home | Über Zeit-Fragen | Leserdienst | Links | Archiv | Themen | Inhalt

Zeit-Fragen Banner (2 K)

 Artikel 1: Zeit-Fragen Nr. 40 vom 30. 9. 2002

 Verantwortung als Bürger und Mitmensch

von Inge Rauscher, Österreich*

Ökologie ist unser aller Schicksal - die jüngste Hochwasserkatastrophe in Deutschland, Tschechien und Österreich hat das ganz deutlich gezeigt. Die rein finanziellen Schäden allein in Österreich werden laut amtlichen Angaben auf 101,8 Milliarden Schilling, das sind 7,4 Milliarden Euro, geschätzt. Enorme Mengen an Volksvermögen und Aufbau von Generationen können also binnen weniger Tage vernichtet werden, wenn die Menschen weiterhin glauben, sie könnten sich über die Naturgesetze hinwegsetzen. Und mit Menschen meine ich hier vor allem die an den Schalthebeln der wirtschaftlichen und politischen Macht Sitzenden, die seit Jahrzehnten die Begradigung und Verengung von Flussbetten betreiben, wodurch das Wasser immer schneller und ungebremster zu Tal fliesst. Grosse Flusskraftwerke und Einstauungen für die Speicherseen, Dammbauten und andere bauliche Massnahmen verändern die natürlichen, in Jahrmillionen entstandenen, tausendfach sich windenden Flussläufe, in deren Begleitwäldern und -wiesen überschüssige Wassermengen aufgefangen werden.

Die weltweit dramatisch steigende Verbrennung fossiler Energie, vor allem durch den Auto- und Flugzeugverkehr sowie Heizungs-, Kühl- und Klimaanlagen, die mit fossiler Energie arbeiten, führt zur Erwärmung der Atmosphäre und dadurch zu steigenden Regenmengen.

Das alles wird von Umweltschützern und Bürgerinitiativen seit Jahrzehnten bekämpft, aber viel zu oft siegen die Bauindustrie, Kraftwerksbetreiber, Technokraten und die ihnen meist über Parteispenden verbundenen Politiker. Ich denke, es war Goethe, der schon erkannte: «Die Natur hat immer recht, Fehler sind des Menschen!»

Wie tief menschliches Tun in die Natur eingreift, sehen wir auch am gewaltigen Artensterben vor allem in der Tierwelt. In nur zweihundert Jahren industrieller Revolution sind Hunderte Tierarten ausgestorben (!) oder dem Aussterben nahe, die Jahrmillionen existierten. Eine Folge der rücksichtslosen Lebens- und Wirtschaftsweise, die sich «Fortschritt» nennt und die selbst offensichtliche Veränderungen leugnet, von denen der Klimawandel natürlich nur ein Teil ist. Vergleichen Sie einmal die wunderbare Pracht des millionenfach funkelnden Sternenhimmels über einem Bergdorf mit den armselig wenigen, so viel blasseren Sternen, die Sie durch die Dunstglocken der Grossstädte erblicken.

Das Erkennen der Wahrheit auch in ganz anderen Bereichen wäre gar nicht so schwer, würde es nicht ganz gezielt und bewusst durch gewissenlose Kreise, die sehr mächtig sind, behindert. Über das erschreckende Ausmass von verfälschenden, manipulativen Darstellungen vor allem im politischen und militärischen Bereich wurde hier bereits ausführlich gesprochen. Was kann nun der Einzelne, der Mitmensch und Bürger, tun, um zu einer naturgemässeren Wirtschaft, einer sozial gerechteren Güterverteilung und einer gesellschaftlichen Wirklichkeit beizutragen, die der Sehnsucht nach Freiheit und Würde des Einzelnen wie der Völker näher kommt als dies unsere heutige Welt vermag?

Zurück zum menschlichen Mass!

Ich meine, zuallererst einmal wieder zum menschlichen Mass finden, der Voraussetzung für Humanität schlechthin. In Grossorganisationen - sowohl national wie international -, Grossstaaten, Grosskonzernen finden wir dieses menschliche Mass bestimmt nicht. Was für eine Anmassung stellt etwa der Herrschaftsanspruch bzw. dessen tatsächliche Ausübung von 20 EU-Kommissaren über mehr als 300 Millionen Menschen dar! Noch dazu in selbständigen Staaten organisierte Menschen unterschiedlicher Geschichte, Tradition und Kultur, mit unterschiedlichen Wertvorstellungen auf Grund unterschiedlicher klimatischer und topographischer Gegebenheiten…

Praktische Voraussetzungen

Das menschliche Mass finden können nur kleinere, überschaubare Gemeinschaften, bei denen nicht das Streben nach Karriere und äusserer (meist vergänglicher) Macht das Ziel ist, sondern das Bemühen um Wahrheit, Ehrlichkeit und respektvollen Umgang untereinander. Aus dieser inneren Grundhaltung heraus ergibt sich die Notwendigkeit, möglichst vielen anderen - unseren Mitmenschen eben - die auf solche Weise gefundene Wahrheit und Erkenntnis mit entsprechenden Begründungen mitzuteilen. Wenn dies viele kleine Zellen, wenn auch mit einfachen Mitteln, tun - und es gibt viele solcher Zellen quer durch die Kontinente -, entsteht eine grosse geistige Kraft, die unzerstörbarer ist als jeder noch so mächtige Konzern, der von einer einzigen Börsenspekulation binnen kürzester Zeit ruiniert werden kann, was wir ja jetzt immer öfter erleben.

Wie stark diese geistige Kraft werden kann, zeigen in Österreich viele, in diesem Sinne erfolgreiche Beispiele in den Gemeinden, den Ländern, ja sogar auf Bundesebene. Ich erinnere an dieser Stelle nur an die denkwürdige Volksabstimmung vom 5.11.1978, in der sich Österreich bereits vor 24 Jahren mit enormem Weitblick gegen die gefährliche und teure Nutzung der Atomenergie entschieden hat. Welche praktischen Voraussetzungen sind für die Arbeit in solchen Zellen nötig? Nach inzwischen rund 20 Jahren Mitwirkung in der Umwelt- und Bürgerrechtsbewegung erscheinen mir drei Kriterien besonders wichtig:

1. Das Wort Arbeit an sich

Jede Form des sich Einmischens in öffentliche Anliegen, um diese zu ändern oder sehr häufig auch vor der Zerstörung oder Pervertierung zu bewahren, geht nicht ohne Arbeit - meist sogar viel Arbeit. Niemand kann ernsthaft erwarten, dass das dabei meist unvermeidliche Bemühen, den herrschenden Kräften entgegenzuwirken, ein Spaziergang sein kann. Es ist harte, unter grossen Schwierigkeiten zu leistende, unermüdliche Arbeit, die manchmal beglückend und schön sein kann, viel häufiger aber sehr deprimierend und mit grossen Enttäuschungen und Rückschlägen verbunden ist.

2. Finanzierung aus Eigenmitteln

In Wien sagt man «Ohne Göd ka Musi» (ohne Geld keine Musik). Aber Geld bedeutet automatisch Einflussnahme - direkt oder indirekt. Will man nicht über kurz oder lang zum Handlanger bestimmter, meist nicht edler Interessen werden, muss man sich von Grossfinanciers fernhalten - ob privat oder staatlich (Parteienfinanzierung) - und statt dessen versuchen, das für die Arbeit nötige Geld von einer möglichst breit gestreuten Zahl von ganz «normalen» Bürgern zu erhalten. Reicht dies nicht, was der Normalfall ist, bleibt nur der Weg, das Fehlende durch eigene, persönliche Opferbereitschaft zu ersetzen. Erfüllen wir das Wort Idealismus mit Leben, oder, um es mit der von Professor Hickson vorgeschlagenen Ironie zu versuchen: «Geben ist seliger denn Nehmen!»

3. Ausdauer und Geduld

Nur was langsam wächst, hat Bestand - eine alte Bauernweisheit. Wer einer riesigen Übermacht gegenübersteht, darf die eigenen Erwartungen nicht zu hoch schrauben. Jeder Schritt in die richtige Richtung bringt uns dem Ziel näher, auch wenn es noch so fern scheint. Erfolgsgarantien gibt es nie, aber das Falscheste wäre, nach einem oder mehreren Rückschlägen aufzugeben. Man lernt jedes Mal dazu, und eines Tages findet sich ein Weg, den man eben erst entdecken muss, oder es kommen einem andere Entwicklungen zu Hilfe, auf die man gar nicht gehofft hätte.

Konkrete Beispiele

Gemeinsam mit Freunden in anderen Initiativen versuchen wir von der «Initiative Heimat & Umwelt» die genannten Gesichtspunkte bei unseren zwei konkreten, aktuellen Zielen in die Tat umzusetzen: dem Austritt Österreichs aus der Europäischen Union im Wege einer Neuaustragung der EU-Volksabstimmung und der Einführung der direkten Demokratie nach dem Muster der Schweiz. Dieses wurde von der neu gegründeten, unabhängigen «Initiative für mehr direkte Demokratie» bereits begonnen, und natürlich unterstützen wir dies in Wort und Tat. Direkte Demokratie bedeutet Herbeiführung von Mehrheitsentscheidungen der Gesamtbevölkerung einer Gemeinde, eines Landes, eines Staates in Sachfragen. Und das ist der springende Punkt! Keine Delegierung der Entscheidungsbefugnis an Personen egal welcher Partei, sondern direkte Entscheidung und damit Mitverantwortung durch jeden einzelnen Bürger.

Tun wir daher alles in unserer Macht Stehende, um das überparteiliche Volksbegehren für echte direkte Demokratie in Österreich bekannt zu machen, so dass wir die erforderlichen achttausend behördlichen Einleitungs-Unterschriften so rasch wie möglich schaffen! (vgl. Unterstützungserklärung)

Weltanschauliche Grundlage

Jede Arbeitsgemeinschaft, Bürgerinitiative, Aktionsgruppe usw. braucht auch eine weltanschauliche Grundlage. Da ich in der «Initiative Heimat & Umwelt» seit bald 14 Jahren so etwas wie die treibende Kraft bin, möchte ich heute auch einige Worte zu meinem ganz persönlichen Weltbild sagen. Für mich sind die Prinzipien der Französischen Revolution - Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - keine Richtschnur, um zur Humanität zu gelangen.

Freiheit ja, selbstverständlich. Aber keine uneingeschränkte, grenzenlose Freiheit, die zur Rücksichtslosigkeit bis hin zur wirtschaftlichen und physischen Vernichtung anderer nicht nur führen kann, sondern in der Geschichte auch schon in riesigem Ausmass geführt hat. Deshalb müsste es zumindest Freiheit mit Verantwortung heissen.

Die Gleichheit zum Ideal zu erheben, halte ich für völlig unsinnig, ja naturwidrig. Viktor Schauberger, der grosse österreichische Wald- und Wasserforscher und Begründer einer Denkschule, die er «Pythagoras-Kepler-Schule» (PKS) nannte und die heute noch ihren Sitz in der Nähe von Bad Ischl hat, sagte einmal: «Es gibt auf der ganzen Welt (!) keine zwei hundertprozentig identischen, gleichen Grashalme, geschweige denn Menschen.»

Ich füge hinzu: Gleichheitsideologien führen zu kollektivistischen Systemen, die aus der göttlichen Vielfalt der Schöpfung einen Einheitsbrei, eine gestaltlose, manipulierbare Masse machen. Denn die Millionen von «Gleichen» (gleich Gemachten) sollen ja von «noch Gleicheren» beherrscht und unterdrückt werden. George Orwell hat dies in seinem beklemmenden Buch «Animal Farm» im Detail geschildert und dafür die treffende Formel «All animals are equal but some are more equal» gefunden. Und sicher ist es kein Zufall, dass er diese Rolle der «more equal animals» den Schweinen auf den Leib schrieb.

Nicht Gleichheit, sondern Gerechtigkeit ist ein Ideal, für das es sich zu kämpfen lohnt.

Und mit der Brüderlichkeit ist es auch so eine Sache. Kann es jemals der Wirklichkeit entsprechen, dass man alle Menschen so lieben kann wie seinen eigenen Bruder? Übersteigt das nicht bei weitem das dem einzelnen Menschen mögliche Mass? Achtung und Respekt gegenüber anderen Menschen, Völkern und Kulturen - selbstverständlich! Niemals die eigene Kultur, das eigene Volk, die eigene Person als «besser» oder anderen überlegen zu empfinden, das ist meines Erachtens sehr wohl richtig und als die vielleicht wichtigste Voraussetzung für den Frieden nicht nur zwischen den Menschen, sondern auch mit der Natur.

Deshalb würde ich statt Brüderlichkeit unbedingt für das Wort Frieden plädieren.

Zu den geschichtlichen Früchten der Französischen Revolution gehörte Napoleon, der ganz Europa mit Krieg überzog, ebenso wie Lenin und Stalin, die für «Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit» Millionen unschuldiger Menschen sogar ohne Krieg ermorden und in Gulags sperren liessen.

«Verantwortung als Bürger und Mitmensch» bedeutet für mich, den Mut zu haben, sich zu ganz anderen Tugenden zu bekennen und für diese einzutreten: Bescheidenheit, Güte, Ehrfurcht vor dem Leben. Die österreichische Dichterin Marie von Ebner-Eschenbach kleidete dies in die nur zu wahren Worte: «Es gibt nichts Gutes, ausser man tut es!»

 

Inge Rauscher

Geboren 1948 in Wien, Studium am Dolmetsch-Institut der Universität Wien, 10jährige Berufstätigkeit in britischen und amerikanischen Konzernniederlassungen in Österreich. Seit rund 20 Jahren in der Umwelt- und Bürgerrechtsbewegung freiwillig und ehrenamtlich tätig. Seit 10 Jahren Aufklärungsarbeit an der Basis über die zerstörerischen Folgen für Europa durch die Unterwerfung unter das zentralistische Herrschaftssystem der Europäischen Union. Initiantin des österreichischen «Überparteilichen Volksbegehrens für die Neuaustragung der EU-Abstimmung» mit der Fragestellung: «Soll der EU-Beitritt ausser Kraft gesetzt werden?» (November/Dezember 2000)

 

Artikel 1: Zeit-Fragen Nr.40 vom 30. 9. 2002, letzte Änderung am 30. 9. 2002

Zum Artikel-Anfang: auf den roten Balken klicken!
© Zeit-Fragen 2001, Redaktion und Verlag, Postfach, CH-8044 Zürich, Tel. +41-1-350 65 50, Fax +41-1-350 65 51 http://www.zeit-fragen.ch

home | Über Zeit-Fragen | Leserdienst | Links | Archiv | Thmen | Inhalt