Im zweiten Teil dieses Beitrages vom 21. Mai wurde beleuchtet, mit welchen Mitteln Medien, Politiker und Wirtschaftskonzerne versuchen, Verirrungen wie die totale Kommunikationskontrolle oder nächtelanges Herumtoben im Drogenrausch zur Normalität zu erklären. Die Opfer sind lärmgeplagte Bürger, eine noch Tage danach völlig verunstaltete Stadt bis hin zu Drogentoten! Am Beispiel von Coca-Cola wurde die Werbestrategie von Konzernen mit sogenannten Lifestyle-Produkten beleuchtet.
In der Zwischenzeit wurde uns auf den Schweizer Strassen die neue Coca-Cola-Kampagne vorgestellt. Einige Slogans lauten: «Diesen Sommer überlass das Pünktlichsein dem Rest der Welt» - «This Summer Lose Your Neutrality» - «Diesen Sommer geh für deine Träume auf die Strasse» - «Switzerland Home of the Summerfestivals».
Erinnern wir uns an die Äusserung eines Schweizer Coca-Cola-Managers: «Wir schenken den Themen, für die sich Jugendliche interessieren, grosse Beachtung und greifen in der Werbung den aktuellen Zeitgeist auf.» Wer greift da wohl was auf, oder wer ist denn dieser sagenumwobene «Zeitgeist»? Prägt unsere Jugend die Coca-Cola-Kultur? - Wohl kaum! Was hat ein amerikanischer Getränkekonzern unserer Jugend in der Schweiz aufzutragen, was diesen Sommer «in» ist?! In diesen Werbekampagnen werden eindeutig politische und wertezersetzende Inhalte transportiert! Oder: Welche «Neutralität» soll hier wohl gemeint sein? Zufälligerweise startete diese Plakatkampagne just einige Tage vor der Abstimmung zum Militärgesetz vom 10. Juni 2001. Das Bild verfeinert sich noch, wenn man sich das nächste Beispiel von Heineken-Bier vor Augen führt.
Ein Beispiel, in dem deutlich wird, wie mit geschickter Werbung kulturelle Anlässe und Lebensstil-Inhalte benutzt werden, um Geschäft und Politik in Einklang zu bringen, ist die immer wiederkehrende Kampagne des holländischen Bier-Konzerns Heineken. Kein geringerer als Clinton- und Blair-Spin-Doctor und Wahlstratege Alastair Campbell zeichnet für die Heineken-Werbekampagne verantwortlich, die unentwegt auf eindeutig ideologisch geprägte Inhalte der Pop-Musik-Szene der 70er und 80er Jahre zurückgreift. «Another brick in the wall» der Rockgruppe Pink Floyd ist zum Beispiel ein Popsong, der zum Kultlied gegen die traditionelle Schule wurde. «Wir brauchen keine Erziehung, wir brauchen keine Gedankenkontrolle, keinen dunklen Sarkasmus im Klassenzimmer. Hey! Lehrer! Lasst die Kinder in Ruhe ... »
Kommentarlos prostet auch Bill Clinton dem Betrachter der Heineken-Homepage entgegen. Das Bild, ohne Erläuterung, scheint werbetechnisch für sich zu sprechen. Jeder weiss, Clinton war in seiner Jugend in der Studentenbewegung aktiv, hat Erfahrungen mit Drogen und spielt Saxophon, übrigens auch ein beliebtes Werbeobjekt bei Heineken, gleichsam als Sinnbild für coole Musik, moderne Kultur und heisse Partys.
«Bier ist mehr als nur ein Getränk. Bier ist Emotion, Geselligkeit und ein etablierter Bestandteil unserer Gesellschaft. Heineken hat sich zum Ziel gesetzt, mehr zu tun, als sich nur um den Absatz der Produkte zu kümmern. Wir engagieren uns weltweit bei kulturellen und sportlichen Anlässen und tragen damit aktiv zur kulturellen Vielfalt bei. Heineken verkörpert weltweit Musik. Unzähligen Musikbegeisterten werden weltweit Leckerbissen wie das Montreux Jazz Festival, das Umbria Jazz in Italien oder das Jazz Festival in Puerto Rico serviert.» (Quelle: www.heineken.ch)
Übrigens: Als hätten sich Coca-Cola und Heineken in ihrer Schweizer Werbekampagne abgesprochen, lautet die Kerninformation des kürzlich neu hinzugestossenen Heineken-Plakates: «meet me at the summer festivals». Wenn es um das Wesentliche geht, auch bei Cola («Switzerland Home of the Summerfestivals»), selbstverständlich in Englisch! Grossanlässe wie Open-air-Festivals oder eben die Street Parade werden dazu benutzt oder vielleicht besser: dazu organisiert, möglichst grosse Massen zu sammeln, um sie mit möglichst viel Information und mit neuen «Werten» zu indoktrinieren! Hinter den Mechanismen dieses Marktes verbergen sich Ideologien, von geschulten Strategen ausgedacht und umgesetzt.
So ganz neu sind viele dieser genannten «Werte» allerdings auch nicht, aber es wurde eine Vielzahl von Möglichkeiten geschaffen, sie unter das Volk zu bringen. So pflanzen sich zum Beispiel die Anstrengungen der Frankfurter Schule der sechziger Jahre, eine Sexualisierung der Gesellschaft herbeizureden, ungehindert fort, ja es scheint gar, als würden sie sich, eingebettet in Werbe- und Marktstrategien, viel effizienter verbreiten als durch intellektuelle Predigten ihrer Erfinder.
Am 11. August und die Tage danach braucht man sich wiederum nur die Fernseh- und Zeitungsbilder der zehnten Street Parade und der rund 50 Parties rund um den Anlass anzuschauen, um zu wissen, was die Machtstrategen des Weltmarktes unter anderem mit unserer Jugend vorhaben! «Liebe, Freiheit, Toleranz» lautet das diesjährige Motto.
«Die House- und Technokultur öffnet weltweit Türen und Herzen. Zum erstenmal sind dieses Jahr chinesische DJs mit dabei. Die Street Parade ist eine Chance, für Liebe, Freiheit und Toleranz auf die Strasse zu gehen [vergleiche den Coca-Cola-Slogan « ... geh für deine Träume auf die Strasse »; P.B.] und mit House- und Technomusik ein mitreisendes Glücksgefühl zu erleben. Auf dass Liebe, Freiheit und Toleranz rund um den Erdball, von China bis Downtown Switzerland, mehr Beachtung erhalten.» (Offizielle Homepage der Street Parade). Zwei Schweizer DJs haben angeblich in China erfolgreich «Party-Entwicklungshilfe» geleistet: von einem Lovemobile der Zürcher Street Parade wird via Satellit live ins chinesische Fernsehen übertragen!
Zbigniew Brzezinski schreibt in «Amerika - Die einzige Weltmacht», die « ...kulturelle Komponente der Weltmacht USA ... » (S. 46) sei oftmals unterschätzt worden. « Amerikas Massenkultur besitzt, besonders für die Jugendlichen in aller Welt, eine geradezu magnetische Anziehungskraft.» (S. 46) Brzezinski beschreibt nicht einfach nüchtern historische Entwicklungen aus der Beobachterposition, auch wenn er zuweilen wie ein harmloser Geschichtenerzähler auftritt; er ist seit Jahrzehnten ein Politstratege ersten Ranges. Was mit der Jugend in den letzten 30 Jahren geschehen ist, sei es im sogenannten kulturellen Bereich, mit Gewalt und Drogen oder mit dem Absinken des Bildungsniveaus und dem deutlichen Werteverlust, zufällig sind höchstens einige Ausdrucksformen ein und desselben Erscheinungsbildes: Viele emotionale, in Erziehung und Bildung zu vermittelnde Bindungen an sinngebende Werte werden von einer zur Grossindustrie ausgebauten Maschinerie zunehmend aus dem Weg geräumt. Die Kulturpanzer rollen seit vielen Jahren, und sie rollen weiter!
«Der massive, aber nicht greifbare Einfluss, den die USA durch die Beherrschung der weltweiten Kommunikationssysteme, der Unterhaltungsindustrie und der Massenkultur sowie durch die durchaus spürbare Schlagkraft seiner technologischen Überlegenheit und seiner weltweiten Militärpräsenz ausüben, verstärkt dieses Vorgehen noch.» (S. 46) Gemeint ist die Methode der Einbindung, wie sie als Vorgehen im politischen Geschehen überall zu beobachten ist, sei es in Form von militärischen sogenannten Partnerschaften (PfP; Partnership for Peace) oder staatlichen Verbindungen (z.B. EU). Und genau dies geschieht auch mit der Jugendkultur. Auf diese Weise ist Amerika schon seit Jahrzehnten bestrebt, auf allen Ebenen ein globales Ordnungssystem nach seinem Verständnis von «Freiheit», «Demokratie» und vor allem Macht zu schaffen, das aber nicht das unsere ist!
Braucht es für den aggressiven globalisierten Markt des 21. Jahrhunderts nur noch ein Heer von verdummten Konsumenten? In der Techno-Szene trifft der filzhaarige, kiffende Freak plötzlich auf den durchtrainierten, braungebrannten, gestylten Beau! Keine Pazifisten, keine «Systemgegner», kein Umweltschutz - alles neutralisiert, in die Mechanismen des Konsums integriert; wo die grosse «Techno-Liebesdemo» agiert, ist politische Auseinandersetzung und Diskussion totgehämmert! - «Fun (Freude) herrscht».
Zahllose unkritische, unpolitische und in zunehmendem Masse geistig und moralisch verwahrloste Menschen sind trauriges Zeugnis der Entwicklung der letzten drei Jahrzehnte. Viele Jugendliche können sich kaum noch an positiven Vorbildern und Idealen orientieren. Freiheit und Unabhängigkeit entstehen bekanntlich nicht durch das Aufbrechen der traditionellen Werte und durch das Aussteigen aus menschlichen Bezügen und schon gar nicht durch das Abheben in die Drogenlüge. Wahre Eigenständigkeit ist nur durch eine möglichst umfassende Bildung auf vernünftigen Grundlagen und in verlässlichen Beziehungen möglich. Es ist allen Plänen und «Erfolgen» der selbsternannten Kulturimperialisten zum Trotz auch heute noch möglich, jungen Menschen etwas Positives zu vermitteln und sie in einem konstruktiven Sinne zum Musizieren und Tanzen zu gewinnen. Auch die Popmusik bietet genügend Ansätze, an die man anknüpfen kann, man muss ihnen ihre Musik gar nicht wegnehmen, aber es gilt, bei der Jugend den Willen zu einer sinnvollen - und einer ureigenen - Lebensgestaltung zu stärken. Die Jugend aller Zeiten war fähig, Ideale zu entwickeln und daraus menschenwürdige Alternativen als Antwort auf die Gegenwartsprobleme aufzubauen. Unsere heutige junge Generation muss aber wissen, dass sie von vielen Seiten manipuliert wird, um in die geplanten gesellschaftlichen Strukturen zu passen und im üblen Spiel des globalen Marktes Mitläufer zu werden. Die meisten Jugendlichen sind auch heute in einem ehrlichen Dialog mit ehrlichen Erwachsenen in einem konstruktiven Sinne ansprechbar; die Verirrungen verlieren sich wieder, weil sie gar nicht den wirklichen Bedürfnissen der Jugendlichen entsprechen. Wir tragen die Verantwortung, dass ein brauchbares Fundament für die Zukunft entstehen kann!
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