Artikel 12: Zeit-Fragen Nr. 22 vom 27. 5. 2002
Nebst der politischen und wirtschaftlichen Beschwichtigung (Appeasement) des Westens gegenüber den National-Sozialisten gab es auch eine Beschwichtigungspolitik bezüglich der Flüchtlingsfrage. Was in fast allen Geschichtsbüchern für den Schulgebrauch fehlt und auch in der öffentlichen Diskussion tunlichst gemieden wird, ist die blamable Konferenz von Evian. Hand aufs Herz, lieber Leser, hätten Sie diesen Begriff mit Inhalt füllen können - von der Mineralwassermarke mal abgesehen? Bezeichnenderweise liegt hier eine künstlich geschaffene Leerstelle vor, die dann eben gefüllt wird mit der an den Haaren herbeigezogenen und nicht belegten Unterstellung der Bergier-Kommission, die Schweiz habe Hitlers Holocaust mit ermöglicht durch ihre angeblich besonders unmenschliche Flüchtlingspolitik. Notabene: Jeder einzelne Flüchtling, welchen Glaubens oder welcher Herkunft auch immer, der den Weg durch das von den Achsenmächten umzingelte Transitland Schweiz nicht schaffte und von den Nationalsozialisten umgebracht wurde, ist genau ein zugrundegerichteter Mensch zuviel. Seien es Juden, Sinti und Roma, christliche Widerstandskämpfer, Kommunisten, Zeugen Jehovas und viele andere mehr. Jedes Menschenleben ist einzigartig, unwiderbringlich und unantastbar in seiner Würde. Um so schändlicher, was sich die gesamte westliche Welt bezüglich der Flüchtlingsproblematik vor und während des Zweiten Weltkrieges hat zuschulden kommen lassen.
ts. Es ist das Verdienst des in Zeit-Fragen bereits mehrfach zitierten amerikanischen Historikers Herbert R. Reginbogin, die Dokumente der Konferenz von Evian im Sommer 1938 durchgesehen und in den historischen Kontext gestellt zu haben. Das Ergebnis von Evian war blamabel genug: In peinlichsten Windungen stahlen sich die Delegierten der 32 anwesenden Länder, darunter die USA, England, Frankreich, Kanada, Australien, aus der Verantwortung. Niemand wollte sie, die von den Nazis Vertriebenen - weltweit schien das Boot voll zu sein. Das eigene Volk (in den USA, England, Australien usw.) sei ja nicht mehr nur latent, sondern zum Teil offen antisemitisch eingestellt, wurde da vorgeschoben, man wolle ja nur das Beste für alle, aber man habe halt auch die Arbeitsplatzsicherheit der eigenen Leute im Auge zu behalten usw. Widersprüchlich und tragisch auch die Rolle der jüdischen Organisationen, die, unter sich heillos zerstritten, nicht mit einer Stimme zugunsten der bedrohten Mitgläubigen hatten sprechen können. Erschreckend dann der Umstand, dass in der heutigen Debatte um die damalige Flüchtlingspolitik die Fälle, wo Gutes geleistet wurde, zum Teil bewusst unterschlagen werden. Und Reginbogin scheut sich nicht, mit Verweis auf die innerjüdische Debatte z.B. um das Buch «Die Holocaust-Industrie» eines Norman G. Finkelstein, die Frage nach dem Cui bono, wem nützt es, wer verfolgt heute welche Absichten, aufzuwerfen. Geht es gar um eine Instrumentalisierung des Holocausts, wie Finkelstein behauptet? Wie auch immer, die von Zeit-Fragen hier abgedruckten Zitate aus Reginbogins Werk wollen einen weiteren Beitrag dazu leisten, die absurden, ja perfiden Unterstellungen des Bergier-Berichtes zu entlarven als das, was sie sind: ein bewusst geführter Angriff auf das Selbstwertgefühl der Schweizer, denen eine Kollektivschuld angehängt werden soll. Ein Vorgehen, das der historischen Realität Hohn spricht: Leider waren es gerade die Mächte, deren Eliten Hitler finanziert und aufgebaut hatten, die die Flüchtlinge im Stich liessen: zuvorderst die USA und Grossbritannien.
«Gerechtigkeitshalber sollte doch erwähnt werden, dass Chamberlain nicht der einzige Staatsmann war, der gegenüber Nazi-Deutschland 'Beschwichtigung' betrieb. Bei Betrachtung der im gleichen Zeitraum auftretenden sozialen Herausforderungen in Europa ist ganz klar auch eine Beschwichtigungshaltung der übrigen europäischen Staaten in ihrem Verhältnis zu Deutschland zu erkennen. Als Paradebeispiel für diese Haltung und gleichzeitig das damalige 'soziale Verständnis' sollen die Umstände der Evian-Konferenz näher betrachtet werden, wo die Behandlung des durch Deutschland hervorgerufenen jüdischen Flüchtlingsproblems eklatante Unterschiede zum heutigen Menschenrechtsgedanken erkennen lässt. Der dabei versuchte Spagat zwischen der Wahrung nationaler Interessen und dem Bemühen, Menschenleid zu verhindern, musste im Interesse der nationalen Prioritäten, die zu jener Zeit in erster Linie eine Beschwichtigungspolitik gegenüber Deutschland erforderlich zu machen schienen, misslingen.» (S. 451)
«Allerdings variierte unter dem deutschen Judentum die Einschätzung seiner tatsächlichen Lage. Die führenden Gestalten der jüdischen Gemeinschaft versuchten im allgemeinen, ihre Bedrückung hinter Fassaden der Zuversicht zu verbergen. 'Trotz aller Schwierigkeiten betrachtete man die Zukunft des jüdischen Lebens in Deutschland noch nicht unwiderruflich bedroht.' (Heute aber wird Rabbiner Leo Baeck, der bis 1938 Leiter der jüdischen Reichsvertretung, zusätzlich noch Vorsitzender des Allgemeinen Rabbinerverbandes Deutschlands und ausserdem ein renommierter Gelehrter gewesen ist, scharfer Kritik ausgesetzt. Man wirft ihm Unterwürfigkeit gegenüber den Nationalsozialisten und gar Kooperation mit ihnen vor.) Tatsache jedoch ist, dass die nationalkonservativen deutschen Juden, ultraorthodox religiöse Gruppierungen bis hin zur Zionistischen Organisation, sich damals in verzweifeltem Zweckoptimismus gegenseitig in der Ansicht bestätigten, dass ein Dialog mit den Nazis vielleicht doch noch zu Lösungen führen könne. Diese Haltung widerspiegelt sich auch in den überraschend geringen Emigrationszahlen während der ersten fünf Jahre der Naziherrschaft: Die Zahl der Auswanderungen von 37000 Juden im Jahr 1933 fiel in den folgenden vier Jahren auf einen Durchschnitt von nur jeweils 20000 bis 25000. Ende 1937, also nach vier Jahren Repression, Terror und Gewalt, hatten erst 130000 jüdische Mitbürger das Deutsche Reich verlassen, dies waren weniger als 25% der jüdischen Bevölkerung.» (S. 453)
«Die im deutschen Reich seit 1933 gegen die jüdische Minderheit verübten Gewaltverbrechen waren bekannt. Die Regierungen der grossen europäischen Demokratien sahen dennoch keinen Handlungsbedarf für eine Intervention. Gemäss damaligem Staatsverständnis akzeptierte man ohne weiteres die Erklärung des Dritten Reiches, wonach das Vorgehen gegen die deutschen Juden die interne Angelegenheit eines souveränen Staates sei. Hinzu kam, dass die Regierungen der europäischen Länder aus den verschiedensten Gründen ein hohes Interesse daran besassen, mit Deutschland gute Beziehungen zu etablieren. Eine nähere kritische Beschäftigung mit der deutschen Judenpolitik konnte sich in diesem Sinne kontraproduktiv auswirken. Deshalb befolgte man schon seit 1935, als Hitler mit den Nürnberger Gesetzen dem jüdischen Bevölkerungsanteil die bürgerlichen Rechte aberkannte, Berufsverbote verhängte und ihm damit die Lebensgrundlage entzog, die bekannte Praxis des möglichst 'nicht sehen, nicht hören, nicht sprechen'.» (S. 453)
«Obwohl der Terror bekannt war, mit dem die Nazis ihre jüdischen Mitbürger zum Verlassen Deutschlands zwingen wollten, konnte sich die westliche Welt nur sehr zögerlich zu einer Aufnahme der Flüchtlinge durchringen. Es waren in der Hauptsache jüdische Verbände, die durch finanzielle Unterstützungen und Zusagen sicherstellten, dass sich die Soziallasten der jeweiligen Länder durch die Immigranten nicht erhöhten. Aber selbst diese Organisationen wagten nicht, ihre Regierungen zu einem grösseren Engagement zu drängen, aus Furcht vor einem Ansteigen des latent vorhandenen Antisemitismus unter den eigenen Landsleuten. Irrationale Überfremdungsangst, gekoppelt mit dem Glauben, die Flüchtlinge würden in den Aufnahmeländern mit der einheimischen Bevölkerung um die vorhandenen Arbeitsplätze konkurrieren, verhinderten eine Erhöhung der jeweiligen Aufnahmequoten und liessen die internationale Gemeinschaft untätig zusehen, wie die jüdische Bevölkerung Deutschlands in einem Käfig von Terror und Hass gefangen war.» (S. 454)
«Der Einmarsch der Deutschen in Österreich löste eine weitere Welle brutalster Ausschreitungen gegen Juden aus. Tausende flohen. Die benachbarten Länder begannen, ihre Grenzen fester gegen die verarmten Migranten abzuschotten. Dies war ganz im Sinne der Nazis, denn 'auf diese Weise wurde aller Welt vor Augen geführt, dass die aus Deutschland verstossene jüdische Minderheit auch anderswo keine Aufnahme finden würde'.
Die durch den Anschluss Österreichs bewirkte Expansion des Deutschen Reiches erhöhte den politischen Druck auf andere europäische Staaten noch mehr. Das ängstliche Bemühen, insbesondere der Nachbarländer, nationalsozialistische Empfindlichkeit zu schonen (und sich selbst möglichst auch), resultierte um die Zeit des 28. März 1938 in strikten Kontrollmassnahmen, die dazu dienen sollten, die unerwünschte Flut hauptsächlich jüdischer Flüchtlinge mit österreichischem Pass von anderen Ländern fernzuhalten.» (S. 454)
«Aus heutiger Sicht mag das Verhalten der demokratischen Grossmächte Europas, Frankreich und England, sowie der anderen Staaten unmenschlich, feige und egoistisch erscheinen. Der Fairness halber sollte man jedoch der Handlungsweise der damaligen Regierungen zugute halten, dass das allgemeine Verständnis für Menschenrechte und die Behandlung von Flüchtlingen im Vergleich zur heutigen Zeit völlig unterentwickelt war. Das Konzept Menschenrechte existierte im Völkerrecht nur als ein Hauch, und auch die Einstellung zu Grundrechten basierte auf eher autoritären Vorstellungen. Es gab keine völkerrechtlichen Normen über den Rechtsstatus von Flüchtlingen. Das Individuum als solches fand durch das zeitgenössische Recht nur extrem schwachen Schutz.» (S. 456)
«In der Schweiz beispielsweise war der Flüchtlingsbegriff der Vorkriegszeit noch von den Vorstellungen des 19. Jahrhunderts geprägt und sehr viel enger ausgelegt als heute. Die mit dem Wort ÐAsylrechtð verbundenen Rechte bezogen sich ausschliesslich auf Personen, die in ihrem Herkunftsland wegen verbotener politischer Aktivitäten verfolgt wurden. Ihnen gewährte man Asyl und einen gesetzlich verankerten Schutz vor Rücksendung. Für Personen, die wegen anderer Gründe wie Rasse, Religion usw. verfolgt wurden, gab es keinen besonderen Schutz, sie waren vom Asylrecht nicht erfasst. Genau genommen bestand also für die Staatsmacht keinerlei Verpflichtung, jüdische Flüchtlinge überhaupt aufzunehmen. Auch die in einzelnen Ländern vorhandene Internierungspraxis befand sich weitgehend in Übereinstimmung mit dem damals geltenden Landes- und Völkerrecht.» (S. 456f.)
«Die 'Kopf in den Sand'-Praxis gegenüber den Nazis war schon weit über Europa hinaus zur allgemeinen politischen Linie gegenüber Deutschland gediehen. Der sich in Österreich abspielende Terror gegen die jüdischen Bevölkerungsteile, an dem sich nicht wenige Ðarischeð Österreicher willig beteiligten, begann sich aber trotz der Demutshaltungen langsam zu einem europäischen und internationalen Skandal auszuweiten, der auch in der heterogenen politischen und sozialen Struktur der USA heftige Diskussionen auslöste. Der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt sah sich deshalb zu einem politischen Balanceakt veranlasst: 'to get out in front and attempt to guide a strategy to hold off pressure for more liberal immigration legislation by liberals and Jews and on the other hand to be careful about losing crucial support among isolationists and restrictionists by taking a too prominent part which would appear to assist refugees. lt was significant to find a means that would aid emigrants from Germany and Austria and enable their absorption elsewhere.' (Vorzutreten und eine Strategie zu befolgen, die einerseits dem Druck seitens der Liberalen und Juden, eine noch freizügigere Einwanderungsgesetzgebung ins Auge zu fassen, standhält, und andererseits darauf zu achten, nicht die wichtige Unterstützung der Isolationisten und Befürworter einer restriktiven Einwanderungspolitik zu verlieren, die durch eine zu starke Anteilnahme den Eindruck erhalten könnten, man wolle die Flüchtlinge wirklich unterstützen. Es ist notwendig, eine Möglichkeit zu finden, den Flüchtlingen aus Deutschland und Österreich zu helfen und ihre Aufnahme anderswo zu ermöglichen.) - Aus diesem 'lobenswerten' Vorhaben Roosevelts entstand die Evian-Konferenz.» (S. 457)
«Wie dramatisch beurteilten die amerikanischen Juden und humanitären Organisationen die europäische Flüchtlingssituation? In einem Bericht von Undersecretary Messersmith an Secretary of State Cordell Hull, stellt Messersmith Ende März 1938 als Resultat verschiedener Gespräche mit Experten, darunter Rabbi Stephen Wise, Präsident der 'Zionist Organisation of America', Paul Baerwald vom 'Jewish Distribution Committee' und Professor Joseph P. Chamberlain sowie einer ausgezeichneten Sozialarbeiterin Cecilia Razovsky vom 'National Coordinating Committee for Aid to Refugees and Emigrants coming from Germany' fest: 'Sie sind überzeugt, dass dieses Land mit unseren existierenden Gesetzen in der Lage ist, jedes Jahr soviel Emigranten die Einreise zu erlauben, wie das Land aufnehmen kann Sie sind aber der Ansicht, dass zur Lösung des Problems auch die Mitarbeit anderer Länder gefordert ist in dem Sinne, dass diese wenigstens eine liberalere Haltung gegenüber der Aufnahme von Flüchtlingen einnehmen - eine Haltung, die ungefähr unserer eigenen entspricht.'» (S. 457f.)
«Der Undersecretary meinte weiter: 'Sie verwiesen allerdings auf die sich in diesem Land ergebenden Gefahren bei einer zu aktiven Forderung nach einer weiteren Liberalisierung der Einwanderungspraxis.' Dieses Gefahrenpotential veranlasste Rabbi Wise in seinem Gespräch mit Messersmith dann auch zu der Äusserung, dass Ðdie Aktivitäten der jüdischen Organisationen im Hintergrund bleiben müsstenð. Generell herrschte die Ansicht, dass die zum damaligen Zeitpunkt gesetzlich bewilligte Einwanderungsquote von etwa 157000 Personen pro Jahr nicht erhöht werden sollte, und der Kongress erhielt Hunderte von Briefen mit dem Inhalt, dass man sehr wohl die Initiative der Regierung im Zusammenhang mit dem Flüchtlingsproblem schätze, aber 'there is a definite sentiment that under no circumstances must our immigration laws and practice be changed in any major respect'. ( ... deutliche Meinung, dass die Einwanderungsgesetze und ihre Anwendung unter keinen Umständen gelindert werden sollten.)» (S. 458)
«Grundsätzlich war das Schicksal der europäischen Juden also kein Thema bei dem durchschnittlichen Amerikaner. Die einzige Organisation, die wirklich Geld in beachtenswerter Menge sammelte, war das jüdische Joint Distribution Committee. Aber auch diese Organisation befand - notgedrungen - die Immigrationspraxis für ausreichend. In der Befürchtung, dass damit eine Steigerung der Überfremdungsangst und des Antisemitismus provoziert werden könnte, unterliess es das Joint Distribution Committee, öffentliche Demonstrationen für ein grosszügigeres Einwanderungsgesetz durchzuführen.» (S. 458)
«Der amerikanische Präsident hatte zur Teilnahme an der Flüchtlingskonferenz gerufen, und Delegierte aus 32 Ländern waren in das französische Evian gekommen. Die Konferenz wurde am 6. Juli 1938 eröffnet. Ursprünglich hatten die Amerikaner eigentlich beabsichtigt, die Konferenz in Genf, als Residenz der 'Société des Nations' (Völkerbund), durchzuführen. Aber die schweizerische Regierung legte sich quer. Sie weigerte sich, als Gastgeber einer Zusammenkunft aufzutreten, welche die Behörden in Berlin als eine deutschfeindliche Veranstaltung einstufen könnten. Für die Deutschen besassen solche diplomatischen Rücksichtnahmen natürlich Signalwirkung.
Das Lavieren um den Konferenzort war bereits ein Indikator, wie halbherzig die Versuche waren, den aus Deutschland fliehenden Juden Schutz zu gewähren. Frankreich erklärte sich schlussendlich bereit, die Rolle des Gastgebers zu übernehmen und stellte das etwa 50 km von Genf auf der anderen Seite der Genfersees liegende 'Evian' als Tagungsort zur Verfügung. (Merkwürdigerweise wird noch heute der Name 'Evian' kaum mit der internationalen Flüchtlingskonferenz im Jahr 1938 verknüpft. Selbst bekannte amerikanische Geschichtsbücher aus den siebziger Jahren lassen jeden Hinweis auf dieses Zusammentreffen vermissen.)» (S. 458f.)
«Roosevelt hatte kein hochrangiges Regierungsmitglied, wie beispielsweise einen Secretary of State, nach Evian geschickt, sondern seinen engen Freund und Geschäftsmann Myron G. Taylor gebeten, die Vereinigten Staaten an der Konferenz zu repräsentieren. Bekannte jüdische Führer wie Nah'um Goldmann und H'aim Weizmann erhielten die Möglichkeit, an der Konferenz teilzunehmen. Die Briten wollten jedoch jede Diskussion des palästinensischen Problems verhindern, und so musste der Amerikaner Myron Taylor seinem britischen Kollegen versprechen, nicht mit H'aim Weizmann zusammenzukommen.» (S. 459)
«Während des zehn Tage dauernden Meetings beteuerte ein Delegierter nach dem anderen die Sympathie seines Landes für die Flüchtlinge. Offenbar war jedoch nicht genügend Sympathie vorhanden, um die jeweiligen Aufnahmequoten zu erhöhen, denn wiederum ein Land nach dem anderen, inklusive der Vereinigten Staaten und Grossbritannien, überbot sich - wie zu Beginn bei der Sympathiekundgebung - nun mit der Beteuerung der sich auftürmenden Schwierigkeiten bei einer Ausweitung der Flüchtlingsaufnahme. Sie wollten so gerne neutral und unberührt bleiben, die Länder der westlichen Welt. Schlussendlich aber waren sie doch gezwungen, sich dem lästigen Problem der vor den Nazis fliehenden Juden zu stellen. Sie taten dies mit einer Haltung, die in ihrer Gleichgültigkeit dem Zweck der einberufenen Konferenz diametral gegenüberstand.» (S. 459)
«Die Vereinigten Staaten blieben strikt bei ihrer engen Immigrationsquote, deren limitierte Zahl keine grossen jährlichen Einwanderungen aus zentral und osteuropäischen Ländern erlaubte. Selbst die extreme Not, in der sich die jüdischen deutschen Männer, Frauen und Kinder befanden, prallte an den Washingtoner Bürokraten ab. Nichts konnte sie dazu bewegen, die Einwanderungsquoten auch nur um einen geringen Level anzuheben. Grossbritannien auf der anderen Seite tat sein Bestes, den Juden eine Ein- oder Heimreise zu verunmöglichen, indem es den Zugang zu Palästina blockierte und die Zahl der Entrypermits limitierte. Die westeuropäischen Delegierten verwiesen auf die Überbevölkerung ihrer hochindustrialisierten Länder und die grosse Zahl von Arbeitslosen. Alle boten sich als Transitländer an, wenn Garantie bestünde für eine dauernde Niederlassung in Übersee. Die Britischen Dominions beriefen sich auf ihre Bindungen an das Mutterland und erklärten mehr oder weniger unverblümt, ausser angelsächsischen Einwanderern habe kaum jemand eine Chance.» (S. 459f.)
«Am offensten äusserte sich der Vertreter Australiens, der meinte, sein Land habe bisher keine Rassenpolitik gekannt und denke nicht daran, diese zu importieren. Länder in Südamerika oder Staaten wie Australien oder Kanada, die in der Lage gewesen wären, eine grosse Menge von Immigranten zu absorbieren, verwiesen auf ihre Agrarstrukturen und wünschten vor allem die Einwanderung von Bauern, allen anderen Berufszweigen wurde die Einreiseerlaubnis versagt. - Eine Groteske angesichts der Tatsache, dass von den Juden Deutschlands und Österreichs keine 2% in der Land- und Forstwirtschaft tätig waren. - Die Delegationen aus Mittel- und Südamerika betonten zudem noch den geschlossenen Ðlateinischen und katholischen Charakterð ihrer Länder. Man wolle vielleicht Einwanderer, aber sicher nicht Juden aus Deutschland und Österreich.
Die Resultate der zehn Tage dauernden Konferenz waren ernüchternd. In öffentlichen Sitzungen erklärte jeder der 32 Staatenvertreter ausführlich, weshalb man nicht in der Lage sei, eine grössere Anzahl von Flüchtlingen aufzunehmen. Als Grund wurden meist wirtschaftliche Überlegungen und immer wieder Überfremdungsangst angeführt.» (S. 460)
«Wesentlich knapper als die Darlegungen der einzelnen staatlichen Delegationen, die während Tagen Gelegenheit erhalten hatten, ausführlich ihren guten Willen zu demonstrieren, fiel die Anhörung der verschiedenen privaten Organisationen aus, die an der Konferenz zugelassen waren. Meistens handelte es sich um jüdische Vereinigungen, die vor allem auch zur Finanzierung der Auswanderungsprojekte beisteuern sollten. Obwohl es sich dabei um etwa vierzig Organisationen handelte, durften sie nur jeweils drei Minuten, gerade einen Nachmittag lang, ihre Meinungen vortragen. Es war ein trauriges Bild.» (S. 460)
«Die Verbände waren untereinander derart zerstritten, dass es ihnen nicht gelang, als grössere Gruppe aufzutreten, um ihr Gewicht gemeinsam zur Geltung zu bringen. Nicht einmal die Existenznot ihrer Glaubensbrüder konnte die Egozentrik und Selbstgerechtigkeit dieser Gruppierungen durchdringen und sie veranlassen, ihre Uneinigkeit in verschiedenen Fragen beiseitezulegen. Allerdings gingen die jüdischen Organisationen davon aus, dass die Regierungen der an der Konferenz präsenten Länder eine konstruktive Lösung für das Flüchtlingsproblem finden würden; schliesslich war dies ja der Zweck des ganzen Aufwandes. Sie ihrerseits waren gewillt, sich an deren Umsetzung mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zu beteiligen, ungeachtet der zwischen den einzelnen Verbänden herrschenden Meinungsverschiedenheiten.» (S. 460f.)
«32 Länder hatten Delegierte nach Evian gesandt, um zu signalisieren, dass sie an einer Lösung des Flüchtlingsproblems interessiert und willig seien, einen Beitrag zu leisten. Man klopfte sich gegenseitig auf die Schulter, hielt seine wohleinstudierten Reden - und damit war das grosse Treffen beendet. Es hatte dazu gedient, sich und der übrigen Welt zu bestätigen, dass man alles versucht habe, aber natürlich könne man das Problem nicht alleine lösen, wenn die 'anderen' nicht mitmachten. Sie machten in der Tat nicht mit. Keines der bedeutenderen Länder war bereit, in Überschreitung der bereits jeweils existierenden Reglemente zusätzliche Massnahmen zu ergreifen, und die kleineren Länder folgten willig diesem Beispiel. Um der ganzen Aktion doch noch einen seriösen Anstrich zu geben, beschloss man pflichtbewusst, in London ein internationales Komitee zu etablieren, das Lösungsmöglichkeiten in der Flüchtlingsfrage aushandeln sollte. Die neu gegründete Institution erhielt den Namen Intergovernmental Committee on Refugees (IGC).» (S. 461)
«Der Gesandte des amerikanischen Präsidenten Myron Taylor musste die Gründung dieses Komitees gegen den heftigen Widerstand der Briten durchsetzen, deren Chefdelegierter, Lord Winterton, sich nicht nur weigerte, über eine mögliche Lockerung der Einwanderungsbestimmungen für Palästina auch nur nachzudenken, er zeigte auch demonstrativ sein Desinteresse am Konferenzthema überhaupt. Kaum erwähnenswert, dass das Komitee praktisch keine finanziellen Mittel erhielt und ohnehin kein Ort zur Verfügung stand, wohin es die Flüchtlinge hätte schicken können. Ausserdem schien dem kritischen Beobachter mit der gleichgültigen Wahl ausgerechnet des judenfeindlichen Lord Winterton zum Präsidenten des Komitees vorgesorgt, dass dieses sicher nicht aus Effizienzgründen kollabieren würde. Zum Direktor machte man übrigens einen 70jährigen amerikanischen Juristen, George Rublee. Es zeigte sich dann auch, dass das IGC - trotz lebhaftem Aktionismus - nichts wirklich Substantielles zur Lösung des Flüchtlingsproblems beitragen konnte.» (S. 461f.)
«Madagaskar wurde noch bis 1940 als Möglichkeit für polnische und deutsche Juden gehandelt, aber Frankreich war nicht einverstanden, deutschsprechende Minoritäten in einer seiner Kolonien zu dulden (obwohl Hitler dieser Lösung geneigt war). Eine gewisse Anzahl Juden konnte in südamerikanische Länder emigrieren, 15000 fanden Zuflucht in Shanghai, das aber anschliessend flugs seine Türen schloss. Viele andere Plätze wurden anvisiert, so die Philippinen, Britisch Guinea, Angola usw. Nicht eine einzige Regierung der in Frage kommenden Länder war bereit, offiziell die Juden des deutschen Reiches aufzunehmen. Nur Rafael Trujillo, Präsident der Dominikanischen Republik, war willens, jüdische Flüchtlinge in grosser Zahl einzuladen. Sie sollten die Sklavenarbeit der von ihm 1937 erschlagenen 20000 Haitianer übernehmen ... Aber wen kümmerte die ganze Angelegenheit wirklich? Alle hatten sich redlich bemüht, die sozialen Belange der Welt zu verarbeiten. Nun konnte man sich beruhigt wieder den wirtschaftlichen und nationalen Fragen zuwenden. Business as usual.» (S. 462)
«Die deutsche Regierung hatte den Verlauf der Evian-Konferenz mit grosser Aufmerksamkeit verfolgt und äusserte sich nun mit genüsslicher Häme darüber, wie erstaunlich es doch sei, dass andere Länder Deutschland wegen der Behandlung seiner Juden kritisierten, aber keines bereit sei, die Gelegenheit zu ergreifen und die eigene Türe zu öffnen. Der 'Völkische Beobachter' brachte die triumphierende Schlagzeile: 'Niemand will sie.'»
«Auch Anstrengungen einiger amerikanischer Bürger, wenigstens Kinder aufzunehmen, waren zum Scheitern verurteilt. Der amerikanische Senat verweigerte zwischen 1939 und 1940 die Wagner-Rogers-Vorlage, mit der etwa 20000 jüdische Kinder hätten in die USA einreisen können. Die weitverbreiteten rassistischen Vorurteile unter den Amerikanern, einschliesslich antisemitischer Denkweise unter den führenden Beamten der verschiedenen Behörden, trugen in einem beachtlichen Ausmass zum Scheitern einer Erhöhung der Aufnahmezahlen bei.» (S. 462)
«Das komplette Scheitern der Evian-Konferenz war vor allem auf zwei Gründe zurückzuführen: Auf politischer Ebene war der internationale Unwille erkennbar, sich mit Deutschland anzulegen oder wenigstens Schritte zur Rettung der vom Nazi-Regime Verfolgten zu unternehmen und diese auch vor dem eigenen Volk zu vertreten. Die Bevölkerung der Teilnehmerstaaten war im allgemeinen, wenn nicht offen, dann doch unterschwellig, antisemitisch eingestellt, hegte starke Überfremdungsängste und war keinesfalls bereit, Arbeitsplätze an Ausländer, schon gar nicht an Juden, abzugeben. Auf völkerrechtlicher Ebene bildete zum Zeitpunkt der Evian-Konferenz auch das völlige Fehlen völkerrechtlicher Normen über den Rechtsstatus von Flüchtlingen einen nicht zu unterschätzenden Faktor. Sie wurden juristisch nicht als Menschen mit speziellen Schutzbedürfnissen wahrgenommen, sondern anderen unerwünschten Ausländern gleichgestellt. Das vom Völkerbund schon im Jahr 1933 eingerichtete Hochkommissariat zum Schutz der Flüchtlinge bewegte sich praktisch auf völlig rechtlosem Boden. Seine Wirkungsmöglichkeit wurde zusätzlich nicht nur durch die Intransigenz Deutschlands behindert, das sich an Massnahmen für die 'Entjudung Deutschlands' völlig desinteressiert zeigte, sondern auch durch die mehr und mehr schwindende Autorität und Beachtung des Völkerbundes.» (S. 462f.)
«Die Ausreisen aus der Schweiz Ðnach Übersee sind seit der Konferenz von Evian nicht leichter, sondern schwerer gewordenð. Nachdem also in Evian eine internationale Lösung gescheitert war, nahm die Schweiz die Verhandlungen mit Deutschland wieder auf. Laut Protokoll der Bundesratssitzung vom 18. August 1938 machten Saly Mayer, Präsident des Schweizerisch-Israelitischen Gemeindebunds (SIG), und Silvain Guggenheim, Leiter der jüdischen Fürsorgestellen, in einer Besprechung mit Heinrich Rothmund, Chef der Polizeiabteilung des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements (EJPD), auf ihre Sorge aufmerksam, die finanziellen Belastungen für die Unterbringung der jüdischen Flüchtlinge nicht mehr aufbringen zu können. - Dem Gemeindebund und dem Verband Schweizerischer Israelitischer Armenpflege war nämlich von der Fremdenpolizei die Verpflichtung auferlegt worden, für die jüdischen Flüchtlinge in der Schweiz und ihre Ausreise aufzukommen. - 'Wenn aber der Zustrom der letzten Tage weiter anhalte, sehe er (Silvain Guggenheim) keine andere Möglichkeit als eine Sperre der Einreise.'» (S. 463)
«In den Protokollen des Central Committee des SIG über die Sitzung wird diese Äusserung allerdings ganz anders gesehen. Gemeint sei gewesen, dass alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden müssten, um in den jüdischen Gemeinden Geld zu sammeln. Andernfalls würden die Behörden eigene Massnahmen treffen und jede Verantwortung für die Folgen ablehnen.
Als die Vertreter des SIG den Behörden schliesslich erklären mussten, dass die finanziellen Mittel der jüdischen Hilfswerke fast aufgebraucht seien, interpretierten dies die Behörden als Zustimmung des SIG zur Grenzschliessung. Die jüdischen Organisationen reagierten mit verstärkten Bemühungen, die öffentliche Hand zu entlasten und das erforderliche Geld national und international zusammenzubringen.» (S. 463f.)
«Als Folge des Eizenstat-Berichtes von 1997 erschien eine Reihe historischer Publikationen, die ein sehr einseitiges Bild der Schweiz über ihr Verhalten im Zweiten Weltkrieg vermitteln. Die gleiche Fragwürdigkeit 'historischer' Geschichtsschreibung taucht auch bei der Berichterstattung über die Evian-Konferenz auf, wo die Juden als Opfer des weltweiten Antisemitismus dargestellt werden, deren Aufnahme wichtigen staatlichen Interessen untergeordnet und daher verweigert wird. Revisionistische Historiker Israels erheben heute den Vorwurf, dass zionistische Gruppierungen Interesse daran besassen, den Eindruck aufrechtzuerhalten, niemand würde die deutschen Juden aufnehmen, um finanzielle Einnahmen für die Auswanderung in den künftigen Staat Israel nicht zu gefährden. Gab es deshalb keine Erwähnung verschiedener Fakten, z.B. dass die lateinamerikanischen Staaten, trotz ihrer in der Konferenz geäusserten Ablehnung in der Zeit zwischen dem 1. Juli 1938 bis zum 31.12.1939 rund 50000 jüdische Flüchtlinge aus Deutschland aufgenommen haben?» (S. 464)
«Es besteht allerdings Grund zur Annahme, dass nicht nur im Falle der Evian-Konferenz Historiker aus propagandistischen, ideologischen oder sonstigen Überlegungen darauf verzichten, Aussagen der Vergangenheit trotz vorliegender neuer Erkenntnisse zu revidieren. Zweifellos bedürfen die Gründe für das Fehlschlagen der Evian-Konferenz und die Rolle der jüdischen Organisationen einer eingehenderen Untersuchung, als dies in der Vergangenheit geschehen ist, und diese Untersuchung sollte auch eine sorgfältige Prüfung der von revisionistischen Historikern wie Norman G. Finkelstein und S.B. Beit-Zvi aufgeworfenen Fragen einschliessen.» (S. 464f.)
Hofer, Walther, Reginbogin, Herbert, Hitler, der Westen und die Schweiz 1933-1949. ISBN 3-85823-882-1
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