Artikel 21: Zeit-Fragen Nr. 43 vom 29.10.2001
us. Als Max Daetwyler im Januar 1976 starb, hiess es in den Nachrichten der Schweizerischen Depeschenagenturen, mit Daetwyler sei «das wohl bekannteste helvetische Original» gestorben.
Wer war der Mann, der mit der weissen Fahne durch die Schweiz, Europa, nach Washington, Moskau und Havanna zog und die Friedensbotschaft zeit seines Lebens verbreitete? Ein Mensch, der immer wieder irgendwo auftrat, mit wallendem Bart und wehender Fahne, einer, der referierte, diskutierte, gestikulierte, appellierte, einer, der viele irritierte und ihnen gleichzeitig doch irgendwie imponierte?
Seine Wiege stand in Arbon, wo sein Vater ein Hotel betrieb. Max Daetwyler erblickte als jüngster von zehn Kindern am 7. September 1886 das Licht der Welt. Er erlernte nach der Schulzeit den kaufmännischen Beruf. Danach trat er ins Gastgewerbe über. Als Kellner versuchte er sich in Grindelwald, Rom, Paris und London. Später übernahm er die Geschäftsführung des «Ratskeller» in Bern, wo verschiedene Parlamentarier verkehrten. Seinen Betrieb leitete er teilweise recht unkonventionell. Weit und breit war er der einzige Wirt, der seinen Gästen davon abriet, Alkohol zu konsumieren.
Die Rekrutenschule und verschiedene Wiederholungskurse absolvierte er durchaus mit patriotischem Eifer. Doch als am 5. August 1914 auf dem Frauenfelder Kasernenhof bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges das Kommando «Achtung steht» über den Platz hallte, knallte Daetwyler die Absätze der Militärschuhe nicht zusammen. Mit lauter Stimme erklärte er: «Ich demonstriere gegen den Krieg, ich werde den Eid nicht leisten.»
Was er zum Protest gegen den Krieg verstanden wissen wollte, wurde zum psychiatrischen Fall erklärt. Statt militärgerichtlich belangt zu werden, landete Daetwyler in der psychiatrischen Klinik Münsterlingen. Nach vier Monaten wurde er entlassen und galt fortan als Verrückter.
Für Daetwyler tat sich mit der Verweigerung des Fahneneids der Sinn des Lebens auf. Sein erstes Zeitungsinserat veröffentlichte er mit folgendem Wortlaut: «Die Erfahrung lehrt, dass der Krieg gegen das Interesse der beteiligten Völker ist. Die Wahrheit ist der Weg zum Frieden, und die Notwendigkeit zwingt dazu. Selbst wenn man annimmt, dass die Anstrengung des Einzelnen keinen erheblichen Erfolg bringen kann, so ist doch gewiss, dass die Energien, die zielbewusst auf eine gute Sache gerichtet sind, nicht verloren gehen können.»
Daetwyler setzte sich vehement für den Frieden auf der Welt ein. So traf er u.a. mit Mahatma Gandhi zusammen, suchte nach dem Zweiten Weltkrieg das geteilte Deutschland auf und wollte SED-Chef Ulbricht die Berliner Mauer abkaufen. Vor dem Reichstagsgebäude forderte er ein freies, neutrales Schiller-Deutschland nach dem Vorbild der Schweiz und eine gesamte Volksabstimmung zum Austritt aus dem Militärbündnis.
Seine Botschaft war einfach - seine Mission machte ihm das Leben schwer: jahrzehntelange, akribische Überwachung durch die Bundespolizei, Redeverbot, Inhaftierung in Gefängnissen und psychiatrischen Kliniken. Denen, die an seinem Verstand zweifelten, begegnete er mit Trotz und Ironie. Vielen Zeitgenossen ist er in Erinnerung geblieben als der unbeirrbare Mann, der unter widrigsten Umständen seine Botschaft und Hoffnung persönlich weitergetragen hat. Viele haben über ihn gespöttelt und ihn gleichzeitig bewundert.
Seine Familie gab ihm immer den Rückhalt für seine Aktivitäten. 1918 nach der Heirat zog er mit seiner Frau Clara nach Zumikon. 1920 wurde die Tochter und 1928 der Sohn geboren. Die zahllosen kleineren und grösseren Abwesenheiten stellten für die Ehe und Familie eine dauernde Belastung dar. Die Familie litt unter chronischem Geldmangel. Die Einkünfte aus Geflügelzucht, Gemüse-, Beeren-, Honig- und Eierverkauf konnten die laufenden Ausgaben nicht immer decken.
Seine beiden Kinder rechnen es der Gemeinde Zumikon noch heute hoch an, dass sie sich damals gegen die Weisung der Justizdirektion gestellt hatte. Diese forderten nämlich die Behörden auf, gegen ihn «das Verfahren der Entmündigung wegen Geisteskrankheit einzuleiten und über die erfolgte Entmündigung Bericht zu erstatten».
Die Zumiker nützten die Möglichkeit des Föderalismus voll aus und standen auf der ganzen Linie hinter ihrem Mitbürger. Nach einem Gespräch mit Daetwyler kamen sie zuhanden der Justizdirektion zu folgender Erkenntnis: «Daetwyler beantwortet alle an ihn gerichteten Fragen schlagfertig und in einer Art und Weise, die nicht im geringsten auf Geistesgestörtheit oder auch nur geistige Beschränkung schliessen lässt. Wohl vertritt er seine Friedensideen hartnäckig und mit voller Überzeugung, verfolgt dabei jedoch im Grunde genommen aber nichts Schlechtes und will damit niemandem Schaden zufügen. Es widerstrebt der Behörde, lediglich als Mittel zum Zweck gegen einen gesunden Menschen die Vormundschaft zu beantragen.»
Im übrigen wurde Daetwyler von den Zumiker Behörden dringend ermahnt, von weiteren öffentlichen Auftritten abzulassen. «So losed jetzt, Daetwyler. Chömed jetzt, sind vernünftig, gälled Sie!»
Für Max Daetwyler war Friede eine Frage der inneren, geistigen Haltung der Menschen und der Bereitschaft, sie zu leben. Frieden konnte nur aus der Liebe der Menschen zueinander und aus dem Glauben an diese erwachsen. Dazu brauchte es Vorbilder, auf die sich Daetwyler immer berief: Sokrates, Jesus, Savonarola, Pestalozzi, Dunant, Tolstoi oder Gandhi.
Er selber sah sich als Apostel auf ihren Spuren. Sein Friedensverständnis war in diesem Sinne individualistisch, unpolitisch, für manche naiv. Es lebte von der Utopie, dass kein Mensch, auch kein abgefeimter Politiker, sich in der persönlichen Begegnung der einfachen Idee des Friedens verschliessen könne. Zeitlebens wandte er sich mit Briefen, Postkarten und Telegrammen an Persönlichkeiten, vorzugsweise an die Spitzen in Politik, Armee, Diplomatie und Wirtschaft. Für ihn stand fest, dass gerade der neutralen Schweiz eine besondere Rolle bei der Verwirklichung zukomme. Mit seinen persönlichen Appellen versuchte er, sie für die Sache zu gewinnen.
«Über Nacht kam mir ein sonderbarer Einfall: Es müsste einem einzigen Mann gelingen, den Frieden in Europa wiederherzustellen, wenn es ein gottesfürchtiger Mann wäre, denn in der Bibel steht, man kann Berge versetzen, wenn der Glaube da ist. Und komisch, als sollte mir eine solche Aufgabe gestellt sein.»
Max Daetwyler
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