home | Über Zeit-Fragen | Leserdienst | Links | Archiv | Themen | Artikel 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7| 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20 | 21 | 22 [Zeit-Fragen Banner (2 K)] Artikel 20: Zeit-Fragen Nr. 46 vom 19.11.2001 Was alles zu Beweisen werden kann ... (II) Eine Dokumentation* von Aussagen in den Medien zum Terroranschlag in den USA * Ich möchte alle Leser um Anregungen und Kritiken, vor allem aber um Informationen über weitere Artikel, Agenturmeldungen, Fernseh- oder Radiosendungen u.ä. bitten. Über email an UweGalle@gmx.de oder über Fax an (030)484983041. Der Fall des verhafteten Kaplan-Vertrauten Harun Aydin Üppige Funde von Beweisstücken gab es aber nicht nur im Fall des Bostoner Mietwagens. Am 21.10. wurde auf dem Frankfurter Flughafen Harun Aydin, ein enger Mitarbeiter von Metin Kaplan, des so genannten Kalifen von Köln, festgenommen: “Bei der Kontrolle seines Gepäcks fanden Sicherheitsbeamte laut Bundesanwaltschaft einen ABC-Schutzanzug, Materialien zur Herstellung eines Sprengsatz-Zünders und Tarnkleidung. Zudem führte Aydin .... eine CD-Rom mit einem Ausbildungsprogramm für “Gotteskrieger³ mit, die detaillierte Anweisungen für den Kampf im “Heiligen Krieg³ enthielt. Bei einigen der Fundstücke handelte es sich laut Bundeskriminalamt um eine typische Ausrüstung eines ’Schläfers¹.³ [1] Neben dem SPIEGEL nannten auch n-tv und Spiegel-Online außerdem einen Kampfanzug, eine Sturmhaube und einen Abschiedsbrief. [2] Die FAZ ergänzte diese Liste noch einmal mit einem elektronischen Chiffriergerät. [3] Im Gegensatz zur FAZ ließ die Süddeutsche Zeitung am Tag der Verhaftung ihre Leser wissen, dass der Anwalt des Verhafteten angab, sein Mandant wollte nur bei der Vorbereitung einer Büchermesse helfen. Er sei “eher ängstlich³ und “garantiert kein Schläfer-Typ³, der zu einem Selbstmordattentat fähig sei. Das Gepäck sei ihm von einem anderen Passagier untergeschoben worden. Außerdem sei er im Besitz eines Rückreisetickets nach Deutschland. Eine Woche später konnte man in der Süddeutschen Zeitung lesen, dass Aydin wieder auf freiem Fuß ist. [4] Die Ermittlungen hätten keinen dringenden Tatverdacht ergeben. Der Haftbefehl wurde ohne Auflagen aufgehoben, die Ermittlungen gegen Aydin dauern aber wegen Verdachts auf Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung an. Einen Tag nach dieser Mitteilung kam Aydins Anwalt Michael Murat Sertsöz zu Wort. “’Mein Mandant ist Opfer der momentanen Hysterie geworden¹ ... Sowohl die Sicherheitsbeamten als auch die zunächst zuständige Staatsanwaltschaft in Frankfurt hätten ’peinliche Fehler¹ begangen. Er behalte sich vor, Rechtsmittel gegen das Vorgehen der Behörden einzulegen.³ Was dann zu lesen war, ist nur schwer zu glauben. Irgendwie musste man erklären, woher all die martialischen Fundstücke kamen: “Generalbundesanwalt Kay Nehm teilte nun mit, dass sich die Verdachtsmomente nicht haben aufrechterhalten lassen. Wie es hieß, seien die meisten sichergestellten Gegenstände harmlos gewesen. Der mutmaßliche ’Sprengsatz-Zünder¹ soll ein Glücksbringer gewesen sein. Bei dem vermeintlichen ABC-Schutzanzug handelte es sich um ein Regen-Cape. Ein zunächst als Abschiedsbrief identifiziertes Schreiben entpuppte sich als Liebesbrief. ’Die Indizienkette hat sich aufgelöst wie Sand, der durch die Hände läuft¹, sagte Sertsöz. Auch auf der sichergestellten CD-Rom befanden sich nach Angaben Sertsözs Bilder vom Tschetschenien-Krieg, die den ’eher schüchternen¹ Aydin fasziniert hätten. ’Es ist nicht strafbar, so etwas zu besitzen¹, sagte der Anwalt.³ [5] Die Version der Verwechslung der Gegenstände wegen der momentanen Hysterie mag man glauben, weil sie nach dem SZ-Bericht vom Anwalt des Beschuldigten stammt. Diese Version bedeutet aber auch, dass der Anwalt bei der Verhaftung seines Mandanten gelogen hatte, denn er hatte bei der Verhaftung behauptet, dass das Gepäck mit den belastenden Gegenständen seinem Mandanten von einem anderen Passagier untergeschoben wurde. Nach dieser Behauptung wäre es irrelevant gewesen, um welche Gegenstände es sich gehandelt hatte, da sie in diesem Fall ohnehin nicht dem Verhafteten gehört hätten. Gerade in einer Atmosphäre der Hysterie wäre so eine Lüge sehr gefährlich für den Verhafteten gewesen, der Anwalt hätte bei einer Lüge die Glaubwürdigkeit seines Mandanten sehr fahrlässig aufs Spiel gesetzt. Man kann sich aber auch fragen, ob Beamte solche Gegenstände wirklich nicht unterscheiden können und ob der Anwalt anfangs vielleicht die Wahrheit gesagt hat. Diese Frage hätte zur nächsten Frage geführt, wer diese Person gewesen sein könnte, die das Gepäck Aydin möglicherweise untergeschoben hat. Die Frage nach dieser möglichen Person war in Deutschland gerade Anfang November für die Regierung besonders gefährlich, wollte Innenminister Otto Schily doch am 7.11. ein umfangreiches Gesetzespaket zur “inneren Sicherheit³ verabschieden, nach dem auch Geheimdienste umfangreiche Vollmachten erhalten sollten. Die Frage nach einer Person, die Aydin das Gepäck möglicherweise untergeschoben hat, hätte auch oder vielmehr vor allem die Geheimdienste nicht verschont. Der Anwalt des Verhafteten kann sich durchaus mit der Staatsanwaltschaft auf eine Darstellung geeinigt haben, denn die Nähe zu Metin Kaplan, der wegen Aufruf zum Mord verurteilt ist, ist für Harun Aydin gefährlich und lässt kooperatives Verhalten als geboten erscheinen. Die Vorstellung dieser Möglichkeit ist zum einen begründet und erfordert zum anderen immer noch weniger Fantasie als zur Verwechslung eines Regen-Capes mit einem ABC-Schutzanzug. Der Fall des Lased Ben Heni Eine Nummer der besonderen Art ist der Fall des Libyers Lased Ben Heni, der in München nach einem Festnahmeersuchen der italienischen Polizei verhaftet wurde. Die Süddeutsche Zeitung begann ihren Bericht vom 12.10. über die Verhaftung Ben Henis mit den folgenden Sätzen: “Der Haftbefehl, den die Italiener nach München schickten, ist ganze sechs Seiten lang. Und das, was dem Gesuchten konkret vorgeworfen wird, bringt selbst eifrige Polizisten höchstens zum Gähnen: Der Mann soll geholfen haben, Urkunden zu fälschen, er habe Menschen von der Schweiz nach Italien geschleust und sich außerdem illegal in Italien aufgehalten.³ Der Eindruck eines Kleinkriminellen täuscht aber: “’Ein Top-Terrorist¹, sagen deutsche Sicherheitsexperten, die in engem Kontakt zu den Italienern stehen. ’Auf jeden Fall kein kleiner Fisch¹, bestätigt Heinz Haumer, Präsident des bayerischen Landeskriminalamtes.³ [6] In Italien gab es offenbar einen umfangreicheren Haftbefehl, der aber eine ganze Gruppe umfassen muss. Spiegel-Online schrieb am 10.10.: “Nach Angaben der italienischen Justiz gilt der in Deutschland Festgenommene, ein Libyer, als Anführer der Gruppe. Er hat einem 50 Seiten starken Haftbefehl zufolge direkten Kontakt mit Bin Laden unterhalten. Ein fünfter Mann, der bereits vorher inhaftiert wurde, wird den Angaben zufolge zusammen mit den anderen vier Männern des Waffen- und Sprengstoffschmuggels beschuldigt.³ [7] DER SPIEGEL erweiterte dann am 15.10. die Vorwürfe gegen Heni um den Vorwurf des Handels mit chemischen Kampfstoffen: “Laut Haftbefehl hatte Bin Heni unter anderem einer italienischen Schleuserbande dabei geholfen, Ausländer von Deutschland über die Schweiz nach Italien zu schmuggeln. Weiterer Vorwurf: Handel mit Sprengstoff, Waffen und chemischen Kampfstoffen, Urkundenfälschung.³ [8] Am 12.10 berichtete die Süddeutsche Zeitung auch über die Durchsuchung der Wohnung Ben Henis am 4. April diesen Jahres. 20 kg Sprengstoff sollen gefunden worden sein. Nachdem noch einmal gesagt wurde, dass die Ermittler auch das Zimmer Ben Henis auf den Kopf gestellt hatten, wurde festgestellt: “Doch die Schriftstücke, die die Polizei in der Münchner Wohnung fand, reichten nicht für einen dringenden Verdacht.³ Wieso die 20 kg Sprengstoff nicht für einen dringenden Verdacht reichten, wurde nicht verraten, es sieht danach aus, als könnte man den Sprengstoff entgegen dem Eindruck, den der Artikel erweckt, nicht Heni zuschreiben. Sozialwohnung in München trotz eigener Wohnung in Italien Die folgenden Informationen über Henis Wohnverhältnisse erscheinen nur so lange unwichtig, solange man glaubt, Heni hätte nur in München eine Wohnung gehabt: Im Dezember 2000 erhielt er eine Aufenthaltsbefugnis für München. Als er vor drei Monaten vom Sozialamt in das Mehrbettzimmer einer Pension eingewiesen wurde, protestierte er. Doch das gewünschte Einzelzimmer wurde ihm verweigert. Dafür hätte er ein Gebrechen oder eine Krankheit nachweisen müssen, was er offenbar nicht tat. Seine Miete wurde also vom Sozialamt bezahlt. [9] Heni musste offensichtlich gegen seinen Willen in ein Zimmer ziehen, dass er mit drei Mitbewohnern zu teilen hatte. Das Haus muss darüber hinaus in einem erbärmlichen Zustand sein: Es wurde als schmuddelig graues Gebäude beschrieben, in dessen Fluren es nach Essen, abgestandener Luft und Urin riecht. In einem weiteren Artikel der Süddeutschen Zeitung vom 12.10. erfuhr man dann das, was einem schon die BILD-Zeitung auf der Straße entgegengeschrien hatte: In abgehörten Gesprächen war von Giftfässern und Tomatendosen die Rede, in letzteren sollte ein Atemgift transportiert werden. Eine männliche Stimme von einem Tonband verbreitete sich darüber, wie das alles zu bewerkstelligen sei. In dem Artikel heisst es weiter: “Die Stimme gehört zu Lased Ben Heni, dem in München festgenommenen Libyer, der zum Terrornetz von Osama bin Laden gehören soll. In seiner Wohnung in Galarate bei Varese in Norditalien hatten Sicherheitskräfte monatelang einen Mikrospion platziert. Was sie dabei an Informationen aufnahmen, führte nun zu den Festnahmen.³ [10] Das war verblüffend: Ben Heni hatte eine Wohnung in Norditalien, zog dennoch gegen seinen Willen in ein Zimmer mit drei anderen Mitbewohnern in einem schmuddeligen und stinkenden Haus und ließ die Miete von der Stadt München bezahlen. Am nächsten Tag (13.10.) berichtete die Süddeutsche Zeitung: “Die in Mailand ausgehobene Gruppe islamistischer Extremisten, zu der auch der Münchner Verdächtige Lased Ben Heni gehört, ist nach Ansicht hoher deutscher Sicherheitskreise nicht zu großen strategischen Attentaten fähig. Berichten aus Italien, wonach die Islamisten einen großen Giftgasanschlag geplant hätten, stehen die Behörden skeptisch gegenüber.³ Die Leute seien zwar “brandgefährlich³, hätten nach aktuellen Erkenntnissen aber keine direkte Beziehung zu dem Moslemextremisten Osama bin Laden. [11] Desinformation vermutet, Herkunft der Abhörprotokolle unklar Spiegel-Online hatte drei Tage vorher (10.10.) anhand von abgehörten Telefongesprächen ­ hier ging es also nicht um Aufzeichnungen über einen Mikrospion ­ von ganz anderen Dingen gewusst: “Zwischen März und April hätten die Ermittler mehrere Telefonate zwischen dem Libyer und Bin Laden aufgezeichnet. In den Gesprächen sei es auch um Waffenlager in Höhlen in Afghanistan gegangen. In dem Land hält sich Bin Laden auf. In einigen Telefonaten sei auch ein bevorstehender Anschlag zur Sprache gekommen. ’Bald wird etwas Großes geschehen¹, zitierte ein Justizvertreter aus den Aufzeichnungen.³ [12] In dem Artikel der Süddeutschen Zeitung vom 13.10. las man dann: “Sehr erstaunt zeigen sich Sicherheitsfachleute über die in Italien veröffentlichten Mitschriften von abgehörten Telefongesprächen der Extremisten. ’Eine TÜ (Telefonüberwachung), in der genaue Befehlsstrukturen deutlich werden, in der sich Attentäter völlig unverschlüsselt über ihre Pläne unterhalten, ist ein sehr, sehr ungewöhnlicher Vorgang¹, sagt ein Fahnder. Die Italiener hatten Protokolle veröffentlicht, in denen sich die Verdächtigen darüber unterhielten, wie sie Nervengift in Tomatenkisten tarnen wollten. Einem Ermittler kommt es fast vor wie ’bestellte Musik¹, also Desinformation.³ Vor allen Dingen hatten die Ermittler die Telefonprotokolle nicht nur wegen der unverschlüsselten Gespräche bezweifelt, sondern offenbar darüber hinaus konkret ausgeschlossen, dass Heni etwas mit Waffenlagern in Höhlen Afghanistans zu tun hätte bzw. dass er einen großen Anschlag vorgehabt haben soll, wie es nach Spiegel-Online aus den aufgezeichneten Telefongesprächen hervorging. Im übrigen hatte die SZ am 13.10. versucht, sich Spiegel-Online anzunähern, indem sie von Telefonprotokollen statt von Aufzeichnungen eines Mikrospions in der italienischen Wohnung Henis sprach, Spiegel-Online war am 12.10. den umgekehrten Weg gegangen, indem beide Formen des Abhörens miteinander kombiniert wurden: “Als Grundlage für seine Festnahme dienten vor allem Abhörprotokolle über zahlreiche Telefonate, die die italienische Polizei nach der Installierung eines Mikrospions in seiner Wohnung anfertigte und die die ’Süddeutsche Zeitung¹ jetzt veröffentlichte.³ [13] Ähnlich der verschiedenen Fundorte des Gepäcks von Mohammed Atta und der verschiedenen Fundorte seines Testaments (siehe “Was alles zu Beweisen werden kann ...³ in Zeit-Fragen vom 29.10. [14] ) ist auch hier festzustellen, dass man es nicht vermocht hatte, sich über die Herkunft der Protokolle zu einigen, denn einen Mikrospion in der Wohnung braucht man zum Abhören von Telefongesprächen ganz sicher nicht. Auch nach zwei Wochen wunderte man sich nach wie vor über die Eindeutigkeit der Gespräche in den Protokollen: “Wie erfolgreich Abhören sein kann, zeigen die Telefonprotokolle von Mailand, wo mehrere islamistische Terroristen sich über mögliche Attentate austauschten. Allerdings sind deutsche Fahnder erstaunt über die Eindeutigkeit der dort aufgezeichneten Dialoge. ’Normalerweise verständigen sich die Leute doch in einem Code und auch nicht auf Hoch-Arabisch, sondern mit vielen Abkürzungen¹, sagt ein deutscher Polizist. Selten läuft ein Dialog so ab wie der zwischen den beiden mutmaßlichen Terroristen Lasid Ben Heni und Essid Sami Ben Khemais: Heni: ’Jetzt steht das Fass mit der Flüssigkeit auf dem Programm.¹ ... Khemais: ’Ist das ein besseres Produkt als das andere?¹ Heni: ’Es ist effizienter, weil, wenn man diese Flüssigkeit öffnet, wird sie sofort wirksam für die Menschen.¹ Aus diesem letzten Satz wird bei späteren Abschriften eine noch präzisere Aussage: ’Du musst es nur aufmachen und alle ersticken sofort.¹³ [15] Zuerst wurde behauptet, das Gespräch Henis wäre in seiner Wohnung in Norditalien abgehört worden, dann hatte die unverschlüsselte Form und Eindeutigkeit des Dialogs die Ermittler erstaunt und den Verdacht einer Desinformation aufkommen lassen. Nun wurde eine Aussage bei der “Abschrift³ dieses Protokolls noch “präzisiert³. Der letzte Satz war in der Tat etwas gewunden bis kompliziert, was wahrscheinlich zur Person Henis nicht so recht passt. Ben Heni hatte im Gegensatz zu den anderen Attentätern nicht studiert, lebte die meiste Zeit von Sozialhilfe und hatte nur gelegentlich Aushilfsjobs. Die Präzisierung betraf wohl weniger die Übersetzung, sondern vielmehr die Idee, die jemand von diesem Satz hatte, so wie er am besten sein soll. Bei einem Mann wie Heni kann es schon als notwendig erscheinen, ihm einen etwas einfacheren Satz in den Mund zu legen. Andere Abhörprotokolle in SPIEGEL-Berichten DER SPIEGEL hatte von den Zweifeln an den Abhörprotokollen bisher nichts berichtet. Dafür wusste er von Abhörprotokollen, die in der Süddeutschen Zeitung bisher nicht aufgetaucht sind, obwohl es dabei um einen in München verhafteten Thaer Mansour ging: “Sami: Brauchst du irgendetwas von dem Scheich? (Anm. der Redaktion: gemeint ist nach Überzeugung der italienischen Justiz Bin Laden) Mansour: Ich will nur deine Gebete. Aber vergiss nicht mir das Gas zu bringen. Sami: Allah ist groß.³ [16] Mehr war aus dem Abhörprotokoll mit Thaer Mansour über das Gas nicht zu erfahren. Eine merkwürdige und spärliche Passage. Zudem berichtete DER SPIEGEL absolut nichts über diesen ominösen Thaer Mansour, wo er herkam, wann und mit welcher Begründung er verhaftet wurde. Aber DER SPIEGEL wusste schließlich noch von anderen Protokollen zu berichten: “Einmal sprach ein Mann namens ’Farid¹ mit seinem Kumpel ’Khalid¹: Farid: Warst du auch in der Ateta Operation? Khalid: Ja, ich war in verschiedenen Orten, es gibt keine Zone, wo ich nicht war. Es war ein wunderschöner Moment, als der Befehl vom Emir kam, weil wir davor die Struktur studiert haben, und danach mit Plastik ... bumm, und kurz danach krachte der Palast in Staub zusammen, und ein Feuer startete so, dass die Feinde von Gott verzehrt und verbrannt wurden. Farid: Und es bleibt nichts übrig! Khalid: Und dann kam der Befehl, die Bauernhöfe und die Apotheken zu zerstören. Farid: Also habt ihr das ganze Dorf zerstört? Khalid: Ungefähr.³ [17] Nach Aussage des SPIEGEL handelt es sich bei dieser “Ateta Operation³ um einen bislang unbekannten Einsatz. Das ist eine interessante Behauptung. Bei dieser Operation soll ein “Palast³ zusammengekracht sein, also wohl ein größeres Gebäude. Dann soll fast ein ganzes Dorf mit Apotheken zerstört worden sein. Es mag ja sein, dass man die Ateta Operation nicht kennt. Wenn aber irgendwo auf der Welt ein Dorf mit größerem Gebäude und Apotheken zerstört worden sein soll, muss das auf jeden Fall bekannt sein. Solch eine größere Zerstörung kann nicht unbemerkt bleiben. DER SPIEGEL interessierte sich in keiner Weise für die Frage, wann und wo es so eine Zerstörung gegeben haben soll. Aber es ging dem SPIEGEL wohl auch eigentlich um etwas anderes. “Furcht erregend³ sind die Protokolle, vermerkte DER SPIEGEL vor diesem Protokollauszug. Furcht erregend sollten sie auch sicher sein, ein Nachrichtenmagazin mit journalistischer Ausrichtung hätte sich allerdings eher dafür interessiert, inwieweit sie überhaupt authentisch oder vielmehr “bestellte Musik³ sind. Der erste Hinweis auf Bin Laden Im Zusammenhang mit den Telefonprotokollen muss unbedingt erwähnt werden, wie es überhaupt zum ersten Verdacht auf Bin Laden gekommen war. Nach einem SPIEGEL-Bericht könnte ein entscheidender Hinweis von der deutschen Bundesregierung stammen: “Als sich die Amerikaner noch ziemlich zurückhaltend zu einer Verantwortung des saudischen Millionärs äußerten, wusste Kanzleramtsminister Frank-Walter Steinmeier in der Bundespressekonferenz schon mit einer ziemlich eindeutigen Aussage zum Hintermann des Anschlags zu überraschen: Alles deute auf Bin Laden hin. Die erstaunlich frühe Feststellung hatte einen einfachen Grund ­ der Bundesnachrichtendienst (BND) hatte einen Treffer gelandet. Bei der Überwachung waren ihm Telefongespräche aus dem mutmaßlichen Umfeld der Bin-Laden-Organisation ins Netz gegangen, in denen sich diese stolz mit den Anschlägen brüsteten. Jubel herrschte. Der Fang war umso erstaunlicher, als die Bin-Laden-Gruppe sich seit Jahren um strikte Disziplin am Telefon bemüht - natürlich wissen die Terroristen, dass alle westlichen Dienste sich bemühen, sie zu kontrollieren. Das war in den vergangenen Jahren nach Auskunft von Experten immer schwerer geworden. ’Die Bin-Laden-Leute haben viel gelernt¹, sagt ein Sicherheitsexperte. Nur konnten sie der Versuchung, nach der aus Sicht der Drahtzieher so erfolgreichen Attacke ihr Glück mit anderen zu teilen, offenbar nicht widerstehen. So waren auch die jetzt gewonnenen Informationen nur mit der Bitte um strengste Diskretion an die US-Behörden weitergeleitet worden - um weitere mögliche Erfolge nicht zu gefährden. Aber geheim blieb es dennoch nicht. Der US-Senator Orrin Hatch brüstete sich, ’der Geheimdienst¹ habe ein Gespräch zwischen zwei Anhängern Bin Ladens abgehört, in dem von den gelungenen Angriffen gesprochen wurde.³ [18] Sehr erstaunlich dieser Fang, eigentlich sollte keiner davon erfahren, um weitere Erfolge nicht zu verhindern. Nun ist es aber doch herausgekommen. Bei den später veröffentlichten Abhörprotokollen hatte sich DER SPIEGEL dann nicht mehr um solche Erklärungen bemüht. Dagegen hatte Die Welt noch eine Woche vor dem Beginn des Krieges (am 29.9.) berichtet, dass die Suche nach den Hintermännern bisher kaum Erfolg gehabt hat: “Doch noch immer fehlt der Bundespolizei eine heiße Spur. Da verkauft es FBI-Direktor Robert S. Mueller schon als Erfolg, wenn ihm Beweise vorliegen, dass ’mindestens einer der mutmaßlichen Flugzeugentführer¹ mit dem Terrornetzwerk Al Qaida des Osama Bin Laden in Verbindung gestanden habe. Ansonsten tappen die Fahnder völlig im Dunklen. Immerhin veröffentlichen sie die Fotos der 19 vermutlich an den Anschlägen beteiligten Terroristen. Doch sei nicht absolut sicher, ob dies wirklich die Beschuldigten seien, sagt Mueller.³ [19] Das erstaunliche durch den BND abgehörte Telefonat hatte Die Welt zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich schon abgehakt. Am 2.10.2001 konnte der Politische Direktor im Auswärtigen Amt, Klaus Scharioth, die Ermittlungsergebnisse der US-Behörden bei einem Treffen mit dem stellvertretenden amerikanischen Botschafter Terry Snell lediglich einsehen. Scharioth informierte anschließend die zuständigen Ministerien und das Kanzleramt. Nach einer Unterrichtung durch Bundeskanzler Gerhard Schröder am Abend des 4.10. zeigten sich auch die Partei- und Fraktionschefs von der Stichhaltigkeit des Beweismaterials gegen bin Laden überzeugt. Es gebe eine “Kette von Indizien³, sagte der Grünen-Vorsitzende Fritz Kuhn. Für FDP- Fraktionschef Wolfgang Gerhardt ist das Belastungsmaterial gegen bin Laden “erdrückend³. [20] Man mag beurteilen, inwieweit es inzwischen erdrückende Indizien ganz anderer Art gibt. Die Süddeutsche Zeitung berichtete dann am 4.10. von vier Spuren, die zu Bin Laden führen würden. Das abgehörte Telefongespräch nahm dabei einen besonderen Stellenwert ein: “Der eindrücklichste Beleg für die Schuld bin Ladens ist ein Telefonat, das der Bundesnachrichtendienst (BND) nur wenige Stunden nach dem Massenmord abgefangen hat. Darin bejubeln zwei enge Gefolgsleute bin Ladens den Anschlag. Sie kamen zu dem Schluss, dass insgesamt 30 Personen beteiligt seien.³ [21] Selbst wenn man diese Darstellung akzeptiert, muss man sich fragen, wieso der Jubel eigentlich ein Schuldbeweis sein soll. Sympathiekundgebungen beweisen nun einmal keine Mittäterschaft, auch dann nicht, wenn sie empörend wirken. In dem Bericht heißt es, dass die Gefolgsleute “zu dem Schluss³ kamen, wie viele Personen beteiligt waren, was bedeutet, dass sie es nicht wussten, sondern aus eigenen Mutmaßungen schlussfolgerten. Darüber hinaus darf man sich fragen, was man von diesem ­ genauso wie den anderen ­ Abhörprotokollen eigentlich halten soll. Terror und Demagogie Am vergangenen Freitag hatte der Bundestag dem deutschen Kanzler das Vertrauen ausgesprochen. Bei den Argumenten gegen den Krieg geht es zumeist um grundsätzliche pazifistische Fragen, um Zweifel an der Verhältnismäßigkeit der Mittel und um fehlende Kontrolle und Mitspracherechte bei den militärischen Entscheidungen. Die Frage, inwieweit bin Laden und al-Qaida eigentlich die Schuldigen an den Anschlägen sein sollen, ist bisher nicht aufgetaucht. Es mag sein, dass Armut und Unterentwicklung eine Ursache von Hass sind. Das wird selbst von den Befürwortern des Krieges eingeräumt. Es gibt aber noch eine ganz andere und viel gravierendere Ursache von Hass: Die Lüge, aus der Moral und Recht abgeleitet wird. Wenn man gegen diese Ursache nicht ankämpft, wird diese Welt eines Tages möglicherweise gar nicht so sehr vom Terror der einen Seite, sondern vielmehr von den Demagogen der anderen Seite regiert werden, was gelegentlich zum Terror führt. Das könnte durchaus das Leitmotiv der Zukunft sein: Terror wegen Demagogie und möglicherweise sogar in dem einen oder anderen Fall durch die Demagogen selbst. ------------------------- [1] Guido Kleinhubbert und Roland Preuß: “Führendes Mitglied der Kaplan-Gruppe verhaftet³ Süddeutsche Zeitung vom 24.10.2001, S.6, http://szarchiv.diz-muenchen.de/REGIS_A13236080;internal&action=body.action Der Artikel kann 30 Tage nach seiner Veröffentlichung kostenfrei abgerufen werden und ist danach kostenpflichtig. [2] n-tv-Bericht vom 23.10.: “Student auf Terror-Mission?³, http://www.n-tv.de/2779835.html, Spiegel-Online Bericht vom 23.10.: “Plante Kaplan-Vertrauter einen Selbstmordanschlag?³, http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0%2C1518%2C163894%2C00.html [3] FAZ-Bericht vom 24.10.2001: “Mutmaßlicher Terrorist verhaftet³, S.1 [4] Bericht der Süddeutschen Zeitung vom 31.10./1.11.2001: “Schwager des Kalifen wieder frei³, S.2, http://szarchiv.diz-muenchen.de/REGIS_A13287089;internal&action=body.action Dieser Bericht ist kostenpflichtig. Im Gegensatz zu allen anderen Berichten der Süddeutschen Zeitung, die in diesem Beitrag zitiert werden, gibt es für diesen Bericht kein kostenloses Angebot im Online-Archiv der Süddeutschen Zeitung. Darüber hinaus ist dieser Bericht offenbar nicht in jeder Ausgabe der Süddeutschen Zeitung von diesem Tag abgedruckt gewesen. Im kostenpflichtigen Ganzseitenarchiv ist dieser Bericht auf S.2 dieses Tages z.B. nicht vorhanden. Er wurde durch einen anderen Bericht ersetzt. Vorhanden ist dieser Bericht auf jeden Fall in der Bayern-Ausgabe und in der Stadt-Ausgabe 1-M-1. [5] Guido Kleinhubbert und Roland Preuß: “’Einiges verbockt¹³ Süddeutsche Zeitung vom 2.11.2001, S.8, http://szarchiv.diz-muenchen.de/REGIS_A13292703;internal&action=body.action Der Artikel kann 30 Tage nach seiner Veröffentlichung kostenfrei abgerufen werden und ist danach kostenpflichtig. [6] Annette Ramelsberger: “Ein Faden aus dem Knäuel³, Süddeutsche Zeitung vom 12.10.2001, S.8, http://szarchiv.diz-muenchen.de/REGIS_A13154331;internal&action=body.action Der Artikel kann 30 Tage nach seiner Veröffentlichung kostenfrei abgerufen werden und ist danach kostenpflichtig. [7] “Militante Muslime in Italien und Bayern festgenommen³, Bericht von Spiegel-Online am 10.10.2001, http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,161727,00.html [8] Klaus Brinkbäumer, ...: “Anschläge ohne Auftrag³, DER SPIEGEL Heft 42/2001, S.37, auch online unter http://www..spiegel.de/spiegel/0,1518,162290-4,00.html [9] Monika Maier-Albang: “Mann ohne Eigenschaften³, Süddeutsche Zeitung vom 12.10.2001, S.8, http://szarchiv.diz-muenchen.de/REGIS_A13154330;internal&action=body.action Der Artikel kann 30 Tage nach seiner Veröffentlichung kostenfrei abgerufen werden und ist danach kostenpflichtig. [10] Christiane Kohl: “Nervengift in Tomatenkisten³, Süddeutsche Zeitung vom 12.10.2001, S.8, http://szarchiv.diz-muenchen.de/REGIS_A13158398;internal&action=body.action Der Artikel kann 30 Tage nach seiner Veröffentlichung kostenfrei abgerufen werden und ist danach kostenpflichtig. [11] Annette Ramelsberger: “’Verdächtiger von München ohne Verbindung zu bin Laden¹³, Süddeutsche Zeitung vom 13.10.2001, S.6, http://szarchiv.diz-muenchen.de/REGIS_A13161622;internal&action=body.action Der Artikel kann 30 Tage nach seiner Veröffentlichung kostenfrei abgerufen werden und ist danach kostenpflichtig. [12] “Militante Muslime in Italien und Bayern festgenommen³, Bericht von Spiegel-Online am 10.10.2001, http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,161727,00.html [13] “Plante Bin-Laden-Anhänger einen Nervengiftanschlag?³, Bericht von Spiegel-Online am 12.10.2001, http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,162015,00.html [14] Uwe Galle: “Was alles zu Beweisen werden kann ...³, Zeit-Fragen vom 29.10.2001, S.3, auch online unter http://www.zeit-fragen.ch/ARCHIV/ZF_85d/T04.HTM [15] Annette Ramelsberger: “Der Name ist schon Tarnung genug³, Süddeutsche Zeitung vom 25.10.2001, S.2, http://szarchiv.diz-muenchen.de/REGIS_A13244141;internal&action=body.action Der Artikel kann 30 Tage nach seiner Veröffentlichung kostenfrei abgerufen werden und ist danach kostenpflichtig. [16] Klaus Brinkbäumer, ...: “Anschläge ohne Auftrag³, DER SPIEGEL Heft 42/2001, S.38, auch online unter http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,163380,00.html [17] Klaus Brinkbäumer, ...: “Anschläge ohne Auftrag³, DER SPIEGEL Heft 42/2001, S.33, auch online unter http://www..spiegel.de/spiegel/0,1518,162290-2,00.html [18] Wofgang Krach, ...: “Die deutsche Spur³, DER SPIEGEL Heft 38/2001 (15.9.2001), auch online unter http://www.spiegel.de/spiegel/0%2C1518%2C157369%2C00.html [19] Martin Halusa: “Die Fahnder in den USA tappen offenbar im Dunkeln², Die Welt vom 29.9.2001, auch online unter http://www.welt.de/daten/2001/09/29/0929pte285272.htx?print=1 [20] Christoph Schwennicke: “Berlin hält Schuld bin Ladens für erwiesen³, Süddeutsche Zeitung vom 6.10.2001, S.1, http://szarchiv.diz-muenchen.de/REGIS_A13118270;internal&action=body.action Der Artikel kann 30 Tage nach seiner Veröffentlichung kostenfrei abgerufen werden und ist danach kostenpflichtig. [21] Hans Leyendecker: “Die Spinne im Terrornetz³, Süddeutsche Zeitung vom 4.10.2001, S.2. Der Link wurde leider nicht dokumentiert. An dieser Stelle soll darauf hingewiesen werden, dass stets die Stadt-Ausgabe M-1 bzw. 1-M-1 gemeint ist, wenn keine Angaben zur Ausgabe gemacht werden. Die Beiträge aus dieser Ausgabe sind möglicherweise in der Deutschland-Ausgabe F1 bzw. in der Bayern-Ausgabe BN nicht vorhanden. Artikel 5: Zeit-Fragen Nr. 46 vom 19.11.2001, letzte Änderung am 30.10.2001 Zum Artikel-Anfang: auf den roten Balken klicken![Image] © Zeit-Fragen 2001, Redaktion und Verlag, Postfach, CH-8044 Zürich, Tel. +41-1-350 65 50, Fax +41-1-350 65 51 http://www.zeit-fragen.ch home | Über Zeit-Fragen | Leserdienst | Links | Archiv | Thmen | Artikel 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7| 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20 | 21 | 22