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Zeit-Fragen Nr. 74a vom
27.11.2000, Seite 1
Im Zentrum des momentan in Zürich laufenden Filmes «...and the Beat goes on» von Georges Gachot steht das kambodschanische Kinderspital Jayavarman VII., so genannt nach einem grossen Khmerkönig des 13. Jahrhundert, der schon damals Spitäler errichtete. Jayavarman VII. ist das dritte Spital, das innerhalb der letzten zehn Jahre durch die private Initiative des Schweizer Kinderarztes Beat Richner im vom Vietnamkrieg und vom Terror der Roten Khmer erschütterten Kambodscha gebaut wurde und unter seiner Anleitung betrieben wird.
bs. Das neue Kinderspital Jayavarman VII. liegt in Siemreap, 300 km nördlich von Phnom Penh, wo sich die anderen beiden Spitäler (Kantha Bopha I und II) befinden. Mit seiner Hilfe können endlich auch die Kinder des Nordens versorgt werden. Die Unicef registrierte in diesem Gebiet 1998 zwar nur 26 Tuberkulosefälle und konnte keinen Bedarf für ein Kinderspital ausmachen. Richner schaffe nur neue Bedürfnisse, verbreiteten Vertreter Internationaler Organisationen in den Medien. Doch schon im ersten Monat seit der Eröffnung des Spitals am 31. März 1999 konnten 240 Tuberkulosefälle neu diagnostiziert werden!
Tuberkulose ist das Problem Nummer 1 in Kambodscha. Über 70% der Kinder haben diese Infektionskrankheit, die das Immunsystem schwächt und deshalb andere Krankheiten wie Malaria, Typhus oder Masern viel stärker ausbrechen lässt. Sie erfordert eine lange, konsequente Behandlung von 9 Monaten mit teuren Medikamenten. Die WHO ist der Auffassung, solch komplizierte Therapien eigneten sich nicht für Entwicklungsländer, da die Menschen in diesen Ländern nicht bereit seien, die Medikamente kontinuierlich einzunehmen. Beat Richner hingegen hat die Erfahrung gemacht, dass die meisten Eltern (95%) die Behandlung verantwortungsvoll einhalten, wenn sie richtig aufklärt werden.
Der Betrieb der drei Spitäler wird durch Spendengelder aufrechterhalten. Die Behandlung der Kinder ist gratis, jedes Kind, ob arm oder reich, wird gleich behandelt. Da alle Spitalangestellten einen ausreichenden Lohn erhalten um auch ihre Familien ernähren zu können, werden keine Medikamente für den Schwarzmarkt gestohlen, und es findet sich innerhalb der Spitäler keine Korruption. Die Spitäler sind deshalb für Richner ein wichtiger Faktor einer Demokratieschulung der Kambodschaner sowie der Friedensbildung im Land: «Frieden lässt sich leider nicht ein für allemal regeln mit Abkommen, noch weniger mit Waffen. Frieden lässt sich nur erarbeiten, stetig und beharrlich, mit der Implementierung der Gerechtigkeit und Chancengleichheit und mit dem steten Abbau des Nährbodens für Hass, Angst und Eifersucht» meint Richner.
An der Misere Kambodschas trägt der Westen einen grossen Anteil der Schuld. Kambodscha wurde besonders nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem Spielball der Grossmächte Sowjetunion, China und der USA und zu einem Schauplatz schrecklicher Kriegsverbrechen. Die kambodschanische Zivilbevölkerung trägt bis heute an den physischen und psychischen Schäden. Die Verbreitung der Tuberkulose ist eine unmittelbare Folge des fast 30jährigen Kriegszustandes im Land. Die Uno-Soldaten, welche 1992 in Kambodscha stationiert wurden, haben viele junge Frauen in den Bordellen mit HIV infiziert. Obwohl bekannt war, dass die Truppenkontingente bis zu 5% mit HIV infiziert waren, griffen die Befehlshaber der Truppen nicht ein. Heute sind 5% der hospitalisierten Kinder unter sieben Jahren HIV-positiv!
Beat Richner hat einen grossen Stab von Mitarbeitern angeleitet und auch Verantwortung an sie abgegeben. Sollte er sich irgendwann zur Ruhe setzen wollen, wären die kambodschanischen Ärzte bereit, die Führung der Spitäler zu übernehmen.
So zeigt der Film in vielen Interviews und Sequenzen aus dem Spitalalltag nicht nur die einzigartige Leistung eines Schweizer Arztes, der mit minimalen Aufwendungen, aber grösstem persönlichem Engagement «Berge versetzt hat». Er zeigt zudem auf, wieviel möglich ist, wenn in die Menschen Vertrauen gesetzt wird und ihnen Wissen und nötiges Material für ein menschenwürdiges Dasein zur Verfügung gestellt wird.
Artikel 1: Zeit-Fragen Nr. 74a vom 27.11.2000, Seite 1, letzte Änderung am 28.11.2000
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