Sonderbeilage: Zeit-Fragen Nr. 48 vom 3.12. 2001
Der iranische Filmemacher Mohsen Makhmalbaf hat im Juni dieses Jahres, also noch vor den Attentaten in den USA, einen bewegenden Essay über das Land Afghanistan geschrieben, den wir nachfolgend abdrucken. Der Bericht vermittelt einen tiefen Einblick in das Land, in die Lebensweise seiner Einwohner und zeigt uns, wie unglaublich schwierig die Lebensverhältnisse der Bevölkerung bereits vor dem laufenden Krieg waren. Die US-amerikanische Kriegswalze hat nun, unterstützt von zahlreichen Verbündeten, die Situation für die Zivilbevölkerung nochmals dramatisch verschärft. Der weltweite Aufschrei gegen eine solche Unmenschlichkeit muss lauter werden!
Makhmalbaf erhielt Anfang Oktober dieses Jahres für seinen Film «Kandahar» die Fellini-Medaille der Unesco. Bei der Verleihung sagte er, Afghanistan sei bis zu den Ereignissen in den USA ein vergessenes Land gewesen. Und heute interessiere sich die Welt weniger für Afghanistan, weil es dem Land helfen wolle, sondern aus Rache.
Wenn Sie meinen Artikel vollständig lesen, wird das eine Stunde Ihrer Zeit in Anspruch nehmen. In dieser Stunde werden 14 weitere Menschen in Afghanistan am Hunger und Krieg gestorben sein und 60 werden Flüchtlinge in anderen Ländern sein. Ich schrieb diesen Artikel, um die Hintergründe dieser Sterblichkeit und Fluchtbewegungen zu beschreiben. Wenn dieses bittere Thema bedeutungslos für Ihr angenehmes Leben ist, dann lesen Sie ihn besser nicht.
Letztes Jahr nahm ich an dem Filmfestival in Pusan in Südkorea teil. Dort wurde ich nach dem Thema meines nächsten Filmes gefragt. Wenn ich antwortete: «Afghanistan», dann kam prompt die Frage: «Was ist Afghanistan?» Warum ist das so? Warum kann ein Land so unbedeutend sein, dass man in anderen asiatischen Ländern wie Südkorea noch nie davon gehört hat?
Der Grund ist offensichtlich. Afghanistan spielt in der heutigen Welt keine Rolle. Als Land ist es weder für bestimmte Güter noch für wissenschaftliche Fortschritte oder für künstlerische Ehren bekannt. In den USA, in Europa und im mittleren Osten ist die Situation aber anders und man kennt Afghanistan aus anderen Gründen.
Diese Bekanntheit hat aber keine positive Konnotation. Wer den Namen Afghanistan sofort erkennt, assoziiert damit den Schmuggel, die Taliban, islamistischen Fundamentalismus, den Krieg mit Russland, einen andauernden Bürgerkrieg, Hunger und eine hohe Sterblichkeitsrate. In dieser persönlichen Wahrnehmung ist keine Spur von Frieden, Stabilität oder Entwicklung zu finden. Daher entsteht auch kein Bedarf nach touristischen Reisen oder geschäftlichen Investitionen in Afghanistan.
Warum sollte man also dieses Land nicht der Vergessenheit anheim fallen lassen? Die Verunstaltung der Wahrnehmung Afghanistans ist so gross, dass man bald in Lexika schreiben wird, dass Afghanistan ein drogenproduzierendes Land mit einer rauhen, aggressiven und fundamentalistischen Bevölkerung ist, die ihre Frauen unter Schleiern ohne Öffnungen versteckt.
Zu all dem kommt die Zerstörung der grössten bekannten Buddha-Statue hinzu, die vor kurzem das Mitgefühl der gesamten Welt erregte und alle Kunst- und Kulturkenner zur Verteidigung der dem Untergang geweihten Statue mobilisierte. Aber warum brachte ausser der UN-Hochkommissarin Ogata keiner seinen Kummer über die Millionen Afghanen, denen der Hungertod droht, zum Ausdruck? Warum spricht niemand über die Gründe für diese Sterblichkeit? Warum schreit jeder laut über die Zerstörung der Buddha-Statue, während man nichts zur Verhinderung des Todes der hungernden Afghanen unternimmt? Werden in unserer schönen neuen Welt Statuen höher geschätzt als das Leben von Menschen?
Ich habe Afghanistan bereist und war Zeuge des Lebens in diesem Land. Als Filmemacher habe ich in einem zeitlichen Abstand von 13 Jahren zwei Filme gemacht, die Afghanistan vorstellen (The Cyclist, 1988, und Kandahar, 2001). Dazu habe ich ungefähr 10000 Seiten aus Büchern und Dokumenten gelesen, um Daten für meine Filme zu gewinnen. In der Folge gewann ich ein anderes Bild von Afghanistan als der Rest der Welt. Es ist ein komplexes, anderes und tragisches Bild, aber genauer und positiver. Es ist ein Bild, das der Aufmerksamkeit bedarf, es darf nicht dem Vergessen und der Unterdrückung anheimfallen.
Aber wo ist Sa´di, um diese Tragödie zu sehen, der Sa´di, dessen Gedicht «Alle Menschen sind Glieder eines Körpers» über dem Portal der Vereinten Nationen hängt?
Der Eindruck, den Afghanistan in der Vorstellung des iranischen Volkes macht, basiert auf demselben Bild, das die Amerikaner, Europäer und Menschen des mittleren Ostens haben. Der einzige Unterschied besteht darin, dass es für sie nicht so weit weg ist. Iranische Arbeiter, Menschen aus dem südlichen Teheran und die Arbeiter in den iranischen Städten betrachten die Afghanen nicht mit freundlichen Augen und sehen sie als Konkurrenten um die Arbeitsplätze. Sie übten Druck auf das Arbeitsministerium aus und verlangten, dass die Afghanen in ihre Heimat zurückgeschickt werden.
Die reicheren Iraner finden die Afghanen aber durchaus vertrauenswürdig, als Hauswarte und Gärtner. Bauunternehmer glauben, dass Afghanen bessere Arbeiter als ihre iranischen Kollegen sind und niedrigere Löhne verlangen. Die Behörden, die gegen die Drogen kämpfen, sehen sie als Schlüsselelement im Drogenhandel und schlagen vor, die Schmuggler niederzuschlagen und alle Afghanen zu deportieren, um dem Drogenproblem so ein für alle Male ein Ende zu bereiten. Ärzte betrachten die Afghanen als Ursache einiger epidemischer Krankheiten wie der Afghanischen Grippe, die es zuvor im Iran nicht gab. Sie bieten die Immunisierung vom Inneren Afghanistans her an, und haben dabei auch die Kosten der Polioimpfung für die afghanische Bevölkerung getragen.
Schlagzeilen, die einer bestimmten Nation zugeordnet werden, müssen immer genau überprüft werden. Das Bild eines Landes, das der Welt von den Medien vermittelt wird, ist immer eine Kombination der Fakten über dieses Land mit Annahmen über bestehende innere Bilder, welche die Medien bei den Menschen der Welt wachrufen wollen. Falls man von einigen Ländern annimmt, dass sie einen bestimmten Ort begehren, dann ist es nötig, dass die Medien dazu die Grundlagen liefern.
Sowie ich es sehe, gibt es im heutigen Afghanistan nichts, was die Begierde wecken könnte, ausser den Mohnsamen. Daher hat Afghanistan so gut wie keinen Anteil an den Nachrichten der Welt, und die Lösung seiner Probleme ist in der nächsten Zukunft kaum zu erwarten. Wenn Afghanistan wie Kuwait Öl oder einen auf Öl gründenden Einkommensüberschuss hätte, dann hätten die Amerikaner es in 3 Tagen zurückgenommen, und die Kosten der amerikanischen Armee hätten durch diesen Einnahmeüberfluss gedeckt werden können.
Als die Sowjetunion noch existierte, erhielten die Afghanen die Aufmerksamkeit der westlichen Medien, weil sie gegen den Ostblock kämpften und Zeugnis für die kommunistische Unterdrückung ablegten. Warum unternahm die USA, die angeblich die Menschenrechte unterstützen, nach dem Rückzug der Sowjets und der Desintegration der Sowjetunion keine ernsthaften Versuche, 10 Millionen Frauen, die der Bildung und sozialer Betätigung beraubt waren, zu helfen oder um die Armut und Hungersnot, die so viele Menschen dahinraffte, auszurotten?
Die Antwort ist, weil Afghanistan auf lange Sicht nichts Begehrenswertes zu bieten hat. Afghanistan ist nicht wie ein schönes Mädchen, das den Herzschlag von tausend Liebhabern in die Höhe treibt. Unglücklicherweise ähnelt es heute einer alten Frau. Wer sie begehrt und sich ihr nähert, muss die Kosten für einen Todgeweihten tragen, und wir wissen, dass unsere Zeiten nicht die Zeiten Sa´dis sind, als «Alle Menschen Glieder eines Körpers» waren.
Es gibt in Afghanistan keine wirklich exakte Sammlung statistischer Daten der letzten zwei Jahrzehnte. Daher sind die folgenden Zahlen und Daten nur Näherungswerte. Gemäss dieser Zahlen betrug die Bevölkerung Afghanistans im Jahr 1992 20 Millionen. Während der letzten 20 Jahre und seit der russischen Besatzung starben ungefähr 2,5 Millionen Afghanen an den direkten oder indirekten Kriegsfolgen, an Armeeüberfällen, Hungersnot oder Mangel an medizinischer Versorgung.
Mit anderen Worten: Jedes Jahr starben 125000 Menschen, das macht 340 Menschen pro Tag oder 14 Menschen pro Stunde oder 1 Mensch alle 5 Minuten, die entweder getötet wurden oder an dieser Tragödie zugrunde gingen. Dies ist die Welt, in der die Mannschaft des unglücklichen russischen U-Boots vor einigen Monaten dem Tod ins Auge sah, was von allen Nachrichtensatelliten minutenlang übertragen wurde. In einer Welt, in der auch die Zerstörung der Buddha-Statue non-stop übertragen wurde.
Aber niemand spricht von dem tragischen Tod der Afghanen im 5-Minuten-Takt während der letzten 20 Jahre. Die Anzahl der afghanischen Flüchtlinge ist noch tragischer. Gemäss etwas genauerer Statistiken beträgt die Zahl der Flüchtlinge ausserhalb Afghanistans in Pakistan und im Iran 6,3 Millionen. Teilt man diese Zahl durch die Minuten der letzten zwanzig Jahre, dann wurde jede Minute ein Mensch zum Flüchtling. In dieser Zahl fehlen die Menschen, die innerhalb Afghanistans von Norden nach Süden und umgekehrt geflüchtet sind, um den Bürgerkrieg zu überleben.
Ich persönlich kann keine Nation nennen, deren Bevölkerung durch die Sterblichkeit um 10% reduziert wurde und durch die Migration um 30% und dennoch von der Welt mit einer solchen Gleichgültigkeit behandelt wurde. Die Gesamtzahl der getöteten Menschen und der Flüchtlinge in Afghanistan entspricht der gesamten palästinensischen Bevölkerung, aber selbst unser iranischer Anteil an Sympathie erreicht nicht einen Bruchteil von dem, den wir für Palästina oder Bosnien aufbringen, obwohl wir eine gemeinsame Sprache und Grenze mit den Afghanen teilen.
Als ich die Grenze zu Afghanistan an der Zollstation Dogharoon übertrat, sah ich ein Schild, das die Besucher vor merkwürdig aussehenden Gegenständen warnte. Dies sind Minen. Das Schild warnte: «Alle 24 Stunden treten 7 Menschen in Afghanistan auf eine Mine. Seien Sie vorsichtig, damit Sie weder heute noch morgen einer von ihnen sind.»
Weitere exakte Zahlen erhielt ich in einem der Rot-Kreuz-Lager. Eine kanadische Gruppe war gekommen, um Minen zu entschärfen. Aber sie fanden die Tragödie so erdrückend, dass sie die Hoffnung verloren und nach Hause zurückkehrten. Gemäss diesen Zahlen werden in den nächsten 50 Jahren die Afghanen in Gruppen über die Minen treten müssen, um ihr Land wieder sicher und bewohnbar zu machen. Der Grund liegt darin, dass die Minen von den verschiedenen kämpfenden Gruppen ohne Karten und Pläne verlegt wurden, die nötig wären, um sie später wieder einsammeln zu können. Die Minen wurden nicht nach militärischer Art verlegt, so dass sie zu Friedenszeiten wieder geräumt werden können. Eine Nation hat sich gewissermassen selbst vermint. Und wenn es in Strömen regnet, dann werden die Minen von den Wasserbächen verschoben und verwandeln einst sichere Strassen in Todesfallen.
Diese Statistiken offenbaren das Ausmass der Unsicherheit in der Lebenswelt Afghanistans, das zur ständigen Auswanderung führt. Die Afghanen empfinden ihre Situation als gefährlich. Es gibt eine anhaltende Angst vor Hunger und Tod.
Warum sollten die Afghanen nicht auswandern? Eine Nation mit einer Auswanderungsrate von 30% fühlt sich gewiss hoffnungslos gegenüber ihrer Zukunft. Von den zurückgebliebenen 70% starben 10%, beziehungsweise sie wurden getötet. Die restlichen 60% waren nicht in der Lage, die Grenzen zu überqueren oder wurden bei dem Versuch wieder von den Nachbarländern zurückgeschickt.
Diese gefährliche Situation war auch ein Hindernis für eine ausländische Präsenz in Afghanistan. Ein Geschäftsmann würde nie das Risiko eingehen, dort zu investieren, es sei denn, er wäre ein Drogenhändler. Politische Experten bevorzugen es, direkt in westliche Länder zu fliegen. Das erschwert es, die Krise, in der sich Afghanistan befindet, zu lösen. Wegen der auferlegten UN-Sanktionen und wegen der Sicherheitsfrage haben nur drei Länder offiziell und zwei Länder inoffiziell politische Experten in Afghanistan. Es werden nur politische Vorschläge aus sicherer Distanz angeboten.
Dies verstärkt das Ausmass der Krise in einem Land, das mit einer Tragödie von solcher Tragweite und mit der Gleichgültigkeit der Welt konfrontiert ist.
Ich war Zeuge, als 20000 Männer, Frauen und Kinder im Umkreis der Stadt Herat sich zu Tode hungerten. Sie konnten nicht mehr gehen und waren auf dem Boden verstreut, um das unvermeidliche Ende zu erwarten. Es war die Folge der letzten Hungersnot. Am selben Tage besuchte die damalige Hohe Kommissarin der UN, Sadako Ogata, diese Menschen und versprach, dass die Welt ihnen helfen würde. Drei Monate später hörte ich im iranischen Radio, dass Frau Ogata die Anzahl der am Hunger sterbenden Afghanen mit 1 Million landesweit angab.
Ich kam zu dem Schluss, dass die Buddha-Statue von niemandem zerstört wurde: Sie zerbrach an der Scham. Aus Scham über die Gleichgültigkeit der Welt gegenüber Afghanistan. Sie brach zusammen, weil sie wusste, dass ihre Grösse niemandem nutzte.
In Dushanbe in Tadschikistan sah ich eine Szene, in der 100000 Afghanen auf blossen Füssen von Süden nach Norden liefen. Es sah aus wie das Jüngste Gericht. Diese Szenen werden in den Medien der Welt nie gezeigt. Die vom Krieg geschundenen und hungrigen Kinder waren Meile um Meile barfuss gelaufen. Später wurde diese fliehende Gruppe von eigenen Streitkräften angegriffen, und Tadschikistan verweigerte das Asyl. Sie starben zu Tausenden, und sie starben im Niemandsland zwischen Afghanistan und Tadschikistan, und weder Sie noch irgend jemand sonst bemerkte es.
Wie es Frau Golrokhsar, die bekannte tadschikische Dichterin, sagte: «Es ist nicht seltsam, wenn jemand auf der Welt wegen so vieler Sorgen, wie sie Afghanistan hat, stirbt. Wirklich seltsam ist, warum niemand an diesem Kummer stirbt.»
Afghanistan ist ein Land ohne Bilder und dies aus verschiedenen Gründen. Die afghanischen Frauen sind gesichtslos, was bedeutet, dass 10 Millionen der insgesamt 20 Millionen Afghanen nicht gesehen werden können. Eine Nation, deren weibliche Hälfte nicht gesehen werden kann, ist eine Nation ohne Bilder.
Während der letzten Jahre gab es keine Fernsehsendungen. Es gibt nur wenige zweiseitige Zeitungen mit den Namen Shariat, Heevat und Anise, die nur aus bilderlosem Text bestehen. Das ist auch schon die Gesamtheit der Medien Afghanistans. Die Malerei und die Fotografie sind ebenfalls im Namen der Religion verboten. Ausserdem darf kein Journalist Afghanistan betreten, geschweige denn Fotos aufnehmen.
In der Morgenröte des 21. Jahrhunderts gibt es keine Filmproduktionen oder Kinos in Afghanistan. Zuvor gab es 14 Kinos, die Produktionen der indischen Filmindustrie zeigten, und kleine Filmstudios, deren Produktion die indischen Filme imitierte, aber auch diese sind verschwunden.
In der Welt des Kinos, in der jährlich Tausende von Filmen produziert werden, kommt nichts aus Afghanistan. Hollywood hat aber den Film «Rambo» über den Krieg in Afghanistan produziert. Der Film wurde vollständig in Hollywood gedreht, kein einziger Afghane nahm an ihm teil. Die einzige authentische Szene ist die Anwesenheits Rambos in Peshawar, und dies nur dank der Technik der Rückprojektion. Der Film besteht fast nur aus Action-Szenen, die Erregung erzeugen sollen. Dies ist Hollywoods Bild eines Landes, in dem 10% der Bevölkerung ausgerottet und 30% zu Flüchtlingen gemacht wurde, und in dem zurzeit eine Million Menschen am Hunger sterben.
Die Russen produzierten zwei Filme, die sich mit den Erinnerungen der russischen Soldaten während der Besetzung Afghanistans beschäftigen. Die Mudschahedin machten nach dem russischen Rückzug einige Filme, die eigentlich Propagandafilme waren und kein genaues Bild über die Vergangenheit und das heutige Afghanistan liefern. Sie geben einfach ein heroisierendes Bild einiger Afghanen, die in der Wüste kämpfen, wieder.
Im Iran wurden zwei Filme über die Situation afghanischer Immigranten gedreht: «Friday» und «Rain». Ich selbst drehte zwei Filme, «Der Radfahrer» (The Cyclist) und «Kandahar». Das ist der vollständige Katalog der Bilder über Afghanistan in den Medien des Iran und der Welt. Selbst in den internationalen Fernsehproduktionen gibt es nur wenige Dokumentarfilme über Afghanistan. Vielleicht ist es eine innere oder äussere Verschwörung oder eine universale Ignoranz, die Afghanistan zu einem Land ohne Bilder macht.
Afghanistan entstand infolge einer Abspaltung vom Iran. Es war vor 250 Jahren eine iranische Provinz und Teil der Gross-Khorasan-Provinz zur Zeit des Nadir Schah. Als Nadir Schah aus Indien zurückkehrte, wurde er eines Nachts in Ghoochan ermordet. Ahmad Abdali, ein Kommandeur in Nadir Schahs Armee, floh mit einem Regiment von 4000 Soldaten. Er erklärte die Unabhängigkeit vom Iran, und so wurde Afghanistan gegründet.
Zu dieser Zeit bestand das Land aus Bauern und wurde von verschiedenen Stämmen beherrscht. Da Ahmad Abdali zum Stamm der Paschtunen gehörte, konnte er nicht als absoluter Herrscher von den anderen Stämmen, zum Beispiel den Tadschiken, Hasaras und Usbeken, anerkannt werden. Daher kam man überein, dass jeder Stamm von seinen eigenen Führern regiert werden sollte. Die Herrscher bildeten einen Stammesföderalismus, dessen beratende Versammlung als Loya Jirga bekannt wurde.
Seit damals und bis heute entstand keine passendere oder gerechtere Regierungsform in Afghanistan. Das System der Loya Jirga zeigt nicht nur, dass sich Afghanistan ökonomisch nie aus seiner landwirtschaftlichen Existenz weiterentwickelt hat, sondern auch, dass das Stammesgesetz nie hat überwunden werden können. Afghanistan entwickelte nie ein Nationalgefühl.
Ein Afghane sieht sich selbst erst dann als Afghane, wenn er das Land verlassen muss. Er wird mit Mitleid betrachtet oder leidet unter der Demütigung. In Afghanistan ist jeder Afghane ein Paschtune, ein Hasara, ein Usbeke oder ein Tadschike. Im Iran, vielleicht mit Ausnahme Kurdistans, sind wir alle zuerst Iraner. Nationalität ist der erste Aspekt in unserer Wahrnehmung einer gemeinsamen Identität. Aber in Afghanistan sind alle zuvorderst Mitglieder eines Stammes. Stammeszugehörigkeit ist der erste Aspekt ihrer Identität.
Das ist der offensichtlichste Unterschied zwischen dem Denken eines Iraners und dem eines Afghanen. Selbst bei den Präsidentenwahlen im Iran ist die ethnische Zugehörigkeit keine nationale Angelegenheit und hat keinen Einfluss auf das Wahlverhalten. In Afghanistan waren die wichtigsten Führer des Landes seit den Zeiten Ahmad Abdalis bis zu den Taliban immer Paschtunen. (Mit Ausnahme der neunmonatigen Herrschaft des Habiballah Galehkani, die als die Bacheh-Sage bekannt wurde und den zwei Jahren des tadschikischen Burhannuddin Rabbani.) Aber die Menschen Afghanistans waren seit der Zeit des Ahmad Abdali immer zufrieden mit der Stammesherrschaft.
Was zeigt dieser Vergleich mit dem Iran? Unter Resa Schah wurde die Stammesherrschaft geschwächt und durch einen Nationalismus ersetzt. Dies geschah nicht in Afghanistan. Sogar die Mudschahedin Afghanistans kämpften gegen die ausländischen Feinde nie als nationale Einheit, sondern jeder Stamm führte den Krieg gegen die ausländischen Feinde in seinen Stammesgebieten.
Während ich den Film «Kandahar» drehte, war ich in einem Flüchtlingslager an der iranisch-afghanischen Grenze. Ich bemerkte, dass selbst die afghanischen Flüchlinge, die unter den schwierigen Lagerbedingungen lebten, keine nationale afghanische Identität akzeptierten. Die Zugehörigkeit zu den Tadschiken, Hasaras oder Paschtunen war ständig Anlass zu Streit. Eheschliessungen zwischen den Stämmen finden immer noch nicht statt. Auch Geschäftsbeziehungen bleiben innerhalb des Stammes. Und beim kleinsten Konflikt besteht die Gefahr, dass es zu einem Blutvergiessen kommt. Ich war einmal Zeuge, wie ein Stammesangehöriger jemand anderen tötete, aus Rache für ein Vordrängeln in einer Brotschlange.
Im Flüchtlingslager Niatak (an der iranisch-afghanischen Grenze) leben 5000 Menschen. Die Kinder der Hasaras finden es nicht selbstverständlich, mit denen der Paschtunen zu spielen. Manchmal kommt es zu aggressivem Verhalten. Tadschiken und Hasaras betrachten die Paschtunen als ihre grössten Feinde auf Erden, die Paschtunen erwidern dieses Gefühl. Sie besuchen nicht einmal die Moscheen der anderen zum Beten. Wir hatten Probleme, die Kinder nebeneinander zu setzen, um ihnen einen Film zu zeigen. Als Kompromiss zeigten wir den Film zweimal, zuerst schauten die Hasara-Kinder zu, dann die Paschtunen-Kinder.
Es gab viele Krankheiten in diesem Lager und keine Ärzte. Wenn ein Arzt aus der Stadt geholt wurde, dann liessen es die Lagerinsassen nicht zu, dass die Kränksten zuerst behandelt wurden. Die Stammesordnung musste eingehalten werden. An einem Tag wurden die Kranken der Hasaras, am anderen Tag die Kranken der Paschtunen behandelt. Hinzu kamen noch die Rangunterschiede bei den Paschtunen, so dass sie nicht alle am gleichen Tag in die Klinik kommen konnten.
Als wir noch einige Zusatzszenen für den Film drehten, mussten wir uns zwischen den Hasaras und Paschtunen entscheiden, obwohl alle Flüchtlinge waren und unter dem gleichen Elend litten. Aber Stammesfragen stehen bei jeder Entscheidung im Vordergrund. Natürlich hatte keiner Erfahrungen mit dem Kino. Wie meine Grossmutter dankten sie Gott, dass sie nie einen Fuss in ein Kino gesetzt hatten.
Der Grund für das Überdauern der Stämme in Afghanistan liegt in der landwirtschaftlichen Lebensweise. Jeder afghanische Stamm ist in seinem Tal zwischen hohen geographischen Wänden eingesperrt und ist ein Gefangener seiner Kultur, welche die bergige Natur und ländlichen Gegebenheiten seines Tales widerspiegeln. Die Stammeskultur ist ein Produkt der landwirtschaftlichen Lebensumstände in den tiefen Tälern Afghanistans. Der Glaube an den Stamm ist so tief wie diese Täler.
Die Topografie Afghanistans ist zu 75% gebirgig, von denen nur 7% für die Landwirtschaft geeignet sind. Ihm fehlt auch nur der leiseste Anschein von Industrie. Das Land ist vollständig von der Landwirtschaft abhängig, da die Graswiesen in den Jahren ohne Trockenheit die einzigen kontinuierlich verfügbaren Ressourcen sind. Die Landwirtschaft ist auch die Grundlage des Stammestums, das wiederum die Basis tiefer innerer Konflikte bildet. Dies hält Afghanistan nicht nur davon ab, ein modernes Land zu werden, es verhindert auch, dass diese Noch-nicht-Nation eine nationale Identität entwickeln kann.
Es gibt keinen allgemeinen inneren Glauben an etwas, das Afghanistan und Afghanen heisst. Die Afghanen sind noch nicht dazu bereit, in einer grösseren gemeinsamen Identität mit dem Namen auch in das Volk von Afghanistan aufzugehen. Im Gegensatz zu der falschen Bezeichnung «religiöser Krieg» liegt der Ursprung der Auseinandersetzung in Stammeskonflikten. Die Tadschiken, die heute die Taliban bekämpfen, sind Muslime und Sunniten genau wie die Taliban. Die Intelligenz des Ahmad Abdali wird heute noch nicht hoch genug geschätzt. Sie zeigt sich in der Konstruktion des Begriffes Stammesföderalismus. Er war klüger als die, die mit der Herrschaft eines Stammes über alle anderen oder mit der Herrschaft eines Individuums über die ganze Nation liebäugelten, als die Stammeskultur und die Wirtschaft noch intakt waren.
Die Paschtunen mit einer Bevölkerung von ungefähr 6 Millionen sind der grösste Stamm Afghanistans. Danach kommen die Tadschiken mit ungefähr 4 Millionen Menschen und an dritter und vierter Stelle kommen die Hasaras und Usbeken mit einer Bevölkerung von 4 Millionen beziehungsweise einer zwischen 1 und 2 Millionen. Der Rest sind kleine Stämme wie die Imagh, die Fars, die Balutschen, die Turkmenen und die Queselbasch.
Die Paschtunen bevölkern hauptsächlich den Süden, die Tadschiken den Norden und die Hasaras die Mitte Afghanistans. Diese geographische Konzentration in verschiedenen Regionen führt entweder zu einer vollständigen und endgültigen Desintegration oder zu einer ständigen Verbindung zum Stammesführer durch das System der Loya Jirga. Die einzige Alternative zu diesen beiden Szenarien erfordert Änderungen in der wirtschaftlichen Infrastruktur und die Ersetzung der Stammesidentität durch eine nationale Identität.
Wenn wir heute im Iran unabhängig von Fragen der Stammeszugehörigkeit einen Präsidenten wählen können, dann verdanken wir dies der wirtschaftlichen Transformation durch das Öl, zumindest gilt dies für das letzte Jahrhundert. Dabei geht es nicht um die Qualität oder die Menge des Öls in der iranischen Wirtschaft. Der springende Punkt ist, dass das Öl in einem Land wie dem Iran, das landwirtschaftlich organisiert war, die ökonomische Infrastruktur geändert hatte, womit der Iran auch international eine grosse Bedeutung bekam. Er wurde zum Exporteur eines hochgeschätzten Rohmaterials und erhielt im Gegenzug Güter aus der Überschussproduktion der Industrieländer.
Dieser Wandel verändert die sozio-ökonomische Infrastruktur, was wiederum zu einem Bruch mit der traditionellen Kultur führt und diese durch eine modernere ersetzt, die auf dem Export von Öl und dem Konsum der Produkte der Industrieländer beruht. Wenn wir das Geld, als symbolisches Medium, ausser Betracht lassen, dann haben wir Öl im Austausch für Konsumprodukte gegeben. Aber Afghanistan hat nichts ausser den Drogen, um es auf dem Weltmarkt zu tauschen. Deshalb hat es sich auf sich selbst zurückgezogen und wurde so isoliert. Vielleicht hätte Afghanistan, wenn es sich vor 250 Jahren nicht vom Iran getrennt hätte, auf der Grundlage seines Anteils am Öleinkommen ein anderes Schicksal gehabt. Die Menge an Opium, ich werde das später noch genauer erklären, ist im Vergleich zum iranischen Öl viel zu unbedeutend. Irans Einnahmeüberfluss aus dem Öl beträgt über 10 Milliarden Dollar. Die Gesamteinnahmen aus den Opiumverkäufen Afghanistans blieben bei 500 Millionen Dollar.
Wir haben in der Weltwirtschaft unsere Rolle gespielt, und durch den Konsum der Produkte anderer Länder haben wir verstanden, dass wir Wahlmöglichkeiten haben; und so wurden wir etwas moderner. Aber die Welt des afghanischen Bauern ist sein Tal, und sein Beruf ist die Landwirtschaft, wenn er von der Trockenheit verschont wird. Währenddessen löst das Stammessystem seine sozialen Probleme. Unter diesen Voraussetzungen kann er keinen Anteil an der Weltwirtschaft haben. Wo also sind die Grundlagen, die zu einer ökonomischen und kulturellen Veränderung führen könnten, so dass er einen Anteil haben könnte? Kommt noch hinzu, dass die 80 Milliarden Dollar Gewinn im globalen Drogengeschäft darauf beruhen, dass Afghanistan in seiner momentanen Lage verbleibt; denn wenn sich diese Lage verändern würde, wären zuerst diese 80 Milliarden Dollar bedroht. Daher darf Afghanistan selbst auch keinen beträchtlichen Gewinn mit dem Drogengeschäft machen, da selbst dieser Profit zu Veränderungen in Afghanistan führen könnte.
Obwohl der Iran und Afghanistan vor 250 Jahren dieselbe Geschichte teilten, nahm die Geschichte Irans durch das Öl eine andere Richtung, eine Richtung, die Afghanistan noch für lange Zeit verwehrt bleiben wird. Opium ist das einzige Produkt, das Afghanistan der Welt anbietet. Aber aufgrund der Natur dieses Produkts und der unbedeutenden Menge dieses schmutzigen nationalen Wohlstands kann es nicht mit Öl verglichen werden. Wenn wir zu dem Einkommen von 500 Millionen Dollar aus dem Verkauf von Opium noch die 300 Millionen Dollar aus dem Verkauf des Gases in Nordafghanistan hinzuziehen und die erhaltene Summe durch die Anzahl der Afghanen teilen, dann kommen wir auf ein jährliches Pro-Kopf-Einkommen von 20 Dollar. Teilen wir diese 20 Dollar noch durch die 365 Tage des Jahres, dann verdient jeder Afghane 10 Cents pro Tag, was zu normalen Zeiten ungefähr einem Laib Brot entspricht.
Aber die jährlichen Einkommen des Landes gehören der Regierung und der landeseigenen Mafia, und es wird nicht gerecht aufgeteilt. Dieses Einkommen ist zu gering, um die Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen, und zu niedrig, um zu bedeutenden Änderungen in der ökonomischen, sozialen, politischen und kulturellen Infrastruktur zu führen.
Viehzüchter ziehen umher, um ihre Lebensgrundlage zu erhalten. Es ist viel unwahrscheinlicher, dass Städter oder Ackerbauern umherziehen. Der Hauptgrund für das Nomadentum der afghanischen Viehzüchter sind die Jahreszeiten. Sie ziehen ständig in grüne und warme Gegenden, um Trockenheit und kaltes Wetter zu vermeiden. Bewegung ist ein natürlicher Reflex für Viehzüchter. Der zweite Grund ist das Fehlen einer festen Arbeit. Die Afghanen ziehen umher, um die Arbeitslosigkeit zu vermeiden.
Die täglichen Einnahmen eines Afghanen beruhen auf Arbeiten in den Nachbarländern. Morgens beim Aufstehen hat ein Afghane vier Pflichten vor sich: die erste ist die Erhaltung seines Viehbestands, wozu er ausgetrocknete Gebiete vermeiden muss. Der Kampf für seine Gruppe oder Glaubensgemeinschaft ist die zweite Pflicht. Wegen der Arbeitslosigkeit wird er zum Mitglied einer Kampfgruppe. Der Lebensunterhalt für seine Familie ist ein weiterer Grund, warum er umherzieht. Wenn alles andere fehlschlägt, widmet er sich dem Drogenhandel.
Die Möglichkeiten im Drogengeschäft sind beschränkt, und die Arbeitsmöglichkeiten einer Nation von 20 Millionen Menschen kann nicht an den 500 Millionen Dollar gemessen werden, welche die Aussaat von Mohnsamen einbringt. Folglich ist die Charakterisierung des afghanischen Volkes als Opiumschmuggler unrealistisch und nur für eine kleine Zahl zutreffend.
Amanullah Khan, der in Afghanistan von 1919 bis 1928 herrschte, war ein Zeitgenosse von Resa Schah und Kemal Atatürk. Persönlich war er dem westlichen Modernismus zugeneigt. Im Jahr 1924 bereiste Amanullah Europa, kam mit einem Rolls Royce zurück und machte sein Reformprogramm bekannt. Die Änderungen beinhalteten auch die äussere Erscheinung. Er befahl seiner Frau, den Schleier abzulegen, und verlangte von den Männern, ihre afghanische Kleidung durch westliche Anzüge zu ersetzen. Entgegen der afghanischen Tradition verbot er die Polygamie. Traditionalisten widersetzten sich sofort den Modernisierungen des Amanullah. Keiner der afghanischen Stämme unterwarf sich diesen Veränderungen, und es kam zu Aufständen gegen ihn.
Hier haben wir einen Modernismus, der jeder sozio-ökonomischen Grundlage entbehrt. Er ist nichts anderes als der unangemessene Versuch, eine Kultur über eine Stammesgesellschaft überzustülpen, die von der Landwirtschaft abhängig ist. Jegliche Industrie fehlt, nur die Landwirtschaft oder gar Vorstufen der Landwirtschaft existieren und das Verbot der Heirat zwischen den Stämmen. Dieser oberflächliche, formalistische und belanglose Modernismus regte nur die Entwicklung von Antikörpern im Körper der traditionellen afghanischen Kultur an und machte so Afghanistan immun gegen die Modernisierung. In den folgenden Jahrzehnten konnte selbst ein rationalerer Modernismus die Kultur nicht durchdringen.
Bis heute sind die Voraussetzungen für einen Modernismus, die Ausbeutung von Ressourcen und das Angebot von billigen Rohmaterialien im Austausch für Güter, nicht gegeben. Selbst die fortschrittlichsten Menschen in Afghanistan glauben, dass die Frauen noch nicht reif für das Wahlrecht sind. Wenn selbst die fortschrittlichsten Glaubensgemeinschaften, die an dem Bürgerkrieg teilnehmen, es zu früh finden, dass Frauen wählen, dann ist es klar, dass die konservativsten ihnen die Schulen und soziale Aktivitäten verbieten. Daraus folgt fast zwangsläufig, dass 10 Millionen Frauen unter ihren Burkas gefangengehalten werden.
Dies ist die afghanische Gesellschaft 70 Jahre nach dem Modernismus des Amanullah, der beabsichtigte, dem männlich dominierten Afghanistan, dessen Vorstellung von Familie nur den Harem kennt, die Monogamie aufzuerlegen. Im Jahr 2001 wird die Polygamie immer noch von den Frauen akzeptiert, selbst in den Flüchtlingslagern an der iranisch-afghanischen Grenze. Ich nahm an zwei Hochzeiten unter Paschtunen und Hasaras teil und hörte, wie sie dem Bräutigam weitere einträgliche Hochzeiten wünschten. Zuerst dachte ich, es handele sich um einen Witz. In einem anderem Fall sagte die Familie der Braut: «Wenn es sich der Bräutigam leisten kann, dann ist es wirklich gut, bis zu 4 Frauen zu haben. Es ist eine religiöse Tradition, und es hilft einem Haufen hungriger Menschen.»
Als ich zu dem Lager Saveh ging, um die Hochzeitsmusik für Kandahar aufzunehmen, sah ich, wie ein zweijähriges Mädchen mit einem siebenjährigen Jungen verheiratet wurde. Ich verstand die Bedeutung davon nicht. Ebensowenig konnten der Junge und das Mädchen, das an einem Schnuller saugte, eine Wahl getroffen haben. Bei diesem Portrait einer traditionellen Gesellschaft erscheint der Modernismus des Amanullah nur als eine übergestülpte Imitation eines anderen Landes.
Selbstverständlich gibt es einige Menschen, die glauben, dass eine Frau, die ihre Burka mit einem weniger verhüllenden Kleidung tauscht, von Gottes Fluch getroffen wird und in einen schwarzen Stein verwandelt wird. Vielleicht muss sie jemand mit Zwang von ihrer Burka befreien, damit sie bemerkt, dass diese Annahme falsch ist und sie selber die Wahl hat.
Es gibt eine andere verzerrte Betrachtungsweise des Modernismus' Amanullahs. In traditionellen Gesellschaften ist die Kultur der Heuchelei eine Art der Klassencamouflage. In der iranischen Gesellschaft schmük- ken die wohlhabenden traditionellen Familien das Innere ihrer Häuser wie ein Schloss, tarnen das Äussere aber als Schuppen, aus Angst vor den Armen. Mit anderen Worten, der aristokratische Kern muss eine arme rustikale Schale haben.
Opposition gegen den Modernismus entspringt nicht unbedingt den traditionellen Organisationen. Manchmal ist es auch eine Reaktion der Armen gegen die Reichen. Für die arme Gesellschaft zur Zeit des Amanullah galt der Besitz von Pferden anstelle von Mulis als Symbol für Ehre und Nobilität. Ein Rolls Royce war eine Beleidigung gegen-über den Armen. Der Krieg zwischen der Tradition und dem Modernismus ist grundsätzlich dasselbe wie die Schlacht zwischen dem Rolls Royce und den Mulis. Es ist ein Krieg zwischen Armut und Reichtum.
Heute sind die einzigen modernen Objekte in Afghanistan Waffen. Der allgegenwärtige Bürgerkrieg ist nicht nur eine politisch-militärische Aktion, sondern er hat auch Arbeit geschaffen und schuf ausserdem einen Markt für moderne Waffen. Afghanistan kann nicht mehr mit Messern und Dolchen kämpfen, obwohl es hinter der Moderne zurückgeblieben ist. Der Verbrauch von Waffen ist eine ernste Angelegenheit. Stinger-Raketen neben langen Bärten und Burkas sind Symbole eines tiefen Modernismus, die direkt zum Konsum und zur modernen Kultur passen.
Für den afghanischen Mudschahedin bilden die Waffen eine ökonomische Basis, die Arbeit(splätze) erzeugt. Wenn alle Waffen aus Afghanistan entfernt würden, wäre der Krieg zu Ende, und alle würden akzeptieren, dass es keine Anschläge mehr auf jemanden gäbe, und die Mudschahedin müssten sich unter den schlechten ökonomischen Bedingungen den Flüchtlingen in anderen Ländern anschliessen. Die Frage nach Tradition und Modernismus, nach Krieg und Frieden, Stammeswesen und Nationalismus in Afghanistan muss mit einem Blick auf die wirtschaftliche Situation und die Beschäftigungskrise analysiert werden. Es muss verstanden werden, dass es keine unmittelbare Lösung für die ökonomische Krise in Afghanistan gibt.
Eine Langzeitlösung wäre nur durch ein ökonomisches Wunder möglich, sicher nicht durch eine nationale militärische Attacke vom Norden in den Süden oder umgekehrt. Sind solche Wunder nicht ab und zu geschehen? War der Rückzug der Russen nicht ein Wunder? War die Souveränität der Mudschahedin nicht ein Wunder für sie? War die plötzliche Eroberung durch die Taliban nicht ein Wunder ganz eigener Art? Warum bleiben dann Probleme bestehen? Der Modernismus, wie ich ihn hier diskutiert habe, sieht sich zwei grundlegenden Problemen gegenüber: Das eine wurzelt in der Ökonomie, und das zweite ist die Immunisierung der traditionellen afghanischen Kultur gegen einen frühreifen Modernismus.
Afghanistan ist 700000 Quadratkilometer gross. 75% der Landesoberfläche sind Berge. Die Menschen leben in kavernenartigen Tälern, die umringt sind von sich auftürmenden Bergen. Diese Anhöhen zeugen nicht nur von einer rauhen Natur, schwierigen Passagen und Hindernissen für Geschäfte, sie werden auch als kulturelle und spirituelle Befestigungen zwischen den afghanischen Stämmen angesehen. Es ist offensichtlich, warum es Afghanistan an innerstaatlichen Strassen mangelt. Der Mangel an Strassen behindert nicht nur eine kriegerische Besetzung Afghanistans, er hält auch Geschäftsleute auf, deren Wohlergehen ein Motor des wirtschaftlichen Wachstums sein könnte und was auch zum Bau von Strassen führen könnte.
Im selben Ausmass, wie diese Berge fremdes Eindringen behindern, blockieren sie auch den Austausch mit anderen Kulturen und geschäftliche Aktivitäten. Ein Land, das zu 75% aus Bergen besteht, hat Probleme damit, Konsummärkte in seinen potentiellen Industriestädten zu schaffen und landwirtschaftliche Produkte in die Städte zu bringen. Trotz des Gebrauchs moderner Waffen dauern Kriege länger und führen zu keiner Lösung.
In der Vergangenheit war Afghanistan ein Durchgangsland für Karawanen auf der Seidenstrasse nach China über Balkh und nach Indien durch Kandahar. Die Entdeckung der Wasserwege und danach der Luftwege im letzten Jahrhundert verwandelte Afghanistan von einer alten Handelsroute in eine Sackgasse. Die alte Seidenstrasse war ein Durchgang für Kamele und Pferde und hatte nicht die Qualitäten einer modernen Strasse. Über die selben gewundenen Wege zogen Nadir Schah, Alexander der Grosse, Timur und Mahmmud Ghaznavi nach Indien. Wegen des bergigen Charakters dieser Strassen gab es dort primitive hölzerne Brücken, die in den letzten 20 Jahren des Krieges schwer beschädigt worden sind.
Vielleicht wollen die Leute heute, nach zwei Jahrzehnten Krieg durch fremde Mächte und des Bürgerkriegs, dass die stärkste Partei gewinnt und dem historischen Schicksal Afghanistans eine einheitliche Richtung gibt, egal, was für eine. Vielleicht sind die wahren Kämpfer Afghanistans nicht die hungrige Bevölkerung, sondern die hohen Berge, die nie aufgeben. Der tadschikische Widerstand, von Ahmed Massud angeführt, verdankt sein Überleben dem Panjshir-Tal. Wenn Afghanistan nicht gebirgig wäre, hätten die Sowjets es leicht erobern können; oder es hätte leicht den Amerikanern als Beute dienen können, wie die Ebenen von Kuwait; so kämen sie näher zu den Märkten Zentralasiens.
Ist das Land gebirgig, spiegelt sich dies später in den Kosten des Krieges und des Wiederaufbaus wider. Wenn Afghanistan nicht so zerklüftet wäre, hätte es ein anderes wirtschaftliches, militärisches, politisches und kulturelles Schicksal gehabt. Ist dies ein geographisches Unglück? Stellen Sie sich einen Krieger vor, der ständig Berge hinauf- und hinunterklettern muss. Nehmen Sie an, er erobert ganz Afghanistan. Er muss dann die Berggipfel dauernd besetzt halten, damit seine Armee gesichert ist. Diese Berge haben gereicht, um Afghanistan vor fremden Feinden und vor einheimischen Freunden zu schützen.
Wenn Sie den sowjetisch-afghanischen Krieg betrachten, sehen Sie den Widerstand einer Nation, aber von innen betrachtet realisieren Sie, dass jeder Stamm sein eigenes Tal, in dem er gefangen ist, verteidigt hat. Als der Feind abgezogen war, sah jeder sein Tal wieder als Mittelpunkt der Welt an. Und dieselben Berge machen auch die Landwirtschaft sehr schwierig. Nur 15% des Landes sind geeignet für Landwirtschaft, und praktisch die Hälfte davon ist tatsächlich kultiviert. Viehwirtschaft wird betrieben wegen der kargen Weiden an den Hängen der Berge und ihrer Umgebung.
Man kann sagen, dass Afghanistan ein Opfer seiner eigenen Topographie ist. Es gibt keine Strassen in den Bergen und der Strassenbau ist teuer. Wenn es Strassen gibt, sind es militärische oder enge Pfade für Schmuggler. Die einzige durchgehende Strasse verläuft entlang der Grenze. Wie kann eine Grenzstrasse als Lebensader im Körper Afghanistans dienen und die Probleme der sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Kommunikation lösen? Die wenigen Strassen zwischen den Provinzen sind im Krieg zerstört worden. Wer würde aus ihnen genügend Vorteil ziehen, um die enormen Kosten des Strassenbaus durch diese rauhen und hohen Berge zu zahlen. Für welchen möglichen Gewinn sollen diese exorbitanten Kosten getragen werden?
Man sagt, dass Afghanistan voll von unerforschten Minen ist. Auf welchen Wegen können diese eventuell abbaubaren Bodenschätze aus den Minen zu den Märkten transportiert werden? Wer wird der erste sein, der in Minen investiert, die in einer unsicheren Zukunft Gewinne bringen sollen? Verhinderte der Mangel an Strassen, dass die Sowjets und Afghanen nicht einmal daran dachten, die Minen auszubeuten?
Andererseits ist Afghanistan das Land der seit Ewigkeiten versteckten Pfade, die für den Drogenschmuggel geeignet sind. Es gibt so viele gewundene Pfade, wie man sich für den Drogenschmuggel wünscht, aber um die Schmugglerringe zu zerschlagen, braucht man ja Strassen, die jedoch nicht existieren. Man kann die unendliche Zahl der Pfade nicht kennen, und man kann nicht jeden Tag einen Pfad angreifen. Zumindest ist es möglich, einer Karawane an einer Weggabelung aufzuwarten. Bei der Stadt Semnan im Iran wurde ein Schmuggler verhaftet, der barfuss von Kandahar her kam und einen Sack Drogen trug. Er hatte keine Haut mehr an den Fusssohlen, als er verhaftet wurde, aber er hatte nicht aufgehört zu gehen.
In den Bergen von Afghanistan ist das Wasser mehr eine Katastrophe als ein Segen. Im Winter friert es, im Frühling wird es zur Flut, und im Sommer führt sein Mangel zur Trockenheit. Das ist die Eigenschaft von Bergen ohne Dämme. Unkontrolliertes Wasser und ein harter Erdboden verringern die Möglichkeit, Landwirtschaft zu betreiben. Das ist das geographische Bild von Afghanistan: mühsam zu durchqueren, unfähig zu kultivieren und Minen, die wegen der Transportkosten nicht auszubeuten sind.
Manche finden, Afghanistan sei ein Museum von Stämmen, Rassen und Sprachen. Dies ist in seiner Geographie und deren Problematik begründet. Jede Tradition dieses Landes ist aufgrund der Isolation und des fehlenden Austauschs intakt geblieben. Es ist nur natürlich, in diesem rauhen und trockenen Land (von dem nur 7% für Landwirtschaft benutzt werden und wovon die Hälfte von Dürre bedroht ist) zur Kultivierung von Mohnsamen überzugehen, um die Bevölkerung zu ernähren. Wenn die Bedingungen normal sind und der Preis des Brotes wegen des Mohn-Wohlstandes nicht steigt, ist ein einziger Laib Brot alles, was jeder Afghane erhält.
Im jetzigen Zustand kann die afghanische Wirtschaft ihre Bevölkerung halbwegs erhalten, allerdings ohne jede wirtschaftliche Entwicklung. Der Wohlstand jedoch bleibt bei der einheimischen Mafia oder wird für instabile afghanische Regimes ausgegeben, und die Bevölkerung hat keinen Anteil daran.
Die grundlegende Frage stellt sich also: Wovon lebt die afghanische Bevölkerung? Entweder von Bauarbeiten im Iran, von der Teilnahme an politischen Kriegen oder indem man Theologiestudent in einer Taliban-Schule wird. Gemäss der Statistik ziehen über 2500 Talibanschulen mit einer Kapazität von 300 bis 1000 Studenten hungrige Waisen an. In diesen Schulen kann jeder ein Stück Brot und einen Teller Suppe bekommen und den Koran lesen, Gebete auswendig lernen und sich später den Taliban-Streitkräften anschliessen. Dies ist die einzige verbleibende Möglichkeit, eine Arbeit zu finden.
Es ist das Resultat der geographischen Gegebenheiten, dass Emigration, Schmuggel und Krieg als Beschäftigungen übrig bleiben, und ich frage mich, wie Massud nach einem möglichen Sieg über die Taliban die Bedürfnisse der Bevölkerung befriedigen wird? [Massud ist unterdessen ermordet worden. Anmerkung der Redaktion] Wird es durch einen dauernden Krieg sein oder durch die Entwicklung des Mohnanbaus oder durch Gebete für Regen?
An der iranischen Grenze bezahlt die Uno jedem Afghanen 20 Dollar, der nach Afghanistan zurückkehren will. Die afghanischen Arbeiter werden mit dem Bus in die ersten Städte Afghanistans gefahren oder an den Grenzen hinausgelassen. Interessanterweise kommen die Afghanen wegen des Mangels an Arbeitsmöglichkeiten in Afghanistan schnell wieder zurück, und wenn sie nicht erkannt werden, stellen sie sich in der Schlange wieder an, um nochmals 20 Dollar zu erhalten. Die arbeitslosen Afghanen nutzen jede Möglichkeit, um eine Beschäftigung zu finden. Insofern kann der Krieg ein Beruf sein; sind doch relativ wenige afghanische Führer bei der Ausübung des Kriegerberufs umgekommen.
Ein andauernder Krieg ermöglicht es den USA, den Sowjets und den sechs Nachbarstaaten, diejenigen Kräfte zu unterstützen, die ihnen loyal ergeben sind. Diese Hilfe zielt normalerweise darauf ab, den Krieg zu verlängern oder ein Machtgleichgewicht zu halten, aber im Fall Afghanistans dient sie nur der Arbeitsbeschaffung. Vergessen wir nicht, dass eine zweijährige Dürre geherrscht hat und Vieh deswegen gestorben ist. Die Uno hat den Tod von einer Million Menschen in den nächsten paar Monaten vorhergesagt. Der Krieg hat damit nichts zu tun. Es ist die Armut und die Hungersnot. Immer wenn die Landwirtschaft durch den Wassermangel bedroht gewesen ist, ist die Emigrationsrate angestiegen, und die Kriege sind schlimmer geworden.
Die durchnittliche Lebenserwartung eines Afghanen liegt bei 41,5 Jahren, und die Sterblichkeitsrate für Kinder unter zwei Jahren lag zwischen 182 und 200 Todesfällen pro 1000 Kinder. Die durchschnittliche Lebenserwartung war im Jahr 1960 34 Jahre und im Jahr 2000 waren es 41 Jahre. Die Realität ist aber, dass in den letzten Jahren die Lebenserwartung unter die aus dem Jahr 1960 gesunken ist.
Ich werde diese Nächte des Filmens in Kandahar nie vergessen. Während unser Team die Wüste mit Scheinwerferlicht absuchte, sahen wir sterbende Flüchtlinge wie Herden von Schafen in der Wüste liegen. Als wir diejenigen in Spitäler nach Zabol mitnahmen, von denen wir dachten, sie stürben an Cholera, realisierten wir, dass sie vor Hunger starben. Seit diesen Tagen und Nächten, als wir so viele Menschen zu Tode hungern sahen, konnte ich mir nicht mehr verzeihen, ganze Mahlzeiten zu essen.
Zwischen 1986 und 1989 hatten die Afghanen etwa 22 Millionen Schafe. Das ist ein Schaf pro Person. Das war traditionellerweise der Hauptreichtum einer Landwirtschaft betreibenden Nation wie Afghanistan. Dieser Reichtum ging in der letzten Hungersnot verloren. Stellen Sie sich die Situation einer Landwirtschaft betreibenden Nation ohne Vieh vor! Der Ursprung der Tragödie in Afghanistan ist heute die Armut, und der einzige Weg, die Probleme zu lösen, ist eine wirtschaftliche Erholung.
Wenn ich die Mudjahedin unterstützt hätte statt der wahren Freiheitskämpfer, die gewöhnliche Leute sind, die kämpfen, um am Leben zu bleiben, wäre ich zurückgekommen. Wenn ich der Präsident eines Nachbarlandes wäre, würde ich wirtschaftliche Beziehungen mit Afghanistan aufnehmen statt politisch-militärischer Interventionen. Gott verzeihe mir, aber wenn ich an seiner Stelle wäre, dann würde ich Afghanistan mit etwas segnen, was dieser gottvergessenen Nation nützen würde. Und ich schreibe dies, ohne zu glauben, dass es eine Wirkung in dieser Zeit haben wird; einer Zeit, die so anders ist wie die Sadis, in der noch «alle Menschen Glieder eines Körpers» waren.
Dr. Kamal Hussein, der humanitäre Berater der Uno für Afghanistan-Angelegenheiten aus Bangladesh, besuchte unser Büro im Sommer 2000 und erzählte uns, dass er seit 10 Jahren vergeblich der Uno berichtet! Er kam, um mir bei der Erstellung eines Filmes beizustehen, der vielleicht die Welt aufwecken würde. Ich sagte: «Ich suche nach dem, was dies bewirken kann.»
Es muss hinzugefügt werden, dass Afghanistan nicht so sehr unter der ausländischen Einmischung gelitten hat als unter der Gleichgültigkeit. Wenn Afghanistan Kuwait gewesen wäre mit einem Überschuss an Öleinkommen, wäre die Geschichte anders gelaufen. Aber Afghanistan hat kein Öl, und die Nachbarstaaten berauben es seiner unterbezahlten Arbeiter. Wenn alle Versuche, Arbeit zu finden, scheitern, wie weiter oben im Text erklärt wurde, dann bleibt nur noch die Wahl zu schmuggeln, sich den Taliban anzuschliessen oder in einer Ecke in Herat, Bamian, Kabul oder Kandahar zu Boden zu fallen und wegen der Gleichgültigkeit der Welt zu sterben.
Einmal war ich in einem Lager in Zabol (Iran), das mit illegalen Einwanderern gefüllt war. Ich war nicht sicher, ob es ein Lager oder ein Gefängnis war. Den Afghanen, die wegen der Hungersnot oder Anschlägen der Taliban von zu Hause geflüchtet waren, wurde das Asyl verwehrt, und sie mussten warten, um nach Afghanistan zurückgeschickt zu werden. All dies schien so weit legal und rational. Menschen, die aus irgendeinem Grund illegal in ein Land kommen und nachher zurückgewiesen werden, werden deportiert. Aber diese Menschen hier starben vor Hunger! Wir waren dort hingekommen, um Statisten für meinen Film zu finden. Ich fragte die zuständigen Lagerverwalter und fand heraus, dass das Lager sich nicht leisten konnte, so viele Menschen zu ernähren, und dass sie seit einer Woche nichts gegessen hatten. Sie hatten nur Wasser zu trinken. Wir boten an, für Mahlzeiten zu sorgen. Sie wünschten, wir würden jeden Tag kommen.
Wir brachten Essen für 400 Afghanen, für einen Monat alte Babys bis zu 80jährigen Männern. Die meisten der 400 waren kleine Kinder, die in den Armen ihrer Mutter vor Hunger ohnmächtig wurden. Eine Stunde lang verteilten wir weinend Brot und Früchte. Die Lagerverwalter drückten ihren Kummer und ihr Bedauern aus und sagten, dass es lange brauche, dass dem Budget zugestimmt werde, und dass die Flut hungriger Flüchtlinge weit grösser sei, als alles, was sie bewältigen könnten. Das ist die Geschichte eines Landes, das von seiner eigenen Natur, seiner Geschichte, seiner Wirtschaft, seiner Politik und der Unfreundlichkeit seiner Nachbarn verwüstet worden ist.
Ein afghanischer Dichter, der vom Iran nach Afghanistan zurückdeportiert worden war, drückte sein Empfinden in einem Gedicht aus:
Der Fremde ohne Geld im Beutel muss gehen.
Und das Kind, das ohne Puppen spielt, muss gehen.
Und der Zauber meines Exils, heute nacht wird er gebrochen.
Und der Tisch, der immer leere, wird zusammengelegt.
Voller Leid wanderte ich über die Horizonte.
Ich bin es, den wandernd alle sahen.
Was ich nicht habe, lege ich nieder, und ich muss gehen.
Ich kam zu Fuss, ich geh zu Fuss.
Gemäss dem Uno-Bericht von 2000 konsumierten in den späten 90er Jahren weltweit etwa 180 Millionen Menschen Drogen. Gestützt auf den gleichen Bericht werden 90% des illegalen Opiums wie auch 80% des Heroins in zwei Ländern produziert, wovon das eine Afghanistan ist. 50% aller Rauschgifte werden in Afghanistan produziert. Sie mögen denken, wenn 50% eine halbe Milliarde Dollar wert ist, macht der Gesamtwert aller Drogen weltweit eine Milliarde Dollar aus, aber dies ist nicht der Fall. Warum?
Obschon Afghanistan eine halbe Milliarde Dollar an der Drogenproduktion verdient, ist der wirkliche Gewinn nur 80 Millionen Dollar. Auf seinem Transit durch den Rest der Welt steigt der Wert der Droge um das 160fache. Wer erhält die 80 Millionen Dollar?
Heroin zum Beispiel kommt zu einem bestimmten Preis nach Tadschikistan und verlässt das Land zum doppelten Preis. Dasselbe gilt für Usbekistan. Wenn die Drogen die Konsumenten in Holland erreichen, kosten sie 160 bis 200mal mehr als der ursprüngliche Preis. Das Geld landet bei den verschiedenen Mafias, die auch die Politik der Länder entlang der Route manipulieren.
Das geheime Budget vieler zentralasiatischer Staaten wird vom Drogenhandel genährt, wie können da die Schmuggler, die den ganzen Weg von Kandahar kommen, die wahren Nutzniesser dieses Wohlstandes sein? Können wir sie überhaupt als die wahren Drogenschmuggler ansehen?
Wenn die Drogenprofite nicht so hoch wären, könnte der Iran zum Beispiel Weizen im Wert von einer halben Milliarde Dollar für Afghanistan bestellen, als Anreiz, den Anbau von Mohn zu stoppen. Doch der Profit von 79,5 Millionen Dollar ist viel zu wertvoll für den Mob und seine Verbündeten, um die Mohnsamen wegzuwerfen. Ironischerweise ist der afghanische Drogenproduzent selbst kein Konsument von Drogen. Der Konsum von Drogen ist verboten, aber die Produktion ist erlaubt. Die religiöse Rechtfertigung ist, den Feinden des Islams in Amerika und Europa tödliche Gifte zu schicken. Diese Argumentation ist in Anbetracht der ökonomischen Bedeutung, die die Drogen für das Regierungs-Budget von Afghanistan haben, ziemlich paradox und unglaubwürdig.
Auf der Welt werden insgesamt Drogen im Wert von 400 Milliarden Dollar umgeschlagen, und die Afghanen sind die Opfer dieses Markts. Warum ist Afghanistans Anteil an dieser Summe nur 1/800? Was immer die Antwort ist, der Markt braucht einen Ort mit einer schwachen Staatsmacht, der aber ein Füllhorn der Drogenproduktion ist. Gäbe es in Afghanistan Strassen an Stelle der zwielichtigen Pfade, oder hörte der Krieg auf und die Wirtschaft finge an zu blühen, und ersetzten andere Anreize die halbe Milliarde Dollar, was geschähe dann mit dem 400 Milliarden-Markt?
Als ich im September 2000 von Kandahar zurückkehrte, sah ich den Gouverneur von Khorasan auf dem Weg nach Teheran. Er sagte, wenn das Opium in Herat 50 Dollar kostet, kostet es in Mashad 250 Dollar. Und wenn der Kampf gegen die Schmuggler stärker würde, würde das Opium statt teurer billiger werden. Wenn es zum Beispiel in Mashad 500 Dollar kostet, kostet es 75 Dollar in Herat. Der Grund ist die extreme Armut und die Hungersnot. Das afghanische Schaf, das pro Stück 20 Dollar gekostet hatte, wird nun an der Grenze für einen Dollar verkauft, aber weil die Schafe krank sind, gibt es keinen Markt, und die Grenzen werden kontrolliert, damit keine Schafe nach Iran geschmuggelt werden können.
Obschon Mohnsamen nicht die grundlegende Bedeutung als Quelle für den afghanischen Wohlstand haben wie es Öl hätte, ist es irgendwie vergleichbar mit Öl. Wichtiger noch ist, dass das geheime Budget der zentralasiatischen Staaten durch die Drogen genährt wird. Das erklärt das enorme Interesse der Welt, gegenüber der chronischen wirtschaftlichen Situation Afghanistans gleichgültig zu bleiben. Wozu sollte Afghanistan stabil werden? Welche Möglichkeiten hat es, die 80 Millionen Dollar, die direkt aus seinem Erdboden gewonnen werden, zu kompensieren?
Drogen sind für viele ein interessantes Geschäft. Erst vor wenigen Monaten, als ich in Afghanistan war, sagte man, dass jeden Tag ein Flugzeug voller Drogen direkt von Afghanistan in die Golf-Staaten fliegt. Im Jahr 1986, als ich recherchierte, um den Film «Der Radfahrer» (The Cyclist) zu drehen, reiste ich von Mirjaveh in Pakistan nach Quetta und Peshawar. Es dauerte ein paar Tage. Als ich in Mirjaveh ankam, bestieg ich einen farbigen Bus der gleichen Art, wie Sie ihn vielleicht im «Cyclist» gesehen haben. Der Bus war mit den verschiedensten seltsam aussehenden Menschen gefüllt. Menschen mit langen, dünnen Bärten, Turbanen auf dem Kopf und langen Kleidern.
Zuerst merkte ich nicht, dass das Busdach mit Drogen angefüllt war. Der Bus fuhr durch unwirtliches Gelände ohne Strassen. Überall lag Staub, und die Räder sanken im weichen Untergrund ein. Wir erreichten ein surreal anmutendes Tor, wie diejenigen in den Gemälden von Dali. Es war ein Tor, das weder etwas von etwas anderem trennte noch etwas mit etwas anderem verband. Es war nur ein imaginäres Tor, das sich mitten in der Wüste erhob. Der Bus stoppte am Tor. Dann erschien eine Gruppe von Fahrradfahrern, die unseren Fahrer baten, auszusteigen. Sie unterhielten sich ein wenig und brachten dann einen Sack mit Geld und zählten dieses mit dem Fahrer. Zwei der Fahrradfahrer kamen und übernahmen unseren Bus. Unser Fahrer und sein Assistent nahmen das Geld und fuhren auf den Rädern fort. Der neue Fahrer kündigte an, dass er nun der neue Besitzer des Busses und von allem, was sich in ihm befinde, sei. Wir fanden heraus, dass wir zusammen mit dem Bus verkauft worden waren.
Dieser Handel wurde alle paar Stunden wiederholt, und wir wurden an mehrere Schmuggler verkauft. Wir fanden heraus, dass eine bestimmte Partei einen anderen Abschnitt der Strasse kontrollierte, und jedes Mal, wenn der Bus verkauft wurde, erhöhte sich der Preis. Zuerst war es ein Sack Geld, dann stieg er auf zwei und zum Schluss auf drei. Es gab auch Karawanen, die schwere Dushka Maschinengewehre auf dem Rücken ihrer Kamele trugen. Wenn man unseren Bus und die Gewehre auf dem Kamelrücken wegdachte, hätte man sich in den primitiven Tiefen der Geschichte befunden. Wieder erreichten wir Orte, wo Gewehre verkauft wurden. Kugeln wurden in Säcken verkauft, als wenn es sich um Bohnen gehandelt hätte. Kilos von Kugeln wurden abgewogen und ausgetauscht. Wie würde der Drogenhandel der Welt stattfinden, wenn solche Örtlichkeiten nicht existierten?
Ich war nach Khorasan gegangen und schaute mich an der Grenze nach einer Landschaft zum Filmen um. Bei Sonnenuntergang wurden die Dörfer an der Grenze evakuiert. Die Bewohner flohen aus Angst vor den Schmugglern in andere Dörfer. Auch wir wurden gedrängt zu fliehen. Gerüchte über die Unsicherheit der Gegend waren so weit verbreitet, dass nur wenige Autos nach Sonnenuntergang vobeifuhren. In der Dunkelheit der Nacht war die Strasse für den Durchgang der Schmugglerkarawanen da. Gemäss Zeugen bestanden die Karawanen aus Gruppen von fünf bis zu 100 Leuten. Ihr Alter erstreckt sich von 12 bis 30 Jahren. Jeder trägt einen Sack Drogen auf seinem Rücken, und manche tragen Raketenwerfer und Kalaschnikows, um die Karawane zu beschützen.
Wenn die Drogen nicht mit Flugzeugen weggeflogen werden, werden sie in Containern transportiert oder von menschlichen Maultieren getragen. Stellen Sie sich das Ausmass der Dinge vor, die diese Karawanen erleben, wenn sie von einem Land zum anderen reisen, bis sie zum Beispiel Amsterdam erreichen. Und stellen Sie sich vor, welche Angst und welchen Schrecken sie unter den Menschen verschiedener Regionen auslösen, um diesen 80-Millionen-Dollar-Handel aufrechtzuerhalten.
Ich befragte einen Beamten in Taibad zur Zahl der Morde, die von Schmugglern begangen werden. Die Zahlen sagen, dass innerhalb von zwei Jahren 105 Menschen entweder gekidnappt oder ermordet wurden. Über 80 Entführte sind wieder freigelassen worden. Ich teilte schnell 105 durch die 104 Wochen der zwei Jahre. Das ergibt eine Person pro Woche. Wenn diese Zahlen eine Region so unsicher machen, dass die Menschen es vorziehen, nicht einmal in ihren eigenen Dörfern zu bleiben und in der Nacht in andere Städte zu fliehen, wie können wir dann erwarten, dass das afghanische Volk sesshaft wird? In den letzten 20 Jahren wurde alle fünf Minuten ein Mensch ermordet. Sollten sie da in Afghanistan bleiben und nicht in unser Land auswandern? Wie können wir denken, dass der Mangel an Sicherheit in Afghanistan sie nicht wieder zurückbringen wird, nachdem wir sie zuvor deportiert haben?
Ich fragte die Beamten, die an den Strassen stationiert waren, nach den Gründen für die Entführungen und Morde. Offensichtlich dealen die Karawanen auf der iranischen Seite der Grenze mit den Dorfbewohnern. Wenn ein iranischer Schmuggler nicht zur richtigen Zeit bezahlt, werden er oder eines seiner Familienmitglieder entführt, und sie werden erst wieder freigelassen, wenn das Geld gezahlt worden ist. Wieder realisiere ich, dass diese Gewalt auch eine ökonomische Grundlage hat. In der Nähe der Dogharoon-Grenze sagten die Zollbeamten, dass die Region während acht Jahren unsicher gewesen war, aber die Zeitungen nur zwei Jahre darüber berichteten. Der Grund für die relative Welle der Offenheit ist die neue Situation der Zeitungen im Iran.
Ausser für jahreszeitlich bedingte Wanderungen mit der Viehherde war der afghanische Bauer nie umhergereist, bis vor zwei Jahrzehnten. Deswegen hat jeder Auslandsaufenthalt von Afghanen, auch ein begrenzter, Spuren im Schicksal der Afghanen hinterlassen. Zum Beispiel wurden Amanullah Khan und eine Gruppe Studenten, die in den Westen gereist waren, um zu studieren, die Pioniere für das erfolglose afghanische Experiment mit dem Modernismus. Die wenigen Offiziere, die nach Russland gingen, bereiteten nachher den kommunistischen Staatsstreich vor.
Die Emigration von 30% der afghanischen Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten hatte jedoch nichts mit akadamischen Vorhaben zu tun. Krieg und Armut zwang die Menschen, ihr Land zu verlassen, und jetzt hat die grosse Zahl der Menschen ihren Gastgebern den Atem geraubt. Die Emigration von 2,5 Millionen Afghanen nach Iran und von 3 Millionen nach Pakistan bereitet beiden Ländern grosse Sorgen. Als ich Beamten, die den Auftrag hatten, Afghanen zu deportieren, entgegnete, dass diese unsere Gäste seien, war die Antwort, dass diese 20jährige Party zu lange gedauert hätte. Wenn sie in Khorasan und Sistan und Baluchestan andauerte, würde unsere nationale Identität in jenen Regionen bedroht sein, und wir würden noch grösseren Krisen gegenüberstehen als dem Verlangen nach Unabhängigkeit dieser Gebiete, oder einer noch grösseren Unsicherheit an den Grenzen.
Die iranische Gesellschaft schuf keine Schulen, um Afghanen zu trainieren wie in Pakistan, das solche einrichtete, um islamische Mudjahedin zu trainieren. Während der Dreharbeiten zum «Cyclist» suchte ich afghanische Schauspieler. Zu jener Zeit sagte mir ein afghanisches Behördenmitglied, sie hofften, dass iranische Universitäten afghanische Studenten aufnehmen würden, damit Afghanistan Minister mit mindestens dem Bachelor-Grad haben würden, wenn die Russen Afghanistan verlassen hätten. Denn mit einem Haufen von Kämpfern kann man einen Krieg führen, aber kein Land regieren.
Später wurden ein paar wenige Afghanen in iranischen Universitäten akzeptiert, aber keiner von ihnen will heute nach Hause zurückkehren. Als Gründe geben sie die Unsicherheit und den Hunger an. Einer erwähnte, dass der höchste Lebensstandard in Afghanistan niedriger ist als der niedrigste Standard im Iran. Ich hörte in Herat, dass das monatliche Salär des Gouverneurs von Herat im Jahr 2000 15 Dollars pro Monat betrug. Das ist 15 Cents pro Tag oder 4000 iranische Rial.
Wegen der weitverbreiteten afghanischen Emigration wurde der Menschenschmuggel eine neue Beschäftigung für iranische Schmuggler. Afghanische Familien, die die Grenzen erreichen, müssen einen langen Weg gehen, um nach Teheran zu kommen, und da ihre Verhaftung in Zabol, Zahedan, Kerman oder in einer anderen Stadt am Weg wahrscheinlich ist, legen sie ihr Schicksal in die Hände von Menschenschmugglern. Die Schmuggler verlangen 1000000 Rial für jeden Flüchtling, den sie nach Teheran befördern.
Da die afghanischen Familien in 99% der Fälle nicht so viel Geld haben, werden ein paar 13- bis 14jährige Mädchen als Geiseln genommen, und der Rest der Familie wird auf Hinterwegen nach Teheran gebracht. Die Mädchen werden behalten, bis ihre Familie Arbeit findet und die Schulden bezahlt. In den meisten Fällen wird das Geld nie bereitgestellt. Eine zehnköpfige Familie mit Schulden von 10000000 Rial muss nach drei Monaten bezahlen. Folglich wird eine grosse Zahl afghanischer Mädchen entweder als Geiseln im Grenzgebiet festgehalten, oder sie werden persönliches Eigentum der Schmuggler. Ein Beamter dieser Region erzählte heimlich, dass die Zahl von Mädchen-Geiseln in nur einer dieser Städte auf 24000 geschätzt wird.
Einer meiner Freunde, der in Teheran ein Haus baute, erzählte mir von afghanischen Arbeitern. Er hatte bemerkt, dass zwei hinzukommende iranische Männer Geld erhielten. Als sie gefragt wurden, sagten die Afghanen, dass sie über die Grenze gebracht worden waren unter der Bedingung, dass sie die Schmuggler später bezahlten. Sie sparten auch einen Teil ihres Geldes, um es ihren Familien in Afghanistan zu schicken, wenn diese deportiert würden. Die Situation ist ein wenig anders in Pakistan.
Diejenigen, die nach Iran kommen, sind Hasaris. Diese Menschen sind persischsprechende Schiiten. Die gemeinsame Sprache und Religion begründet ihre Nähe zum Iran. Ihr Unglück ist ihr Aussehen. Ihre mongolischen Gesichtszüge sorgen dafür, dass sie schnell unter den Iranern erkannt werden. Der Paschtune jedoch, der nach Pakistan geht, vermischt sich mit den Pakistani wegen der gemeinsamen Sprache, Religion und Stammeszugehörigkeit. Obschon die schiitischen Hazaris Pakistan liberaler als den Iran empfinden, sind die Arbeitsgelegenheiten im Iran für sie attraktiver als die Freiheit in Pakistan. Das heisst, dass Brot vor der Freiheit kommt. Man muss zuerst zu essen haben, um Freiheit suchen zu können. Haben die Iraner, die heute Freiheit suchen, eine Hungerkrise durchgemacht?
Wenn ein hungriger sunnitisch-paschtunischer Afghane keine Arbeit gefunden hat, wird er bald von den theologischen Schulen angezogen, die bereit sind, Essen und Unterkunft anzubieten. Tatsächlich förderte, organisierte und brachte Pakistan die talibanische Regierung aus verschiedenen Gründen ins Spiel, im Gegensatz zum Iran, der sich nie in einer organisierten Weise mit afghanischen Flüchtlingen beschäftigt hat. Der erste Grund ist die Durand-Linie.
Vor der Unabhängigkeit Pakistans von Indien teilte Afghanistan Grenzen mit Indien, und es gab zwischen beiden Ländern ernsthafte Streitigkeiten über die Grenzen des paschtunischen Gebietes. Die Briten zogen die Durand-Linie und teilten die Region zwischen den zwei Ländern auf, unter der Bedingung, dass Afghanistan nach 100 Jahren die Kontrolle über den indischen Teil von Paschtunistan zurückerhalten sollte. Später, als Pakistan seine Unabhängigkeit von Indien erklärte, wurde diese indische Hälfte von Paschtunistan ein Teil von Pakistan. Seit etwa sechs Jahren sollte Pakistan gemäss internationalem Recht Paschtunistan an Afghanistan zurückgeben. Wie kann Pakistan, das immer noch Ansprüche auf Kaschmir stellt, damit einverstanden sein, dass es die Hälfte seines Landes an Afghanistan zurückgeben sollte?
Die beste Lösung für dieses Problem war, hungrige afghanische Mudjahedin heranzuziehen, um Afghanistan zu kontrollieren. Die von Pakistan trainierten Taliban würden natürlich nicht länger den Ehrgeiz haben, Paschtunistan von ihrem Meister zurückverlangen zu wollen. Kein Wunder, dass die Taliban genau dann erschienen, als die von den Briten festgelegten 100 Jahre an ihr Ende kamen. Auf den ersten Blick erscheinen die Taliban als irrationale und gefährliche Fundamentalisten. Wenn man näher hinschaut, sieht man hungrige paschtunische Waisen, deren Beschäftigung die von Theologiestudenten ist und deren Antrieb, die Schule zu besuchen, der Hunger ist. Wenn man das Erscheinen der Taliban noch genauer prüft, sieht man die politischen Interessen Pakistans.
Wenn der Fundamentalismus der Grund für die Unabhängigkeit Pakistans von Gandhis demokratischem Indien gewesen war, so gilt dasselbe für Pakistans Überleben und seine Ausbreitung auf Kosten von Afghanistan. Pakistans Bedeutung für die Welt vor der Auflösung der Sowjetunion gründete darauf, dass es der erste defensive Stützpunkt des Westens gegen den kommunistischen Osten war. Mit der Auflösung der Sowjetunion verlor Pakistan seine strategische Bedeutung und sah sich einer «Beschäftigungskrise» gegenüber, so wie auch der afghanische Kämpfer seine Position des Helden in den westlichen Medien verlor.
Gemäss den Regeln der Soziologie kauft und verkauft jede Organisation etwas. Mit dieser Definition verkaufen Armeen ihre militärischen Dienste an ihre eigene oder an andere Nationen und Regierungen. Was war Pakistans Rolle in der Welt in seiner Beziehung zum Westen? Die Rolle einer scheinbar östlichen Armee zu spielen, aber mit einer westlich orientierten inneren Überzeugung. Militärische Dienste wurden an die Vereinigten Staaten verkauft. Mit der Auflösung der Sowjetunion verringerte sich auch die westliche Nachfrage nach Pakistans militärischen Diensten.
Welchem Markt sollte Pakistan nun seine militärischen Dienste anbieten und wie diese vitale nationale «Beschäftigung» aufrechterhalten? So erschuf Pakistan die Taliban: um eine verborgene Kontrolle über Afghanistan zu haben und die Afghanen zu stoppen, die Abtretung von Paschtunistan zu verlangen. Die Tatsache, dass Pakistan zuerst und vor allem eine «Beschäftigungskrise» hat, wurzelt in diesen Überlegungen. Wenn ich als Filmemacher meine Filme nicht in meiner Heimat drehen kann, gehe ich anderswo hin. Armeen tun dies auch. Für irgendeinen grossen Kriegsaufwand werden enorme Ressourcen einer Nation verwendet, um militärische Organisationen aufzubauen, die militärische Dienste liefern. Wenn diese keinen Markt finden können, sind diese enttäuscht und machen entweder einen Staatsstreich oder gehen in wirtschaftliche Gründungen über. Beispiele für das Letztere gibt es in Ländern, die ihre militärischen Organisationen benutzt haben, um den Handel zu kontrollieren oder in der Landwirtschaft oder im Strassenbau zu helfen. In der Welt werden Kriege immer wieder angestiftet, um eine Nachfrage nach militärischem Material zu schaffen.
Gehen wir zurück zum Thema der Emigration. Anders als der Iran benutzte Pakistan afghanische Flüchtlinge als religiös-politische Studenten und gründete die Taliban-Armee. Vor der sowjetischen Invasion war ein Afghane ein Bauer. Mit dem sowjetischen Angriff verwandelte sich jeder Afghane in einen Mudschahed, um sein Tal zu verteidigen. Organisationen und Parteien wurden gegründet. Mit dem Rückzug der Sowjets gingen die Afghanen nicht in die Landwirtschaft zurück. Die neue Beschäftigung erschien anziehender und gewinnträchtiger. Jede Sekte oder Gruppe begann eine andere zu bekämpfen. Sechs Nachbarländer, die USA und Russland verkauften ihre eigenen Waren an die militärischen Gruppierungen. Als Resultat gab es eine neue «Beschäftigungswelle». Der Bürgerkrieg weitete sich so aus, dass innerhalb von zwei Jahren die Schäden grösser waren als in der längeren Periode der russischen Anwesenheit. Die Menschen hatten die Nase voll vom Bürgerkrieg, und als Pakistan die Taliban-Armee sandte, die weisse Flaggen hielten mit dem Versprechen der Entwaffnung der kriegführenden Gruppen und des Friedens, hiessen die Menschen sie willkommen. In kurzer Zeit hatten die Taliban die Kontrolle über den grössten Teil Aghanistans übernommen. Dann wurden die pakistanischen Wurzeln der Taliban zur Schau gestellt.
Die Taliban wurden immer für ihren Fundamentalismus kritisiert, aber wenig wurde über die Gründe ihres Erscheinens gesagt. Anders als der Poet aus Herat, der zu Fuss nach Iran gekommen und zu Fuss nach Afghanistan zurückgekehrt war, kehrte der Waise, der nach Peshawar in Pakistan gegangen war, zurück, um Afghanistan zu erobern, und er fuhr Toyotas, die von den arabischen Ländern angeboten worden waren.
Wie konnte Pakistan, das mit seiner eigenen Bevölkerung Existenzprobleme hatte, die Taliban trainieren und ausrüsten? Mit der Hilfe arabischer Länder wie Saudi-Arabien oder den Vereinigten Arabischen Emiraten, die als Konkurrenten des Iran früher Spannungen in Mekka geschaffen hatten und die nach einer religiösen Macht suchten, die mit dem Iran vergleichbar war. Saudi-Arabien und die Emirate, die einst ihre modernen Interessen spürten, waren durch das Motto «zurück zum Islam» bedroht, und sie dachten, wenn so etwas wie eine Rückkehr zum Islam stattfinden soll, warum nicht zu einem rückschrittlicheren Islam zurückkehren, zum Beispiel zu dem der Taliban. Wenn ein Wettkampf in der Rückkehr stattfindet, und der Sieger der Rückschrittlichste ist, warum soll man nicht zum primitivsten Zustand, nämlich dem Talibanismus, zurückgehen!
In modernen Zeiten ist die Emigration ein messbarer Faktor in der kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Planung. Zum Beispiel emigrierten Türken nach Deutschland und arbeiteten in Berufen, die von den Deutschen abgelehnt wurden. Anders als die Deutschen, die keinen Anreiz für mehr Kinder hatten, fuhren die Türken fort, Kinder zu zeugen, und jetzt ist es vorhersehbar, dass die Türken in wenigen Jahrzehnten die Mehrheit der deutschen Bevölkerung ausmachen werden.
Wenn diese Vorhersage stimmt, wird Deutschland bald eine türkische Identität haben, und wenn wir die Bedeutung von Wahlen betrachten, können wir uns vorstellen, dass in 30 Jahren vielleicht ein Türke deutscher Bundeskanzler werden wird. Das heisst, dass der Bedarf an türkischen Arbeitern die nationale Identität Deutschlands schrittweise verändern wird. Das ist eine Satire der Geschichte.
Dasselbe gilt für die asiatische und die afrikanische Emigration in die Vereinigten Staaten. Zuerst bestimmten europäische Einwanderer die nationale Identität von Amerika. Asiaten und Afrikaner emigrierten nach Amerika wegen radikaler Veränderungen in ihren Ursprungsländern oder weil sie geistige oder materielle Ziele verfolgten. Anders als die europäischen Emigranten vergrösserten die asiatischen und afrikanischen Einwanderer ihren Bevölkerungsanteil durch ihre Geburtenrate. Die halbeuropäische amerikanische Identität wird in eine asiatisch-afrikanische Identität wechseln. Als Resultat werden wahrscheinlich Konflikte zwischen den Rassen auftreten.
Wenn die amerikanische Gesellschaft das Paradigma vom «Dialog der Zivilisationen» akzeptiert, tut sie dies, weil sie zukünftige Rassenkonflikte in der amerikanischen Ge-sellschaft befürchtet. Anders als für den Iran ist dieser Vorschlag im amerikanischen Kontext kein Vorschlag für den Austausch zwischen den Kulturen, sondern der Dialog ist ein einheimisches amerikanisches Thema für seine eigenen Kulturen.
Aber wieso kann der iranische Verstand, der strategische Lösungen für andere Kontinente vorschlägt, keine Wege finden, die Einwanderung von Afghanen zu seinem eigenen Vorteil zu nutzen? Der Grund ist, dass die Iraner, anders als die Pakistani, die Afghanen immer mehr als eine Bedrohung denn als eine gute Gelegenheit betrachtet haben. Iraner haben Afghanen immer als Schmuggler oder als Fundamentalisten angesehen. Iranische Investoren haben die grosse Zahl von hungrigen afghanischen Arbeitern nie als potentiell profitabel betrachtet. Sie haben nie über Investitionen nachgedacht, die Afghanistan zu einem Konsumenten ihrer Güter machen würde, oder darüber, billige afghanische Arbeit zu nutzen und vielleicht die überschüssige Produktion zu exportieren.
Afghanen sind über die geographische Situation ihres Landes und mit den politischen Beziehungen zu ihren Nachbarn unglücklich gewesen. Vor Jahren gab es eine grosse Frage wegen Franco, dem spanischen Diktator. Obwohl Spaniens Nachbarn demokratische Regierungen hatten, übte Franco eine Diktatur aus. Durch seine Nachbarn beeinflusst, wurde Spanien später auch demokratischer, in einem solchen Ausmass, dass es heute ein vitales Mitglied der Europäischen Gemeinschaft ist. Das Schicksal von Spanien bedeutet, dass man besser lebt, wenn man dazu bestimmt ist, Nachbarn zu haben.
Afghanistan ist geschlagen mit Nachbarn, die es als eine Bedrohung oder aber als eine Gelegenheit ansehen, um die eigenen politisch-militärischen Probleme zu lösen. Wenn Afghanistan demokratischere Nachbarn hätte, die es als ein wirtschaftlich-kulturelles Potential ansehen würden, würde es dem Land heute besser gehen. Das faschistische Spanien wurde demokratisch, weil es das Glück hatte, an demokratische europäische Länder anzugrenzen, während sich das Afghanistan des Möchtegern - fortschrittlichen Amanullah Khan wegen der unglücklichen Umstände der Nachbarschaft in die Schreckensherrschaft der Taliban verwandelte. Ein arabisches Sprichwort beschreibt diese Situation gut: «Zuerst der Nachbar, dann das Haus.»
Glaubt man den Soziologen, dann steht die Forderung nach Sicherheit vor jeder anderen Erwartung an die eigenen Regierungen. Wohlstand, Entwicklung und Freiheit kommen erst danach. Nach dem Rückzug der Sowjets erzeugte der Ausbruch des Bürgerkriegs Unsicherheit im ganzen Land, und die Bevölkerung wurde in grosse Nöte gebracht. Jede Gruppe versuchte sich selbst durch ständiges Kämpfen in Sicherheit zu bringen. Keine konnte aber Sicherheit für die ganze Nation garantieren. Die Ironie dieser Zeit liegt darin, dass jeder versuchte, Sicherheit zu schaffen, indem er das Land unsicher machte.
Die Strategie der Entwaffnung und ihre zur Schau gestellte Rolle als Friedensbringer brachten den Taliban schnell die öffentliche Zustimmung. Die zum Scheitern verurteilten Versuche der anderen Gruppen konnten nur Krieg und Unsicherheit anbieten. Obwohl die Menschen von Herat Farsi (Persisch) sprechen und die Taliban Paschtunisch, hörte ich in Herat von Ladeninhabern, dass ihre Läden vor der Zeit der Taliban täglich von bewaffneten und hungrigen Männern ausgeraubt wurden. Selbst die Gegner der Taliban waren mit der Sicherheit, die die Taliban brachten, zufrieden.
Die Sicherheit wurde mit zwei Methoden aufrecht erhalten. Einerseits mit der Entwaffnung der Bevölkerung, andererseits mit drakonischen Strafen wie das Abschneiden der Hände bei Diebstahl. Die Bestrafungen waren so hart, unerträglich und unmittelbar, dass selbst 20000 hungrige Afghanen in Herat es nicht wagten, ein Brot, das vor ihnen lag, zu stehlen.
Ich habe Lastwagenfahrer getroffen, die in Afghanistan mehr als zwei Jahre umherreisten, ohne jemals ihr Fahrzeug abzuschliessen. Nie wurde ihnen etwas gestohlen. Die Afghanen brauchten nicht nur finanzielle Sicherheit, sondern auch Sicherheit für Leib und Leben. Ich habe zahlreiche Geschichten gehört, dass Menschen vor der Zeit der Taliban vergewaltigt wurden oder ihr Leben bedroht wurde. Die Entwaffnung und die Todesstrafe durch Steinigung haben die Anzahl solcher Übergriffe reduziert.
So haben wir also 20 Millionen Menschen vor uns, von denen 30% ausgewandert sind, 10% gestorben sind. Die restlichen 60% hungern sich langsam zu Tode. Gemäss Berichten der UN werden in den nächsten Monaten 1 Million Afghanen vor Hunger sterben. Wenn Sie heute nach Afghanistan kommen, dann sehen Sie die Menschen an den Strassenecken liegen. Keiner hat mehr die Kraft, sich zu bewegen und eine Waffe, um zu kämpfen. Die Angst vor der Strafe verhindert, dass sie Verbrechen begehen. Ihnen bleibt nur dazuliegen und zu sterben, während die Menschheit von Gleichgültigkeit geschlagen ist. Dies ist nicht die Zeit Sadis, in der «alle Menschen Glieder eines Körpers» waren.
Der einzige, dessen Herz sich noch nicht in Stein verwandelt hatte, war die Buddha-Statue von Bamian. Mit all seiner Würde fühlte er sich beschämt ob der Enormität dieser Tragödie und brach zusammen. Selbst des Buddhas Bedürfnislosigkeit und innere Ruhe kapitulierte vor der Not einer Nation, die dringend Brot brauchte. Der Buddha zersprang, um die Welt von dieser Armut, Ignoranz, Unterdrückung und diesem Sterben in Kenntnis zu setzen. Aber die gleichgültige Menschheit hörte nur von der Zerstörung der Buddha-Statue. Ein chinesisches Sprichwort sagt: «Wenn dein Finger auf den Mond zeigt, dann schaut ein Narr nur auf deinen Finger.»
Keiner sah die sterbende Nation, auf die der Buddha zeigte. Sind wir dazu verdammt, auf die verschiedenen Kommunikationsmittel zu starren, statt auf das, was sie sagen wollen? Ist die Ignoranz der Taliban oder ihr Fundamentalismus tiefer als die Ignoranz der Welt gegenüber dem kummervollen Schicksal der afghanischen Nation?
Als ich die sterbenden Afghanen filmen wollte, rief ich Dr. Kamal Hussein, den Vertreter der UN in Bangladesh, an. Ich erzählte ihm, dass ich die Erlaubnis haben wollte, in den Norden Afghanistans zu reisen. Es wurde beschlossen, dass eine kleine Gruppe gehen könnte und zu guter Letzt erhielt ich die Erlaubnis für zwei Personen (meinen Sohn und mich) und eine kleine Videokamera. Wir hatten die Erlaubnis, nach Islamabad in Pakistan zu reisen und von dort ein kleines Zehnpersonenflugzeug der UN zu benutzen, das einmal wöchentlich in den Norden flog.
Es dauerte zwei Wochen, bis das UN-Büro uns anrief, um zu fragen, wann es für uns günstig sei, aufzubrechen. Wir sagten, «Jederzeit», wurden aber um einen weiteren Monat hingehalten. «Da es in einem Monat kälter sein wird und mehr Menschen sterben werden, würde dies Ihren Film doch interessanter machen», sagten sie uns. Sie empfahlen Februar. «Interessanter?» fragte ich. Sie erwiderten, dass es vielleicht das Gewissen der Welt wecken würde. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
Wir schwiegen für einige Zeit. Dann fragte ich, ob wir nicht auch den Süden besuchen könnten. Die Taliban gaben keine Zustimmung. Sie mögen keine Journalisten. Ich versprach, nur die zu filmen, die am Verhungern waren. Wieder waren die Taliban nicht einverstanden. Ich erzählte ihnen, dass ich eine andere Einladung von der UN benötigte, um Pakistan wieder zu betreten. Später erhielt ich eine Fotokopie, die besagte, dass ich zu der Botschaft Pakistans in Teheran kommen müsse. Ich war glücklich, weil ich von der Botschaft bereits ein Visum nach Pakistan erhalten hatte, um Kostüme für «Kandahar» von Peshawar aus zu bringen. Ich wandte mich an die Botschaft Pakistans. Zuerst wurde ich nicht sonderlich freundlich empfangen. Es vergeht einige Zeit, bis ich aufgerufen werde. Eine sehr respektable Dame und ein Herr geleiten mich in ein Zimmer. In den zwanzig Minuten, die ich in diesem Raum verbrachte, redeten sie 15 Minuten über meine Tochter Samira und ihre internationalen Erfolge im Kino. Sie vermeiden, auf den Zweck meines Besuchs einzugehen, und zwischen den Zeilen werde ich gefragt, warum ich mich an die UN gewandt habe, um ein Visum zu erhalten und informieren mich, dass es besser gewesen wäre, wenn ich mich direkt an sie gewandt hätte. Ausserdem mögen sie keinen Film, der die Taliban-Regierung schlecht aussehen lässt. Sie würden es bevorzugen, ich ginge nach Pakistan und nicht nach Afghanistan. Es kommt mir vor, als sei ich in der Botschaft der Taliban.
Ich frage, ob sie meinen Film «The Cyclist» gesehen hätten und erzähle ihnen, dass meine Absichten humanitärer Natur seien und ich den Afghanen helfen wolle, speziell in der Frage des Hungers. Ich erzähle ihnen, dass es in meinem Film um die Beschäftigungskrise und den Hunger gehe. Sie sagen, es gäbe 2,5 Millionen Afghanen im Iran, warum ich nicht sie filmen wolle. Es bringt nichts, die Diskussion fortzusetzen. Sie behalten meinen Pass und bitten mich freundlich, zu gehen. Einige Tage später erhalte ich meinen Pass zurück mit einer Stellungnahme, die besagt, dass ich ein Visum erhalten könne, wenn ich Pakistan als Tourist besuchen wolle, aber nicht, um in Afghanistan zu filmen. Als ich die Botschaft verlasse, geht mir alles durch den Kopf, was ich über die Taliban gehört habe.
Ich erinnere mich an eine Taliban-Schule in Peshawar, aus der man mich herauseskortierte, als meine iranische Identität bekannt wurde. Und ich erinnere mich an den Tag, als ich in Peshawar für den Cyclist drehte und ich mit Handschellen versehen und verhaftet wurde. Ich weiss nicht, warum ich jedes Mal, wenn ich einen Film über Afghanistan machen will, in Pakistan lande.
Die Leute warnen mich, vorsichtig zu sein. Es besteht immer die Gefahr von Entführungen oder Terrorismus an der Grenze. Die Taliban haben den Ruf, diejenigen, die sie als Gegner verdächtigen, auf der Strasse zwischen Zahedan und Zabol zu ermorden. Ich wiederhole, dass mein Thema humanitär und nicht politisch sei. Eines Tages, als wir mit dem Filmen in der Nähe der Grenze fertig sind und ich herumgehe, stosse ich zufällig auf eine Gruppe, die gekommen war, um mich entweder zu entführen oder zu töten. Sie fragen mich nach Makhmalbaf. Ich trage einen langen dünnen Bart und afghanische Kleidung. Ein Schal verdeckt den Massoudi-Hut und ein Teil meines Gesichtes, so dass ich wie ein Afghane aussehe. Ich schicke sie in die andere Richtung und beginne zu rennen, während ich mir überlege, ob sie von einer politischen Gruppe losgeschickt wurden oder ob sie Schmuggler sind, die Geld erpressen wollen.
Lassen Sie mich auf das Thema Sicherheit zurückkommen. Die Taliban haben unter dem Deckmantel der öffentlichen Entwaffnung und der Einsetzung von Strafen wie die Amputation der Hände von Dieben, der Steinigung von Ehebrechern und der Exekution von Gegnern, eine scheinbare Sicherheit nach Afghanistan gebracht. Wenn Sie dem Shariat-Radio zuhören (Stimme der Taliban), das nur aus einem täglichen Programm von zwei Stunden besteht, dann stellen Sie fest, dass sie stattfindende Kämpfe verschweigen, um den Schein einer nationalen Sicherheit aufrechtzuerhalten. Sie sagen zum Beispiel, dass das Volk von Takhar die Taliban willkommen hiess, und Sie wissen dann, dass die Taliban Takhar angegriffen und erobert haben. Der Rest besteht aus Nachrichten über das Freitagsgebet oder die Amputation einer Hand eines Banditen in Bamian, die Steinigung eines jungen Ehebrechers in Kandahar oder die Bestrafung einiger Frisöre, die einigen Teenagern die Haare nach westlichem Stil der Ungläubigen geschnitten haben. Egal was es ist, mit dieser Propaganda und den Bestrafungen entsteht das Gefühl einer nationalen Sicherheit in Afghanistan.
Afghanistan fehlt aber die ökonomische Stärke, um einen allgemeinen Wohlstand für die Taliban zu erzeugen, dennoch sind die Taliban die einzige Regierung, die Sicherheit in das Land bringen kann. Die, die die Talban bekämpfen, bedrohen die Sicherheit und die, die sie unterstützen, argumentieren, dass Afghanen in Afghanistan regieren müssten. Wer immer Afghanistan beherrschen möchte, der muss zuerst dem Land Sicherheit bringen. Jede Art von Krieg öffnet der Unsicherheit die Türen und da Afghanistan einen Hang zum Stammeswesen hat, ist, wenn jemand anderes an die Macht kommt, die Sicherheit wieder bedroht. Es ist besser, zuerst denjenigen zu akzeptieren, der beabsichtigt, Afghanistan zu beherrschen, so dass er Afghanistan vor der Hungerkrise retten kann, und dann weiterzumachen. Daher finden einige auch die Kritik an den Taliban wegen des Mangels an Freiheit in Afghanistan irrelevant, weil eine unsichere und hungernde Nation mehr nach Wohlstand als nach Freiheit und Entwicklung strebt.
Um die Frage zu beantworten, was die Taliban sind, muss gesagt werden, dass die Taliban politisch ein von Pakistan unterstütztes Regierungsinstrument sind. Als Individuen sind sie verhungernde Jugendliche, die zu Studenten wurden und in Schulen zur Züchtung von Kreuzrittern in Pakistan im Umgang mit Waffen trainiert wurden. Sie betraten die Schulen für einen Laib Brot und verlassen sie, um politisch-militärische Positionen in Afghanistan zu besetzen. Die Taliban werden von den einen als Protagonisten des Fundamentalismus in der Region angesehen und von den anderen als dieselben Paschtunen, die die einzigen Herrscher Afghanistans seit der Zeit des Ahmad Abdali waren.
Heute haben sie sich nach einer Zeit des inneren Chaos wieder ihrer 250jährigen Herrschaft versichert. Sie behaupten, dass in dem letzten Vierteljahrtausend immer die Paschtunen die Kontrolle hatten ausser einer Periode von 9 Monaten, in der die Tadschiken herrschten und den 2 Jahren des Tadschiken Rabbani und Afghanistan auf ihre Erfahrung bei der Regierung angewiesen sei.
Ich verstehe diese Fragen kaum. Mein Job ist es, Filme zu machen, und ich habe mich in diese Materie gestürzt, um mein Skript auf einer präziseren Analyse basierend schreiben zu können. Je weiter ich komme, desto schwieriger finde ich die Sache. Ich frage die Leute ständig. Als die USA es für nötig hielten, nahmen sie dem Irak Kuwait in 3 Tagen wieder ab. Warum aber, bei all ihrem Modernismus, veranlasssen sie keine Aktion, um die 10 Millionen Frauen zu retten, die keine Schulen oder soziale Präsenz haben und unter ihren Burkas gefangen sind? Warum wird diese Primitivität, die in den modernen Zeiten auftauchte, nicht gestoppt? Haben sie nicht die Macht oder keinen Antrieb, dies zu tun?
Ich habe die Antwort bereits gefunden. Afghanistan hat keine kostbaren Ressourcen wie Öl, und es hat keinen Einkommensüberschuss wie Kuwait. Ich höre auch noch eine andere Antwort. Wenn die USA die Taliban noch einige Jahre unterstützen, wird die Welt genauso immun gegen das hässliche Bild sein, das der Welt von einer östlichen Ideologie gezeichnet wird, wie Afghanistan gegen den Modernismus. Wenn die revolutionären und reformativen Interpretationen des Islam mit der regressiven Interpretation der Taliban gleichgesetzt werden, wird die Welt für immer immun sein gegen die Ausbreitung des Islam. Einige werden diese Analyse für ein schäbiges Klischee halten. Sie sagen mir, lass es bleiben und ich werde es bleiben lassen.
Auf meiner scheinbar endlosen Reise nach Kandahar wird überall über Mullah Omar gesprochen. Sein Titel ist Amir-al-M'omenin (Befehlshaber der Gläubigen). Manche iranische Politiker glauben, dass er geschaffen wurde, um mit der iranischen Regierung zu rivalisieren, aber niemand weiss wirklich viel über seinen Hintergrund. Einige sagen, dass er 40jährig und auf einem Auge blind sei, aber es gibt kein Foto von ihm, um dies zu beweisen. Wie kann eine Nation über Nacht einen halbblinden Mann wählen, der sie führen soll, wenn man nicht einmal ein Bild von ihm gesehen hat? Es reizt mich, einen Film über Mullah Omar zu drehen. Aus politischen Gründen tue ich es nicht, doch meine Neugierde ist nicht befriedigt.
Wenn Pakistan unter dem Motto der Entwaffnung ein genaues Skript für das kriegsgeplagte Volk von Afghanistan vorbereitet und dafür positiv aufgenommen wird, auf welcher Analyse ist dann ihr Plan für einen Führer mit dem Namen Mullah Omar begründet, von dem kein früheres Bild existiert? Jemand, der ein Niemand ist oder der noch nie gesehen worden ist, wird der Führer eines Landes, in dem jeder Stamm oder jede Glaubensgemeinschaft ihren eigenen Führer hat. Vielleicht ist gerade dies das Geheimnis. Wenn eine bekannte Person als Führer für Afghanistan bestimmt worden wäre, hätte jeder eine Entschuldigung, gegen ihn zu opponieren.
Ich hörte in der Nähe der Grenze einen Witz über ein Teehaus. Ein Teehaus bewirtete regelmässig afghanische Kundschaft. Es gab dort einen Fernsehapparat, der mit einem Scheibenwischer ausgestattet war. So konnte, wenn nötig, der Besitzer Wasser auf den Bildschirm spritzen und Flecken wegwischen. Er wurde zu diesem Charakteristikum gefragt und antwortete, bei jedem Programm über die Mudjahedin, das in den Grenzgebieten empfangen werden konnte, spien die Opponenten der Mudjahedin auf den Bildschirm, und da die Leute Schnupftabak kauten, war ihre Sekretion gefärbt. Nach einer Weile sei der Bildschirm unbrauchbar geworden, und so habe er den Scheibenwischer erfunden.
Wenn das Bild der afghanischen Führer so tief kritisiert und satirisch dargestellt wird, sie aber gebraucht werden, um Afghanistan zu regieren, ist es wohl am besten, eine bildlose Führerschaft zu gestalten, die für ihre Form oder ihren Hintergrund kritisiert werden kann und dennoch fähig ist, grenznahe Fernseher von Scheibenwischern zu befreien!
Wenn ich mich nicht über die Beschämung des Buddhas schämen würde, würde ich diesem Artikel den Titel geben: «Afghanistan, ein Land ohne Bild». Jeder, den ich über Mullah Omar befrage, sagt, er sei der Repräsentant Gottes auf Erden, der anstelle menschlicher Gesetze den Koran als Verfassung des Landes gebracht habe. Er sei extrem devot, und genauso seien seine Jünger. Sein Lohn sei so schäbig wie derjenige des Gouverneurs von Herat, lumpige 15 Dollar, und er lebe wie die armen Menschen, die in den Strassen sterben.
Ich realisiere, dass das Bild dieses bilderlosen Mannes komplett und ansprechend ist, denn im Osten erwartet niemand von Führern, dass sie auf dem neusten Stand sind oder eine nationale oder universelle Sicht haben. Wenn die Führer nur ein bisschen wie die gewöhnlichen Leute erscheinen, genügt dies, um die Menschen zufriedenzustellen. Ein Afghane formulierte die Idee, wenn er hungere, sei er glücklich, dass auch Mullah Omar faste, und dass sie der eine wie der andere seien. Er danke Gott für einen solchen Führer.
In Herat unterhielt ich mich mit einem Medizinstudenten. Er zögerte, mit mir im Gespräch gesehen zu werden. Ich fragte ihn, ob er die Gesamtzahl der College-Studenten in Afghanistan wisse. Während er weiterging und geradeaus schaute, sagte er: «Tausend.» «In welchem Fach vor allem?» fragte ich. Er sagte: «Nur Medizin und Ingenieurwesen.» «Was studieren Sie?» fragte ich und er gab zur Antwort: «Theoretische Medizin.» Ich erkundigte mich nach der Bedeutung dieses Fachs. Er sagte, dass Mullah Omar denke, das Sezieren von Menschen sei eine Sünde. Ich fragte, ob er jemals das Bild von Mullah Omar gesehen habe. Er sagte Nein, und ging weg.
Unter den paschtunisch sprechenden Flüchtlingen stiess ich auf solche, die von Leuten wussten, die Mullah Omar gesehen haben, obwohl sie ihn selbst nie zu Gesicht bekommen hatten. Ich traf sogar iranische Politiker, die glaubten, dass Mullah Omar existiere, und dass er auch schön sei. Eine Gruppe Afghanen, die im Iran schläft und am Tag die Grenze überquert, um Datteln in Afghanistan zu verkaufen, ist von Mullah Omar fasziniert. Sie erzählen mir, dass er ein gewöhnlicher Mönch sei, der von Mohammed geträumt habe. Der Prophet sei eines Nachts gekommen und habe ihm aufgegeben, Afghanistan zu retten. Da Gott mit ihm sei, sei er fähig, Afghanistan in einem Monat zu erobern.
Schätzungsweise 180 internationale Organisationen sind in Afghanistan aktiv. Auch sie vermeiden es, meine unpolitischen Fragen zu beantworten. Endlich fand ich heraus, dass sie mit einigen wenigen Aufgaben beschäftigt sind. Ein Job ist Brot unter den Hungernden zu verteilen. Ein zweiter ist der Kampf um den Austausch von Nord-Süd-Gefangenen und ein dritter ist, künstliche Hände und Beine für Landminenopfer herzustellen.
Die unbedeutende Rolle der internationalen Organisationen vergessend faszinierten mich die jungen Leute, die durch das Rote Kreuz hierhin gekommen waren. Ich traf eine 19jährige junge Britin, die sagte, sie sei gekommen, um nützlich zu sein. In Afghanistan kann sie jeden Tag einige künstliche Hände und Beine für Menschen machen. Sie sagte, dass sie in England keine Arbeit bekommen könne, die so befriedigend sei. Seit sie gekommen sei, haben einige hundert Menschen wieder gehen können mit den künstlichen Gliedern, die sie gemacht habe.
Ich habe das Gefühl, dass die Rolle der internationalen Organisationen diejenige ist, die tiefen und umfassenden Wunden dieser Nation in einer begrenzten Weise zu beheben und nicht mehr. Dr. Kamal Hussein, dem vielleicht das Visum nach Pakistan peinlich ist, ruft mich nicht mehr an.
Ich erinnere mich an seine Worte am Tag, als er in unser Büro kam und zum Ausdruck brachte, wie er empfand, dass seine Arbeit und seine Anstrengungen vergebens seien, und er mein Assistent werden wollte. Und sogar jetzt, da ich den Film «Kandahar» beendet habe, fühle ich mich leer in meinem Beruf. Ich glaube nicht, dass die kleine Flamme des Wissens, die durch einen Bericht oder einen Film entzündet wird, den tiefen Ozean menschlicher Unwissenheit aufreissen kann. Und ich glaube nicht, dass ein 19jähriges britisches Mädchen ein Land, dessen Menschen in den nächsten 50 Jahren ihre Hände und Beine durch Landminen verlieren werden, retten kann. Warum geht sie nach Afghanistan? Warum berichtet Dr. Kamal Hussein mit all seiner Verzweiflung immer noch der Uno? Warum habe ich diesen Film gedreht oder schreibe diese Notiz? Ich weiss es nicht, aber wie Pascal es ausdrückte: «Das Herz hat Gründe, die der Verstand nicht wahrnimmt.»
Die afghanische Gesellschaft ist eine männerdominierte Gesellschaft. Man kann sogar behaupten, dass die 10 Millionen afghanischer Frauen, die die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, weniger Rechte haben, als der schwächste und unbekannteste afghanische Stamm. Dies ist in jedem Stamm so. Die Tatsache, dass afghanische Frauen, sogar nach Ansicht der Tadschiken (die Tadschiken gelten als «moderat») kein Wahlrecht haben, ist noch das geringste Übel. Als die Taliban kamen, wurden die Mädchenschulen geschlossen, und lange Zeit durften Frauen nicht auf die Strasse gehen. Noch tragischer ist, dass auch vor der Zeit der Taliban nur eine von 20 Frauen lesen und schreiben konnte. Diese Statistik zeigt, dass die afghanische Kultur praktisch 95% der Frauen von der Schulbildung ausgeschlossen hat, und die Taliban nahmen sie auch noch den verbleibenden 5%. Ist daher die Frage nicht berechtigt, ob die afghanische Kultur von den Taliban beeinflusst worden ist oder ob sie der Grund für das Erscheinen der Taliban war?
Als ich in Afghanistan war, sah ich Frauen mit Burkas in den Strassen betteln oder in Secondhand-Läden einkaufen. Meine Aufmerksamkeit zogen die Damen auf sich, die ihre Hände unter den Burkas hervornahmen und kleine Hausiererjungen baten, ihnen die Nägel zu polieren. Längere Zeit fragte ich mich, warum sie nicht Nagellack kauften, um ihre Nägel zuhause zu polieren. Später fand ich heraus, dass dies der billigste Weg war. Nagellack zu kaufen, war teurer als ein Einmalgebrauch. Ich sagte mir wieder, dass es ein gutes Zeichen ist, wenn Frauen unter den Burkas immer noch das Leben lieben und trotz ihrer Armut ihre Schönheit in diesem Ausmass pflegen. Später jedoch kam ich zum Schluss, dass es nicht fair ist, eine Frau in einer bestimmten Umgebung oder Kleidung zu isolieren und einzusperren und sich damit zufrieden zu geben, dass sie immer noch Make-up auflegt.
Eine afghanische Frau muss sich pflegen, damit sie in der Konkurrenz mit ihren Rivalinnen nicht vergessen wird. Die Polygamie ist auch unter jungen Männern üblich und hat viele afghanische Häuser in Harems verwandelt. Ausserdem ist der Brautpreis so hoch, dass die Heirat faktisch bedeutet, eine Frau zu kaufen. Und ich sah beim Filmen alte Männer, die 10jährige Mädchen weggaben und dafür einen Braupreis erhielten. Sie überlegten sich dann, mit diesem Geld selber ein anderes 10jährige Mädchen zu heiraten. Es scheint, dass ein bestimmtes Kapital von einer Hand zur anderen ausgetauscht wird, um Mädchen von einem Haus ins andere zu bringen. Unter ihnen sind Frauen, die einen Altersunterschied von 30 bis 50 Jahren zu ihrem Ehemann haben. Diese Frauen leben meistens im gleichen Haus oder sogar im selben Zimmer und haben sich nicht nur diesen Sitten unterworfen, sondern sich sogar daran gewöhnt. Ich hatte eine Menge afghanische und pakistanische Kleider und Burkas für meinen Film mitgebracht. Viele Frauen, die nach unermüdlicher, langer Überredung zugestimmt hatten, im Film als Statistinnen mitzuwirken, baten uns, ihnen Burkas anstelle von Geld zu geben. Eine wollte eine Burka für die Hochzeit ihrer Tochter, aber da ich befürchtete, Burkas würden im Iran populär werden, gab ich keiner Frau eine.
Als wir einige afghanische Frauen gebeten hatten, in unserem Film mitzuspielen, sagte uns ihr Mann, dass er zu keusch sei, um seine Frau zu zeigen. Ich sagte ihm, dass wir seine Frau in ihrer Burka filmen würden, aber er antwortete, die Zuschauer des Films wüssten, dass dies eine Frau ist unter der Burka und dies würde der Züchtigkeit widersprechen.
Immer wieder fragte ich mich, ob die Taliban die Burkas brachten oder die Burkas die Taliban. Bewirkt die Politik einen Wandel in der Kultur oder bringt die Kultur die Politik mit sich?
Im Niatak-Lager im Iran schlossen die Afghanen selber das öffentliche Bad mit dem Argument, dass jeder, der an den Wänden vorbeigeht, wisse, dass das andere Geschlecht hinter diesen Wänden nackt ist. Dadurch begehe er eine Sünde.
Heute gibt es keine weiblichen Ärzte in Afghanistan. Wenn eine Frau zu einem Arzt gehen will, muss sie ihren Sohn, ihren Mann oder Vater mitnehmen und durch sie mit dem Arzt sprechen. Bei der Heirat sagen der Vater oder der Bruder «Ja», nicht die Braut.
Gemäss Freud entspringt die menschliche Aggression der menschlichen Animalität, und die Zivilisationen verdecken nur diese Animalität mit einer dünnen Fassade. Diese dünne Haut zerreisst mit einem Fingerschnipsen. Gewalt existiert im Osten und im Westen. Was unterschiedlich ist, ist der Stil und nicht die Realität ihres Vorhandenseins.
Was ist der Unterschied zwischen dem Tod durch Enthauptung mit Messern, Dolchen oder Schwertern oder dem Sterben unter Kugeln, Granaten, Minen und Raketen? In den meisten Fällen ist die Kritik der Aggression die Missbilligung der Mittel der Aggression. Der Tod von 10% der afghanischen Bevölkerung durch den Bürgerkrieg und den Krieg mit Russland wird nicht als Aggression betrachtet, aber die Enthauptung von jemandem mittels eines Schwerts wird lange Zeit als Hauptschlagzeile in den Nachrichten des Satellitenfernsehens gebracht.
Es ist natürlich beängstigend und schrecklich mitanzusehen, wie eine Person enthauptet wird, aber warum gibt uns der tägliche Tod von Menschen durch Landminen nicht dasselbe Gefühl? Warum sind Messer aggressiv und Minen nicht? Was der moderne Westen an der afghanischen Aggression kritisiert, ist die Form und nicht die Substanz. Der Westen kann eine tragische Geschichte über eine Statue erfinden, aber für den Tod von Millionen genügen Statistiken. Wie Stalin sagte: «Der Tod eines Menschen ist eine Tragödie, aber der Tod einer Million ist nur Statistik.»
Afghanistan ist ein Land, das dem Stammeswesen zugeneigt ist, und die Stammesordnung dominiert es auch. Diese Stämme widerstanden kämpferisch den fremden Herren, die jedoch von Interessenskonflikten zwischen den Stämmen profitieren konnten. Obschon Afghanistan das Museum von Rassen und Stämmen genannt wird, haben Touristen dieses Museum nie besucht. Wenn jemand durch Afghanistan reiste, war es entweder Nadir Shah, der Indien erobern wollte oder die Sowjets, die versuchten, warmes Wasser zu erreichen. Folglich hatte der rauhe Afghane neben dem, was er von der Schroffheit der Natur gelernt hatte, es immer auch mit ausländischer Aggression zu tun gehabt.
Afghanistan wurde etwa vor 250 Jahren unabhängig von Indien, und etwa vor 150 oder gemäss anderen Quellen ungefähr vor 82 Jahren wurden seine Grenzen von der Durand-Linie bestimmt. Es begegnete einem verfrühten Modernismus etwa vor 77 Jahren. Vor 20 Jahren drangen die Sowjets in Afghanistan ein, und es wurde die letzten 10 Jahre in einen Bürgerkrieg involviert. In dieser Tragödie wurden 40% der afghanischen Bevölkerung umgebracht oder zu Flüchtlingen gemacht.
Dennoch wurde dieses Land und seine Bevölkerung entweder vernachlässigt oder als Bedrohung empfunden oder benutzt, um andere zu bedrohen. Als ich die Grenze überquerte, sah ich iranische Kanonen, die auf Afghanistan gerichtet waren, und als ich Afghanistan betrat, sah ich Kanonen, die auf den Iran gerichtet waren. Diese Kanonen zeigen, dass beide Länder einander als Bedrohung ansehen.
Auf der anderen Seite der Grenze hörte ich den militärischen Kommandanten der Region den iranischen Konsul anrufen und ihm sagen, dass ihre Häuser aus Lehm gebaut waren. Also worauf zielten die iranischen Kanonen? Er sagte: «Das Schlimmste ist, dass ihr unsere Häuser bombardiert und wenn es regnet, werden wir den Schlamm nehmen und unsere Häuser neu aufbauen.» «Finden Sie es nicht schade, wenn unsere Kanonen Eure schönen Häuser zerstören? Ihr könnt nicht Glas und Eisen und Keramik mit Regen herstellen. Warum kommt ihr nicht und baut die Strasse nach Herat für uns?»
Als ich von Dgharoon nach Herat reiste, fühlte ich mich, wie wenn ich durch stürmische See segeln würde. Ich erinnere mich, wie ich einmal im persischen Golf beim Filmen in einen Sturm kam, da warfen die Wellen unser kleines Boot mehrere Meter hinauf und liessen uns mit ihm auf die Wasseroberfläche zurückfallen. Der Bootsführer sagte uns, wenn das Schiff kippen würde, wäre es um uns geschehen. Und jetzt sehe ich diese Wellen wieder, aber es sind Wellen aus Schmutz. Am Anfang der Strasse fuhr das Auto den Hügel hinunter und kam den Hügel wieder hinauf und in der Mitte der Reise schlug der Wagen gegen schmutzige Wellen. Obschon dieses Gebiet flach ist und im nicht-gebirgigen Teil Afghanistans liegt, ist die Strasse schlimmer als die gewundenen Strassen im Iran.
Auf dem Gipfel jeder Welle standen Männer und Knaben Schaufeln haltend wie für die Ewigkeit. So weit das Auge reicht, sind diese Schaufeln haltenden Männer zu sehen. Wenn unser Auto näher an sie herankommt, beginnen sie, die Gräben mit Schlamm zu füllen, und während wir wertloses afghanisches Papiergeld zu ihnen hinüberwerfen, sehen wir sie im Staub in derselben Art wie den Tanz der Blätter im Film «Once upon a time». Es ist eine Szene von Schaufeln haltenden Männern, die im Staub verschwinden und aus nichts eine Beschäftigung für sich geschaffen haben. Das ist die surrealste Szene, die ich in Afghanistan je gesehen habe.
Ich frage den Fahrer, wieviele Autos diese Strasse pro Tag befahren. Er sagt: «Etwa 30.» Ich frage, ob diese Tausenden von Schaufeln haltenden Männern sich für nur 30 Autos versammeln, aber der Fahrer achtet auf die Strasse und ist nicht in Stimmung, mir zu antworten. Langsam drehe ich das Radio an. Es sind Jahre vergangen, seit ich aufgehört habe, Radio zu hören oder TV zu schauen, und ich habe seit Monaten keine Zeitungen gelesen. Es ist der 23. September 2000, und die iranischen Zwei-Uhr-Nachrichten werden gesendet. Ich muss weinen, als ich höre, dass zwei Millionen iranische Kinder heute den ersten Grad bestanden haben. Ich weiss nicht, ob ich weine aus Freude über die Kinder, die zur Schule gehen oder aus Kummer über die Kinder in Afghanistan, die nicht zur Schule gehen können.
Ich schaue auf die Strasse und fühle mich, wie wenn ich einen Film schauen würde. Der Fahrer sagt mir, dass in einigen dieser Häuser Mädchenschulen heimlich gegründet worden sind und dass einige Mädchen zu Hause lernen. Ich denke, dass dies ein Thema für einen Film wäre. Ich komme in Herat an und sehe, wie Frauen ihre Nägel unter den Burkas polieren. Ich sage mir, hier ist ein anderes Filmmotiv. Ich sehe das 19jährige britische Mädchen, das ins gefährliche Afghanistan gekommen ist, um nützlich zu sein.
Ich sage mir wieder, das ist ein anderes Motiv. Ich sehe Haufen lahmer Männer, die ihre Beine wegen Minen verloren haben. Einer von ihnen hat statt eines Beins eine Schaufel an der Seite seines Beines befestigt und geht damit. Ich sage mir, hier ist wieder ein anderes Motiv.
Ich komme nach Herat und sehe sterbende Menschen, die die Strassen wie Teppiche bedecken. Dies sehe ich nicht als ein anderes Motiv. Ich habe den Wunsch, das Filmen aufzugeben und eine andere Beschäftigung zu suchen. Als Massud, Afghanistans Militärgenie, gefragt wurde, was er sich wünsche, was seine Kinder werden sollten, antwortete er: «Politiker». Das heisst, dass Krieg als Lösung für ihn an einem toten Punkt angelangt ist. Er denkt, dass die Lösung, um Afghanistan zu retten, mehr politisch als militärisch sein muss. Meiner Meinung nach ist die Lösung für Afghanistan eine rigorose wissenschaftliche Analysierung seiner Probleme und die Präsentation eines wirklichkeitsgetreuen Bildes eines Landes, das unsichtbar und bilderlos geblieben ist, für sich wie für andere.
Als die Industrieländer ihre eigenen Märkte mit ihren Produkten übersättigt hatten, bemühten sie sich um internationale Märkte. Indem sie den Preis für ihren Konsum bezahlten, boten die einen Nichtindustrieländer als Gegenleistung ein Produkt und andere billige Arbeit an. In diesem Spiel war es Afghanistan aufgrund seiner gebirgigen Geographie nicht möglich, seine Rohmaterialien kostengünstig auszubeuten.
Wegen eines Missmanagements, der Zerstreutheit der Bevölkerung entstanden in der Landwirtschaftsperiode und der Entzweiung, ein Charakteristikum der Stämme, hatte Afghanistan nicht das Potential, der Welt seine Arbeitskraft im Austausch für andere Güter oder Dienstleistungen anzubieten. Deshalb blieb Afghanistan dem globalen Spiel der Lebenserhaltung fern und lebte weiter von dem unbedeutenden Reichtum des Graslands. Der Einmarsch der Sowjetunion führte zu einer landesweiten Reaktion, und die Bauern wurden zu Kämpfern. Mit dem Rückzug der Sowjets waren diese Kämpfer nicht mehr bereit, zur Landwirtschaft zurückzukehren.
Zum einen breitete der Machtkampf den Bürgerkrieg aus. Seit da nahmen Unsicherheit und Emigration zu. Vielleicht lebten die 30% afghanischen Flüchtlinge besser in anderen Städten und wollten in ihrer Lebensgrundlage nicht von Grasland abhängig sein, besonders seit sie von periodischer Dürre bedroht werden. Die Afghanen wünschten sich ein zivilisierteres Leben. Das bedeutet, dass Afghanistan mit seiner ganzen historischen Zurückgebliebenheit sein Bedürfnis angemeldet hat, in den Welthandel einzutreten.
Was ist aber der unmittelbarste Reichtum, der angeboten werden kann, um in die Welt der Produktion und Konsumation einzutreten? Zweifelsohne sind es die billigen Arbeitskräfte Afghanistans. Arbeitskraft ist einfacher zur Verfügung zu stellen als die Ausbeutung von Rohmaterialien im strassenlosen, gebirgigen Afghanistan. Man sollte den Blick auf Afghanistan nicht hauptsächlich unter der politisch-militärischen Perspektive werfen. Sie sollte durch eine wirtschaftlich ausgerichtete Perspektive ersetzt werden. Wenn Beschäftigung als die Wurzel und als die endgültige Lösung der momentanen Krise angesehen wird, kann Afghanistan mit Hilfe nationalen Managements in den Welthandel und in den Kreis der internationalen Existenzsicherung eintreten. Es kann seinen ihm zustehenden Anteil erhalten und für seine Kosten bezahlen, was bedeutet, Arbeit und Konsumwaren anzubieten und von der heutigen Zivilisation und dem Modernismus zu profitieren. Diese Erfahrung ist in Maos China und Gandhis Indien gemacht worden und wurde recht erfolgreich im fleissigen Japan verwirklicht.
Aus dieser Sicht ist die Krankheit von Afghanen kein Unglück. Es bietet einen Markt für afghanische Ärzte. Der Mangel an ärztlichen Spezialisten ist auch kein Unglück, es ist ein Markt, um medizinische Assistenten in ein paar Monaten auszubilden. Der Hunger ist kein Unglück. Er ist ein Markt für den Verbrauch von Brot. Der Mangel an Brot ist kein Unglück, weil er ein Markt für Weizen ist. Der Mangel an Weizen ist kein Unglück. Er ist ein Markt, um ungenutztes Wasser zu kanalisieren.
Das Wasser durch Arbeit zu kanalisieren, bedeutet Dämme zu bauen. Dämme durch Arbeit zu bauen, bedeutet Weizen. Weizen ist Brot. Brot ist Sättigung. Alles was über die Sättigung hinausgeht, bedeutet Wohlstand. Wohlstand bedeutet Entwicklung. Entwicklung ist Zivilisation.
Stalin sagte: «Der Tod einer Person ist eine Tragödie, aber der Tod einer Million ist reine Statistik.» Seit ich ein kleines 12jähriges afghanisches Mädchen im gleichen Alter wie meine Tochter Hannah gesehen habe, wie es in meinen Armen vor Hunger zitterte, habe ich versucht, die Tragödie dieses Hungerns weiterzuvermitteln, aber immer habe ich damit geendet, Statistiken zu liefern. Oh Gott! Warum bin ich so machtlos geworden wie Afghanistan? Ich würde am liebsten zu diesem Gedicht übergehen, zu dieser gleichen ewigen Wanderschaft und wie dieser Poet aus Herat irgendwo verloren gehen oder wie der Buddha von Bamian vor lauter Scham zusammenbrechen:
Der Fremde ohne Geld im Beutel muss gehen.
Und das Kind, das ohne Puppen spielt,
muss gehen.
Und der Zauber meines Exils heut nacht wird er gebrochen.
Und der Tisch, der immer leere, wird zusammengelegt.
Voller Leid wanderte ich über die Horizonte.
Ich bin es, den wandernd alle sahen.
Was ich nicht habe, leg ich nieder, und ich muss gehen.
Ich kam zu Fuss, ich geh zu Fuss.
Sonderbeilage: Zeit-Fragen Nr. 48 vom 3.12.2001, letzte Änderung am 3.12.2001
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