DU-Munition verseucht unseren Planeten für 4,5 Milliarden Jahre
Sie heissen «Hellfire», «Smart Bombs», «Advanced Penetrators» oder «Bunker Busters». Allen gemeinsam ist, sie bestehen aus abgereichertem Uran (DU). Depleted Uranium ist das, was übrigbleibt, wenn man dem Natururan das spaltbare Isotop U-235 für die Herstellung von Kernbrennstoff oder Nuklearwaffen entzogen hat. U-235 macht aber nur etwa 5% des Gesamturangehaltes aus, so dass Depleted Uranium fast vollständig aus dem Isotop U-238 besteht. Zwischen Depleted Uranium und natürlichem Uran gibt es keine chemischen und toxikologischen Unterschiede, lediglich die Radioaktivität ist um etwa 40% geringer. Depleted Uranium ist ein Abfallprodukt der Atomwirtschaft, für das es keine nennenswerte Weiternutzung gibt. Weltweit liegen über 1,1Millionen Tonnen Depleted Uranium auf Halde, jährlich kommen mindestens 46 000Tonnen dazu. Spitzenreiter der DU-Produktion sind die Vereinigten Staaten und Russland, mit weitem Abstand gefolgt von Grossbritannien und China.
Ein dankbarer Abnehmer für Depleted Uranium ist das Militär geworden, denn Depleted Uranium besitzt für die Herstellung von Geschossen besondere Vorteile gegenüber herkömmlichen Materialien. Mit einem spezifischen Gewicht von 19Kilogramm pro Liter ist Depleted Uranium 70% schwerer als Blei, fast so schwer wie Gold oder Wolfram, aber eben unvergleichlich billiger als diese. Die schweren Geschosse durchschlagen besser als jedes andere Material Panzerungen von Fahrzeugen und Gebäuden. Darüber hinaus ist Depleted Uranium «pyrophor», das heisst, es verbrennt bei mechanischer Einwirkung und erhöht dadurch die zerstörende Wirkung der Munition. In Kriegen der vergangenen 14Jahre (Irak, Kuwait, Bosnien, Kosovo, Serbien, Montenegro, Afghanistan) wurden etwa 1,4Millionen DU-Geschosse entsprechend einer Masse von 400 000Kilogramm Depleted Uranium verschossen.
Neben den Vereinigten Staaten besitzen oder entwickeln Frankreich, Grossbritannien, Israel, Pakistan, Russland, Saudi-Arabien, Thailand und die Türkei DU-Munition. Die Umweltschutz-Organisation der Vereinten Nationen (UNEP) schildert den typischen Angriff eines A10-Bombers auf ein Ziel am Boden als «einen Feuerstoss von etwa 2Sekunden, bei dem etwa 200Projektile in gerader Linie in einem Abstand von 1?3Metern eine Fläche von etwa 500Quadratmetern bedecken». Von diesen 200Geschossen treffen jedoch kaum mehr als 10 ihr Ziel, der Rest verschwindet im Boden. Die UNEP geht von 30 000 in Kosovo verschossenen Depleted-Uranium-Projektilen aus. Die von UNEP im November 2000 entsandte Suchexpedition der «Balkan Task Force» fand davon aber nur sieben komplette und ein halbes Projektil wieder. Und genau hier beginnt das Problem: Bislang hat man sich toxikologisch und ökologisch lediglich um das Depleted Uranium der wenigen Treffer-Geschosse gekümmert, die beim Aufprall zu Uranoxid-Staub verbrennen, der die Atemluft belastet oder Gegenstände kontaminiert. Das Schicksal des Depleted Uranium aus der weitaus grösseren Anzahl der Geschosse, die ? ohne ein Ziel zu treffen ? in den Boden gelangen, ist weitgehend unbekannt. Neben seiner Gefährlichkeit als Radionuklid ist Uran ein toxisches Schwermetall, das sich bevorzugt in Knochen anreichert und verschiedenste Krankheiten, angefangen von Funktionsstörungen der Nieren, der Lunge und der Leber bis hin zu Krebs und Erbgutveränderungen auslösen kann. Uranbelastungen werden insbesondere in Verbindung mit dem sogenannten «Golfkriegssyndrom» bei Soldaten gebracht, die in diesen Gebieten im Einsatz waren, ein Umstand, der Depleted Uranium in Veteranenkreisen den Namen «Metal of Dishonor» eingebracht hat.
Wissenschafter/innen des Institutes für Pflanzenernährung und Bodenkunde der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft in Braunschweig untersuchen seit 5Jahren in umfangreichen und aufwendigen Versuchen Faktoren, die für die Auflösung von Uran und seinen Oxiden im Boden verantwortlich sind. Die in den Böden eingestellten Urankonzentrationen entsprachen den Belastungen eines «Standardbeschusses» mit DU-Munition. Die Ergebnisse zeigen, dass in den Boden als Uranoxid eingebrachtes Uran durch physikochemische und biologische Vorgänge gelöst und für Pflanzen aufnehmbar wird. Nach 3Jahren Verbleib im Boden waren bis zu 40% des zugeführten Urans in mobile Verbindungen übergegangen. Solche mobilen Uranverbindungen können entweder von Pflanzen aufgenommen oder in Böden und Gewässer verlagert werden. Die von den Pflanzen aufgenommenen Uranmengen hingen in den Versuchen der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft direkt von den Urankonzentrationen im Boden ab. Bezogen auf den Gesamturangehalt des Bodens gingen 0,4?0,6% oder bezogen auf den verfügbaren Anteil an Uran 5?6% aus dem Boden in oberirdische Teile von Pflanzen über. Die Urankonzentrationen der Pflanzen lagen schon in den geringsten Belastungsstufen um bis zu tausendmal höher als in den Kontrollen. Die Wissenschafter/innen der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft fanden aber auch, dass die Mobilisierung des Urans mit abnehmender Fruchtbarkeit des Bodens (niedrigere pH-Werte, geringere Gehalte an mineralischen Pflanzennährstoffen, vor allem Phosphor) zunimmt. Wenig fruchtbare Böden sind aber gerade typisch für Krisengebiete, und die Bevölkerung ist dort auf Selbstversorgung vom eigenen Boden angewiesen. Beides sind Aspekte, welche die Tragik der Auswirkungen von Depleted Uranium-Munition erheblich erhöhen, eben ein «Metal of Dishonor».
Quelle: Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft (www.fal.de) vom 30.6.2005