Artikel 3: Zeit-Fragen Nr.44 vom 7.11.2005
Kaum wird Scooter Libby, Stabschef des Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten, mit den Anklagepunkten der Lüge und der Vertuschung von Informationen konfrontiert, die gezielt eingesetzt wurden, um die Tatsache zu unterdrücken, dass die Bush-Administration keinen «rauchenden Colt» gefunden hatte, mit dem sie hätte beweisen können, dass Saddam Hussein ein Arsenal von Atomwaffen aufbaute, da taucht ein neuer Skandal auf, der in jeder Hinsicht genauso empörend und letztlich wahrscheinlich kriminell ist.
Entgegen jeder wissenschaftlichen
Vorsicht im öffentlichen Gesundheitssystem wird die
Weltbevölkerung durch unverantwortliche Beamte des
öffentlichen Gesundheitswesens der US-Administration über
die WHO bis zu den United States Centers for Disease Control in einen
Angstwahn getrieben. Sie alle warnen vor der drohenden Gefahr, dass
ein bösartiger Virusstamm sich von infizierten Vögeln,
primär von Vietnam und anderen asiatischen Zentren kommend,
ausbreiten und die menschliche Spezies in pandemischem Ausmass
kontaminieren könnte. Oft wird die Grippe-Pandemie von 1918, von
der behauptet wird, sie habe weltweit 18 Millionen Menschen
getötet, als Beispiel dafür zitiert, was uns
«bevorstehen könnte».
Am 1. November, bezeichnenderweise einen Tag nach Halloween, hat
Präsident Bush die National Institutes of Health in Bethesda,
Maryland, besucht und die Strategie seiner Administration
angekündigt, mit der man sich auf die nächste
Grippeepidemie vorbereiten wird, sei es Vogelgrippe oder irgendein
anderer Stamm. An dem Plan ist während eines Jahres gearbeitet
worden. Es war nicht nur ein kleiner präsidialer Phototermin.
Die Minister des Inneren, der Homeland Security, der Landwirtschaft,
für Gesundheit und Soziales, für Transport, für die
Angelegenheiten der Kriegsveteranen und, nicht zu vergessen, der
Generaldirektor der World Health Organization (WHO), der extra aus
Genf für dieses Ereignis eingeflogen wurde, nahmen teil.
Der Präsident begann seine Ansprache mit der zwischenzeitlich
obligatorischen Schreckensgeschichte von 1918: «Gegenwärtig
gibt es keine pandemische Grippe in den Vereinigten Staaten oder in
der Welt. Aber wenn wir uns von der Geschichte leiten lassen, gibt es
Grund, besorgt zu sein. Im letzten Jahrhundert wurden unser Land und
die Welt von drei Grippe-Pandemien heimgesucht - und Viren von
Vögeln haben zu jeder von ihnen beigetragen. Die erste, die 1918
zuschlug, tötete über eine halbe Million Amerikaner und
mehr als zwanzig Millionen Menschen auf der ganzen Welt ...»
Er war bemerkenswert aufrichtig hinsichtlich der drohenden Gefahr
für das amerikanische Volk: «Wissenschaftler und Ärzte
können uns nicht sagen, wo und wann die nächste Pandemie
zuschlagen wird oder wie heftig sie sein wird, aber die meisten sind
sich einig: Wahrscheinlich werden wir es irgendwann mit einer
erneuten Pandemie zu tun bekommen. Und die wissenschaftliche Welt ist
zunehmend besorgt über ein neues Grippevirus, das unter der
Bezeichnung H5N1 - oder Vogelgrippe - bekannt ist ...»
Er fuhr fort und betonte: «Derzeit haben wir keinen Beweis
dafür, dass eine Pandemie bevorsteht. Die meisten der Menschen
in Südostasien, die krank wurden, haben mit infizierten
Vögeln hantiert. Und während sich das Vogelgrippevirus von
Asien nach Europa ausgebreitet hat, gibt es keine Berichte über
infizierte Vögel, Tiere oder Menschen in den Vereinigten
Staaten. Auch wenn das Virus gelegentlich in Vögeln an unseren
Küsten ankommen wird, heisst das nicht, dass in unserem Land
Menschen infiziert werden. Die Vogelgrippe ist immer noch primär
eine Tierkrankheit. Und bis jetzt ist es unwahrscheinlich, dass
Menschen die Vogelgrippe bekommen, wenn sie nicht in direkten
nachhaltigen Kontakt mit infizierten Vögeln kommen.»
Trotzdem rief der Präsident den Kongress auf, notfallmässig
neue Mittel in Höhe von 7,1 Milliarden Dollar zur Verfügung
zu stellen, um sich auf diese (nicht bevorstehende, nicht
pandemische) Gefahr vorzubereiten. Das nennen wir Vorsicht. Vorrangig
auf seiner Liste der Vorsichtsmassnahmen war der Aufruf an den
Kongress, eine weitere Milliarde Dollar für Tamiflu
freizugeben.
Am 28. Oktober verabschiedete der Senat als Reaktion auf die
wachsende Vogelgrippen-Panik ein Gesetz über Sonderausgaben in
Höhe von 8 Milliarden Dollar. Mike Leavitt, Minister für
Gesundheit und Soziales, teilte der Presse in einem ehrlichen Moment
während der Debatte über das Gesetz des Senates mit:
«Wenn es nicht das gegenwärtige H5N1-Virus ist, das zu
einer Grippe-Pandemie führt, wird es irgendwann in der Zukunft
unseres Landes irgendein anderes Virus sein.» In der
Zwischenzeit werden Milliarden von Steuergeldern an eine Handvoll
Pharma-Riesen geflossen sein, die bereitstehen, um daran zu
verdienen. Keiner erntet dabei mehr Mammon als der
schweizerisch-amerikanische Pharma-Riese Roche Holding aus Basel.
Uns wird gesagt, die einzige Medizin, die die Symptome der
allgemeinen oder der saisonalen Grippe und die
«möglicherweise» auch die Symptome der Vogelgrippe
mildern könne, sei ein Medikament namens Tamiflu. Derzeit
besitzt die riesige schweizerische Pharmafirma Roche die einzige
Lizenz, Tamiflu herzustellen. Dank der Medienpanik sind die
Auftragsbücher bei Roche heute zum Überlaufen gefüllt.
Roche hat kürzlich die Anfrage des US-Kongresses
zurückgewiesen, seine exklusiven Patentrechte zu lockern, um
anderen Arzneimittelherstellern zu erlauben, Tamiflu herzustellen -
und zwar mit der wenig glaubwürdigen Entschuldigung, es sei in
Wahrheit zu komplex, als dass andere es schnell herstellen
könnten.
Jedoch ist der wirkliche Gegenstand des Interesses die Firma in
Kalifornien, die Tamiflu entwickelt und die Vermarktungsrechte an
ihrer patentierten Erfindung an Roche weitergegeben hat.
Tamiflu wurde 1996 von einer
kalifornischen Biotechnologie-Firma namens Gilead Sciences Inc.
entwickelt und patentiert. Gilead ist eine an der NASDAQ (GILD)
börsennotierte Aktiengesellschaft, die es vorzieht, bei dem
gegenwärtigen Sturm auf Tamiflu eine zurückhaltende
Unternehmenspolitik zu betreiben. Das könnte damit
zusammenhängen, wer mit Gilead in Verbindung steht. 1997, bevor
er US-Verteidigungsminister wurde, war Donald H. Rumsfeld
Vorsitzender des Aufsichtsrates von Gilead Sciences bis 2001, als er
Verteidigungsminister wurde. Nach einer Pressemitteilung der Firma
vom 3. Januar 1997 war Rumsfeld seit 1988 Mitglied des Aufsichtsrates
von Gilead.
Nach einem bisher noch nicht bestätigten Bericht hat Rumsfeld
während seiner Amtszeit als Verteidigungsminister ein
zusätzliches Aktienpaket seiner früheren Firma Gilead
Sciences im Wert von 18 Millionen Dollar gekauft, was ihn derzeit zu
einem der grössten, wenn nicht gar zum grössten
Anteilseigner macht.
Der Verteidigungsminister, der Mann, der angeblich den Gebrauch von
künstlich fabrizierten Geheimdienstinformationen zur
Rechtfertigung des Irak-Krieges unterstützt hat, ist jetzt in
der Position, riesige Gewinne aus der Grippe-Panik zusammenzuraffen,
die die Regierung, der er angehört, nach Kräften
geschürt hat. Es wäre hilfreich zu wissen, ob der
Nachfolger von Douglas Feith im Office for Special Plans im Pentagon
die Strategie der biologischen Kriegsführung entwickelt hat, die
hinter der gegenwärtigen Vogelgrippe-Panik steckt. Vielleicht
könnte ein betriebsamer Untersuchungsausschuss des Kongresses
einmal das gesamte Thema wahrscheinlicher Interessenskonflikte von
Minister Rumsfeld untersuchen.
Rumsfeld steht bereit, ein Vermögen mit Lizenzgebühren zu
machen, während eine panische Weltbevölkerung sich
abstrampelt, um ein Medikament zu kaufen, das im Hinblick auf die
Heilung der angeblichen Vogelgrippe wertlos ist. Dieses Modell legt
eine Parallele zu der schamlosen Korruption der Halliburton
Corporation nahe, deren früherer Vorstandsvorsitzender
Vizepräsident Dick Cheney war. Cheneys Firma hat bis heute
Bauaufträge in Milliardenhöhe für den Irak und
anderswo erhalten. Ist es reiner Zufall, dass Cheneys engster
politischer Freund Verteidigungsminister und Nutzniesser der
Vogelgrippe Don Rumsfeld ist? Es handelt sich um eine weiteres
Beispiel dessen, was jemand das Prinzip der modernen
US-Sonderinteressenspolitik genannt hat: «Gewinne privatisieren
und Kosten sozialisieren». Präsident Bush hat der
US-Regierung die Anweisung gegeben, von Gilead Sciences Tamiflu im
Wert von zwei Milliarden Dollar zu kaufen. Das war vor seiner Rede
vom 1. November vor dem National Institute of Health in Bethesda,
Maryland, wo er um eine weitere Milliarde Dollar für Tamiflu
bat.
Es scheint, dass der
Verteidigungsminister ein recht glückliches Händchen darin
hat, die Regierung dazu zu bringen, Impfstoffe von Firmen zu kaufen,
an denen er direkt finanziell beteiligt ist. Viele werden sich an die
Ängste direkt im Anschluss an die Ereignisse des 11. September
2001 erinnern, als die Bush-Administration laut über die
«mögliche» Gefahr sprach, die von Usama bin Ladin
ausging (für diejenigen, die es vergessen haben sollten, das war
der Mann, der angeblich der Grund dafür war, dass die
Vereinigten Staaten ihren Krieg gegen den Terrorismus begannen).
Damals wurde uns gesagt, eines der möglichen Terror-Szenarios
sei ein Angriff mit tödlichen Pockenviren, der die amerikanische
Bevölkerung vernichten würde.
Glücklicherweise war die Administration damals ebenso wachsam,
wie sie es heute im Hinblick auf die Vogelgrippe-Pandemie ist.
Verteidigungsminister Rumsfeld befahl damals, dass Mitglieder der
Streitkräfte gegen Pocken geimpft wurden, eine Impfung mit
erschreckenden Nebenwirkungen. Die Behandlung schloss auch die
Injektion eines Medikaments namens Vistide ein, angeblich um die
Nebenwirkungen der Pockeninfektion zu behandeln, falls sie auftreten
sollte.
Vistide war auch ein Produkt von Gilead Sciences, Herrn Rumsfelds
früherer Firma, von der er bis heute grosse Mengen Aktien
besitzt. Herr Rumsfeld war derjenige, der den Befehl unterzeichnete,
damals den US-Truppen Vistide zu verabreichen. Wir können sicher
sein, dass die Männer und Frauen der US-Streitkräfte
diesmal auch unter den ersten sein werden, die Tamiflu von ihrem
immer wachsamen Kommandeur bekommen. Seltsam, dass die
«Washington Post» diesen auf den ersten Blick schamlosen
Interessenkonflikt in der Person des Verteidigungsministers in einer
Zeit nicht untersucht, wo die Medien entdeckt haben, dass die
Lügen der Administration über angebliche
Massenvernichtungswaffen des Iraks berichtenswert sind.
Aber die Interessenkonflikte wegen
Tamiflu sind vielleicht nur die Spitze des Eisbergs bei der
Vogelgrippe-Geschichte. In Grossbritannien und wahrscheinlich auch in
den Vereinigten Staaten sind auf höchster Ebene Forschungen im
Gange, um eine gentechnische Methode zu entwickeln, mit der
Hühner und andere Vögel «resistent» gegen die
Vogelgrippe-Viren gemacht werden können.
Britische Wissenschafter sollen Hühner genetisch verändern,
um Vögel zu produzieren, die gegen die tödlichen
Stämme des H5N1-Virus resistent sind, die die
Geflügelwirtschaft im Fernen Osten vernichten. Laurence Tiley,
Professor für Mikrovirologie an der Cambridge University, und
Helen Sang vom Roslin Institute in Schottland sind daran,
«transgene Hühner» zu entwickeln, bei denen kleine
Teile von genetischem Material in die Hühnereier eingefügt
werden, angeblich um die Hühner resistent gegen H5N1 zu
machen.
Tiley berichtete der «London Times» am 29. Oktober:
«Wir gehen davon aus, dass es nach der Erteilung der
behördliche Genehmigung nur vier oder fünf Jahre dauern
wird, um genug Hühner zu züchten, um die gesamte
Welt-(Hühner-)Population auszutauschen.» Die eigentliche
Frage im Zusammenhang mit diesem zweifelhaften Unternehmen ist,
welche Genmanipulationsriesen diese Forschung und die Entwicklung der
genmanipulierten Hühner unterstützen und wer ihre Produkte
kontrollieren wird. Es wird zunehmend klar, dass die ganze Wahrheit
der Vogelgrippe in ihren vollen Dimensionen nur langsam ans
Tageslicht kommt. Was wir bisher erkennen können, ist in keiner
Weise schön.
Die Bush-Administration hat immer wieder versucht, die
Öffentlichkeit, und vor allem das Gesundheitswesen und die
Ärzteschaft, zu überreden, sich für die Massenimpfung
gegen Pocken starkzumachen. 2002 haben das Center for Disease Control
(CDC) und bestimmte höhere Regierungsbeamte eine präventive
Pockenimpfung für grosse Teile der Bevölkerung als Schutz
gegen die Bedrohung durch von Terroristen verbreitete Pockenviren
verlangt. Die Regierung fing mit der Bevorratung von Hunderten von
Millionen Impfdosen an. Sie legte auch einen Vorrat von
«Vistide» an.
Mit jeder neuen offiziellen Verlautbarung durch Regierungsmitglieder
wuchs die Angst der Bevölkerung vor den Pocken. Tatsache aber
war, dass entgegen diesen Verlautbarungen die Pocken überhaupt
keine hochansteckende Krankheit sind. Dr. Kuritsky, MD, Direktor des
Nationalen Impfprogramms und zuständig für Frühwarnung
und Planung bei Pocken beim CDC, sagte: «Pocken haben eine
langsame Verbreitung und sind nicht hochansteckend.»
Sogar in dem Fall, dass jemand einem erkannten bioterroristischen
Angriff mit Pocken ausgesetzt wäre, würde das nicht
bedeuten, dass er die Pocken bekäme, erläuterte Kuritsky
weiter. Die Anzeichen und Symp-tome der Krankheit würden nicht
sofort auftreten, und es gäbe genug Zeit zu planen. Zunehmend
wandten sich erfahrene Mitglieder des US-Gesundheitswesens an die
Öffentlichkeit und warnten ihrerseits vor den Nebenwirkungen der
Immunisierung gegen Pocken, einschliess-lich schwerer Erkrankungen
des Gehirns und des Herzens, Autismus, abnormaler
Chromosomenveränderungen, Diabetes, verschiedener Krebsarten und
Leukämien sowie Demyelination des Nervengewebes noch Jahre nach
der Impfung. Viele fanden, es wäre besser, das Risiko eines
bioterroristischen Angriffs einzugehen als diese «Medizin»
zu nehmen. Die Kampagne für Massenimpfung gegen Pocken war ein
Flop. Doch in der Zwischenzeit wurden Millionen Dosen von Vistide
produziert und der US-Regierung verkauft, um die Wirkungen der Pocken
zu «dämpfen», falls so ein hypothetischer Angriff
tatsächlich stattfinden würde. Das Pentagon war damals der
Hauptkäufer von Vistide.
Die Angstmache vor dem Pockenterror-Szenario erreichte mit dem Beginn
des Irak-Krieges im Februar 2003 seinen Höhepunkt, als
Horrorgeschichten die Runde machten, Saddam Hussein könnte
gestohlende russiche Pockenvirusvorräte in seinem Besitz haben,
die er auf die amerikanische Bevölkerung loslassen würde.
In seiner Rede an die Nation im Januar 2003 schlug der Präsident
ein «Bioschutz-Projekt» vor, bei dem Impfstoffe und
Arzneimittel gegen einen Bioterrorangriff - inklusive Pocken und
Anthrax - entwickelt werden sollten.
Am 21. Juli 2004 machte Präsident Bush durch Unterzeichnung
eines entsprechenden Gesetzes das Projekt amtlich. Es sollten
«neue Werkzeuge entwickelt werden, die die medizinischen
Gegenmassnahmen zum Schutz der amerikanischen Bevölkerung vor
chemischen, biologischen, radiologischen oder nuklearen Angriffen
(CBRN) verbessern würden». Im Haushaltsjahr 2004 waren von
den Mitteln, die auf das Ministerium für Innere Sicherheit
entfielen, 5,6 Milliarden Dollar für den Kauf von verbesserten
Gegenmitteln gegen Anthrax, Pocken und andere CBRN-Agenzien für
die nächsten zehn Jahre vorgesehen.
Rumsfeld wusste genau, was er seinen Soldaten verschrieb. Auch
Vistide war ein Produkt von «Gilead Sciences», der
früheren Firma von Rumsfeld. Rumsfeld war die Person, die
für die Entscheidung, den US-Truppen Vistide zu verabreichen,
verantwortlich zeichnete. Diese Entscheidung entsprang offensichlich
nicht der Güte des Verteidigungsministers oder seiner Sorge um
die Gesundheit seiner Soldaten, da er ja mit den Nebenwirkungen des
Mittels von Anfang an persönlich vertraut war, seit die Firma es
in den späten 1990er Jahren zunächst zur Aids-Behandlung
entwickelt hatte. Wie Rumsfeld genau wusste, hatte Vistide ziemlich
heftige Nebenwirkungen. Laut Dr. Christopher Hogan, MD, Professor an
der Abteilung für Notfallmedizin an der Medizinischen Hochschule
von Virginia, gehören zu den Komplikationen, die bei Vistide
auftreten können: Nierenvergiftung, Neutropenie, Fieber,
Anämie, Kopfschmerzen, Haarausfall, Uveitis Iritis
(entzündliche Augenerkrankungen) und Bauchschmerzen.
Aber einmal abgesehen davon, dass hier jemand mit der Angst vor
Pocken oder der Vogelgrippe Millionen scheffelt, wäre es eine
gefährliche Unterschätzung zu glauben, dass die Geldgier
einer Person oder einer Firma schon das Ende der Geschichte ist. Das
Alarmierende an Tamiflu, Vistide und den anvisierten neuen
rechtlichen Bestimmungen für die «Impfstoffindustrie»
ist die Tatsache, dass das alles ganz offensichtlich Teil einer viel
umfassenderen Strategie ist, die die Bush-Administration scheinbar
seit längerem entwickelt. Während der Pockenhysterie vor
drei Jahren hat die Bush-Regierung republikanische
Kongressabgeordnete dazu gebracht, einen Paragraphen in den
Gesetzesentwurf für Homeland Security aufzunehmen, der die
Pharmakonzerne von jeder Verantwortlichkeit für die von ihnen
fabrizierten Arzneimittel freisprechen und ihnen Immunität
gewähren würde, und zwar diejenigen Pharmakonzerne, die
Pockenimpfstoffe herstellen.
Nun versucht die Bush-Regierung,
diese Immunität für Pharmakonzerne auszuweiten, indem sie
das Klima der Angst vor der Vogelgrippe ausnutzt. In seiner Rede vor
dem National Institute of Health vom 1. November schlug der
Präsident vor, alle Arzneimittelhersteller vollständig von
der Möglichkeit, sie gerichtlich für ihre Produkte zu
belangen, auszunehmen. Er verwendete für dieses Vorhaben
explizit die Worte «Haftpflichtschutz für die Hersteller
von lebensrettenden Impfstoffen». Wenn man diese
Ankündigung von der harmlos klingenden vornehmen Rhetorik
entkleidet, heisst das nichts anderes als: Die Arzneimittelhersteller
können produzieren und auf den Markt bringen, was immer sie den
Menschen andrehen wollen, ob es nun Vistide, Tamiflu oder Thalidomid
ist, ohne rechtliche Konsequenzen fürchten zu müssen.
Wir brauchen nur einmal eine Minute zu überlegen, was die Folgen
wären, wenn man diese Errungenschaft eines Jahrhunderts bitterer
Kämpfe einfach abschaffen würde, nämlich die, dass wir
heute ein Minimum an Kontrolle darüber haben, welche Substanzen
der Öffentlichkeit als Arzneimittel verkauft werden dürfen.
Während der 1960er Jahre gründete Dr. Heinrich Mueckter,
ein berüchtigter Nazi-Arzt, der von der polnischen Regierung
wegen seiner furchtbaren Menschenexperimente mit Typhusbakterien im
Konzentrationslager gesucht wurde, eine pharmazeutische Firma in
Westdeutschland und entwickelte dort ein Arzneimittel, das er als
harmloses Schlafmittel vermarktete. Sein Produkt Contergan wurde als
so harmlos beschrieben, dass es ohne Rezept verkauft werden konnte,
und eine Million Deutsche benutzten es jeden Tag, um schlafen zu
können. Er bot sein Mittel besonders «schwangeren
Müttern» an, die Schlafstörungen hatten. Das Ergebnis
wurde bald offenbar: Tausende von grotesk deformierten Babys. Das
Mittel, das er entwickelt hatte, enthielt Thalidomid. Zu der
damaligen Zeit überliess es die deutsche Gesetzgebung der
Pharmaindustrie oder einer lokalen Regierungsbehörde, in einer
Art Selbstkontrolle Bestimmungen über solche Arzneimittel zu
erlassen.
Oder denken wir an die riesigen Skandale, die mit dem
antirheumatischen Arzneimittel Vioxx verbunden sind, das mehr als
zwei Millionen Menschen in der ganzen Welt benutzten, als es letzten
September von Merck & Co aus dem Verkehr gezogen wurde.
Ernsthafte Studien hatten das Ergebnis erbracht, dass die Benutzer
von Vioxx ein 400mal grösseres Risiko hatten, einen Herzinfarkt
oder Gehirnschlag zu bekommen. Das Risiko für Merck, für
die Folgen haftbar gemacht zu werden, war sicher ein Hauptgrund
für die Firma, Vioxx vom Markt zu nehmen.
Merck & Co begann Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Verkauf von
Produkten als «Arzneimittel», die Morphium, Kodein, Chinin
und Strychnin enthielten. Es gab damals keinerlei Bestimmungen
für solche Hersteller. Der deutsche Erfinder des Aspirins, die
Firma Bayer, verkaufte 1898 Heroin als «hervorragenden
Hustenstiller». Das war es wahrscheinlich auch, aber damals
redete man noch nicht über die Nebenwirkungen. Das war zu einer
Zeit, bevor viele solche Skandale und ernsthafte Folgen für die
betroffenen Menschen die Regierungen zwangen, gesetzlich zu regeln,
was als Medikament verkauft werden durfte.
1962 brachte Senator Estes Kefauver als Antwort auf den
Thalidomid-Skandal einen Gesetzesentwurf ein, der als
«Ergänzung zum Kefauver-Harris-Arzneimittelgesetz» im
selben Jahr verabschiedet wurde. Dieses Gesetz verschärfte die
Anforderungen an die Arzneimittelsicherheit und verpflichtete die
Arzneimittelhersteller, oder, wie George Bush Sr. es gerne nannte,
die «Impfstoffindustrie» zu beweisen, dass ein Arzneimittel
wirksam ist, bevor es der Öffentlichkeit verkauft wird.
Arzneimittel mussten bei der Food and Drug Administration registriert
werden, und die FDA wurde «explizit befugt, der jeweiligen Firma
angemessene Herstellungsmethoden vorzuschreiben». Sicherheits-
und Reinheitsstandards wurden definiert. Des weiteren mussten
Arzneimittelhersteller ab jetzt explizit die Risiken ihrer Produkte
auflisten.
1948 nahmen die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen den
sogenannten Nürnberg-Code an, ein Ergebnis des
Militärprozesses, der 1946 in Nürnberg gegen
Nazi-Ärzte wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und
Experimenten mit Arzneimitteln und Viren an Menschen stattfand. Der
Code wurde als allgemeines internationales Gesetz anerkannt, als
Leitlinie für die medizinische Forschung. Wenn man nun
gesetzliche Immunität gegen Strafverfolgung für die
Wirkungen von Arzneimitteln gewähren würde, hätten die
Pharmakonzerne nicht nur erfolgreich den Nürnberg-Code
rückgängig gemacht, sondern auch ein Jahrhundert bitter
erkämpfter Errungenschaften an Sicherheit für die Menschen
durch Gesetze, die die Arzneimittelherstellung und deren Verkauf
regeln.
Mit seiner Forderung, der Pharmaindustrie vor gerichtlichen
Schadensverfahren Immunitätsschutz zu gewähren, will der
Präsident, wie er sagt, «Schranken niederreissen, die die
Impfstoffherstellung behindern». In Wirklichkeit ist er dabei,
ein gesellschaftliches Umfeld zu schaffen, welches nicht einmal die
Nazi-Ärzte und Pharmakonzerne im Dritten Reich geniessen durften
- sie mussten ihr Tun verheimlichen! Wenn Präsident Bushs
Forderung Gesetz werden sollte, wäre das ein sehr
gefährlicher Präzedenzfall. Die eigentliche Frage, die sich
stellt, ist die: Was ist so wichtig, dass es den Präsidenten der
Vereinigten Staaten veranlasst, seine eigene Bevölkerung
derartigen Risiken einer entfesselten Pharmaumgebung auszusetzen?
Dass es einen Virenstamm gibt, der Vögel befällt, besonders
in Teilen von Vietnam und China, kann nicht der Grund sein. Eher geht
es wohl um die politische Ausnutzung einer solchen Situation, um eine
ganz andere Agenda einzuführen, eine Agenda, deren Folgen
für das menschliche Leben und Wohlergehen viel, viel
schädlicher sein werden als eine vorstellbare Gefahr, die von
H5N1 oder irgendeinem anderen Virenstamm ausgehen
könnte.
«Nein, die Stallhaltung ist eben nicht sicherer, sondern die industrielle Produktion - und das sieht man in Asien, wohin viele der industriellen Produktionen ausgelagert wurden, wir haben inzwischen einen grossen Fleisch- und Tiertourismus. Das Zusammentreffen von traditionellen Rassen, von lokalen Rassen und technisch hochgezüchteten Hühnern machen genau das Problem aus. Genau wie bei den Zugvögeln, die das Virus zum Teil in sich tragen, aber nicht klinisch krank werden, gibt es eine hohe Ansteckungsgefahr bei diesen technisch hochgezüchteten Hühnern. Wenn dann das Virus in diese Massentierhaltung kommt, dann ist auch die Gefahr der Mutationen gegeben. Also die Massentierhaltung ist nicht Auslöser, sondern sie ist - sagen wir mal - Aufmarschgebiet für diese Krankheit.»
«[...] die eigentliche Gefahr liegt darin, dass technisch hochgezüchtete und dann in Massenhaltung aufeinandersitzende Tiere, also in diesem Falle Hühner oder Hähnchen, dass das genau die gefährliche Haltung ist für Viren.»
«[...] die Gefahr für die Tiere ist hoch. Aber ich sage, die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einer Ansteckung von Mensch zu Mensch kommt, die ist bis jetzt noch nicht gegeben, auch weltweit nicht.»
Interview mit dem Europa-Parlament-
Abgeordneten Graefe zu Bahringdorf
im Deutschlandfunk am 20.10.2005
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