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 Artikel 16 Zeit-Fragen Nr. 40 vom 8.10.2001

 Die Krisenregion in Zentralasien

von Dr. Niels Peter Ammitzboell, Zürich

Seit der Auflösung der Sowjetunion ist Zentralasien zunehmend in den Blick der Weltpolitik gerückt. Die fünf GUS-Republiken Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan, Kirgistan und Kasachstan sowie das autonome Gebiet Xinjiang in China gelten als Krisenregion. Die neuen Republiken sind wirtschaftlich und politisch instabil. Eigentlich könnten sie selbstbestimmte prosperierende Gemeinwesen sein.

Die geographische Lage macht Zentralasien zu einer besonderen Region. Sie ist Drehscheibe zwischen Ostasien und Europa, zwischen Russland und Südasien: Künftige verbindende Transportwege werden Zentralasien durchziehen. Die Region ist reich an Bodenschätzen, an Erdöl und Erdgas. Nicht nur amerikanische Geostrategen und Globalisierer konzentrierten sich in den vergangenen Jahren auf die zentralasiatische Region, zweifellos bekunden auch die unmittelbaren Nachbarstaaten Russland, China, der Iran, die Türkei, Indien und Pakistan vitale Interessen.

Die neue Republiken sind wirtschaftlich und politisch instabil. Durch landwirtschaftliche Monokultur - Erbe der sowjetischen Planwirtschaft - ist die Wirtschaft krisenanfällig. Die intensive künstliche Bewässerung der landwirtschaftlich genutzten Steppe hat verheerende ökologische Folgen. Grenz- und Wasserstreitigkeiten sind in dieser trockenen Region keine Bagatelle. Die Staaten ringen um Anteile des Kaspischen Meeres, um Fischerei usw. und darum, wer dominierend sei. Vielfach üben kommunistische Kader noch eine harte Diktatur aus. Seit dem Ende der Sowjetunion ist der Islam wieder zur dominierenden Kraft in der Bevölkerung geworden, besonders tatkräftig von der Türkei und Saudi-Arabien unterstützt. Tadschikistan hat schon einen 5jährigen Bürgerkrieg erlebt und hat heute eine starke islamische Oppositionsbewegung. In Usbekistan gibt es die bewaffnete Islamische Bewegung Usbekistans. Oppositionsbewegungen treten sehr oft in der Form religiös motivierter Opposition auf. Kulturelle und religiöse Komponenten der Konflikte werden aber nur in undifferenzierten und voreingenommenen Analysen als einzig ausschlaggebender Faktor in den Vordergrund geschoben. Vielmehr scheinen die fehlende politische Selbstbestimmung und wirtschaftliche Entwicklung Ursachen politischer Instabilität. Die zentralasiatische «Instabilität» muss gesamthaft erfasst werden, historisch, geopolitisch, politisch, wirtschaftlich, sozial und kulturell-religiös.

Ausbeutung der Ressourcen

Im Hinblick auf die Ressourcen Zentralasiens kommt den südlichen Nachbarn, dem Iran und Afghanistan, spezielle Bedeutung zu. Die Ausbeutung der Ressourcen ist abhängig von ungestörten Transportmöglichkeiten zu den Weltmeeren und nach Südasien, Pakistan und Indien. Die seit 1979 anhaltenden kriegerischen Auseinandersetzungen in Afghanistan dürften sich auch vor diesem Hintergrund abspielen.

Afghanistan

Zwischen 1956 und 1978 gaben sowohl die UdSSR als auch die USA Afghanistan massive Militärhilfe. Bis 1978 war Afghanistan durch einen toleranten Islam geeint. Nach der kommunistischen Machtergreifung 1978 orientierten wechselnde Regierungen sich nach Russland oder nach China. Die Landbevölkerung revoltierte gegen die kommunistische Herrschaft. Nach dem Einmarsch der Sowjetarmee im Dezember 1979 erlebte Afghanistan einen starken Widerstand der Mudschahedin. Während des Krieges flüchtete die afghanische Bevölkerung nach Pakistan. Sowohl in Afghanistan als auch in Pakistan leben heute noch mehrere Millionen Menschen in Lagern. Durch Kriege zerstört, ist Afghanistan ein mausarmes Land. Der Grossteil seiner Bewohner kann nur mit ausländischer Lebensmittelhilfe überleben.

Aus den Flüchtlingen rekrutierten die Mudschaheddin ihre Kämpfer. Sie wurden vom pakistanischen Militär und Geheimdienst ISI trainiert. Ein extremistischer Islamismus wurde aufgebaut, es ging gegen die «gottlosen Sowjets». Pakistans Geheimdienst und der CIA arbeiteten bei verdeckten Operationen zusammen, weitere Geldquellen waren Saudi-Arabien und Usama bin Ladin. Pakistan war stets von zentraler Bedeutung für die USA, zwischen ISI und dem CIA bestanden sehr gute Kontakte. Die Amerikaner gaben massive Finanzhilfe und Waffenlieferungen an die Freischärler. Verhindert werden musste, dass die UdSSR später einen Stützpunkt am Golf von Oman errichteten. Es gelang keine Eroberung des Landes, die sowjetischen Truppen bluteten aus, und im Februar 1989 mussten sie Afghanistan verlassen.

Die siegreichen Mudschahedin in Afghanistan verfielen sofort in gegenseitige Kämpfe für verschiedene «War-lords». Nach der Auflösung der Sowjetunion im Jahre 1991/92 einigte man sich von russischer und von amerikanischer Seite darauf, die jeweiligen kriegerischen Parteien nicht mehr zu unterstützen. In den Koranschulen in den Flüchtlingslagern in Pakistan wurden die Taliban aufgebaut - weiterhin mit verdeckter amerikanischer Unterstützung. 1994 traten sie in Erscheinung und eroberten Kandahar. Pakistanisches Militär räumte sofort die für Pakistan und die ganze Region (Zentralasien, Iran, Indien) wichtigen Strassen und Transportwege durch Afghanistan frei und half den Taliban gegen die «War-lords», die sich gegenseitig niedermetzelten, Strassensperren errichtet hatten und sich um die Aufteilung des Gebiets Kämpfe lieferten. 1996 wurde Kabul erobert. Viele Kommentatoren sahen in den Taliban eine Hoffnung, sie könnten in Afghanistan Ruhe herstellen.

Zentralasien mit seinen reichen Ressourcen an Öl und Gas ist jedoch der Brennpunkt: Zunächst sahen die Türkei und Israel ihre Interessen in Zentralasien bedroht. In vielen arabischen Staaten besteht eine starke Opposition gegen die USA und die von den USA unterstützten Regierungen dieser Staaten. Diese Bevölkerungsgruppen setzen ihre Hoffnung auf den Irak, Syrien, Libyen und auf das von den Taliban regierte Afghanistan. Es war zu befürchten, dass der radikale Islam sich stärker noch als bisher gegen eine westliche Hegemonie richtet. Die USA entzogen den Taliban ihre Unterstützung, enge US-Verbündete wie Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate jedoch anerkennen die Regierung in Kabul.

Russland

Russland ist seit 1996 wegen eines Übergreifens der Kämpfe in Afghanistan auf die GUS-Staaten und Russland selbst besorgt. Die Nordallianz, die zwei Provinzen kontrolliert, war und ist ein russischer Verbündeter.

Vor einem Jahr äusserten sich Präsident Putin und seine Verteidigungs- und Aussenminister über die von ihnen empfundene Bedrohung der Sicherheit Russlands etwa in dem Sinn: Die hauptsächliche Bedrohung des 21. Jahrhunderts seien religiöser und nationalistischer Extremismus und internationaler Terrorismus. Es gebe einen Bogen der Instabilität von den Philippinen bis Kosovo. Hauptursache sei der islamische Extremismus, organisatorisch verkörpert in der Internationalen Islamischen Front unter der Führung des notorischen Terroristen Nr. 1 der Welt, Usama bin Ladin. Von Afghanistan würde der Kampf nach Zentralasien, Tschetschenien, in den Balkan und nach Xinjiang exportiert. In Trainingslagern in Afghanistan würden Tschetschenen, Uiguren, Usbeken und Tadschiken ausgebildet. Diese seien eine Bedrohung für Zentralasien und die territoriale Integrität Russlands. Im Kampf gegen diese Bedrohung verdiene Russland die Unterstützung der internationalen Staatengemeinschaft. Alle Staaten der Welt müssten im Kampf gegen den internationalen Terrorismus zusammenarbeiten.

China und die zentralasiatischen Republiken ausser Turkmenistan teilen diese Sichtweise. Seit einiger Zeit rücken die zentralasiatischen GUS-Staaten näher und enger mit Russland zusammen. Das Bedrohungsszenario führt zur Aufstellung von schnellen Eingreiftruppen und gemeinsamen Behörden für Terrorismusbekämpfung.

Zentralasien und der Westen

Wenn es gelingen würde, nationalistische Gruppen und oppositionelle Bewegungen in Russlands Interessensphäre auszuschalten, die sich gegen eine Einverleibung russischer Energiequellen und der Energiequellen in den GUS-Staaten durch Amerika oder die EU wehren, hätte dies für Russlands Machtelite Vorteile. Die hungrige, kranke und arme Bevölkerung Russlands und der GUS-Staaten darf nicht an Selbstbestimmung denken. Man möchte die Macht der Zentralregierung in Moskau sowie der zentralasiatischen Diktatoren mit einer Art Grabesruhe erkaufen. Russlands Staatshaushalt erholt sich wegen steigender Einnahmen aus dem Erdöl- und Erdgasgeschäft zusehends. Dies soll weiter ausgebaut werden. Russland und Westeuropa brauchen eine Energiepartnerschaft, so EU-Kommissionspräsident Romano Prodi und Vladimir Putin am 17. Mai. Europäische Firmen seien dazu aufgerufen, in die russischen Förderanlagen zu investieren.

Viele Länder Europas stellen in der Energieversorgung auf Erdgas um, z. B. Deutschland und Polen. Geschätzt wird, dass sich der Gasanteil am Energieverbrauch in Europa bis 2020 auf 62 Prozent verdoppeln wird. Davon wird Russland über zwei Drittel liefern. Aber auch die Türkei und Staaten, die heute erst ihre Infrastruktur aufbauen, bauen auf Gas statt Öl. In Turkmenistan sind grosse Gasvorkommen, die für die Türkei, Indien und China wichtig sind. Der Transport nach Europa ist aber bei den heutigen Weltmarktpreisen zu teuer.

Der Iran, Afghanistan und die Pipelines

Ein Vorstoss von Präsident Bush, die Beziehungen zum Iran zu normalisieren, wurde kürzlich im amerikanischen Parlament abgelehnt. Mit der Aufhebung der Sanktionen gegen den Iran wäre das Energieproblem für Amerika gelöst: Die wirtschaftlich rentierenden Pipelines zur Nutzung des zentralasiatischen Öls könnten gebaut werden. Diese würden durch den Iran und die Westprovinzen Afghanistans zum Meer verlaufen. In Planung ist eine Pipeline von Tengis in Kasachstan durch Turkmenistan und den Iran an den Persischen Golf. Eine weitere Pipeline ist geplant von Tschardschou in Turkmenistan nach Gwadar am Golf von Oman und durchquert Afghanistan. Eine existierende Gaspipeline führt von Turkmenistan über Almaty (Alma-Ata) nach Xinjiang in China. Eine Gaspipeline ist von Turkmenistan über Kandahar in Afghanistan und Multan nach Delhi geplant.

Zentralasien wird nicht so schnell zur Ruhe kommen

Zentralasien als Krisenregion wird nicht so schnell zur Ruhe kommen. Sowohl gegenläufige wie gemeinsame Interessen der Grossmächte finden sich hier kristallisiert. Das genuine Interesse von USA könnte es sein, den Iran in die westliche Allianz einzubinden. Die Kontrolle in dieser Region wird wahrscheinlich auch nur im Schulterschluss der USA und der EU mit Russland und den zentralasiatischen Diktatoren möglich sein &endash; die Entwicklung zeichnet sich seit einiger Zeit ab. Instabil bleibt die Region aber weiterhin, weil die Herrschaft und die geplante Ausbeutung der natürlichen Ressourcen nicht der Bevölkerung, sondern Macht-, Geld- und Kolonialinteressen dienen.

Die zentralasiatischen Völker müssen nach langer russischer und sowjetischer Fremd- und Willkürherrschaft und Krieg wirkliche Selbstbestimmung erlangen. Die Region hätte das Potential für Prosperität und Wohlstand der Bevölkerung, könnte sie über die Entwicklung ihres Gemeinwesens und ihrer Wirtschaft selbst entscheiden. Voraussetzung wäre eine faire Eingliederung in die Weltwirtschaft, wo die Erträge aus der Nutzung der Naturressourcen und der Transportkorridore gerecht aufgeteilt werden und der Region zugute kommen würden. Die wirtschaftliche Prosperität entlang der alten Seidenstrasse spiegelte sich in den Handels- und Kulturstädten Zentralasiens.

Zbigniew Brzezinski hat die an Bodenschätzen, Erdöl und Erdgas reiche Region als ökonomisches Filetstück bezeichnet. Er bekundete in seinem Buch «Die einzige Weltmacht» auch deutlich, dass das Grosskapital gewillt ist, das Machtvakuum dieser Region auszunützen: Dank des Erdöls und des Erdgases hat die Region sehr hohe Priorität für die USA und die EU. Aber Frieden wird so nicht entstehen.

Vortrag, gehalten am IX. Kongress «Mut zur Ethik», 31.8.&endash;2.9.2001, in Feldkirch, Vorarlberg

Artikel 16: Zeit-Fragen Nr.40 vom 8.10.2001, letzte Änderung am 9.10.2001

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