Artikel 1: Zeit-Fragen Nr.5 vom 30.1.2006
Sind die Vereinigten Staaten gerade dabei, einen zweiten präemptiven Krieg gegen ein Land loszutreten, das uns nicht angegriffen hat, und der zum Ziel hat, dieses Land seiner Massenvernichtungswaffen zu berauben, die es nicht hat? Bei der gleichzeitigen Stationierung von US-Truppen in Afghanistan und im Irak und angesichts der Tatsache, dass die Pakistani erbost sind über einen Militärschlag der US-Luftstreitkräfte, dem rund 18 Dorfbewohner, darunter Frauen und Kinder, zum Opfer fielen, scheint ein weiterer Krieg in der islamischen Welt das letzte zu sein, was die Amerikaner gegenwärtig brauchen können.
Dennoch ist die
«militärische Option» gegen den Iran
Tagesgespräch. «Es gibt nur eine Sache, die schlimmer
wäre als [...] die militärische Option
anzuwenden», sagt Senator John McCain. «Und das wäre
ein nuklear bewaffneter Iran. Die militärische Option ist die
letzte Option, aber sie kann nicht einfach wegdiskutiert
werden.»
Bei seinem Auftritt in der CBS-Sendung «Face the Nation»
sagte McCain, dass das Nuklearprogramm des Iran «die ernsteste
Situation ist, der wir seit dem Ende des kalten Krieges
gegenüberstehen, abgesehen vom Krieg gegen den Terror».
Bei seinem Treffen mit der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel
verwendete Bush die gleichen harten Worte, die er vor der Invasion in
den Irak benutzt hatte. Wenn der Iran die nukleare Anreicherung
fortsetze, so Bush, könnte dies «eine ernsthafte Bedrohung
der Sicherheit in der Welt darstellen».
McCain und Bush betonten beide, dass Israel bedroht sei. Und alle
«üblich Verdächtigen» rühren die
Kriegstrommel. Israel warnt, dass März der Zeitpunkt sei, an dem
sie zuschlagen würden. Man hört von F-16-Bombern, die in
die Golfregion unterwegs sind. Der Weekly Standard ist mit Federn und
Kriegsbemalung für den Kriegspfad gerüstet. Die Chalabis im
Iran spielen die ihnen zugedachten Rollen und warnen davor, dass
Teheran den Nuklearwaffen näher sei, als wir alle wahrhaben
wollen.
Bis jetzt hat Teheran nur zwei
winzige Schritte nach vorne gemacht. Sie haben begonnen,
«Yellowcake» wieder in Uranhexafluorid umzuwandeln, jene
gasförmige Substanz, die zur Urananreicherung benutzt wird. Und
Iran hat die Siegel der Internationalen Atomenergiebehörde
(IAEO) in der Nuklearanlage in Natanz aufgebrochen, wo
Uranhexafluorid in angereichertes Uran umgewandelt werden soll. Aber
kürzlich sagte das Aussenministerium, dass es die
«Brennstoffproduktion» immer noch ausgesetzt habe. Dennoch
erklärte Präsident Mahmud Achmadinedschad: «Es gibt
keine Beschränkungen für die atomaren Forschungsprojekte im
Rahmen des Atomwaffensperrvertrags», den der Iran unterzeichnet
hat.
Hier wird Irans Präsident von seinen Landsleuten
unterstützt und steht auf dem festen Boden des
Völkerrechts. Dennoch sagte Aussenministerin Condi Rice letzte
Woche: «Es gibt einfach keine vernünftige friedliche
Erklärung dafür, warum das iranische Regime die
Urananreicherung wiederaufgenommen hat.»
Im Gegensatz zu Israel, Pakistan
und Indien, die heimlich Atomwaffen gebaut haben, hat der Iran den
Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet. Und Teheran wird lieber seine
Rechte aus dem Vertrag wahrnehmen, um durch die Beherrschung der
Kernenergie Atomkraftwerke zur Stromerzeugung zu bauen anstatt
dafür seine Öl- und Gasvorräte aufzubrauchen, durch
deren Export es harte Währung verdienen kann.
Klar könnte der Iran durch diese Fachkompetenz innerhalb einiger
Monate den Wunsch äussern, auch zur Atommacht zu werden. Denn
die USA und Israel, die ihn wiederholt bedroht haben, sind beide in
unmittelbarer [militärischer] Nachbarschaft und
verfügen über atomare Waffenarsenale.
Der Bau einer Atombombe, um damit einen amerikanischen oder
israelischen Angriff abzuwenden, mag für Rice keine
«vernünftige friedliche Erklärung» sein, aber die
Iraner sehen das vielleicht aus einer anderen Perspektive. Betrachtet
man unser Vorgehen im Irak und gleichzeitig unsere
Rücksichtnahme gegenüber Nordkorea, wäre es dann
für Teheran irrational, nach eigenen
Abschreckungsmöglichkeiten zu suchen?
«Wie sehen keine Gefahr»,
sagte Mohamed ElBaradei von der IAEO gegenüber der Zeitschrift
Newsweek.
Für einige liegt die Möglichkeit einer -iranischer
Atombombe noch 10 Jahre entfernt. Con Coughlin, Verteidigungs- und
Sicherheitsressortchef beim London Telegraph schreibt, dass die 164
Zentrifugen in der Pilot-anlage von Natanz den Iran in die Lage
versetzen könnten, genug angereichertes Uran für eine
einzige Bombe herzustellen - in drei Jahren.
Stünde die Bedrohung unmittelbar bevor, hätte Israel - das
1956 in Ägypten einmarschierte, 1967 in einem
Überraschungsangriff die syrischen und ägyptischen
Luftstreitkräfte am Boden vernichtete und 1981 einen irakischen
Reaktor vor seiner Vollendung zerstörte - längst reagiert.
Und mit einem Arsenal von geschätzten 200 atomaren Waffen ist
Israel absolut in der Lage, den Iran von einem Angriff abzuhalten -
und einen massiven Vergeltungsschlag auszuführen, falls der Iran
angreifen sollte.
Iran hat weder Israel noch die amerikanischen Streitkräfte im
Golf angegriffen und von Ajatollah Khamenei wird gesagt, er halte
Achmadinedschad im Zaum. Es scheint ganz so zu sein, dass der Iran
keinen Krieg will.
Der Kongress hat also die Zeit, seinen verfassungsmässigen
Pflichten nachzukommen, die er nicht erfüllte, als er Bush den
Blankoscheck zum Einmarsch in den Irak gab, wann immer es für
ihn wünschenswert schien.
Nur wenige vertrauen heute noch «Geheimdienstberichten»,
Kriegspropagandisten oder den Worten von Staatsbürgern der
betreffenden Länder, die im Exil leben und die darum besorgt
sind, uns ihre Kriege führen zu lassen. Der Kongress sollte
Anhörungen darüber durchführen, wie weit entfernt
Teheran noch von einer Atomwaffe ist und ob diese eine nicht
tolerierbare Gefahr darstellt, die einen Präventivkrieg
rechtfertigt, der für den Nahen Osten eine gewaltige
Umwälzung darstellen und weltweit eine Depression hervorrufen
würde. Dann sollte der Kongress sich entweder dazu entscheiden,
den Krieg zu erklären oder Bush die Vollmacht für den Krieg
verweigern.
Ungeachtet der «Bush-Doktrin» kann weder ein George Bush
noch ein John McCain die «militärische Option» auf den
Tisch legen, wenn der Kongress dem nicht zustimmt. Das steht in
unserer Verfassung, oder etwa nicht?
* Patrick J. Buchanan ist Mitbegründer und Heraus-geber des «American Conservative» sowie Autor von Büchern wie «Where the Right Went Wrong» (2004) und «A Republic not an Empire» (1999).
Nachdem immer offensichtlicher geworden ist, dass der US-amerikanische Geheimdienst CIA auf Gutheissen der US-Regierung Menschen verschleppt, widerrechtlich festhält und foltert, wurde der Schweizer Stände-rat Dick Marty vom Europarat beauftragt, der Sache auf den Grund zu gehen. Die im Europarat vertretenen Regierungen versprachen schonungslose und kooperative Zusammenarbeit.
Rl. Inzwischen konnte Marty seinen
ersten Zwischenbericht vorlegen. Die Indizienlage ist so
erdrückend, dass man es laut Marty als gesichert ansehen kann,
dass die US-Regierung mit Wissen und manchmal mit Beteiligung einiger
europäischer Regierungspolitiker Entführungs- und
Folterzentren in Europa betreibt oder betrieben hat.
Die Indizien sprechen eine deutliche Sprache, um nur einige zu
nennen:
Entgegen aller Beteuerungen der
Regierungen der Länder, die im Europarat vertreten sind, werden
dem Sonderermittler Dick Marty bisher ständig nur Steine in den
Weg gelegt, anstatt, wie versprochen, die Aufklärungsarbeit
rückhaltlos zu unterstützen. So erhielt Marty bisher weder
Einblick in seit Dezember versprochene
Flugverkehrsüberwachungsdaten von Eurocontrol aus Spanien, noch
bekam er das Fax zu Gesicht, in dem die Folterstützpunkte der
US-Dienste erwähnt werden. Immer noch mauern und blockieren
Regierungen - bis hin zur bewussten Lüge, von nichts gewusst zu
haben.
Krass sind die Fälle, in denen Politiker wie der deutsche
Innenminister Wolfgang Schäuble jedes Mass an Rechtsbewusstsein
vermissen lassen und beginnen, Folter zu rechtfertigen.
Es ist ein wichtiges Stück europäischer Demokratie- und
Rechtsgeschichte, dass das Folterverbot durchgesetzt wurde. Nicht
zuletzt vor dem Hintergrund gemeinsamer Werte in Europa sollte jede
Indifferenz im Bereich der Menschenrechte vermieden werden. Deshalb
sind die Ermittlungsarbeiten Dick Martys durch die europäischen
Regierungen rückhaltlos zu unterstützen.
«Die Europa betreffende 'Auslieferung' [von Gefangenen]
scheint mehr als hundert Personen in den letzten Jahren betroffen zu
haben. Hunderte von CIA-gecharterten Flügen haben zahlreiche
europäische Länder passiert. Es ist höchst
unwahrscheinlich, dass europäische Regierungen oder zumindest
deren Geheimdienste davon nicht unterrichtet waren. Und eine Anzahl
Enthüllungen ist, insbesondere in Amerika, in den letzten paar
Jahren bereits in der Presse publiziert worden. Es ist [...]
merkwürdig, dass das Medieninteresse speziell in Europa nach dem
Artikel in der ÐWashington Postð von Anfang November 2005
plötzlich anstieg.»
«Im Fall von Abu Omar war es offensichtlich, dass der CIA
handelte, ohne die italienischen Justiz- und Polizeibehörden zu
informieren. Die Mailänder Staatsanwälte stellen explizit
fest, dass die durch den amerikanischen Geheimdienst
durchgeführte Aktion, die nach ihrer Auffassung eine kriminelle
Handlung darstellt, sie an konkurrierenden Ermittlungen hinderte, die
sie gegen Omar führten und die nahe daran waren, ein Netzwerk
von Aktivisten zu identifizieren, die sie als -potentiell
gefährlich betrachteten. Die Intervention durch CIA-Agenten
hatte durch die Entführung Abu Omars eine grössere
Anti-Terror-Operation sabotiert. Diese ÐAuslieferungð
[von Gefangenen] ist eine glänzende Illustration der
Tatsache, dass solche Aktionen, die die Prinzipien der Herrschaft des
Rechts verletzen, nicht nur von einem rechtlichen und ethischen
Standpunkt aus inakzeptabel, sondern auch ineffektiv oder in der Tat
schädlich für den Kampf gegen den Terrorismus sind. Dieser
Mangel an Kooperation mit den und an Vertrauen in die Behörden,
die ein offizielles Mandat zur Verbrechensbekämpfung haben,
führt zu sehr ernsten Konsequenzen, die das rechtmässige
Funktionieren des Rechtsstaats und seiner demokratischen Grundlage in
Frage stellen.»
Aus dem Zwischenbericht von Dick Marty, erhältlich über den Europarat, www.coe.int
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