem Komplementärwährungssystem. Sie schafft ähnlich wie die Nationalbank selber Geld, das unter den Mitgliedern als Zahlungsmittel dient und mit dem sie Kredite gewährt. Der Wert des WIR ist an den Schweizer Franken gebunden (1 WIR = 1 CHF). Ein Hauptmerkmal ist die Zinsfreiheit. Die Guthaben auf den Konten werden nicht verzinst. Dies ist ein Anreiz, das Geld schnell wieder auszugeben und unter den Teilnehmern für Umsatz zu sorgen. In den Anfangszeiten wurde auf den Guthaben nicht nur kein Zins bezahlt, sondern eine Rückhaltegebühr verlangt. Diese sollte den Anreiz noch zusätzlich verstärken, das Geld schnell wieder in Umlauf zu bringen.
Die Kreditkommission der WIR-Genossenschaft gewährt einen Hypothekarkredit von 100000 WIR-Franken gegen bankübliche Sicherheiten. Sie leiht jedoch nicht Kundengeld aus wie andere Banken , sondern sie schafft das Geld selber heute elektronisch mit einem «Mouse-Click» am Computer. Im Unterschied zur Nationalbank entsteht das Geld nicht kraft staatlicher Autorität, sondern aus einem Vertrag und der Bereitschaft einer Gemeinschaft, das Geld zu akzeptieren: Der Kreditnehmer verwendet das neue Geld zum Beispiel für den Bau eines Hauses. Er bezahlt Bauhandwerker, die er als Mitglieder der Genossenschaft kennt. Diese begleichen damit Rechnungen für Materiallieferungen bei andern Mitgliedern usw. Die Rechnungen werden in der Regel zu etwa dreissig bis vierzig Prozent in WIR bezahlt der Rest in Schweizer Franken weil die Firmen ihren Mitarbeitern den Lohn in Franken bezahlen und noch viele andere Kosten anfallen, die nicht in WIR bezahlt werden können, wie zum Beispiel die Steuern. Der Hypothekarkredit aus neugeschaffenem Geld schafft so Umsatz über viele Jahre unter den Mitgliedern, bis der Kredit wieder zurückbezahlt wird.
Die «Zinsgebühr» beträgt heute nur 1 Prozent. Sie entspricht ungefähr der Zinsmarge2 der Geschäftsbanken und ist im langjährigen Durchschnitt etwa ein Drittel so hoch wie normale Bankzinsen. Sie genügt, um die Unkosten zu decken und genügend Reserven zu bilden. Die Genossenschaft bietet ihren Mitgliedern zusätzlich Möglichkeiten an, ihre Waren und Dienstleistungen anzubieten. Dazu gehören neben dem Verzeichnis der Teilnehmer Veröffentlichungen, Broschüren, Messen, spezielle Zustelldienste und vieles mehr. Daneben organisieren regionale WIR-Gruppen Treffen auch zu politischen und kulturellen Fragen.
Das System verlangt, dass die Teilnehmer ihren Bedarf an WIR-Franken planen. Schweizer Franken können jederzeit in WIR gewechselt werden. WIR-Franken dagegen können nur bei andern Teilnehmern gegen Waren oder Dienstleistungen ausgegeben oder zur Rückzahlung eines Kredites verwendet werden. Ein Rückumtausch in Schweizer Franken ist nicht möglich.
In der Geldtheorie ist WIR eine Komplementärwährung. Darunter versteht man eine Abmachung innerhalb einer Gemeinschaft, eine Währung, die keine Landeswährung ist, als Tauschmittel zu akzeptieren. Sie ersetzt die Landeswährung nicht, sondern übt eine soziale Funktion aus, für die die Landeswährung nicht geschaffen wurde. Im Fall des WIR unterstützen sich die Mitglieder gegenseitig, indem sie beieinander einkaufen und in der Zentrale so günstig wie nirgends Kredite aufnehmen können. Dies ist insbesondere in wirtschaftlich schlechten Zeiten oder bei steigenden Zinsen von grosser Bedeutung. Wohlstand soll geschaffen und Arbeitslosigkeit verhindert werden.
Die WIR-Genossenschaft hat seit 1936 den Status einer Bank und unterliegt der Kontrolle der eidgenössischen Bankenkommission. Das Bankengesetz schreibt vor, dass zwischen den Aktiven und dem Eigenkapital ein bestimmtes Verhältnis bestehen muss. Das Kreditvolumen ist damit nicht unbegrenzt. Das WIR-Geld ist gütergedeckt, das heisst, hinter jeder Zahlung mit WIR steht ein Austausch von Gütern und Dienstleistungen.
Die WIR-Genossenschaft wurde 1934 als Selbsthilfeorganisation von Werner Zimmermann und Paul Enz gegründet beide Anhänger der Freigeldtheorie von Silvio Gesell. Insbesondere Klein- und Mittelbetriebe wurden damals von der Wirtschaftsdepression hart getroffen, die nach dem Börsencrash von 1929 eingesetzt hatte. Die Umsätze waren massiv zurückgegangen, und viele Mitarbeiter hatten ihre Stelle verloren. Anzeichen einer Besserung gab es nicht. Aus der Sicht der Freiwirtschaftslehre lag die Ursache dieses Desasters in der unzureichenden Geldversorgung durch die zuständigen Behörden sowie im gestörten Geldumlauf zufolge Geldhortung. Diese war ausgelöst worden durch zahlreiche Bankenzusammenbrüche. Allein in Europa waren weit über tausend Banken zusammengebrochen darunter auch die grösste Bank Österreichs. Viele Leute hatten das Vertrauen in die Geldinstitute verloren und bewahrten ihr Geld lieber zu Hause auf. In der Schweiz wird geschätzt, dass etwa 20 Prozent der im Umlauf befindlichen Banknoten ausserhalb des Bankensystems gehortet und so dem Wirtschaftskreislauf entzogen wurden. In andern Ländern dürfte dieser Prozentsatz noch deutlich höher gewesen sein.
Die neue Selbsthilfeorganisation sollte Abhilfe schaffen. Sie startete mit 16 Mitgliedern und einem Anfangskapital von 42000 Franken. Der Name WIR ist nicht nur eine Abkürzung für Wirtschaftsring-Genossenschaft, sondern wurde von Werner Zimmermann als Gegenpol zu «ICH» definiert. In einer Gemeinschaft könne man die Interessen des Einzelnen besser schützen. Die WIR-Gründer waren damals nicht allein. Es gab weltweit viele ähnliche Organisationen. Ganze Dörfer und Vereinigungen von Menschen verschiedenster Art versuchten mit bargeldlosen Tauschringen und mit selbstgeschaffenem Geld, aktiv etwas gegen die lähmende Stimmung der Grossen Depression zu unternehmen. Ihnen war folgendes Vorgehen gemeinsam:
1. Sie schufen als Ausgleich zur knappen Landeswährung in einem überblickbaren Rahmen eine Komplementärwährung.
2. Sie versahen das neue Tauschmittel mit einem Anreiz, das Geld nicht zu behalten, sondern schnell wieder auszugeben. So wurde auf den Guthaben in der Regel nicht nur kein Zins bezahlt, sondern eine Rückhaltegebühr eine Art Negativzins verlangt. Dies sollte der Tendenz entgegen wirken, dass das Geld aus Angst vor der Zukunft nicht ausgegeben wird. Die Denk- und Handlungsblockade die auch im Krankheitsbild der Depression in der Psychiatrie bekannt ist sollte in den Köpfen der Leute durchbrochen und der Geldumlauf gesichert werden.
Ähnliche Organisationen im Ausland
Besonders verbreitet waren Selbsthilfeorganisationen in den USA, wo die Arbeitslosenquote zeitweise 25 Prozent erreichte (in der Schweiz 10 Prozent). Sie waren eine Antwort der Zivilgesellschaft auf die drückenden Probleme des Alltags. In den USA hatten Komplementärwährungen zudem eine lange Tradition.
In Deutschland schufen in der grossen Inflation der 20er Jahre viele Gemeinden ihr eigenes Währungssystem. 1929 etwa zur gleichen Zeit, als die grosse Weltwirtschaftskrise begann wurde in Erfurt die Wära-Tauschgesellschaft gegründet. Sie verstand sich als private Vereinigung zur Bekämpfung von Absatzstockung und Arbeitslosigkeit. In Österreich zog Wörgl, eine Gemeinde mit etwa 5000 Einwohnern bei Innsbruck, die Aufmerksamkeit auf sich. In der kleinen Stadt und in ihrer unmittelbaren Umgebung gab es 1500 Arbeitslose. Der Bürgermeister bezahlte dringende Gemeindeaufgaben mit Arbeitswertscheinen. Dieses Gemeindegeld war zu 100 Prozent gedeckt durch Landeswährung. Es konnte im Dorf zum Kauf von Waren und Dienstleistungen verwendet werden. Etwas Besonderes war damit verbunden: Ende Monat musste jeder, der im Besitz solcher Scheine war, dafür eine Gebühr von 1 Prozent bezahlen. Dies liess sich nur vermeiden, wenn man das neue Geld vor Monatsende wieder ausgab. Er «besteuerte» damit nicht wie üblich den Warenverkehr, sondern das «Nichtausgeben» von Geld. Ein Umtausch in Landeswährung war möglich, aber nur gegen eine Gebühr von 2 Prozent. Die Teilnahme an diesem Experiment war für die Bevölkerung grundsätzlich freiwillig. Diese war jedoch von der Richtigkeit dieser Massnahmen überzeugt und akzeptierte das neue Zahlungsmittel. Der Geldumlauf nahm unweigerlich zu, die Arbeitslosigkeit sank innerhalb eines Jahres um einen Viertel, und die finanzielle Situation der Gemeinde verbesserte sich markant. Die zusätzlichen Einnahmen konnten für dringende Sozialausgaben verwendet werden.
Die Erkenntnis verbreitete sich schnell: Ein ergänzendes, überblickbares Zahlungssystem innerhalb einer lokalen oder regionalen Gemeinschaft sichert den Geldumlauf, senkt die Arbeitslosigkeit und festigt den Zusammenhalt. Andere Gemeinden, vor allem in Österreich, aber zum Beispiel auch in Triesen (Liechtenstein), folgten dem Beispiel. Das genau dokumentierte Experiment fand Beachtung in Politik und Wissenschaft sowohl im In- und wie auch im Ausland. Der damals einflussreichste Wirtschaftswissenschafter, der Engländer John Maynard Keynes, äusserte sich positiv dazu. Der französische Premierminister Daladier war einer von zahlreichen Politiker, die Wörgl besuchten.3
Die Behörden standen der Selbsthilfeorganisation mit ihren Notwährungen an vielen Orten jedoch misstrauisch gegenüber. In Deutschland und in Österreich wurden sie noch vor der Machtübernahme von Hitler mit der Begründung verboten, nur die Nationalbank habe das Recht zur Ausgabe von Geldzeichen. In der politischen Auseinandersetzung wurde das Experiment von Wörgl zunächst als «Unfug» gebrandmarkt, dann als kommunistische Idee und nach dem Krieg als faschistische Massnahme.
Ähnliches ist auch aus den Vereinigten Staaten zu berichten, wo Komplementärwährungen die grösste Verbreitung gefunden und die längste Tradition haben. 1933 wurde J. D. Roosevelt als amerikanischer Präsident gewählt. In seiner Antrittsrede kündigte er ein Programm an, das als New Deal in die Geschichte eingehen sollte. Die Wirtschaftsdepression und die hohe Arbeitslosigkeit sollten mit staatlichen Massnahmen bekämpft werden. Unterstützungsmassnahmen für die Banken und zahlreiche grossangelegte, von der Bundesregierung zentral geleitete Arbeitsbeschaffungsprogramme sollten die Beschäftigung verbessern. Dafür sollte sich der Staat verschulden. Gleichzeitig kündigte Roosevelt an, per Regierungserlass all die unzähligen «Notwährungen» der Selbsthilfeorganisationen zu verbieten.4
Hat Roosevelt mit seinem New Deal Erfolg gehabt? Die Beschäftigungsprogramme waren zweifellos besser als nichts. Zahlreiche fleissige Personen leisteten in den Programmen nützliche Arbeit. Doch die Mehrheit der Wirtschaftshistoriker stimmt darin überein, dass das Gespenst der Depression in den USA wie in Deutschland erst durch die Umstellung auf die Kriegswirtschaft verschwand. Es stellt sich rückblickend die Frage, ob die in der Grossen Depression von der Zivilgesellschaft eingeschlagenen Wege die Wirkung der staatlichen Massnahmen nicht nachhaltig hätten verbessern können? Auch heute drängen sich solche Überlegungen auf, wenn teure staatliche Massnahmen kaum Wirkung zeigen.
In der Schweiz wurde zwischen privat- und öffentlichrechtlichen Organisationen unterschieden. Die WIR-Genossenschaft als private Organisation wurde zugelassen. Sie wurde 1936 dem Bankengesetz unterstellt. Gesuche von Gemeinden dagegen, zum Beispiel der Städte Biel und Brienz, ein ähnliches Experiment wie in Wörgl durchzuführen, wurden mit dem Hinweis auf das Banknotenmonopol der Schweizerischen Nationalbank abgelehnt.
In den skandinavischen Ländern konnten sich zahlreiche Selbsthilfeorganisationen mit ihren Komplementärwährungen bis in die Zeit des Zweiten Weltkrieges halten. Sie lösten sich aber alle wieder auf. Die Gründe lagen teils in internen Schwierigkeiten und teils in den Wirren des Krieges. Auch die WIR-Genossenschaft in der Schweiz kam in Schwierigkeiten. Sie nahm jedoch nach dem Zweiten Weltkrieg einen neuen Anlauf, und ihre Mitgliederzahl stieg in der Hochkonjunktur schnell an. Dies zeigt, dass die Grundidee der Komplementärwährung nicht nur in Wirtschaftskrisen Vorteile hat. Der Mechanismus, die Guthaben auf den WIR-Konten mit einer Rückhaltegebühr zu belasten, wurde wieder abgeschafft. Ein so massiver Anreiz, das Geld schnell wieder auszugeben, hätte auch schlecht in die Hochkonjunktur hineingepasst. An der Zinsfreiheit wurde jedoch festgehalten. Die WIR-Guthaben werden bis heute nicht verzinst.
Heute hat die WIR-Genossenschaft eine lange Entwicklung hinter sich. In der Mitte der sechziger bis in die siebziger Jahre erlebte sie eine schwere Krise. Etliche Teilnehmer sahen im WIR-System eine willkommene Gelegenheit, Waren von minderer Qualität zu überhöhten Preisen abzusetzen. Oder WIR-Geld wurde in Zeitungsinseraten mit einem Einschlag von 30 Prozent angeboten. Die Genossenschaft drohte in Verruf zu geraten und zu scheitern. Rigoroses Vorgehen gegen die Missbräuche war notwendig. Der Handel mit WIR-Guthaben wurde von der Genossenschaft verboten. So werden auch heute noch jedes Jahr konsequent Mitglieder ausgeschlossen, die gegen die Statuten verstossen. Die Rückbesinnung auf den Selbsthilfegedanken und die Solidarität führten die Genossenschaft wieder auf den Pfad des Erfolges zurück.
Die WIR-Genossenschaft hat heute über 62000 Mitglieder, die untereinander Zahlungen im Umfang von etwa 1,65 Milliarden WIR-Franken pro Jahr abwickeln. Wenn man berücksichtigt, dass eine Zahlung im Durchschnitt nur zu 30 bis 40 Prozent in WIR abgewickelt und der Rest in Schweizer Franken bezahlt wird, dann ist die Summe der in der Genossenschaft umgesetzten Güter und Dienstleistungen mehr als doppelt so hoch. Die in WIR-Franken gewährten Geschäfts- und Hypothekarkredite betragen etwa 800 Millionen.
Die WIR-Genossenschaft zeigt heute die Möglichkeiten und den Spielraum eines voll ausgereiften Komplementärwährungssystems auf. Beim 50-Jahr-Jubiläum vor zwanzig Jahren stellte der Direktor des Schweizerischen Bankvereins Basel fest: «WIR ist von einer krisenbedingten Selbsthilfeorganisation zu einer finanziell gesunden, straff organisierten und ausgezeichnet geführten Institution des gewerblichen Mittelstandes herangewachsen. Sie ergänzt die Tätigkeit der Banken und ist keine Konkurrenz.» Das hat sich seit einigen Jahren geändert. 1998 änderte die Genossenschaft ihren Namen in WIR-Bank. Sie bot ihren Mitgliedern attraktiv verzinste Anlagekonten in Schweizer Franken an ohne die WIR-Tätigkeit aufzugeben. Im Jahr 2000 öffnete sich die WIR-Bank der Allgemeinheit und führte das «Electronic Banking» ein.
Heute können Mitglieder und Nicht-Mitglieder ihre Bankgeschäfte bei der WIR-Bank in Schweizer Franken tätigen. Wer heute die Zentrale in Basel betritt, kommt in ein modernes Gebäude aus Glas, Stahl und Beton, das den üblichen Bankgebäuden in nichts nachsteht. Spar-, Geschäfts- und Anlagekonten in Schweizer Franken gehören zum Angebot im Aktivgeschäft Hypothekar- und Geschäftskredite in Schweizer Franken, in WIR oder kombiniert. Das Kreditvolumen in CHF und in WIR ist heute ungefähr gleich gross. Die WIR-Bank ist in der Welt der KMU verankert und hat ihren Platz im vielfältigen Netz von Selbsthilfemassnahmen des kleinen und mittleren Gewerbes. Mit dazu gehören weitere ganz verschiedenartige Genossenschaften und zahlreiche Fach- und Berufsverbände.
Die WIR-Bank als kleiner «Nischen-Player» auf dem Bankenplatz Schweiz hat sich in den letzten Jahren gut behauptet. Die Kundengelder in Schweizer Franken haben sich im letzten Jahr verdoppelt und die Milliardengrenze überschritten. Die Zahl der Kunden, die nicht am WIR-System teilnehmen, beträgt heute ungefähr 15000. Konsumentenorganisationen vergleichen die Konditionen mit denen anderer Banken. Die WIR-Bank schneidet regelmässig am besten ab. Sie bietet zum Beispiel für private Vorsorgekonten einen Zins von 2,75 Prozent an fast doppelt soviel wie andere Banken (vgl. K-Tipp vom 14. Januar). Dies verwundert nicht verfügt doch die WIR-Bank über sehr schlanke Strukturen. Als gesamtschweizerisch tätige Bank mit einer Bilanzsumme von 2,38 Milliarden Franken hat sie neben dem Hauptsitz in Basel lediglich 7 Filialen mit insgesamt etwa 200 Mitarbeitern. So kann sie konkurrenzlos attraktive Bedingungen anbieten. Die kleine Bank ist auf das 21. Jahrhundert, in dem die Bankgeschäfte mehr und mehr auf elektronische Art abgewickelt werden, gut vorbereitet. Die Beziehung zu ihren neuen Kunden, die sich im letzten Jahr verdreifacht haben, gestaltet die Bank «genossenschaftlich», das heisst, sie organisiert in erster Linie Workshops: In diesen Arbeitszusammenkünften in kleineren Gruppen geht es nicht nur um Information und Beratung, sondern auch um Erfahrungsaustausch und um die gemeinsame Erarbeitung von Gesamtlösungen.
Die Generalversammlung der WIR-Bank hat am 25. Mai ihr Kapital von 10 auf 14,4 Millionen Franken erhöht und ihre Kapitalgeberbasis verbreitert. Neu sollen nun nicht mehr nur WIR-Teilnehmer, sondern alle Kundengruppen Genossenschaftsanteile erwerben und am Erfolg teilhaben können. Damit ist die Integration eines Komplementärwährungssystems in eine normale Bank abgeschlossen. Aus der Nothilfeorganisation von 1934 ist nach siebzig Jahren eine Geschäftsbank geworden, die auf genossenschaftlicher Basis steht und die Teil der WIR-Kultur ist. Sie hat das ambitiöse Ziel, eine gesamtschweizerische Bank für den Mittelstand zu werden. Die WIR-Bank will jedoch keine Universalbank5 werden, sondern ihr Angebot «mit Bedacht» ausweiten, so ihr Direktor Karl Baumgartner. Ihre Hauptstärke sind zinsgünstige Kredite in WIR, in CHF oder gemischt. Der WIR-Umsatz hat im ersten Quartal 2004 wieder zugenommen, nachdem er in den letzten Jahren wegen der angespannten Wirtschaftslage leicht rückläufig war. Das Freigeldexperiment, das in der Vergangenheit schon oft als gescheitert erklärt wurde, scheint Zukunft zu haben.
In der Finanzwelt dürfte die WIR-Bank heute weltweit die einzige Geschäftsbank sein, die ähnlich wie eine Notenbank eigenes Geld schafft, damit Kredite gewährt und Zahlungen abwickelt. Den WIR-Pionieren ist weiterhin viel Erfolg zu wünschen!
1 Die folgenden Ausführungen basieren auf den Geschäftsberichten der WIR-Bank, der Schrift zum 50-Jahr-Jubiläum der WIR-Genossenschaft von 1984 und auf weiteren historischen Quellen.
2 Zinsmarge = Differenz zwischen den Zinsen, die eine Bank für Guthaben bezahlt, und den Zinsen, die sie für Kredite verlangt.
3 vgl. Fritz Schwarz, Das Experiment von Wörgl. Bern 1983
4 B. Lietaer, Das Geld der Zukunft. Riemann 2002, S. 274
5 Eine Universalbank bietet sämtliche Bankdienstleistungen an.
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