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 Artikel 22: Zeit-Fragen Nr. 43 vom 29.10.2001

LESERBRIEFE 

Wie viele «Versehen» werden den US-Piloten noch geschehen?

1950 ratifizierte die USA das I. Genfer Abkommen von 1949, welches besagt: Einrichtungen und Hilfspersonal, die unter dem Schutzzeichen des Roten Kreuzes stehen, «unter allen Umständen und jederzeit zu schonen, zu schützen und nicht anzugreifen». (Art. 19, 24 und 33). Weshalb hält sich nun die USA mit den beiden Bombardierungen des IKRK-Lagers nicht mehr an die Grundsätze der Menschlichkeit und des humanitären Völkerrechts? Haben sie sich doch noch im Kosovo-Krieg gerühmt, mit ihren elektronischen Waffen ein Ziel von 10 cm2 Grösse treffen zu können. Wieso schweigen die Regierungen und verurteilen die USA für ihr Vorgehen nicht aufs schärfste und versuchen, nicht Einhalt zu gebieten? So ein krasser Verstoss gegen die Menschlichkeit darf nicht schweigend hingenommen werden. Auch die USA müssen im Krieg die Regeln des Völkerrechts respektieren.

M. Ranz, R. Lienhard, G. und D. Hunziker


Waffenexport, Beihilfe zum staatlichen Terrorismus des Krieges

Am 11. September 1981 wurde der Weltfriedenstag ins Leben gerufen. Zwanzig Jahre später, an diesem 11. September, am Weltfriedenstag, wurden die furchtbaren, menschenverachtenden Terroranschläge in New York auf das World Trade Center und in Washington auf das Pentagon verübt. Auch sonst sieht es nicht nach Frieden aus: 27 grössere Konflikte sind im Gange. Die Opfer sind mehrheitlich Zivilisten. Millionen Menschen sind auf der Flucht vor den Schrecken des Krieges. Pro Jahr wird weltweit fast eine Billion US-Dollar für das Militär vergeudet. Mit einem Bruchteil dieses Geldes könnte man den Menschen, die hungern, Nahrung, Wohnung, Schulung und medizinische Betreuung verschaffen. Nach Schätzungen der Uno leiden 826 Millionen Menschen weltweit an Unterernährung. Es bräuchten heute wirklich nicht täglich Tausende zu verhungern. Eine gerechtere Verteilung des Reichtums dieser Erde wäre eine wichtige Massnahme gegen den Terrorismus, nicht Vergeltung und Rache, nicht Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Leider sind stattdessen wieder goldene Zeiten für die Waffenhändler angebrochen. Der internationale Waffenhandel unter der Führung der USA erreichte wieder Rekordwerte. Knapp die Hälfte aller Waffen kommen aus den USA (18.6 Milliarden US-Dollar). Deutschland steht mit seinen Waffenexporten im Werte von 1.1 Milliarden US-Dollar pro Jahr nach den USA, Russland und Frankreich an vierter Stelle im Geschäft mit dem Tod.

Durch Waffenexporte werden Konflikte geschürt, nicht der Frieden gesichert. Waffenexport ist Beihilfe zum Mord, ist Beihilfe zu einem staatlichen Terrorismus des Krieges.

H. Frei, Zürich


Kreislauf der Gewalt

Der Angriff auf das uns doch recht ferne Afghanistan hat uns eindrücklich die ungeheure moderne Kriegsmaschinerie vorgeführt. Auf der Bühne des Fernsehschirms konnte man (und kann man immer noch) mitverfolgen, was für ein Waffenarsenal angesammelt ist und mit was für ausgeklügelten Systemen man auf den «Feind» losgehen kann.

Sicher sind wir alle gegen Terrorismus und Gewalt, und es wäre unmenschlich, Terroranschläge auf Einzelpersonen wie auch auf Wolkenkratzer zu befürworten oder gar zu verherrlichen. Ist Krieg aber nicht auch Terror, und mag man ihn noch so als gerecht und notwendig herbeireden?

Ist es nicht doppelzüngig, mit modernsten Waffen auf ein Land loszugehen und gleichzeitig einige Tonnen Lebensmittelrationen aus der Luft ins hungernde Volk zu werfen? Und so wird uns wieder unbarmherzig bewusst, wie sich die Spirale der Gewalt dreht und in uhrgenauer Regelmässigkeit irgendein Land, irgendein Volk trifft. Haben wir die Weltkriege, haben wir die Atombomben über Japan, haben wir die Kriege in Palästina, Vietnam, Korea, haben wir die Gemetzel in afrikanischen Staaten, haben wir die Ausrottung der Indianer, die Unterdrückung der Schwarzen in den USA schon vergessen? Und die Beispiele liessen sich mehren.

Und wer fragt eigentlich nach den Ursachen? Blicken wir doch einmal in Richtung Balkan. Dort haben sich die USA bereits fest eingenistet und sichern den Erdölnachschub.

Und wir schlafen. Erneuerbare Energie ist ein Thema für ein paar «Spinner». Doch eines Tages, vielleicht recht bald, sind wir in den Klauen der reichen Multis und Machthaber. Darum hat wohl die «Berner Zeitung» am 26. September richtig geschrieben: «Ringen um Macht und um riesige Energievorräte/Afghanistan ist auch ein Schauplatz im Ringen um die Kontrolle über das Erdgas und Erdöl, das nach dem Zerfall der Sowjetunion das ÐObjekt der Begierdeð internationaler Konzerne wurde / Die Amerikaner können nun eine ganze Reihe von Problemen lösen.»

Was zählen da Menschenleben und knurrender Hunger?

Raymund Wirthner


Das rote Kreuz im weissen Feld

Die eindrückliche Beilage zur Geschichte und Bedeutung des IKRK in Zeit-Fragen, Nr. 39 hat mich sehr bewegt. Wie Sie eindrücklich darlegen, ist das Rote Kreuz auf Initiative eines Schweizers und auf Schweizer Boden gegründet worden; auch heute spielt die Schweiz als Depositarstaat der Genfer Konventionen und als Heimat der meisten IKRK-Delegierten eine zentrale Rolle in dieser humanitären Einrichtung par excellence. Dies ist kein Zufall: Der neutrale Kleinstaat Schweiz und das in ihm verwurzelte IKRK ist auch in der heutigen Zeit weit besser geeignet zur unparteiischen Hilfeleistung als alle Supermächte und internationalen Bündnisse. Wenig bekannt ist, dass bei Beginn der Bombardierung des Kosovo durch die Nato alle IKRK-Delegierten, die aus einem Nato-Staat stammen, das Land schleunigst verlassen mussten, während die Schweizer weiterhin ihre segensreiche Aufgabe erfülle konnten.

Auch die Uno mit ihrer von den Grossmächten bestimmten Weltpolitik kann keine neutrale Hilfe anbieten. Es hat mich erschüttert zu lesen, dass in jüngster Zeit die Grossmächte immer mehr versuchen, in Konfliktregionen eine unparteiische humanitäre Hilfe an alle Volksgruppen zu verhindern und nur die von ihnen favorisierten «Guten» zu unterstützen. Wie Ihrem Artikel zu entnehmen ist, soll deshalb das Emblem des Roten Kreuzes nach Plänen aus den USA durch eine abstrakte Raute ersetzt werden und so seine Bedeutung als Symbol des auf der ganzen Welt vertrauten neutralen Helfers verlieren.

Dies darf nicht geschehen: Das IKRK wird heute dringender denn je benötigt, zum Beispiel im von Ihnen erwähnten Afghanistan. Die notleidende afghanische Bevölkerung darf nicht den Bomben und dem Hunger überlassen werden, einzig deshalb, weil sie das Unglück hat, dass sich in ihrem Land eine Verbrecherbande niedergelassen hat, die erst noch von der CIA aufgebaut worden ist. Nur eine strikt neutrale Organisation kann in einer derart desolaten Lage helfen, nur das IKRK geniesst das Vertrauen aller Bevölkerungsgruppen.

Bleiben wir beim Roten Kreuz als Symbol für unparteiische humanitäre Hilfeleistung an die zahlreichen Menschen auf der Welt, für die diese Unterstützung überlebensnotwendig ist. Bleiben wir bei der Neutralität der Schweiz als Sitz des IKRK, statt der Integration unseres Landes in EU, Uno und Nato nachzuhecheln. Für viele Menschen ist nämlich das rote Kreuz im weissen Feld und das weisse Kreuz im roten Feld gleichbedeutend, wie das anschliessende Beispiel zeigt.

Ein Gast aus dem Kongo hat kürzlich erzählt: «Die meisten Menschen in Afrika wissen über die Schweiz nur, dass sie neutral ist. Das heisst für uns, dass wir den Schweizern, die in unser Land kommen, vertrauen können. Wir wissen, dass die Schweiz keine Machtpolitik betreibt, dass sie in unseren internen Zwistigkeiten nicht Partei ergreift und sich nicht einmischt. Die Schweizer kommen nicht in Militäruniformen zu uns, sondern als Freunde, als Vermittler oder Delegierte vom Roten Kreuz. Die Neutralität der Schweiz bedeutet uns viel.»

Marianne Wüthrich, Zürich


 Gedanken zum Terrorismus

Der Terroranschlag auf New York hat buchstäblich die ganze Erde erschüttert. Man spricht von soundso vielen «unschuldigen» Opfern! Sind wir wirklich unschuldig? Wenn man sieht, wie gedankenlos und egoistisch die heutige Gesellschaft dahinlebt, sie tun alles nur für ihr Vergnügen, wo bleibt denn die Mitverantwortung? Denken ist bei uns nicht gefragt. Was in Afrika und Asien vorgeht, interessiert niemand, uns geht es gut. Schon längere Zeit beschäftigt mich das Problem. Aber wen von diesen Staatschefs interessiert es, wie viele in ihren Ländern verhungern? Hauptsache sind die Börsen von New York und Tokio.

Es ist kein Wunder, wenn der Hass solche Auswüchse hervorbringt. Und die Moslems sind schon lange genug fanatisiert worden, um solche «Heldentaten» auszuführen.

Und wie geht es jetzt weiter? Mit grossen Worten und Drohgebärden gibt es bestimmt keine neue Ordnung. Auch das misshandelte Wort Gerechtigkeit sollte man besser nicht erwähnen.

Für Gewalt habe ich nur insofern Verständnis, wenn ich mir diese Menschen aus den armen Ländern - besser ausgebeuteten Erdteilen - vorstelle, wenn die nach Amerika oder in westliche Länder an Universitäten zum Studium kommen. Es würde uns in derselben Situation genauso verbittern, diese ungeheure Diskrepanz, hier Reichtum, zu Hause Armut, Rechtlosigkeit. Was diese Männer getan haben, kann ich verstehen aus dieser Sicht. Eine Lösung des Problems ist es nicht, da müssten schon einmal unsere dekadenten Regierenden «aller couleurs» einmal in Sachen Menschlichkeit über die Bücher!

Ich höre im Geist schon die Antwort «keine Zeit».

R. Heimann, Olten


Uno als Konfliktlöserin?

Der Bundesrat behauptet unter anderem, dass die Uno Konflikte löse. So lange man sich zurückerinnert, hat die Uno aber noch nie einen Konflikt gelöst, sondern nur gedämpft oder auf die lange Bank geschoben (Korea, Zypern, Kambodscha, Angola, Somalia, Rwanda usw.). Immer mehr zeigt es sich, dass die Uno von den «Veto-Staaten» zur Deckung ihrer eigenen Interessen missbraucht wird (Tibet, Tschetschenien, Israel usw.). Ist übrigens bekannt, dass in Kosovo eine der grössten USA-Militärbasen im Entstehen begriffen ist? Warum wohl? Zum Konflikte lösen? Ist bekannt, dass zwischen dem Kaukasus und Europa beziehungsweise dem Mittelmeer mehrere Varianten unter anderem von Erdöl-Leitungen ausgearbeitet wurden?

Eine bevorzugte Variante führt über Rumänien, Kosovo, Albanien und Mazedonien an das Mittelmeer und gilt als das Hauptinteresse der USA. Nochmals die Frage: Weshalb bauen die USA eine grosse Militärbasis in diesem Gebiet?

Wer hat übrigens die UÇK aufgebaut und mit modernsten Waffen ausgerüstet und weshalb? Wer hat den Konflikt in dem bisher ruhigen Mazedonien angezettelt und für was? Die Nato - als verlängerten Arm der USA - hat den Krieg in Kosovo - also ausserhalb des Nato-Gebietes - unter dem Vorwand, zum «Schutze der Menschenrechte», mit Bombardierungen vom Zaun gerissen. Ein Uno-Mandat existierte nicht.

Im Deutschen Bundestag, wo kürzlich über die Verfassungsmässigkeit des Einsatzes deutscher Truppen in diesem Gebiet diskutiert wurde, hat die Regierung erklärt, dass die Uno ihre Unterstützung zugesagt habe! Weshalb gibt es hier kein offizielles Uno-Mandat?

Ganz einfach deshalb, weil einige Mitglieder des Sicherheitsrates ihr Veto eingelegt hatten («Neue Zürcher Zeitung» vom 17. 8.2001). Solche Intrigen sind mit unserer Neutralität nicht vereinbar. Deshalb wollen wir uns fernhalten und stimmen zum Uno-Beitritt mit Nein!

E. Ruegger, Baar

 

Artikel 22: Zeit-Fragen Nr. 43 vom 29.10.2001, letzte Änderung am 30.10.2001

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