Artikel 10: Zeit-Fragen Nr. 19 vom 6 5. 2002
zf. In den ersten beiden Teilen seiner Analyse hat der amerikanische Historiker Stephan Sniegoski mit zahlreichen Belegen darstellt, warum die Behauptung, die US-Regierung und ihre Geheimdienste seien von den Anschlägen am 11. September völlig überrascht worden, nicht zutreffen kann. Verschiedene Stellen in den USA haben offensichtlich schon vor dem 11. September von den Plänen für den verheerenden Anschlag gewusst, zugleich aber verhindert, dass die Öffentlichkeit angemessen gewarnt wurde, geschweige denn, dass Gegenmassnahmen getroffen wurden. Wozu dies? Schon im ersten Teil wies Sniegoski auf Interessen in den USA an einem «Krieg gegen den Terrorismus» hin. Schon lange vor dem 11. September war ein Krieg gegen Afghanistan geplant. Der dritte Teil der Analyse greift diesen Gedanken auf und analysiert die geostrategischen und ökonomischen Interessen im Hintergrund des Krieges.
Da ihre Motive, Krieg zu führen, sich voneinander unterscheiden, ist es notwendig, die Tätigkeiten der Ölkonzerne und diejenigen Israels getrennt zu diskutieren. (Die Bewegungslinie Israels und ihre Urheber werden im vierten und abschliessenden Teil dieses Artikels unter die Lupe genommen werden.) Präsident Bush und seine Chefberater, allen voran Vizepräsident Dick Cheney, hatten alle enge Beziehungen zu den grossen Ölfirmen. Und die Ölkreise fassten vor einiger Zeit die beträchtlichen, zumeist unerschlossenen Öl- und Gasquellen des Kaspischen Becken und Zentralasiens ins Auge.
Die Reserven im Kaspischen Becken umfassen 10 Prozent der bekannten Ölvorräte der Welt mit einem Wert von über 5 Billiarden Dollar, gemessen an heutigen Preisen. Jedoch sind die Öl- und Gasreserven Zentralasiens von Land umschlossen, was bedeutet, dass der Energiereichtum durch lange Rohrleitungen zu den globalen Märkten geschickt werden muss. Eine Kontrolle Afghanistans ist nicht wegen möglicher eigener Öl- oder Gasreserven so wertvoll, sondern wegen seiner entscheidenden geographischen Position. Mögliche Transportwege für Exporte von Öl und Erdgas aus Zentralasien zum Arabischen Meer laufen durch Afghanistan. Amerikanische Ölfirmen haben versucht, solch eine Rohrleitung durch das Land zu legen, aber zuerst muss die politische Stabilität in der turbulenten Region hergestellt werden.
Der Wert Afghanistans überschreitet jedoch weit die Ölpipeline-Angelegenheit. Elie Krakowski, ein ehemaliger Afghanistan-Spezialist des Verteidigungsministeriums, unterstreicht, dass Afghanistan traditionsgemäss eine Schlüsselfigur in der globalen Machtpolitik gespielt hat und noch spielt:
«Warum also haben viele grosse Nationen in und um Afghanistan gekämpft, und warum sollten wir jetzt damit befasst sein? Kurz gesagt, weil Afghanistan am Scheideweg liegt zwischen dem, was Halford MacKinder das Herzstück der Welt und den indischen Subkontinent nannte. Es verdankt seine Bedeutung der Position an der Kreuzung der Hauptverkehrswege. Da es eine Grenze zwischen Landmacht und Seemacht darstellt, ist es der Punkt, an dem sich widerstreitende Kräfte treffen, die grösser als es selbst sind. Alexander der Grosse benutzte das Land als Eroberungspfad. So taten es auch die Mogule. Afghanistan, das zum Objekt der Konkurrenz zwischen dem britischen und dem russischen Imperium im 19. Jahrhundert geworden war, wurde zur Quelle von Streitereien zwischen der amerikanischen und der sowjetischen Supermacht im 20. Jahrhundert. Mit dem Zusammenbruch des Sowjetreiches ist es zu einer wichtigen möglichen Öffnung in Richtung Meer für die vom Land umschlossenen neuen Staaten Zentralasiens geworden. Die grossen Erdöl- und Erdgaslagerstätten in dieser Region hat Länder und multinationale Konzerne angelockt. Russland und China, von Pakistan und Indien ganz zu schweigen, sind ziemlich tief verstrickt in den Versuch, die Zukunft des unbeugsamsten Volkes der Welt zu gestalten. Denn Afghanistan ist ein strategischer Dreh- und Angelpunkt, und was dort geschieht, beeinflusst den Rest der Welt.»
Linke Kritiker des amerikanischen Imperialismus beschreiben häufig die amerikanische Politik als eine Politik, die nur auf dem Wunsch nach geschäftlichen Profiten basiert - im Fall Zentralasiens also auf Profiten durch das Öl. Und ihr Argument enthält ein Körnchen Wahrheit. Die meisten Länder des Persischen Golfs belegen amerikanische Investitionen mit scharfen Einschränkungen, was bedeutet, dass Zentralasien eine der wenigen verbleibenden Wachstumsregionen für amerikanische Ölfirmen ist. Ohne Zweifel profitieren einige Einzelpersonen finanziell von jenen Beschränkungen; aber die Politik, die amerikanische Staatsbeamte verfolgen, geht weit über die blosse Erhöhung des eigenen Privatvermögens und das ihrer Geschäftspartner hinaus.
Amerikanische Politik spiegelt bestimmte geopolitische Überzeugungen wider, die in der Tat verbunden sind mit den wirtschaftlichen Interessen bestimmter Gruppen, was aber nicht notwendigerweise auf den sofortigen finanziellen Gewinn für bestimmte Leute bezogen ist, die die Politik bestimmen. Die Vereinigten Staaten oder mindestens ihre aussenpolitische Elite sieht eine Notwendigkeit für die Vereinigten Staaten, zentralasiatische Energiequellen so zu beherrschen, wie sie die Ölfelder des Persischen Golfs beherrschen. Offensichtlich bedeutet die Entwicklung jener Energiequellen finanziellen Gewinn für amerikanische Investoren. Aber die Kontrolle über dieses Gebiet erhöht auch die globale Macht der Vereinigten Staaten, und solch eine Kontrolle ist folglich auch ein bedeutender Faktor in den geostrategischen Überlegungen zur Erzielung der globalen Hegemonie.
In den höheren Kreisen unterscheiden sich die Ansichten darüber, wie man am besten das vereinbarte Ziel der amerikanischen Vorherrschaft in Zentralasien erreichen kann. Die Meinungen beherrschen ein Spektrum zwischen zwei kontrastierenden Modellen der Aussenpolitik: entweder konkurrierend oder kooperativ. Entsprechend dem Konkurrenzmodell sind andere Mächte Gegner im Streben nach Weltmacht und Reichtum. Es ist ein Nullsummenspiel: alles, was den Gegnern der Vereinigten Staaten nützt, schadet automatisch den Vereinigten Staaten. Ziel Amerikas ist, die Welthegemonie zu erzielen, und alles, was weniger ist, liefern die Vereinigten Staaten schutzlos ihren Feinden aus. Um die Hegemonie zu erzielen, muss Amerika einseitig handeln. Insbesondere muss es die entscheidenden Energiequellen der Welt monopolisieren, um diesen Reichtum den Händen der möglichen Feinde wie Iran, Russland und China zu entreissen.
Einer der stärksten Vertreter des Konkurrenzmodells ist Zbigniew Brzezinski, Staatssicherheitsberater in der Carter-Ära. In seinem 1997 veröffentlichten Buch «Die einzige Weltmacht - Amerikas Strategie der Vorherrschaft» schildert Brzezinski die eurasische Landmasse als den Dreh- und Angelpunkt für die Weltmacht, wobei Zentralasien den Schlüssel zur Beherrschung von Eurasien bedeutet. Für die Vereinigten Staaten bedeutet die globale Vorherrschaft, die Brzezinski mit der amerikanischen Sicherheit gleichstellt, dass sie jeden möglichen Gegner oder jede Koalition der Gegner daran hindern müssen, die Kontrolle über die entscheidende Region zu erhalten. Und selbstverständlich besteht der beste Weg für die Vereinigten Staaten, den Gegner an der Kontrolle einer Region zu hindern, darin, sie selbst zu kontrollieren. In weiser Voraussicht erwähnt Brzezinski, dass wegen des allseits beliebten Widerstandes gegen die Expansionsbestrebungen des US-Militärs seine ehrgeizige Strategie nicht verwirklicht werden könnte, «ausser im Zustand einer wirklich massiven und von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommenen direkten externen Drohung.»
Das zweite Modell ist geprägt von Mitarbeit statt Konkurrenz, wenn es um das Erfassen und Beherrschen der Ressourcen Zentralasiens geht. Die Idee, dass eine Kooperation mit Russland und China in einem erweiterten Weltstaatskapitalismus mit seinem (fiktiven) Wohlstand die Chance auf einen Weltfrieden erhöhen würde, ähnelt der alten Vision einer Détente mit der Sowjetunion, die von Kissinger und Rockefeller in den siebziger Jahren entwickelt wurde. Bessere Transport- und Kommunikationsverbindungen in Zentralasien könnten momentan isolierte Länder in Schlüsselzentren des Handels am Scheideweg zwischen Europa und Asien verwandeln, in Erinnerung an die Seidenstrasse des Mittelalters.
US-Beamte sagen voraus, dass die Seidenstrasse des 21.Jahrhunderts, die durch Zentralasien führt, Eisenbahnen, Öl- und Gasrohrleitungen sowie Glasfaserkabel mit einschliesst.
Ein Trick der Kooperationsthese ist, dass die Energieproduktion in Zentralasien, die von der Kooperation der USA mit Russland abhängig ist, die Abhängigkeit der industriellen Welt vom instabilen Nahen Osten verringern soll. Macht man Zentralasien sicher für die staatlich gelenkte Entwicklung zum Kapitalismus, die darauf abzielt, den Wohlstand der Grossmächte zu erhöhen, dann hat das selbstverständlich zur Folge, solch unangenehm destabilisierende Elemente wie den islamischen Fundamentalismus und den ethnischen Nationalismus zu unterdrücken.
Es scheint, dass die gegenwärtige US-Politik in Zentralasien sich in Richtung des Konkurrenzmodells bewegt, aber Elemente der Mitarbeit mit einbezieht.
Während US-Beamte jetzt die Taliban als die Ursache allen Übels schildern, war dies früher nicht die vorherrschende Ansicht. Es war zweifellos nicht ihre Ansicht in der ersten Hälfte des Jahres 2001, als die Vereinigten Staaten das Taliban-Regime als befreundete Regierung ansahen und mit ihm auch als solchem verhandelten.
Offiziell verurteilten die Vereinigten Staaten die islamischen Gruppen, die Afghanistan als ihren Stützpunkt für Terrorismus benutzten, und offiziell verlangten die Vereinigten Staaten die Auslieferung Usama bin Ladins, um ihn wegen der im August 1998 veranlassten Bombardierung der US-Botschaften in Kenia und in Tansania vor Gericht zu stellen. (Nach den Bombardierungen von 1998 griff die Clinton-Regierung bin Ladins Guerilla-Camps sogar mit Marschflugkörpern an.) Obgleich die Formulierungen in den Akten sehr düster und gewunden sind, scheint es, dass die Vereinigten Staaten - während sie bin Ladin eine Lehre erteilen wollten - gleichzeitig auch ihre Beziehungen mit der Taliban-Regierung zu verbessern suchten und dass dieses Ziel häufig den Vorrang hatte. Umgekehrt könnte man folgendermassen argumentieren: Obgleich Washington es vorzog, Verhandlungen den Vorrang zu geben im Bemühen, die Taliban gegen den Terrorismus einzusetzen und die für die Ausbeutung von Energiequellen in der Region notwendige Stabilität zu erzielen, hatte es Washington doch einige Jahre lang in Betracht gezogen, militärisch gegen die Taliban vorzugehen.
Die Beziehungen zwischen den Taliban und den USA können in vier Perioden eingeteilt werden, wobei es einige Überlappungen gibt:
Amerikanische Ölfirmen hatten sich bei den Taliban eingeschmeichelt seit der Zeit, als sie 1996 Kabul übernommen hatten. Im Jahre 1996 verabschiedete die US-Ölfirma Unocal (Union Oil of California) eine Vereinbarung mit den Taliban, eine Pipeline zu bauen, aber der andauernde afghanische Bürgerkrieg verhinderte den Beginn dieses Projektes. Laut Ahmed Rashid, einem Fachmann für Zentralasien und Autor des Buches «Taliban: Militanter Islam, Öl und Fundamentalismus in Zentralasien», «unterstützen zwischen 1994 und 1996 die Vereinigten Staaten die Taliban politisch durch ihre Verbündeten Pakistan und Saudi-Arabien, besonders deshalb, weil Washington die Taliban als anti-iranisch, anti-Shia und Pro-westlich betrachtete». Von 1995 bis 1997, sagt Rashid, «lief die Unterstützung der USA über das Unocal-Öl- und Gaspipelineprojekt.» Privatunternehmen leiteten die tatsächlichen Verhandlungen, aber ihre Tätigkeiten wurden «durch die US-Regierung unterstützt».
Im Mai 1997 schieb die «New York Times»: «Die Clinton-Administration ist der Ansicht, dass ein Sieg der Taliban [ ... ] ein Gegengewicht zum Iran darstellen würde [ ... ] und die Möglichkeit neuer Handelsrouten eröffnen würde, die den russischen und iranischen Einfluss in der Region schwächen würde.» Das «Wall Street Journal» meinte, dass Afghanistan eine «erstklassige Transportroute für den Export der grossen Öl-, Gas- und anderen Rohstoffquellen Zentralasiens» darstellen könnte.
«Man kann sie mögen oder auch nicht», fuhr der Journalist fort, «die Taliban sind diejenigen, die zum jetzigen Zeitpunkt am ehesten Frieden in Afghanistan schaffen können.»
Das Hauptziel der US-Regierung in Afghanistan war, die Taliban-Regierung zu stärken, die den Vereinigten Staaten freundlich gesonnen war, um die Öl- und Gasreserven in Zentralasien abzubauen. Ferner sah Washington in den Taliban einen Feind des Iran, der seinen eigenen Stützpunkt in Afghanistan hatte - die Nord-Allianz.
Militärische Unterstützung erhielten die Taliban vom Pakistanischen Geheimdienst, dem ISI (Inter Services Intelligence). Die Taliban waren eine Kreation des Pakistanischen Geheimdienstes, der Afghanistan als einen potentiellen abhängigen Staat sah. Die Vereinigten Staaten wiederum unterstützten Pakistan als Gegengewicht zum Iran.
Während der Zeit, in der die Vereinigten Staaten eine positive Haltung den Taliban gegenüber einnahmen, massakrierten die Taliban Zivilisten, unterdrückten Frauen und beraubten das afghanische Volk der grundlegenden Freiheiten. Es waren die gleichen Horrortaten, die die Vereinigten Staaten nach dem 11. September 2001 als Rechtfertigung herbeizogen für den militärischen Angriff, durch den tyrannische Regime gestürzt und das unterdrückte Volk befreit werden sollte.
Amnesty International, der es nicht um Öl- oder Gasvorkommen, sondern um die Menschenrechtsverletzungen der Taliban ging, äusserte sich negativ über die freundliche Haltung Washington gegenüber diesem Regime. Amnesty International zufolge «glauben viele afghanische Analysen, dass die Vereinigten Staaten enge politische Verbindungen zu der Taliban-Miliz hatten.» Sie beziehen sich darauf, dass Vertreter der Taliban in den letzten Monaten die Vereinigten Staaten besuchten, wie auch darauf, dass hochrangige Vertreter des US-Aussenministeriums einige Male nach Kandahar kamen, einmal unmittelbar bevor die Taliban Jalalabad einnahmen.
Nach den Bombenanschlägen auf die Botschaften 1998 scheint die Clinton-Administration ihre Haltung den Taliban gegenüber geändert zu haben. Sie drängten den UN-Sicherheitsrat, der UN-Resolution 1267 zuzustimmen, die die Taliban auffordert, den angeklagten Terroristen Usama bin Ladin auszuliefern und sich mit dem Terrorismus zu beschäftigen. Es wurden wirtschaftliche Sanktionen verhängt, um die Taliban zum Einlenken zu zwingen. Die Vereinigten Staaten führten auch einige verdeckte Operationen an der Grenze Afghanistans und im Land selber durch mit dem Ziel, das Regime endgültig zu entfernen.
Washington scheint seine Opposition jedoch mit verdeckter Unterstützung gemischt zu haben. Die «International Herald Tribune» berichtete, dass «die Clinton-Administration [im Sommer 1998] mit den Taliban über mögliche Pipelinerouten sprach, um Öl und Gas aus Turkmenistan über Afghanistan und Pakistan zum Indischen Ozean zu transportieren».
1999 beschwerte sich der Abgeordnete Dan Rohrabacher, Republikaner und langjähriges Parlamentsmitglied des Komitees für Internationale Beziehungen, der einen Überblick über die Politik gegenüber Afghanistan hatte, dass «es eine verdeckte Politik dieser [Clinton-]Administration zur Unterstützung der Taliban, die Afghanistan kontrollieren wollten, gegeben hatte und gibt.» Rohrabacher vermutete, dass die US-Politik «auf der Annahme beruhte, dass die Taliban für Stabilität in Afghanistan sorgen würden und den Bau von Öl-Pipelines von Zentralasien über Afghanistan nach Pakistan erlauben würden.»
Im Juli 2000 erhob Rohrabacher in seiner Beweisführung über den internationalen Terrorismus vor dem Komitee Anklage, dass die Vereinigten Staaten die Taliban unterstützen. Er sagte:«Wir haben die Taliban, unterstützt, da all unsere Hilfe in Taliban-kontrollierte Gebiete gelangt. Und wenn Leute von ausserhalb versuchen, in nicht von den Taliban kontrollierte Gebiete Hilfe zu schicken, wird dies von unserem eigenen Aussenministerium durchkreuzt.»
Er fuhr folgendermassen fort: «Lassen Sie mich für den Bericht festhalten, dass zu der Zeit, als die Taliban schwach waren, die Top-Leute dieser Administration Herr [Karl F.] Inderfurth [Ministerialdirektor für südasiatische Angelegenheiten] und Bill Richardson [Energieminister] persönlich nach Afghanistan reisten und die Anti-Taliban-Kräfte überzeugten, keine Offensive zu starten. Weiterhin überzeugten sie alle Anti-Taliban-Kräfte und ihre Unterstützer, sich zu entwaffnen und die Anti-Taliban Kräfte nicht mehr zu unterstützen.
Die humanitäre Hilfe der USA stützte das Taliban-Regime. 2000 stellten die Vereinigten Staaten schätzungsweise 113 Millionen Dollar humanitäre Hilfe für Afghanistan zur Verfügung und 2001 bis zum 11. September eine vergleichbare Summe.
2001 verstärkte die neue Bush-Administration die amerikanischen Bemühungen, sich mit den Taliban in bezug auf Öl und Terrorismus zu einigen. Von Februar bis August führte das Bush-Regime detaillierte Verhandlungen mit Gesandten der Taliban. Sie trafen sich einige Male in Washington, Berlin und Islamabad. Ein neues Buch mit dem Titel «bin Ladin: Die Verbotene Wahrheit» von Jean-Charles Brisard und Guillaume Dasquie, Analysten des französischen Geheimdienstes, berichtet darüber, und dies sehr genau. Aber die Taliban sträubten sich vor jeglichem Pipelinevertrag und weigerten sich, die Terroristencamps in ihrem Land zu eliminieren. Anstatt eine fügsame Regierung zu sein, die die erforderliche Stabilität bietet, damit die Amerikaner die Energiereserven abbauen können, exportierten die Taliban ihren revolutionären islamistischen Fundamentalismus in die benachbarten zentralasiatischen Länder und destabilisierten so die gesamte an Energievorkommen reiche Region. Nach Brisard und Dasquie brachen die amerikanischen Verhandlungen mit den Taliban im August ab, nachdem ein amerikanischer Unterhändler mit militärischen Aktionen gegen die Taliban drohte und ihnen empfahl, das amerikanische Angebot eines «Teppichs aus Gold [zu akzeptieren], oder ihr bekommt einen Bombenteppich.»
Die Vereinigten Staaten haben jedoch schon Monate vor dem August 2001 Pläne zur Entfernung der Taliban geschmiedet. Man muss wissen, dass es nicht unüblich ist, eine variantenreiche Aussenpolitik mit ganz unterschiedlichen Plänen zu haben. Die Vereinigten Staaten wollten ihre Differenzen mit den Taliban wohl auf dem Verhandlungswege beilegen, planten jedoch gleichzeitig das Regime zu entfernen, falls die Verhandlungen scheitern sollten.
Washington zog einige Jahre in Betracht, seine Militärmacht in der zentralasiatischen Region zu stärken. 1997 beteiligten sich US-Spezialkräfte an der entferntesten Luftoperation in der amerikanischen Geschichte. In Kasachstan und Usbekistan nahm man bei gemeinsamen militärischen Operationen von Russland und den zentralasiatischen Republiken der früheren Sowjetunion teil. In den US-Nachrichten und der Welt wurde gemutmasst, dass diese Demonstration der amerikanischen Militärmacht hauptsächlich auf das «islamisch-fundamentalistische Regime des Irans» zielte. «Aber man konnte es auch als eine Warnung für andere potentielle Rivalen sehen, wie China und die fundamentalistische Talibanmiliz in Afghanistan.»
Nach dem Angriff vom 11. September sickerte durch, dass die Vereinigten Staaten und Usbekistan seit zwei oder drei Jahren gemeinsame Geheimdienstaktivitäten und verdeckte Operationen gegen die Taliban durchgeführt haben. Diese frühere Verbindung erklärt, warum sich die militärische Partnerschaft der beiden Staaten nach dem 11. September so schnell entwickeln konnte und Usbekistan als Ausgangsbasis für US-Angriffe dient. Weiterhin sind seit 1997 militärische Spezialeinheiten der CIA in Afghanistan, die mit den Oppositionskräften zusammenarbeiten. Die CIA arbeitete nicht nur mit der gegen die Taliban eingestellten Nord-Allianz zusammen, sie half auch ein Anti-Taliban-Netzwerk im Süden Afghanistans aufzubauen - in der Gegend, in der die Taliban die grösste Unterstützung hatten.
Mit dem Amtsantritt der Bush-Administration im Jahre 2001 schmiedeten US-Beamte konkrete Pläne für militärische Aktionen in Kooperation mit anderen Ländern, um das Taliban-Regime zu entfernen. Bezeichnenderweise sickerten ein paar Informationen vor dem 11. September durch. Am 15. März 2001 berichtete die britische Jane's International Security, dass die US-Regierung mit Indien, dem Iran und Russland in «einer konzertierten Front gegen das afghanische Taliban-Regime zusammenarbeitet». Das Magazin berichtete, dass Indien die Nord-Allianz mit militärischer Ausrüstung, Beratern und Hubschraubermechanikern unterstützt und sowohl Indien als auch Russland in Tadschikistan und Usbekistan Ausgangsbasen für ihre militärischen Aktionen haben.
«Einige Treffen der neugegründeten indoamerikanischen und indorussischen Arbeitsgruppen haben als Zielsetzung, den Taliban taktisch und logistisch entgegenzuwirken,» schreibt Jane's. «Geheimdienstquellen in Delhi berichteten, dass Indien, Russland und der Iran die Anti-Taliban-Kampagne leiteten und Washington der Nord-Allianz Informationen und logistische Unterstützung zukommen lasse.»
Einem Artikel vom 26. Juni 2001 des indischen Web-Magazins für öffentliche Angelegenheiten, Indiareacts.com, zufolge schlossen die Vereinigten Staaten, Russland, Pakistan und Indien einen Kriegspakt gegen die Taliban. Es wurde vermutete, dass Iran ein versteckter Teilnehmer war. Die Mächte planten, den Krieg Mitte Oktober zu beginnen.
Die BBC berichtete am 18. September über eine ähnliche Geschichte von Niaz Naik, ehemaligem pakistanischen Aussenminister. Er sagte, dass hochrangige US-Beamte ihm Mitte Juli mitgeteilt hatten, dass Mitte Oktober militärische Aktionen gegen Afghanistan gestartet würden. Zielsetzung sei die Entfernung der Taliban und die Einsetzung eines willfährigen pro-amerikanischen Regimes. Ihm wurde gesagt, dass die Vereinigten Staaten ihre Operationen von Tadschikistan aus führen werden, wo bereits amerikanische Militärberater stationiert seien.
Am 22. September, vier Tage später also, bestätigte die Zeitung «The Guardian» Naiks Bericht und fügte hinzu, dass Pakistan die Taliban vor dem bevorstehenden Angriff gewarnt hatte. Der Bericht implizierte, dass diese Warnung Usama bin Ladin zu seinen Angriffen verleitet haben könnte. «bin Ladin ist weit davon entfernt, die Angriffe auf das World Trade Center und das Pentagon vor 10 Tagen aus dem Nichts heraus gestartet zu haben, er führte einen Präventivschlag als Antwort darauf, was er als Bedrohung durch die Vereinigten Staaten ansah.» Die Warnung an Afghanistan ging Mitte Juli von einem Treffen hochrangiger amerikanischer, russischer, iranischer und pakistanischer Beamter von einem Berliner Hotel aus.
Quelle: Belegstellen sind zu finden in: The Last Ditch www.thornwalker.com/ditch
Dr.StephenJ.Sniegoski promovierte in Ge-schichte der Vereinigten Staaten (University of Maryland, 1977) mit dem Schwerpunkt amerikanische Geschichte der Diplomatie. Zahlreiche Artikel zu geschichtlichen Themen, zur Aussenpolitik und zur Bildung.
Weitere Artikel von Dr.Sniegoski unter:
www.thornwalker.com/ditch/towers_toc.htm.
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