Artikel 6: Zeit-Fragen Nr. 43 vom 29.10.2001
Nach einer Forsa-Umfrage die im Auftrag der Zeitung «Die Woche» erhoben wurde, treten 55 Prozent der deutschen Bevölkerung für einen eigenständigen Kurs der Bundesregierung gegenüber den USA im Kampf gegen den Terror ein. 69 Prozent unterstützen die Forderung von Grünen und Hilfsorganisationen, die Angriffe gegen das Taliban-Regime und die Terrororganisation von Usama Bin Laden zu unterbrechen, um Flüchtlinge und Hungernde zu versorgen.
Nur 41 Prozent der 1013 Befragten teilen die Meinung von Gerhard Schröder, Deutschland müsse «uneingeschränkt solidarisch» mit den USA sein. 60 Prozent sind der Zeitung zufolge dagegen, dass sich deutsche Soldaten am Bodenkrieg in Afghanistan beteiligen.
Die Forderung nach einer Feuerpause in Afghanistan wird der Umfrage zufolge nicht nur von Anhängern der Grünen und der PDS, sondern auch von denen der SPD, der CDU/CSU und der FDP mehrheitlich unterstützt! Einen Einsatz deutscher Soldaten im Bodenkrieg in Afghanistan lehne ebenfalls die Mehrheit der Anhänger aller Parteien ab. Einen eigenständigeren Kurs der Bundesregierung im Kampf gegen den Terror verlangten vor allem die Anhänger von PDS und Grünen, aber auch die Mehrheit der SPD- und der FDP-Wähler. 43 Prozent seien der Meinung, dass auch Verhandlungen mit dem Taliban-Regime sinnvoll seien. 71 Prozent fordern dagegen, ihn lebend zu fassen und vor Gericht zu stellen.
Quelle: Die Woche Nr. 43/2001
* * *
rp. Die Zahlen sind deutlich, obwohl es sich um eine der vielen Erhebungen handelt, deren genaue Fragestellung nicht bekannt ist und deren Befragungsmethoden noch nebulöser sind. Dem unbefangenen Bürger fällt schon länger auf, dass die öffentliche Meinung, die man im Kaufhaus, auf der Strasse oder im Stammlokal erfährt, sehr wenig mit der veröffentlichten Meinung in den Medien gemein hat. Der deutschen Bevölkerung sitzt die Erfahrung von zwei Weltkriegen, von Vertreibung, Flucht und Hunger noch tief in den Knochen. Das können selbst Umfragen nicht verheimlichen.
uc. Donnerstag, den 9. Oktober, um 9 Uhr hatten sich in Sienas Altstadt bereits einige hundert Mittelschüler und Studenten angesammelt. Sie kamen aus allen Richtungen. Irgend etwas war im Gang. War man in dieser Stadt noch sicher? Allmählich formierte sich ein langer Zug. Die jungen Leute marschierten laut und fröhlich, Schultaschen am Rücken, zum Teil mit weissen Stirnbändern, mit Transparenten und Trillerpfeifen, durch die altehrwürdigen Gassen. Sie waren schon von weitem zu hören. Unvermittelt rannten alle eine steile Gasse hinunter in den Campo del Palio hinein, der muschelförmig aufsteigenden Piazza vor dem Rathaus mit seinem hohen Turm. Wie gebannt verfolgten Einheimische und Touristen diesen brodelnden Menschenstrom, der schliesslich unten vor dem Rathaus zum Stillstand kam.
Bald sassen alle klatschend und pfeifend am Boden. Kurz darauf kamen sie wieder in Bewegung. Sie bildeten eine platzumspannende Menschenkette als Ausdruck ihrer Forderung nach Frieden.
Ignazio Martillucci, Hauptinitiant der Friedenskundgebung: «Wir Studenten der UDS verlangen von der Regierung Berlusconi das Einhalten von Artikel 11 der italienischen Verfassung. Das heisst, dass die italienische Regierung ihre Soldaten nur im Verteidigungsfall entsenden darf. Wir fordern zudem eine Stellungnahme unserer Regierung zu Artikel 5 der internationalen Vereinbarung der Nato, die bestimmt, dass Streitkräfte von Nato-Mitgliedsstaaten mit den USA in den Krieg ziehen müssen.»
Martillucci, der sich für Geschichte und Philosophie und die Friedensbewegung von Gandhi interessiert, ist sicher: «Der Krieg ist nicht nur ein Verstoss gegen die Verfassung, sondern auch gegen die Menschlichkeit.»
Das Leid, das Krieg den Menschen bringt, konnte man von den Gesichtern einer kleinen Gruppe von vielleicht 20 bis 30 einfachen älteren Männern und Frauen ablesen. Etwas abseits standen sie eng beieinander. Einer von ihnen hielt einen weissen Ballon mit der Aufschrift «Pace». Ernst und schweigend und irgendwie verzweifelt. Grosseltern, die den letzten Weltkrieg mit all seinen menschlichen Tragödien miterlebt haben.
Nach der Friedenskundgebung geht es für Ignazio Martillucci, Caterina Marchitti und andere gleich weiter. Am Nachmittag und in den nächsten Tagen folgen verschiedene Konferenzen und Gespräche ihrer Studentenorganisation mit dem ehemaligen Bürgermeister von Siena, mit Vertretern aus der Wirtschaft, mit Vertretern verschiedener Religionen.
Martillucci: «Wir hoffen, dass man unsere Stimme hört und sie nicht in der Wüste verhallt».
Das Nato-Bündnis erweist sich aufgrund der veränderten Doktrin von einem Verteidigungsbündnis zu einem Angriffsbündnis jetzt als Todesfalle. Die Politiker tragen die Verantwortung für ihre Länder. Wo sind die Politiker, die ihre Länder und ihre Mitbürger nicht der amerikanischen Machtpolitik der einzigen Weltmacht und der globalisierten Hochfinanz verkaufen und sie verraten?
Immer mehr Bürger durchschauen das und merken, dass man da nicht mehr länger zuschauen darf.
Diese Studentenkundgebung ist eine von vielen, die in diesen Tagen in ganz Italien stattfinden werden. Sie macht deutlich, dass die Menschen keinen Krieg wollen.
Kontaktadresse: UDS, Via Cecco Angiolieri 33 53100 Siena, Italien Tel. 0039 0577 40055 e-mail: udsiena@hotmail.com
er. In der SPD-Fraktion wächst der Unmut über die amerikanischen Angriffe auf Afghanistan. Die Abgeordnete Gudrun Roos bezeichnete es als «unglaublich», dass Moscheen, Kliniken und sogar das IKRK-Lager bombadiert werden. Es sei menschenverachtend, wenn die Angriffe fortgesetzt werden, obwohl eine Feuerpause zur Versorgung der Flüchtlinge dringend nötig sei. Ähnlich äusserten sich der Vize-Chef der SPD-Programmkommission, Reinhard Klimmt, der Vize-Chef der SPD-Fraktion Michael Müller und der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Reinhard Höppner.
Die Grünen im Europa-Paparlament haben am Donnerstag eine Kampfpause in Afghanistan verlangt. Bei einem Klausurtreffen in Brügge forderten sie den am Freitag in Gent tagenden informellen Rat der Staats- und Regierungschefs der EU auf, einen entsprechenden Appell an US-Präsident George W. Bush zu richten. Es müsse endlich auf die Hilfsorganisationen gehört werden, die wie UN-Menschenrechtskommissarin Mary Robinson eine Aussetzung der Luftangriffe verlangten.
«Vor Beginn des Winters müssen Nahrungsmittel in grossem Umfang ins Land gebracht werden, was nur möglich ist, wenn die militärischen Aktionen eingestellt werden», sagte die Sprecherin der Grünen im Europa-Parlament, Heidi Hautala.
Quelle: Frankfurter Rundschau vom 19.10.2001
Zum Artikel-Anfang: auf den roten Balken
klicken!
©
Zeit-Fragen 2001, Redaktion
und Verlag, Postfach, CH-8044 Zürich,
Tel. +41-1-350 65 50, Fax +41-1-350 65 51 http://www.zeit-fragen.ch
home | Über Zeit-Fragen | Leserdienst | Links | Archiv | Thmen | Artikel 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7| 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20 | 21 | 22