Artikel 5: Zeit-Fragen Nr.8 vom 21.2.2005
rw. Israelische Persönlichkeiten aus dem Umkreis der Friedensbewegung haben anlässlich eines Projekts mit Palästinensern auf eindrückliche Art das tiefe Bedürfnis eines Grossteils der israelischen Bevölkerung nach Frieden ausgedrückt. Gemäss den neusten Umfragen wünscht eine Mehrheit der Israeli den Abzug Israels aus dem Gaza-Streifen als einen ersten Schritt zum Frieden. Vor kurzem hat Israel beschlossen, die schrecklichen Häuserzerstörungen in den besetzten Gebieten zu beenden. Die Nutzlosigkeit dieser «herzlosen Massnahme» habe sich erwiesen, sagte die Knesset-Abgeordnete Zehava Galon von der liberalen Yachad-Partei. Laut dem Berichterstatter für die Menschenrechte in den besetzten Gebieten, John Dugard, habe Israel seit dem September 2000 4170 Häuser zerstört. Und seit 1967 sind rund 12000 palästinensische Heime vernichtet worden, berichtet das ICAHD (Israelisches Komitee gegen Häuserzerstörungen). Der Stopp kann als eine konstruktive Antwort Israels auf die Bemühungen von Mahmud Abbas gesehen werden, der durch Gespräche mit den gewaltbereiten Gruppierungen, u.a. der Hamas, die Gewalt in den palästinensischen Gebieten zu stoppen versucht.
Die folgenden sehr persönlichen Stellungnahmen von Israeli zum Frieden kamen in einem Projekt zustande, in dem immer ein Palästinenser und ein Israeli sich für ein Bild zusammenfanden. Es heisst: «Auf gegenüberliegenden Seiten innerhalb desselben Rahmens.» Wir drucken hier die Worte einiger israelischen Teilnehmer in Auszügen ab.
Anschliessend geben wir Auszüge eines Vorschlags von David Grossmann wieder.
Yuval Nerija, Reserveleutnant der israelischen Armee und hochdekorierter Kriegsheld Israels, sagte: «Ich habe immer an den Frieden geglaubt seit dem Yom-Kippur-Krieg, als ich sah, wie dieser grosse ägyptische Kerl, seinen verwundeten Freund tragend, im Kugelhagel davonlief. Er war bereit, sein Leben zu opfern, um seinen Freund zu retten. Dies war ein sehr menschlicher Moment für mich. Er liess mich fühlen, dass wir etwas gemeinsam haben.
Nach dem Krieg wollte ich Normalität. Der Frieden schafft Normalität. Man muss nicht immer in den Krieg gehen. Man muss sich nicht jedesmal Sorgen machen, wenn man sein Kind nach Jerusalem schickt.
Nun, da der Friedensprozess begonnen hat, können wir den Berg nicht inmitten des Aufstiegs verlassen. Ich weiss nicht, wie viele Schritte dieser Prozess hat, aber je näher wir zum Gipfel kommen, desto schwieriger wird es.
Von Anfang an war 'Peace now!' auf den Schultern von Soldaten aufgebaut. Wenn wir im Krieg kämpfen können, können wir auch für den Frieden kämpfen. Israeli sind gute Kämpfer.»
Yael Dayan, israelische Knesset-Abgeordnete der Arbeitspartei, Tochter des ehemaligen Generals Moshe Dayan und bekannte Autorin und Journalistin, ist eine prominente und mutige Stimme in Israel:
«Meine Eltern haben mich dazu erzogen zu glauben, dass der ursprüngliche zionistische Traum nichts zu tun hatte mit der Grösse des Landes Israel. Er hatte mit der Qualität von Israel zu tun - der Qualität des Staates, seinem Platz in der Welt und der Qualität des jüdischen Lebens in ihm. Ich glaube nicht, dass diese Art von Qualität ausser im Frieden je erreicht wird. Militärisch müssen und werden wir die beste Armee des Nahen Ostens bleiben. Aber denken Sie nicht, dass es das ist, worum es im Zionismus geht.
Auf eine Art bin ich in den Friedensprozess hineingeboren worden. Meine Familie lebte in meiner Kindheit in nächster Nähe zu Palästinensern. Wir wussten immer, dass mit jedem Sieg klar die militärische Option für jede Seite vermindert wurde.
Nun haben wir endlich ein Abkommen unterzeichnet. Es ist nicht perfekt, aber es ist das beste, das beide Seiten zurzeit erreichen können. Persönlich könnte ich gegen das langsame Tempo und die Vagheit anschreien. Wir müssen den Prozess ausweiten und beschleunigen. Ich bin davon überzeugt, dass es keinen anderen Weg gibt. Wenn wir nicht über diesen Frieden sprechen, sprechen wir über den nächsten Krieg.»
Danny Rubinstein, ein renommierter «Haaretz»-Journalist, ist Autor des Buches «Die Menschen von nirgendwo: Die palästinensische Vision einer Heimat»:
«Zu Hause empfand ich immer, dass es zwei Völker in diesem Land gibt. Mein Vater wuchs in Jaffa auf und sprach Arabisch. Ich wuchs in Jerusalem auf, wo mein Vater in der Elektrischfirma arbeitete. Die Hälfte der Arbeiter waren Araber. Mein Vater glaubte an die Koexistenz. Er gab diesen Glauben an mich weiter. Ich konnte meine Augen nicht schliessen und abstreiten, dass dieses andere Volk existiert.
Im Jahr 1967 arbeitete ich als Journalist für die Zeitung Dawar und wurde als Berichterstatter in die neu besetzten Gebiete geschickt. Ich sah viele Dinge, die mir zu ernsthaften Fragen Anlass boten. So begann ich, den Leuten zu sagen: 'Vergessen Sie nicht, dass hier eine zweite Gemeinschaft von Menschen lebt.'
Amerikanische Juden sollten verstehen, dass wir einen Weg finden müssen, mit den Arabern hier zusammenzuleben. Das heisst nicht, dass es hier wegen der radikalen Araber und ihres Terrorismus keine Krise gibt. Aber ihrer Gewalt nachzugeben, indem man die Friedensgespräche beendet, würde meine Kinder zu einem endlosen Zirkel von Blutvergiessen und Hass verdammen.»
Na'ama Solomon ist eine 16jährige israelische Highschool-Studentin:
«Ich lebe im Norden des Landes, nahe der Grenze, gerade unterhalb der Sicherheitszone in Libanon. Seit meiner Kindheit hören wir Helikopter und rennen zu den Schutzräumen. Ich glaube, dass das Leben einen höheren Wert als dies hat. Ich glaube, dass der Frieden diesen höheren Wert bringen wird.
Die Armee ist sehr zentral in unserem Leben. Ich finde, wir sollten keine derart militaristische Gesellschaft sein und uns immer über den Terror und die Besetzung Sorgen machen. Jeder geht in die Armee. Mein Vater ging, ich werde gehen, und meine Kinder werden gehen. Ich mache mir immer Sorgen, dass jemand getötet wird.
Ich arbeite mit Kindergartenkindern. Sie sind die nächste Generation. Wir haben die Fähigkeit, sie für den Frieden zu erziehen.»
Chen Raz ist ein 24jähriger Israeli, der vor einiger Zeit seinen Militärdienst beendet hat und in Jerusalem lebt:
«Als ich siebzehn war, nahm ich an einem israelisch-palästinensischen Dialog von Jugendlichen in Bethlehem teil. Ich traf dort ein Mädchen, das zu mir sagte: 'Wenn du als Soldat nach Bethlehem kommst, bitte schiess' nicht!' Während meiner ganzen Militärdienstzeit erinnerte ich mich an ihre Worte. Aber es half nichts. Ich musste Dinge tun, auf die ich nicht stolz war.
Es muss eine Gruppe geben, die die Regierung in Richtung Frieden drängt. Deswegen bin ich jetzt bei 'Peace now!' engagiert.»
Chaya Noach, die Direktorin von «Peace now!» erzählte: «Meine Eltern kamen nach dem Zweiten Weltkrieg hierher, und sie lehrten mich, dass hier mein Platz ist, aber auch, dass ich hier mit anderen Menschen leben kann. Gerade wegen unserer Geschichte müssen wir sehr sensibel für die Bedürfnisse der Menschen sein, die unsere Gesellschaft mit uns teilen.
Der Grund, in dieser Gesellschaft zu leben, ist, im Frieden mit unseren Nachbarn zu leben. Ich würde gern sicher sein, dass ich ruhigen Herzens in ein Einkaufszentrum oder zu einer Bushaltestelle gehen kann. Letzthin ging ich mit einer Freundin nach Jaffa, und ich schaute die ganze Zeit hinter mich zurück. Ich denke, der einzige Weg, um das Sicherheitsproblem zu lösen, ist, die Friedensverhandlungen zu beschleunigen, so dass die Palästinenser daran glauben können, dass sie von diesem Prozess profitieren. Dies wird die Hamas stoppen.»
Quelle: www.peacenow.org
Ein überzeugender Vorschlag zur Einleitung eines echten Dialogs kommt vom israelischen Schriftsteller David Grossmann. Grossmann ist Mitarbeiter an der «Genfer Initiative», einer von der Schweiz unterstützten Friedens-initiative auf Bürgerbasis, die Lösungsvorschläge für die zentralen, aber um so heikleren Punkte, z. B. die Flüchtlingsfrage, bis ins Detail ausgearbeitet hat. Grossmann: «Was wäre, wenn der israelische Ministerpräsident zu Beginn seiner Rede auf der Gipfelkonferenz in Sharm ash-Sheikh sich an das palästinensische Volk gewendet und erklärt hätte, Israel anerkenne das Leid, das dieses Volk erlitten habe, und werde seinen Teil der Verantwortung dafür übernehmen? Welchen Einfluss hätten solche einfachen und direkten Worte auf die palästinensische Öffentlichkeit und wie würden sie die künftige israelische Verhandlungsposition schwächen oder stärken?
Und wie würde es auf die Israeli wirken, wenn der Vorsitzende der Palästinensischen Autonomiebehörde am Anfang seiner Rede sein Mitgefühl für die Leiden der Israeli in diesem jahrelangen Konflikt ausgedrückt und, einfach und direkt, die Verantwortung für den Anteil der Palästinenser daran anerkannt hätte?
Kann man sich überhaupt einen solchen Moment vorstellen, erscheint er möglich in dem Wust von Misstrauen und Feindseligkeit, in dem wir gemeinsam gefangen sind? [...]
[...] das Schwerste an der Anerkennung der Leiden des Feindes und der Übernahme von Verantwortung dafür ist vielleicht gar nicht der wirtschaftliche Verzicht, sondern die Tatsache, dass jede Seite davon abrücken müsste, sich als wahres und einziges Opfer des Konflikts zu betrachten. Denn zweifellos verleiht die Opfersicht dem israelischen wie dem palästinensischen Volk Kraft, Motivation, Rechtfertigungsgründe und ein Gefühl innerer Einigkeit, vor allem aber verschafft erst sie den Anschluss an die historische Identität, die - bei beiden auf unterschiedliche Weise - aus dem Empfinden entstanden ist, vom Schicksal unentrinnbar zu Opfern bestimmt zu sein.
Doch gerade deswegen könnte eine solche Präzedens-schaffende Erklärung heilende Wirkung auf die beiden Völker ausüben. Denn wer bereit ist, seinen ÐAlleinanspruchð auf die Opferrolle in dem Konflikt aufzugeben, hat sich schon vom lähmenden Defätismus befreit, der in der exklusiven und ewigen Opferhaltung ruht. Und wer nach generationenlanger Weigerung fähig ist, seine Verantwortung für das Leid, das er seinem Feind zugefügt hat, anzuerkennen (was er letzten Endes ohnehin wird tun müssen), der wird schnell entdecken, dass seine Einstellung zum ganzen Konflikt nüchterner und realistischer geworden ist. Auch die sonstigen zur Debatte stehenden Streitpunkte wären dann etwas weniger aufgeladen, weniger symbolträchtig und Ðmythologischð, dafür aber sehr viel menschlicher und daher auch viel leichter zu lösen. [...]
Was dem ganzen Prozess jedoch den so dringend benötigten emotionalen Anstoss geben könnte, wäre eine wirklich grosse und grosszügige menschliche Geste, hoch über dem kleinlichen Feilschen, das die übrigen Verhandlungsbereiche kennzeichnet.»
Quelle: www.zeit.de
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