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5: Zeit-Fragen Nr. 79c vom 14.5.2001
Amerika und die amerikanische Standard Oil of New Jersey, die in den 30er Jahren den Aufstieg von Hitler mitfinanziert hatte, liess sich in ihren Geschäften mit den Nazis auch nach 1941 (Pearl Harbor, Kriegseintritt der USA) nicht stören. Diese Geschäfte mit dem Feind wurden von Präsident Roosevelt gedeckt. Dies obwohl die USA über ein Gesetz verfügte, das «Handel mit dem Feind» verbot. Jede Persönlichkeit, die die Einhaltung dieses Gesetzes einzufordern begann, wie zum Beispiel Innenminister Harold Ickes, der Treibstoff- und Kriegsadministrator und -koordinator oder Thurman Arnold, dem Leiter der Antitrust Division im Justizdepartement, wurde von Roosevelt persönlich «ausgebremst».
hhg. Im Herbst 1941 fragte der amerikanische Aussenminister Cordell Hull beim Finanzministerium brieflich nach, ob Standard Oil of New Jersey über ihre Tochtergesellschaften in anderen Ländern Öl oder Ölprodukte an Personen oder Firmen verkaufen oder liefern würde, deren Namen auf der schwarzen Liste der Nazi-Kollaborateure stünden. Edward H. Foley vom Finanzministerium antwortete, solche Transaktionen seien unter der Executive Order 8389 mit einer speziellen Ermächtigung durch das Finanzministerium möglich. Diese Praxis blieb auch mit dem Kriegseintritt der Amerikaner erhalten: Finanzministerium und Staat erteilten Standard Oil und anderen Gesellschaften weiterhin Lizenzen zur Weiterführung des Handels mit feindlichen Kollaborateuren, ohne dass die amerikanische Öffentlichkeit darüber informiert wurde. Unmittelbar nach Pearl Harbor begann Innenminister Harold Ickes (Petroleum Administrator and Coordinator for National Defense and War) dem Präsidenten der Standard Oil (William Stamps Farish) wegen seiner Geschäfte mit den Nazis auf die Finger zu klopfen. Ickes wandte sich an Präsident Roosevelt und kritisierte, dass der Vorsitzende (Walter C. Teagle) sowie der Präsident der Standard Oil (Farish) in verschiedenen Regierungskommissionen Einsitz hätten, einschliesslich der Kriegs-Petroleum-Kommission. Zudem würde die Standard Oil Deutschland und Japan mit Benzin beliefern, während die Amerikaner für Benzin anstehen müssten.
Roosevelt wurde wütend und wies Ickes in einem groben Brief an, die Frachtschifffahrt künftig Aussenminister Hull zu überlassen. Ickes notierte in seinem offiziellen Notizbuch (bei der veröffentlichten Version zensiert), dass der Präsident ihm gegenüber nun seit zwei Jahren ein Versprechen nach dem anderen gebrochen habe. Nun habe Roosevelt sogar begonnen, ihn schamlos zu belügen. Ickes notierte weiter, er habe sich oft gefragt, ob er dem Volk nicht von grösserer Hilfe sein könnte, wenn er die Wahrheit erzähle, anstatt diesen Betrug stillschweigend zu decken. Gemeint war die Tatsache, dass Roosevelt und Hull die Öffentlichkeit über das Ausmass der Exporte an die Nazis belogen.
Drei Wochen nach Kriegseintritt der USA setzte Roosevelt ein Komitee unter dem Economic Warfare Council ein, welches für den Export von Petroleumprodukten zuständig war. Standard-Oil-Präsident Farish erhielt Einsitz in die Direktion des Komitees, und seine rechte Hand, Max Thornburg, wurde Koordinator für das Petroleum für das Ausland. Thornburg erhielt dafür 8000 US-Dollar jährlich vom State Department sowie 13 000 Dollar von Standard Oil. Dagegen intervenierte Innenminister Ickes bei Vizepräsident Wallace. Präsident Roosevelt und Wallace verboten Ickes daraufhin, an Treffen teilzunehmen zwischen Standard Oil und denjenigen Regierungsstellen, die für die Ölfrage zuständig waren.
Ickes fand einen Verbündeten in Thurman Arnold, dem Leiter der Antitrust Divison im Justizdepartement. Arnold gehörte wie Finanzminister Henry Morgenthau und wie Ickes zu den Kritikern von Korruption und Wall-Street-Hochfinanz (Big Guys). Nach einigen Treffen mit Ickes liess sich Arnold vom Kronanwalt (Attorney General) Francis Biddle die Erlaubnis erteilen, sich in der Kautschukfrage mit Standard-Oil-Präsident Farish zu treffen.
Im Februar 1942 sprach Arnold zusammen mit den Zuständigen von Flotte (Franklin Knox) und Armee (Henry L. Stimson) bei Farish im Hauptsitz der Standard Oil vor. Arnold legte Beweise vor, dass die Standard Oil Hitler beim Kautschukhandel und bei Patenten bevorzugen würde, womit die Rockefellers, Teagle sowie Farish gegen die Interessen der amerikanischen Regierung handelten. Arnold schlug eine Busse von 1,5 Millionen US-Dollar vor, die der Präsident der Standard Oil mit der Begründung ablehnte, dass Standard Oil einen hohen Prozentsatz der Armee, der Navy sowie der Luftwaffe mit Treibstoff versorge, was es Amerika ermöglichen würde, den Krieg zu gewinnen. Dann fragte Farish, was Amerika machen würde ohne diesen Treibstoff? Diese Erpressung zwang Arnold in eine defensive Haltung. Nach hastiger Besprechung mit Knox und Stimson fragte er Farish, worauf denn die Standard Oil eingehen würde. Farish schlug einen Betrag von 50 000 Dollar vor. Schlussendlich zahlte die Standard Oil dann jedoch lediglich einen Betrag von 1000 Dollar als Strafe für ihren Verrat an Amerika.
Arnold und Ickes fanden in ihrem Kampf gegen die Standard Oil in Harry S. Truman, einem Senator aus Mississippi, einen Verbündeten. Im März 1942 fanden auf Betreiben von Truman eine Reihe von Hearings zu den Geschäften der Standard Oil vor dem «Truman defense commitee» statt. Anhand von Dokumenten konnte Arnold dem Komitee beweisen, dass Standard Oil und die deutsche IG Farben den Weltmarkt in Bezug auf Öl- und Chemiemonopole unter sich aufgeteilt hatten. Weiter bewies Arnold, dass Standard Oil abgelehnt hatte, hochwichtige Patentinformationen an Kanada weiterzugeben, weil Deutschland mit Kanada im Krieg war. Arnold brachte auch vor, dass Standard Oil Hitler mit Kautschuk beliefere, während die USA zuwenig Kautschuk für die Kriegsführung habe. Auch legte Arnold Telegramme vor, die zeigten, dass Standard Oil auch nach Pearl Harbor mit Japan weiterhin Geschäfte getätigt hatte. Der Präsident der Standard Oil wies vor dem Komitee sämtliche Anschuldigungen zurück.
Präsident Roosevelt war sehr unglücklich über die Hearings vor dem «Truman defense commitee». Er stellte Arnold kalt, indem er diesen nach Abschluss der Hearings zum US Court of Appeals «hinaufbeförderte».
Auf Drängen von Kriegs- und Flotten-Departement sorgte Präsident Roosevelt dafür, dass jegliche Antitrust-Aktionen gegen die Standard Oil während des Krieges eingestellt wurden. Die Drohungen der Standard Oil of New Jersey hatten ihre Wirkung getan.
Dem Vorsitzenden der Standard Oil, Teagle, hatten die Hearings vor dem «Truman defense commitee» so zugesetzt, dass er Roosevelt seinen Rücktritt als Chef des National War Labor Board anbot. Im April 1942 bat Präsident Roosevelt Teagle jedoch, auf diesem Posten zu verbleiben, da er mit seiner Arbeit der amerikanischen Nation einen grossen Dienst erwiesen habe. Es gebe keinen Grund - «und ich habe das mit dem Kronanwalt diskutiert» - zurückzutreten, so Roosevelt.
Als Teagle im September 1942 nach weiteren Enthüllungen trotzdem zurücktrat, bedauerte Roosevelt in einem Brief an den Vorsitzenden der Standard Oil diesen Schritt wie folgt: «Ich möchte Sie wissen lassen, wie sehr ich die langen Monate harter Arbeit schätze, die Sie geleistet haben [...] sowie den aufrichtigen und sehr wertvollen Beitrag, welchen Sie an die Kriegsanstrengungen beigetragen haben.»
Der Präsident der Standard Oil hingegen verblieb im War Petroleum Board. Dagegen protestierte Innenminister Ickes bei Präsident Roosevelt persönlich. Roosevelt war jedoch gegen eine Entlassung von Farish aus dem War Petroleum Board. Ickes rief daraufhin bei John D. Rockefeller II an und bat ihn, entgegen der Anweisung von Roosevelt, auf einen Rücktritt von Farish hinzuwirken. Rockefeller antwortete, er habe Vertrauen in Farish und Teagle, in ihre Ehre, Aufrichtigkeit und in ihren Patriotismus. Zudem behauptete Rockefeller, er habe keine Ahnung, was bei der Standard Oil vor sich gehe.
Innenminister Ickes sorgte dafür, dass Senator Homer T. Bone vom Patent-Komitee im Mai 1942 im Senat mit Hearings zur Standard Oil begann. Dort wurde der Beweis vorgelegt, dass Standard Oil die Produktion von Essigsäure, einem zentralen Kriegsmaterial, zugunsten der Nazis verzögert hatte. Weiter bezeugte John R. Jacobs Jr. aus dem Departement des Kronanwaltes, dass Standard Oil die amerikanische Sprengstoffindustrie beeinträchtigt habe, indem sie den Gebrauch einer Methode zur synthetischen Produktion von Ammoniak blockiert hatte. Zudem hatte die Standard Oil der deutschen IG Farben ermöglicht, unter dem Namen der Standard Oil während des Krieges in Frankreich und England Anträge einreichen zu können für weitere Entwicklungen im Bereich Öl.
Der texanische Unternehmer D.R.Starners bezeugte, dass Standard ihn blockiert habe bei seinen Versuchen, nach Kriegseintritt der USA synthetischen Kautschuk herzustellen. Vor dem Senat kam auch zur Sprache, dass Standard Oil in Zusammenarbeit mit der deutschen IG Farben die Produktion von Methanol eingeschränkt habe. Der Präsident der Standard Oil bestritt natürlich sämtliche Vorwürfe.
Das Aufdecken der kriegsverräterischen Machenschaften der Standard Oil sorgte in der amerikanischen Öffentlichkeit für einige Empörung und Wirbel. Dessen ungeachtet führte die Standard Oil ihre Geschäfte mit den Nazis weiter, vielfach gedeckt durch die Executive Order 8389 von Präsident Roosevelt, die den Handel mit dem Feind auch nach Kriegseintritt der USA ermöglichte. Über das Ausmass der legalen und der illegalen Exporte an die kriegführenden Mächte wurde die Öffentlichkeit nie informiert.
Nach dem Kriege charakterisierte ein amerikanischer Richter 1947 die Standard Oil of New Yersey wie folgt: «Standard Oil kann als nationaler Feind betrachtet werden in Anbetracht seiner Beziehungen mit IG Farben, nachdem die USA und Deutschland aktive Feinde geworden waren.»
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