Artikel 16 Zeit-Fragen Nr. 43 vom 29.10.2001
Schweiz
Aufmerksame Konsumenten haben es schon längst registriert: Diverse Lebensmittelpreise sind in den letzten Monaten markant gestiegen. Und das, obwohl die einheimische Landwirtschaft in den letzten Jahren noch nie so wenig für ihre Produkte löste wie heute. Mit anderen Worten: Sämtliche Preiserhöhungen resultieren ausschliesslich aus der Margenmaximierung von Verarbeitern und Grossverteilern. Einige wenige Beispiele mögen das illustrieren:
Der Produzentenpreis für Rindfleisch ist dieses Jahr auf einem Rekordtief von Fr. 6.80 pro Kilo Lebendgewicht angelangt. Die Marge der Verarbeiter und Verkäufer jedoch erreichte den Höchststand seit 111/2 Jahren, nämlich Fr. 9.20 pro Kilo Schlachtgewicht. Allein innert Jahresfrist stieg die Marge um Fr. 1.50! In Vergleich beträgt der Anteil der Landwirte am Konsumentenfranken beim Frischfleisch heute noch 41 Prozent, im Jahre 1993 waren es 65 Prozent.
Stolze Preise realisierten die Grossverteiler beim Verkauf einheimischer Gravensteiner Äpfel: Migros verkaufte 1. Klasse-Gravensteiner für Fr. 3.50 pro Kilo; Coop realisierte sogar Fr. 3.90 pro Kilo. Der Produzentenpreis lag bei Fr. 1.60 für die 1. Klasse. Für die 2. Klasse löste der Produzent 80 Rappen pro Kilo. Bei Migros beispielsweise kostete das Kilo in 21/2 Kilo-Säcken abgefüllt Fr. 2.68. Dabei ist zu berücksichtigen, dass es sich bei der Sorte Gravensteiner um einen Apfel für den Frischkonsum handelt, so dass keine hohen Lagerkosten anfallen.
Laut Aussage eines Eierhändlers kaufte er in der Sommerferienzeit Bio-Freilandeier von den Produzenten für 23 Rappen das Stück, also weit unter den Entstehungskosten. In diesem Marktsegment hat die Taktik der Eiergrossisten zu einem fragwürdigen Erfolg geführt: Es wurden so lange neue Bio-Eierproduzenten angeworben, bis der Markt übersättigt war und der Produzentenpreis in den Keller sackte. Es trat die Situation ein, die auf dem schmalen Biomarkt mit nur 4 bis 5 Prozent des gesamten Lebensmittelumsatzes generell angestrebt wird. Anders sieht die Sache auf dem Verkaufssektor aus: Migros beispielsweise verkauft zurzeit Bio-Freilandeier in Viererpackungen für 80 Rappen das Stück!
Konsumenten wie Produzenten sind aufgerufen, aus den wenigen genannten Beispielen die Konsequenzen zu ziehen. Die zurückliegenden Lebensmittelskandale, gepaart mit der heute weltweit instabilen politischen Lage, bestätigen Konsumenten und Bauern, dass es die naturnah produzierende und in punkto Lebensmittelsicherheit unübertroffene einheimische Landwirtschaft sehr wohl braucht. Das Gebot der Stunde heisst: Näher zusammenrücken und gemeinsam kämpfen für faire Nahrungsmittelpreise.
Gerade diesen Herbst lohnt es sich für die Konsumenten, auf den Bauernhöfen mit Direktvermarktung Umschau zu halten. Wo sonst können sie bei günstigen Preisen für die Produkte - gleichsam als Gratiszugabe - Einsicht nehmen in die Produktionsweise? Wie, von wem und in welchem Geiste Nahrungsmittel produziert werden, darf dem Verbraucher nicht gleichgültig sein. Denn gute Lebensmittel sind zugleich vorbeugende Medizin.
Verschiedene Hausaufgaben müssen von der bäuerlichen Basis in den nächsten Monaten und Jahren erledigt werden. Ein erster Schritt ist, mit den Grossverteilern knallharte Verhandlungen zu führen, um die überhöhten Margen zu senken. Generell muss durchgesetzt werden, dass Preisnachlasse der Landwirtschaft in Zukunft ungeschmälert den Geldbeutel der Konsumenten entlasten. Längerfristig gilt es für die Urproduktion wenigstens einen Teil des Marktes zurückzuerobern. Nur so kann die Wertschöpfung der Betriebe spürbar steigen und anschliessend stabilisiert werden. Denkbar sind beispielsweise die Übernahme von Schlachthöfen, der weitere Ausbau der Selbstvermarktung auf Bauernbetrieben, aber auch Direktvermarktungsformen, von denen die Konsumenten in Ballungszentren profitieren.
Der erste lebt im Baskenland,
den drückt die EU an die Wand.
Die ETA nahm die Belange in die Hand,
doch leider ist sie militant.
Der zweite in Andalusien mit Obstbaumkultur,
wurde von einem Holländer gepachtet -
wegen des Flächennachweis' nur.
Dort wird nun Fleisch produziert auf Teufel komm raus,
er fährt jetzt mit 150-PS-Traktoren um sein Haus.
Der dritte im Allgäu, im schönen Alpenland,
melkte Kühe und bewirtschaftete das Land.
Schulte um zum Gästewirt
und spielt nun den Touristenhirt.
Dem vierten im Rothaargebirge auf einem Flecken Erde
bereitet die Molkerei grosse Beschwerde.
Weil mit 300 Litern Milch am Tag zu klein,
zieht sie 2 Pfennig Erfassungskosten ein.
Der fünfte, ein Obstbauer im Vinschgau, südliche Alpen,
kaufte eine neue Obstsorte, ums Feld zu gestalten.
Auf dem Markt kann er sich nun nicht mehr zeigen,
das Erntegut bleibt aufgrund Patent dem Konzern eigen.
Der sechste in Schottland, dort fast bei allen,
wurden Kühe von BSE befallen.
Sein Bestand wurde gekeult, einfach umgebracht,
das tat er auch mit sich in einer Nacht.
Der siebte in der Normandie - gar nicht gross,
hatte einen Nachbarn, der fand im Viehhandel sein Los.
Hat dabei MKS eingeschleppt
dem Bauern seine Herde wurde verbrannt -
an Ort und Stelle zugedeckt «mit Heimatland».
Der achte im Odenwald hatte zwei Söhne,
die machten in der Industrie Spitzenlöhne.
Fruchtbares Land zu bewirtschaften bekam keiner Lust,
er wurde 60 und machte dann mit allem Schluss.
Der neunte in Bayern stellte sich lange eine Frage,
was er wohl tun soll in seiner Lage.
Das Thema war: «wachsen oder weichen»,
er besorgte sich Geld, wurde einer von den Reichen.
Baute einen Stall für 150 Küh'
jetzt mit 40 sind die Bandscheiben kaputt samt den Knie.
Der zehnte in Niedersachsen - wollte auch nur wachsen,
betreibt auf seinem Hof eine grosse Putenmast;
bekommt seitdem Küken, Fertigfutter und den Arzt verpasst.
In der Werbung zeigt man Tiernähe, hält Küken in den Händen.
Der kritische Blick verliert sich - wir sind ja Gutfried-Konsumenten.
Das alles geschieht im vereinigten Euroland,
zu verantworten haben es Politik und Verband.
Auch die Lebensmittelindustrie trägt grosse Schuld,
hat uns Verbraucher verwöhnt und genommen die Geduld,
die unsere Nahrungsmittel bräuchten in der Natur,
mit Lichtprogrammen und Leistungsfutter pur.
Wir können alles kaufen, ob Sommer- oder Winterzeit,
es liegt in Kaufläden stets für uns bereit.
Hergestellt, ausgewählt und kontrolliert für ...
bringt es der Heimservice sogar an die Tür.
Die Bauern sind tot;
schon lange, bevor sie sterben.
Deswegen gibt es nichts mehr zu erben.
Was für Kinder und Enkel übrigbleibt,
ist eine Zukunft, die zum Himmel schreit.
Drum seid gescheit, gebraucht euren Verstand -
uns hilft nur noch die Liebe zum Land!
RME - Aus Liebe zum Land
Regionale Marktprodukte aus Erzeugerhand.
Quelle: www.rme-logistic.org
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