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 Artikel 1: Zeit-Fragen Nr. 17 vom 22 4. 2002

 Wie die Alliierten mit den Nazis Geldgeschäfte abwickelten ...

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) als Drehscheibe der Hochfinanz

ts. Der Zweite Weltkrieg sah zwei verfeindete Mächtegruppen, die gegeneinander den totalen Krieg ausfochten - so steht es in jedem Schulgeschichtsbuch. Auf der einen Seite die Alliierten, auf der anderen Seite die Achsenmächte. Die Begriffe «Weltkrieg», «totaler Krieg» legen nahe, dass zwischen den beiden feindlichen Machtblöcken keinerlei Verbindungen bestanden. Und schon gar keine Zusammenarbeit! Denn sonst könnte man ja nicht von einem totalen Krieg sprechen! Kommt dazu, dass die eine Seite, die Achse, unvorstellbare Grausamkeiten wider die Menschlichkeit begangen hat, den Massenmord an der jüdischen Bevölkerung Europas - auch dies hätte jede Zusammenarbeit verboten! Nun belegen aber neue Studien, dass die Trennung «hie Gute, da Böse», «hie gute Alliierte, da böse Nazis» doch nicht so einfach gezogen werden kann - und zwar nicht, was das Böse, sondern was die Seite der Guten betrifft! Die Leistung der Sieger des Zweiten Weltkriegs erweist sich als nicht mehr ganz so strahlend, wenn man die Befunde von Herbert R. Reginbogin zu Rate zieht. Während die beiden Blöcke sich rund um den Planeten bekämpften, lief auf einer anderen Ebene die Zusammenarbeit weiter, als wäre tiefster Frieden. Die internationale Hochfinanz war der Meinung, militärische Auseinandersetzung und Geldpolitik hätten nichts miteinander zu tun. Und so kam es, dass via die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) mit Sitz in Basel während der Dauer des ganzen Krieges Nazis und Alliierte bestens miteinander im Geschäft standen! Während das Fussvolk auf den Schlachtfeldern verblutete, diskutierten die Finanzeliten der Deutschen und der Angloamerikaner über die Nachkriegsordnung und wickelten ihre Geldgeschäfte ab. Ein Aspekt, den es bei der Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs zu berücksichtigen gilt, insbesondere auch, wenn es um die Rolle der Schweiz und ihrer Banken geht. Denn wohlgemerkt: Die BIZ hatte zwar ihren Sitz in Basel, war aber mitnichten eine Schweizer Bank, sondern eine Gründung der weltweit wichtigsten Zentralbanken. Ein Sachverhalt, den es ebenfalls zu berücksichtigen gilt, wenn über die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg gesprochen wird - nur schon um die Proportionalität und die Verhältnismässigkeit zu wahren!

Die folgenden Textauszüge entstammen dem in Zeit-Fragen schon mehrfach zitierten Werk des amerikanischen Historikers Herbert R. Reginbogin. Zwischentitel und Hervorhebungen wurden von der Redaktion gesetzt.

Die BIZ - ursprünglich Reparationsbank der Alliierten ...

«Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich wurde von einem internationalen Gremium als 'Reparationsbank' gegründet. Die Hauptfunktion der Bank sollte zwar die Abwicklung der deutschen Reparationszahlungen an die Alliierten sein, ihre Entstehung hatte sie aber dem schon 1927 aufgetretenen Bedürfnis nach internationaler Zentralbankenkooperation der Industrieländer zu verdanken, was dann im Mai 1930 zur Eröffnung der BIZ führte.

In den Monaten nach den Reichtagswahlen vom 20. September 1930 flatterten als Folge des schwindenden Vertrauens in die politische Stabilität der Weimarer Republik und des raschen wirtschaftlichen Niedergangs den deutschen Banken Massenkündigungen ihrer kurzfristigen Kredite im Ausland auf den Tisch. Reichskanzler Heinrich Brüning forderte daraufhin eine Beendigung der Reparationen. Nach einigem Hin und Her einigten sich auf Initiative von US-Präsident Hoover (Hoover-Moratorium) die alliierten Kreditoren, also die Unterzeichnerstaaten des Versailler Vertrages, auf einen einjährigen Zahlungsstopp für Reparationen, der ab 1. Juli 1931 in Kraft trat. Die sich fortsetzenden Kreditkündigungen der Auslandsbanken zeigten jedoch, dass das Hoover-Moratorium bzw. der gewährte Zahlungsaufschub das Vertrauen in die deutsche Wirtschaft nicht wieder hatte herstellen können. Selbst in Deutschland setzte ein Run auf die Geldinstitute ein. Die deutschen Banken und Sparkassen büssten aufgrund der abgezogenen Spargelder ihre Solvenz ein und wurden auf Anordnung des Reichskanzlers für drei Wochen geschlossen.» (S. 485)

... wird zum Kreditgeber der untergehenden Weimarer Republik

«Nach Ablauf des Hoover-Moratoriums im Juni 1932 herrschte eine weltweite Wirtschaftskrise, und voneiner Wiederaufnah-me der deutschen Reparationszahlungen konnte nicht die Rede sein. Die Gläubigerländer beug-ten sich dieser Einsicht und legten an der Lausanner Konferenz am 9. Juli 1932 die deutschen Reparationszahlun-gen offiziell ad acta. Damit wäre nun eigentlich auch das Leben der BIZ beendet gewesen. Es liegt jedoch in der menschlichen Natur, Vorhandenes nicht gerne aufzugeben, schon gar nicht Institutionen. Nach einigen Übergangsschwierigkeiten, dieder BIZ dann doch noch beinahe das Leben gekostet hät-ten, wurde ihr ein neues Betätigungsfeld übertragen. Sie erhielt den Auftrag, ein Komitee zu bilden, das die Höhe der deutschen kommerziellen Aussenschulden ermitteln sollte, deren Zahlungsfrist verlängert werden musste. Dieses Komitee trat Anfang August 1931 zum ersten Mal in Basel zusammen. Es stellte fest, dass die deutschen Kreditschulden bei den ausländischen Banken rund sechs Milliarden Reichsmark betrugen und empfahl den Abschluss eines Stillhalteabkommens für kurzfristige deutsche Auslandsschulden. Dem Komitee gelang es tatsächlich, die Gläubigerbanken zu einem Stillhalteabkommen zu bewegen, indem der Zentralbanken-Kredit über 100 Millionen Dollar an Deutschland erneuert wurde.» (S. 485f.)

Banken der Alliierten und BIZ empfangen Gold von den Nazis

«Damit konnte ein Kreditkollaps der Deutschen verhindert und die weitere Kooperationsbereitschaft der Banken erhalten werden, die auf die Kündigung ihrer Kredite verzichteten. Das Stillhalteabkommen wurde am 19. September 1931 unterzeichnet, mit einer Laufzeit von sechs Monaten. Bereits existierende Kredite und in Deutschland getätigte finanzielle Investitionen seit dem Young-Plan [...] wurden zu den ursprünglichen Konditionen eingefroren, die entsprechenden Zinszahlungen aber liefen weiter. [...]

Am 30. Januar 1933 gelangte Hitler an die Macht. Es zeichnete sich rasch ab, dass 'old boys', wie Reichsbankpräsident Hans Luther, ihre Positionen nicht behalten würden. Am 17. März 1933 schob ihn Hitler als deutschen Botschafter in die Vereinigten Staaten ab. Luthers Sessel bei der Deutschen Reichsbank wurde von seinem Nachfolger und Rivalen, Hjalmar Schacht, übernommen. Schacht machte sofort klar, dass er den Zentralbankenkredit loswerden wollte, der in seinen Augen nur eine Schaufensterdekoration war, eher geeignet, die Position der Reichsbank zu schwächen denn zu stärken. Schacht verwarf die von Luther vertretene Klausel, dass 40% der Goldreserven bei der Reichsbank verbleiben sollten, und offerierte den Gläubigern des Reichsbankkredites eine volle Vergütung. Die Zentralbanken beeilten sich, ihre Zustimmung zu signalisieren. Am 13. April 1933 veranlasste Schacht die Rückzahlung des Kredites in Form von Gold an die Bank von England, die Bank von Frankreich, die Federal Reserve Bank von New York und die BIZ. Damit war der am l. Juli 1931 von den Zentralbanken erhaltene Kredit zurückbezahlt.» (S. 486)

Nazis bezahlen zwar Schulden im Ausland nicht zurück ...

«Als Resultat dieser rigorosen Aktion fielen die Goldreserven der Reichsbank auf 13%, nur noch ein Schatten der 40%, die zu erhalten sich Schachts Vorgänger Luther im Sommer 1931 stets bemüht hatte. Die Reichsmark, obwohl theoretisch an den Gold-Standard gebunden, hatte de facto aufgehört, eine umtauschbare Währung zu sein. Die von Brünings Kabinett im Sommer 1931 eingeführten Währungskontrollen wurden von NS- Deutschland in der Folge noch verschärft. Sture Verfolgung der Autarkiebestrebungen, Mangel an Devisen und Goldreserven versetzten Deutschland weniger denn je in die Lage, seine noch ausstehenden Schulden zurückzubezahlen. So blieb den privaten Gläubigern und Gläubigerländern, die in den 20er Jahren in Deutschland und durch den Young-Plan investiert hatten, nur zähneknirschend übrig, das Stillhalteabkommen jedes Jahr zu verlängern, die Zinsen bzw. Dividenden dafür in Empfang zu nehmen und die Hoffnung nicht aufzugeben, dass Deutschland wieder zu einer freien Marktwirtschaft mit umtauschbarer Währung zurückkehren würde. Am 3. September 1939, bei Ausbruch des Krieges, kündigten die britischen Finanzhäuser das Stillhalteabkommen mit Deutschland durch das American Banker's Committee.» (S. 486f.)

... dafür bezahlt Deutschland Zinsen an die Alliierten bis 1945!

«Deutschland schuldete Grossbritannien 34 Millionen Pfund. Noch eine interessante Feststellung: Selbst ein so gesetzloser und vertragsbrüchiger Staat wie das Dritte Reich hielt sich auch nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges noch an die Stillhaltevereinbarung von 1931 und überwies durch die Deutsche Reichsbank weiterhin die Dividenden für Auslandskredite, d.h. für getätigte Investitionen aus dem Young-Plan via BIZ an die ausländischen (feindlichen) Gläubiger, so auch zu Gunsten der Kontos von Grossbritannien, Frankreich und der USA bis 1944/1945.

Ist dies nicht merkwürdig? Die Antwort liegt darin, dass die Struktur der BIZ und die unter ihrem Dach unterzeichneten Verträge für alle Teilnehmerstaaten im Hinblick auf die sozialen und wirtschaftlichen Herausforderungen der Nachkriegszeit von so grosser Wichtigkeit waren, dass selbst das Dritte Reich bereit war, wertvolle Devisen, die dringend für Rohmaterialkäufe benötigt wurden, praktisch nutzlos ins Ausland fliessen zu lassen.» (S. 487)

Internationale Finanz handelt mit Nazis trotz Krieg

«Auch der britische Chancellor of the Exchequer, Sir Kingsley Wood, teilte die Ansicht, dass die Struktur der internationalen Finanz nicht angetastet werden dürfe, und meinte in einer Rede vor dem House of Commons am 13. Oktober 1942 'the bank (BIZ) is so situated that no transaction has taken or can take place under the present arrangements which confer any economic or financial advantage on a belligerent nation to the detriment of another'. (Die Bank ist so situiert, dass im Rahmen der gegenwärtigen Arrangements keine Transaktion stattfinden kann oder stattgefunden hat, die einer kriegführenden Nation irgendeinen wirtschaftlichen oder finanziellen Vorteil zum Nachteil der anderen verschaffen würde.) ' ... Association with the Bank (BIZ) brings no economical or financial advantage to the enemy.' ( ... Verbindung mit der Bank [BIZ] bringt keinen ökonomischen oder finanziellen Vorteil für den Feind.) Somit wurden die britischen Einlagen von schätzungsweise 2 bis 3 Mio. Pfund sowie die noch übrigen 3 Mio. Pfund an vorhandenem Aktienkapital nicht angetastet, und man ersparte sich durch eine Kündigung der Mitgliedschaft bei der BIZ auch den möglichen Verlust der Zinsen aus dem Young-Plan. Was vor dem Parlament nicht zum Ausdruck kam, war das grosse Interesse (nicht nur) der britischen Regierung am Erhalt der bestehenden internationalen Struktur der BIZ im Hinblick auf die Bewältigung der Nachkriegszeit. Der politische und ideologische Sprengstoff dieses Themas war offensichtlich, denn es führte zu der Frage, ob heute ein Krieg gegen Deutschland geführt wird, um mit dem Feind morgen noch Handel treiben zu können?» (S. 487f.)

BIZ als Treffpunkt der Hochfinanz und Nazi-Deutschlands

«Die BIZ entwickelte sich zu einem Zentrum der Appeasementpolitik, jener speziell von Chamberlain vertretenen Bewegung, die einen Ausgleich mit dem Dritten Reich suchte. Chamberlains Appeasementbemühungen bestanden zum Teil darin, eine Überwindung der Weltwirtschaftskrise durch Wiederherstellung des Vertrauens zwischen den parlamentarischen, privatkapitalistischen Demokratien Frankreichs, Englands, der USA und den faschistischen staatskapitalistischen Diktaturen Deutschlands und Italiens zu erreichen. Im Rahmen dieser Bemühungen bot die Struktur der BIZ die einzigartige Möglichkeit, weiterhin regelmässige Kontakte zu den Achsenmächten aufrechtzuerhalten, selbst nachdem Deutschland und Italien aus dem Völkerbund ausgetreten waren. Diese Kontakte wurden inoffiziell von den Vertretern der Zentralbanken mittels der BIZ in Basel während des ganzen Zweiten Weltkriegs gepflegt. Ausserdem diente die BIZ als Vehikel zur Sicherung des privaten Eigentums und eines stabilen internationalen Geldwertes. (Auch heute noch existiert die BIZ als 'Hausbank' der Zentralbanken. Neben dieser Funktion organisiert sie den informellen Meinungsaustausch zwischen den Notenbanken sowie zwischen den mit der Beaufsichtigung und Regulierung des Finanzsystems beauftragten Kreisen. Die BIZ entschloss sich jedoch im September 2000, alle von privaten Aktionären gehaltenen Anteile der Bank aufzukaufen mit der Begründung, 'dass die Existenz privater Aktionäre mit vorrangig finanziellen Interessen in Konflikt mit dem Auftrag der Bank stehe, die Kooperation der Zentralbanken zu fördern und dadurch zur Stabilität des globalen Finanzsystems beizutragen'.)» (S. 488)

BIZ jenseits jeder Moral und demokratischen Kontrolle

«Die BIZ konnte den Charakter einer supra-nationalen Einheit ohne moralische und ethische Einschränkungen entwickeln, weil souveräne Nationen ihr Rechte übertragen hatten, die sie ohne demokratische Kontrolle ausüben konnte, nur ihren eigenen juristischen, von den Gründern festgelegten Regeln verpflichtet. Deshalb konnte die Überweisung des Vermögens eines souveränen Staates an seinen Eroberer mit juristischen Klauseln legitimiert werden. [...] England und Deutschland benützten das internationale Finanzsystem und die Gesetze als Instrumente für die Zeit nach dem Krieg, wo beide Länder wünschten, sich in einer starken wirtschaftlichen Position zu befinden. Zu Beginn ihrer ehrgeizigen Pläne blieb aber den Technokraten aller Seiten noch verborgen, was sich erst im Rahmen des Zweiten Weltkriegs herauskristallisieren sollte, nämlich der Untergang beider Grossmächte mit ihren imperialistischen Vorstellungen von Kolonialismus auf der einen, militärische Eroberung von Lebensraum und Beherrschung möglichst der ganzen Welt auf der anderen Seite. Statt dessen begannen die Länder nach Kriegsende sich an den amerikanischen aussenpolitischen Vorstellungen von Selbstbestimmungsrecht und offenen Märkten zu orientieren.» (S. 489)

Hofer, Walther/Reginbogin, Herbert R.: Hitler, der Westen und die Schweiz. 1936-1945. Zürich 2001, Verlag NZZ, ISBN 3-85823-882-1

Artikel 1: Zeit-Fragen Nr.17 vom 22.4.2002, letzte Änderung am 22.4. 2002

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