Pro memoria: Depleted-Uranium-Krieg in Bosnien und in Kosovo
zf. In ihrem Buch «Atomgefahr USA. Die nukleare Aufrüstung der Supermacht» zeigt die Atomwaffenexpertin Helen Caldicott* die globale Bedrohung auf, die von der heutigen atomaren Hochrüstung ausgeht. Sie weist dabei auch deutlich auf den Einsatz von Depleted Uranium (DU) hin. Entgegen dem inoffiziellen Stillschweigeabkommen in bezug auf die globale Verseuchung mit DU, lässt Caldicott dieses Thema nicht aus. Im Gegenteil, während Politiker in der EU den Einsatz von Soldaten in das DU-verseuchte Südlibanon fordern, ohne auf die Gefahren hinzuweisen, rollte die promovierte Ärztin die grausamen gesundheitlichen Folgen des Kriegseinsatzes in Irak und Kosovo auf und macht deutlich, dass schon damals entgegen besseren Wissens von den Verantwortlichen gehandelt wurde! Im folgenden gibt «Zeit-Fragen» einen kurzen Auszug aus ihrem 400seitigen Buch wieder.
In jüngster Zeit wurden in Bosnien und Kosovo zwei weitere «radioaktive» Kriege hauptsächlich von den Vereinigten Staaten und ihren Nato-Verbündeten geführt.
Während ich diese Zeilen schreibe, wächst die internationale Unruhe, da Soldaten sowie Angehörige der Friedenstruppen, die in Kosovo stationiert waren, vermehrt Krebserkrankungen entwickeln, auch Leukämie. Bei der Operation Allied Force ? dem 78-Tage-Krieg im Kosovo im Jahr 1999 ? wurden ungefähr 31 000 Schuss uranhaltiger Munition abgefeuert. 1994 und 1995 verschoss man in Bosnien über 10 800 Urangeschosse, vorwiegend um die Stadt Sarajevo, wo amerikanische A-10-Warthog-Bomber mit 30-Millimeter-Gattling-Bordkanonen uranhaltige Munition hinausjagten.
Anfänglich zögerte die Nato, ihren Mitgliedsstaaten genaue Informationen über den Einsatz von Uranmunition in Kosovo oder Bosnien zu geben. Und das, obwohl die Nato im Juli 1999 Länder mit Streitkräften und Hilfstruppen auf dem Balkan gewarnt hatte, dass die Verwendung von Uranwaffen eine «mögliche toxische Gefahr» mit sich bringen könne, und ihnen riet, Vorsichtsmassnahmen zu treffen. (Der Leiter des Umweltprogramms der Vereinten Nationen kritisierte, dass die Nato keine genaueren Angaben darüber gemacht hatte, wo diese Munition verwendet worden war.)
Im Dezember 2000 begann die Besorgnis über die Uranwaffen in den Nato-Ländern durchzusickern, als Italien eine Untersuchung der 30 kranken Soldaten ankündigte, die 1994 und 1995 in Bosnien und 1999 im Kosovo gedient hatten. 12 von ihnen haben Krebs, 5 bis 7 sind bereits an Leukämie gestorben. Zwischen 30 000 und 40 000 Soldaten waren auf dem Balkan im Einsatz, der damalige italienische Verteidigungsminister Sergio Mattarella sagte dazu: «Ich muss meiner Bitterkeit Ausdruck verleihen, dass die zuständigen internationalen Organisationen mit ihrer Antwort auf unsere Bitte um Informationen, die für die bosnische Bevölkerung sowie die Militärangehörigen von grosser Bedeutung ist, bis jetzt gewartet haben.»
Spanien beabsichtigt, alle 32 000 Soldaten untersuchen zu lassen, die seit 1992 auf dem Balkan stationiert waren. Aus dem spanischen Kontingent wurden zwei amtliche Fälle von Leukämie gemeldet. Abgesehen von den tödlichen Fällen von Leukämie zeigt eine unbekannte Anzahl von Soldaten, die als Angehörige der Friedenstruppen auf dem Balkan waren, Symptome wie Haarausfall und chronische Müdigkeit, die denen des Golfkriegssyndroms ähneln. Andere Länder, die sich um die künftige Gesundheit ihrer Männer sorgen, sind Kosovo, Dänemark, Frankreich, Belgien, Portugal und die Niederlande. Irland, Lettland und Rumänien werden ihre Soldaten ebenfalls untersuchen lassen. 5 belgische Soldaten sind an Krebs erkrankt ebenso wie zwei portugiesische, zwei finnische und zwei holländische Soldaten. Portugal wird Wissenschafter entsenden und die Strahlung in den betroffenen Gebieten messen. Russland wollte ein Team schicken, um die Gebiete zu prüfen, in denen russische Soldaten als Friedenswächter eingesetzt sind, und noch vor dem 20. Januar 2002 das gesamte Militärpersonal untersuchen lassen. Portugal und Italien warfen der Nato Geheimniskrämerei vor. Im November 2002 bestätigte das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) das Vorhandensein von abgereichertem Uran an Orten, die von der Nato bombardiert worden waren. Dort liess sich ein 100-facher Anstieg der Urankonzentration im Grundwasser feststellen. Die Sterblichkeitsrate in diesen Gebieten hat sich verdoppelt, zumeist auf Grund von Krebs sowie Leukämieerkrankungen bei Kindern. ?
Quelle: Helen Caldicott. Atomgefahr USA. Die nukleare Aufrüstung der Supermacht. 2003, ISBN 3-7205-2385-3.
[Anm. der Red.: Das Buch von H. Caldicott erschien in der deutschen Ausgabe 2003. Die Krebs- und Leukämiezahlen sind seither wahrscheinlich massiv angestiegen.]
*Die Atomwaffenspezialistin und promovierte Ärztin Helen Caldicott wurde für ihr Engagement gegen die atomare Rüstung bereits für den Friedensnobelpreis nominiert. Die weltweit renommierte Aktivistin der internationalen Anti-Atom-Bewegung leitet das von ihr gegründete Nuclear Policy Research Institute in Los Angeles. Helen Caldicott hat mehrere Bücher verfasst und kämpft in den Vereinigten Staaten und in ihrer ursprünglichen Heimat Australien gegen die Aufrüstung.
Sie ist Mutter von drei Kindern.