Artikel 22: Zeit-Fragen Nr. 46 vom 19.11.2001
Der Terroranschlag auf das World Trade Center in New York hat nicht nur die Verletzlichkeit unserer hochtechnisierten Welt demonstriert, sondern auch die Krisenanfälligkeit einer globalisierten Wirtschaft. Die Zerstörung der von einigen Kommentatoren als Symbole der Globalisierung bezeichneten Bürotürme sollte den «global players» daher als Menetekel dienen. Wie einst der biblische Turmbau zu Babel sind alle ins Gigantische gehenden menschlichen Konstruktionen - aufgrund ihrer Masslosigkeit - vom Zusammenbruch bedroht.
Dies gilt nicht nur für Bauwerke, sondern auch für überdimensionierte Organisations- und Machtstrukturen, seien es nun Mega-Konzerne oder die Globalisierung der Wirtschaft.
Bezeichnenderweise stürzten mit den Türmen auch die Aktienkurse weltweit steil nach unten. Dafür war nicht der wirtschaftliche Schaden des Terroraktes verantwortlich, sondern der symbolische Gehalt der Tat. Er riss die Menschen schockartig aus ihren Illusionen von Sicherheit und ewigem Wachstum und liess sie erkennen, dass sich die USA bereits in einer fortschreitenden Rezession befinden. Die Erfahrung, dass eine wirtschaftliche Flaute in den USA alsbald auch alle anderen bedeutenden Industriestaaten zu erfassen pflegt, führte konsequenterweise zum weltweiten Fall der Aktienkurse.
Die Verantwortlichen in den USA bemühen sich zwar derzeit - etwa durch Zinssenkungen - der negativen Wirtschaftsentwicklung entgegenzusteuern und Fehler wie bei der im Jahr 1929 entstandenen Weltwirtschaftskrise zu vermeiden. Ob solche Bemühungen, mit staatlichen Eingriffen die Wirtschaftsentwicklung zu steuern, im Zeitalter der Globalisierung noch den gewünschten Erfolg haben werden, wird sich bald erweisen.
Professionelle «Gesundbeter» weisen daraufhin, dass Rezessionen in der jüngeren Ver-gangenheit in den USA immer nur von kurzer Dauer waren und dass in spätestens einem Jahr ein neuer Aufschwung zu erwarten sei.
Wer bedenkt, welche schlimmen Auswirkungen weltweite Rezessionen oder gar eine Weltwirtschaftskrise auf das Schicksal einiger Milliarden Menschen haben, müsste wünschen, dass ihre Prognosen zutreffen. Leider sprechen einige Fakten gegen solche Hoffnungen. Durch die Globalisierung mit dem weitgehenden Wegfall aller Handelsschranken (insbesondere der Zölle) bekamen die grossen Konzerne die Möglichkeit, die Produktion aus den Hochlohnländern immer mehr in die Niedriglohnländer zu verlagern und so ihre Gewinne zu maximieren. Opfer dieser Wirtschaftspolitik waren nicht nur die europäischen Arbeitnehmer, sondern auch die der USA. Viele relativ sichere Arbeitsplätze gingen so verloren. Ein auf schwachen Fundamenten errichteter Wirtschaftsboom in den USA sorgte allerdings in den vergangenen Jahren dafür, dass die abgewanderten soliden Arbeitsplätze durch - meist schlechter bezahlte - Dienstleistungsjobs ersetzt werden konnten. Europa profitierte vom Exportzuwachs in die USA (der auch durch die Euro-Schwäche begünstigt wurde) und konnte so mit zusätzlichen Arbeitsplätzen die globalisierungsbedingten Verluste teilweise ausgleichen. Deshalb wurde die Gefährlichkeit der Globalisierung für unsere Arbeitsplätze noch nicht richtig erkannt. Jetzt könnte die «Stunde der Wahrheit» bevorstehen und für alle sichtbar werden, auf welch tönernen Füssen diese Ersatzarbeitsplätze stehen. Wir werden dann auch erkennen, wie stark unser System des «Wohlstands für alle», das die moderne Industriegesellschaft so attraktiv gemacht hat, wegen der ohne Rücksicht auf das Gemeinwohl durchgeführten Globalisierung bereits geschädigt ist. Wenn eine Rezession auf einen solcherart geschwächten Wirtschaftsorganismus trifft, besteht die Gefahr, dass es zur Krise kommt!
Konzerne, Politiker und Medien weigern sich beharrlich, diese Gefahr zur Kenntnis zu nehmen und die entsprechenden Schlüsse daraus zu ziehen.
Wenn man die Produktions-Arbeitsplätze in den Hochlohnländern erhalten will, muss man die Chancengleichheit der Produzenten und ihrer Arbeitnehmer gegenüber der ausländischen Billigkonkurrenz herstellen. Dies gelingt am einfachsten durch Schutzzölle, die das internationale Ungleichgewicht der Produktionskosten (Löhne, Sozialabgaben, Steuern und Umweltschutzkosten) ausgleichen könnten. Das Ziel der Globalisierung ist dagegen gerade die Ausnutzung dieses Ungleichgewichtes, weil die beteiligten Konzerne damit ihre Gewinne extrem steigern können! Man verlagert die Produktion in asiatische Niedriglohnländer und verkauft die Waren anschliessend mit weit überdurchschnittlichen Gewinnen in den Hochlohnländern. Der weitgehende Wegfall der Zölle und relativ niedrige Transportkosten ermöglichen diese Gewinnmaximierung.
Solange nur wenige so handeln, kann dies eine Volkswirtschaft verkraften. Je mehr es jedoch tun, um so eher muss eine solche Politik in der Krise enden, es sei denn, das betroffene Hochlohnland macht sich selbst zum Niedriglohnland, um wieder konkurrenzfähig zu werden. Welcher Politiker in Europa oder den USA will aber seinen Wählern einen Abstieg auf chinesisches Lohnniveau (etwa 1 DM pro Stunde) zumuten?
Deshalb leben wir weiter so, als sei nichts geschehen, und verbrauchen die in den vergangenen Jahrzehnten gebildeten Reserven. Oder wir verlagern die «Rechnungsstellung» durch private oder staatliche Schuldenaufnahme auf die Zukunft. Dass eine solche Verhaltensweise nur relativ kurze Zeit funktionieren kann, müsste allen Einsichtigen klar sein.
Die entscheidende Frage für unsere derzeitigen wirtschaftlichen Aussichten ist daher, wie weit der vorstehend beschriebene Prozess bereits fortgeschritten ist, ob also noch genügend «Kreditspielräume» vorhanden sind. Tatsache ist jedenfalls, dass beim «Leithammel der Weltkonjunktur», den USA, derzeit Massenentlassungen im Gange sind und dass dort sehr viele Bürger schon lange Zeit über ihre Verhältnisse gelebt haben und daher sehr hoch verschuldet sind. Deshalb sind für viele kaum noch Kreditspielräume vorhanden, und die Gefahr, den Arbeitsplatz zu verlieren, wird wohl die meisten zur Zurückhaltung beim Konsum veranlassen. Damit droht dem Arbeitsmarkt eine gefährliche «Abwärtsspirale», bei der jeder verlorene Arbeitsplatz weitere in Gefahr bringt. Dies gilt besonders für die durch den vergangenen Boom entstandenen Dienstleistungsjobs, die solide (abgewanderte) Produktionsarbeitsplätze ersetzt haben. Die Sünden der Globalisierung werden damit offenbar - und es entsteht ein Kumulationseffekt aus Rezession und globalisierungsbedingtem Arbeitsplatzwegfall. Auch der in der Weltwirtschaft bereits früher vorhandene Dominoeffekt, bei der ein stürzender Staat andere mit sich reisst, wird durch die Globalisierung gewaltig verstärkt. Insoweit ist die Ausgangsposition ungünstiger als bei der 1929 begonnenen Weltwirtschaftskrise.
Das Grosskapital hat es zwar inzwischen geschafft, die Politiker der meisten Staaten von sich abhängig zu machen. Aber selbst sein Einfluss dürfte nicht ausreichen, um mit den vorstehend geschilderten Gefahren fertig zu werden. Eine solche Leistung wäre vergleichbar mit der des sagenhaften Barons Münchhausen, der sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen haben soll.
Auch in der Wirtschaft gibt es Gesetze der Logik. Wenn man einem Staat Arbeitsplätze durch eine Verlagerung ins billigere Ausland wegnimmt, sinken die Einkommen der betroffenen Arbeitnehmer entsprechend, mit dem Ergebnis, dass sie weniger konsumieren können.
Bereits Henry Ford hat dies erkannt, als er erklärte: «Autos kaufen keine Autos.» Ein Arbeitnehmer muss also entsprechend verdienen, um die von ihm produzierten Waren auch kaufen zu können. Sonst kommt Sand ins Getriebe der Wirtschaftskreisläufe!
Durch die Globalisierung sind die Gewinne der Grossindustrie gewaltig gestiegen, während sich das Bruttosozialprodukt der betroffenen Länder nur geringfügig erhöht hat. Im Ergebnis bedeutet dies eine erhebliche Einkommensumverteilung zugunsten des Kapitals und zu Lasten der Arbeitnehmer. Dies führt bei jenen zwangsläufig zu rückläufigem Konsum.
Die sich in allen von der Globalisierung betroffenen Hochlohnländern anbahnende Rezession kommt daher nicht aus heiterem Himmel oder gar als Folge irgendwelcher Terrorakte, sondern ist vor allem eine Konsequenz der Globalisierungspolitik!
Wenn wir grosses Glück haben, lässt sich die Ausweitung der Rezession zur Weltwirt-schaftskrise noch einmal verhindern. Wenn trotz dieser Erfahrungen die Globalisierungspolitik fortgesetzt wird, ist es allerdings nur noch eine Frage der Zeit, wann diese Krise unabwendbar kommt.
Deshalb ist eine grosse öffentliche Diskussion über Alternativen zur Globalisierung unerlässlich - auch wenn sie von den Globalisierungsgewinnern gefürchtet wird!
Eine Alternative soll hier noch kurz vorgestellt werden. Sie lautet: Regionalisierung statt Globalisierung der Wirtschaft. Sinnvoll wäre die Aufteilung der Welt in grosse Wirtschaftsregionen, die sich durch Schutzzölle oder andere Massnahmen in gebotenem Masse voneinander abgrenzen. So könnte sichergestellt werden, dass jede Region den grössten Teil ihrer Bedarfsgüter selbst produziert und dass damit relativ krisensichere Wirtschaftsräume und -kreisläufe entstehen. Innerhalb der Grossregion liesse sich eine weitere - kleinräumige - Regionalisierung der Produktion auf freiwilliger Basis zur Vermeidung sinnloser Transporte anstreben.
Eine solche Politik würde eine Vielzahl neuer Perspektiven eröffnen und würde unsere derzeitige verhängnisvolle Abhängigkeit von nicht steuerbaren Entwicklungen in verschiedensten Teilen der Welt erheblich reduzieren. Der Wohlstand für alle und damit die Stabilität unserer Gesellschaftsordnung steht auf dem Spiel!
Oder muss es erst zur Weltwirtschaftskrise kommen, damit auch die Inhaber des grossen Kapitals erkennen, dass sie durch ihre Globalisierungspolitik letztlich den Ast absägen, auf dem auch sie sitzen ?
Ein Zurückfahren ihrer Gewinne auf ein normales Mass wäre für sie allemal besser, als das Chaos einer zerstörten Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung zu riskieren!
Manfred Ritter hat zusammen mit Klaus Zeitler das Buch Armut durch Globalisierung - Wohlstand durch Regionalisierung verfasst, erschienen im Leopold-Stocker-Verlag, Graz. ISBN 3-7020-0883-7
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