Israel hat eine moralische Grenze überschritten
von Rabbi Michael Lerner, Berkeley, California*
Im Jahre 2003 wurde ich daran gehindert, an einer grossen Protestdemonstration gegen den drohenden Krieg im Irak zu sprechen, weil ich bei einer der Sponsoren-Organisationen als zu prozionistisch galt. Meine Sünde damals und heute ist, dass ich glaube, dass beide Seiten in Gefühllosigkeit gehandelt haben und blind waren für die Bedürfnisse der anderen Seite und dass beide bereuen müssen.
Ich glaube das noch heute, und erst letzte Woche habe ich mich an die Zehntausenden von Lesern von www.tikkun.org gewandt, sie sollten bei den Palästinensern darauf bestehen, dass sie weit effizienter wären, wenn sie die gewaltlosen Strategien von Ghandi, King und Mandela übernehmen würden, anstatt von der Vorstellung auszugehen, sie könnten fähig sein, Israel militärisch zu besiegen. Und genauso wie ich den Staatsterrorismus gegen Zivilisten kritisiert habe, den die israelische Armee (Israel Defense Force IDF) in die Besetzung der Westbank trägt, habe ich auch immer den Terrorismus gewisser Teile der palästinensischen Bevölkerung kritisiert.
Aber diese Woche kommt man als Jude und Amerikaner nicht umhin festzustellen, dass eine neue Menschenrechtsverletzung durch Israel stattgefunden hat ? eine, die frühere Verstösse sowohl an Grausamkeit wie an Empörung, die sie hervorgerufen hat, übertrifft.
Hamas für Freilassung des israelischen Soldaten
Jeder, der je die lähmende Hitze der wüstenähnlichen Bedingungen des südlichen Israel oder des Gaza-Streifens erlebt hat, weiss um das dringende Verlangen nach Wasser, das jeden Sommer aufkommt. Wenn Israel also die Stromversorgung von 1,2 Millionen Einwohnern des Gaza-Streifens bombardierte und zerstörte und damit alle elektrischen Pumpen betriebsunfähig machte, auferlegte es damit der gesamten Bevölkerung von Gaza eine Kollektivstrafe.
Die angebliche Rechtfertigung war der Wunsch, die Palästinenser für die Wahl der Hamas-Regierung zu bestrafen, und etwas unmittelbarer auch das Zurückholen eines Soldaten, der «gekidnappt» worden ist. (Die Anführungszeichen sollen darauf hinweisen, dass es sich nicht um einen Zivilisten, sondern um einen Soldaten in Uniform handelt; sieht sich Israel als im Krieg mit Hamas stehend, kann die einzig mögliche Beschreibung darin bestehen, dass der Soldat von der anderen Seite gefangengenommen wurde.) Die Hamas-Regierung allerdings hat die «Kidnapper», über die sie keine Kontrolle ausübt, öffentlich eindringlich aufgerufen, den gefangengenommenen Soldaten freizulassen.
Zehntausende «Kidnappings» durch Israel
Ausserdem widerspiegelt die Empörung über dieses «Kidnapping» in Israel eine gewaltiges Ausmass systematischen Leugnens, das im Bewusstsein der Israeli und vieler anderer, die deren Politik unterstützen, noch immer weitergeht ? denn praktisch jede Menschenrechtsgruppe, darunter auch die verschiedenen israelischen Menschenrechtsorganisationen, haben Zehntausende von «Kidnappings» dieser Art aufgezeichnet, welche die israelische Armee gegen palästinensische Zivilisten durchführte. Diese wurden dann bis zu sechs Monate ohne Gerichtsverfahren inhaftiert, oft brutal gefoltert und dann freigelassen, ohne je irgendeines Verbrechens beschuldigt worden zu sein. Natürlich ? und dafür danke ich Gott, denn ich sorge mich um das Wohlergehen des Volkes von Israel, und als Jude fühle ich mich zutiefst mit dem Erfolg und der Sicherheit dieser besonderen jüdischen Gesellschaft verbunden ? natürlich war es den Palästinensern nie möglich, für diese systematischen Menschenrechtsverletzungen Hunderttausende oder Millionen von Israeli kollektiv zu bestrafen. Soweit sie es durch Terrorakte tun, verurteile ich diese Taten.
«Massenbestrafungen sind inakzeptabel»
Für alle Amerikaner, welchen Glaubens auch immer, ist dies ein entscheidender Moment in unseren Beziehungen zu Israel. Genauso, wie wir unserer eigenen Regierung klarmachen müssen, dass die Menschenrechtsverletzungen in Guantánamo und im Irak inakzeptabel sind, genauso müssen wir dem israelischen Volk mitteilen, dass Massenbestrafung von Millionen Menschen für die Handlungen einiger weniger inakzeptabel ist; sie ist genauso inakzeptabel, wenn sie von einer demokratischen Gesellschaft kommt, wie wenn es sich um eine willentliche Unterdrückung durch einen alteingesessenen autoritären Diktator handelt. Selbst wenn der Soldat ? was Gott verhüten möge ? von den Verrückten, die ihn gefangennahmen, umgebracht werden sollte, sollten nur sie und diejenigen, die sie bewusst unterstützen, dafür bestraft werden, aber nicht beliebige Palästinenser ? es sei denn, Sie hielten es für genauso angebracht, eines Tages die gesamte amerikanische Öffentlichkeit dafür zu bestrafen, dass drei Millionen Vietnamesen durch amerikanische Operationen in Vietnam umkamen, oder für die grausamen Taten, die in Guantánamo und im Irak auch heute noch geschehen.
Unglücklicherweise können wir nicht darauf zählen, dass unsere US-Regierung diese Ansicht deutlich macht, ohne ihre Bedenken derart zu relativieren, dass sie Israel im wesentlichen genommen mitteilt, es könne tun, was immer es wolle, wir würden nicht eingreifen.
Verhandlung statt Krieg
Die Verantwortung zu handeln ? und entschieden zu handeln ? liegt daher bei uns gewöhnlichen Bürgern. Wir müssen den Gesetzgebern und den Medien unsere Sorgen mitteilen. Wir müssen vor den Amtssitzen unserer gewählten Beamten Demonstrationen organisieren, aber auch vor israelischen Konsulaten und jenen jüdischen Institutionen, die ihren Einfluss selbst in diesem Moment weiterhin für die Unterstützung der israelischen Politik geltend machen. (Einige wenige haben sich kritisch geäussert, aber nur sehr, sehr wenige.) Und wir müssen den Machthabern in Israel, in erster Linie Präsident Olmert, schreiben und ihm mitteilen, dass selbst diejenigen unter uns, die Israel lieben und seine Zerstörung nie zulassen würden, diese Aktion als skrupellos ansehen, dass wir verlangen, dass die Stromversorgung sofort wiederaufgebaut werden muss und dass Israel aufhören muss, seinen Willen mit militärischer Gewalt durchzusetzen, anstatt sich mit den Palästinensern zusammenzusetzen und einen dauerhaften Frieden auszuhandeln. ?
Quelle: www. tikkun.com vom 13.7.2006
(Übersetzung Zeit-Fragen)
*Rabbi Michael Lerner ist Herausgeber des Tikkun Magazine, des liberalen jüdischen Magazins mit der grössten Auflage der Welt.