Uranwaffen: eine Katastrophe für die Menschheit
«Herr Bush, Herr Blair, die Zeit der Kriege ist vorbei!» - Nur in friedlicher Koexistenz hat unsere Erde eine Zukunft
Doug Rokke war als Major über 35 Jahre im Dienst der US-Armee tätig. Nach der Operation «Desert Storm» 1991 sollte er mit einem Team Panzerwracks, die durch Uranmunition radioaktiv kontaminiert waren, entsorgen. Trotz Atemmasken und Schutzkleidung erkrankten Mitglieder seines Teams nach kürzester Zeit an Ausschlägen und Atembeschwerden. Es folgten Nierenprobleme, nach einer paar Monaten traten die ersten Krebserkrankungen auf. Nach zwei, drei Jahren starben die ersten von ihnen. In einem Telefoninterview geht Doug Rokke auf seine Erfahrungen und die zu ziehenden Schlussfolgerungen ein.*
Guten Tag, Dr. Rokke. Ich möchte Sie herzlich zu unserer Konferenz willkommen heissen. Können Sie uns einige Worte zum Thema abgereichertes Uran sagen?
Dr. Rokke: Ja, bei der Beendigung der Bodenkämpfe im ersten Golf-Krieg habe ich von General Schwarzkopf den Auftrag erhalten, das US-Militärmaterial, das von eigenen Truppen versehentlich zerstört wurde, zu identifizieren, einzusammeln, zu bergen, zu säubern und zu entsorgen.
Dr. Rokke, was waren Ihre Erfahrungen nach dem ersten Golf-Krieg mit DU-Waffen?
Die USA hatten verschiedene Waffen während des ersten Golf-Krieges in ihrem Arsenal, welches sich seitdem stark vergrössert hat. Die Abrams-Panzer feuerten DU-Geschosse aus reinem Uran ab mit einem Gewicht von mehr als 4700 Gramm je Geschoss. Die heutigen Bradley-Kampffahrzeuge benutzen Urangeschosse mit einem Gewicht von je ungefähr 250 Gramm. Das A-10-Kampfflugzeug verschiesst 4000 Geschosse pro Minute, von denen jedes 300 Gramm wiegt. In Ergänzung dazu gibt es Uranwaffen, wie die bunkerbrechenden AGM 28, die in Libanon eingesetzt wurden, und auch Streubomben.
Kenny Duncan, Golf-Kriegs-Veteran:
«In 9 von 10 Fällen wird bei einem Treffer des Panzers der Turm weggesprengt. Denn wenn ein Urangeschoss trifft, erzeugt es eine ungeheure Hitze, und Millionen von winzigsten Uranteilchen fliegen durch die Luft, und die können jeden töten. Darum sind die Geschosse so gut und töten jeden im Panzer.»
Welche Gefahren sind nun mit DU-Waffen verbunden?
Das Problem, auf das wir im ersten Golf-Krieg stiessen, ist, dass es absolut keinen Atemschutz gibt, der vor dem Einatmen von Uranstaub schützt. Als ich später Direktor des US Army Depleted Uranium Projektes wurde, überprüften wir das. Das Projekt wurde schliesslich zu einem Nato-Projekt, weil ich britische, deutsche, kanadische und australische Offiziere führte.
Es gibt keine Möglichkeit, die Verseuchung durch Uran wirkungsvoll zu beheben. Jede Kontamination breitet sich viele Kilometer in Windrichtung aus. US-Militär und Nato verlangen bei jeder Verseuchung im Radius von 50 Metern vollen Atem- und Hautschutz, bis die Gegend dekontaminiert ist.
Kenny Duncan, Golf-Kriegs-Veteran:
«Zum ersten Mal hörten wir, dass Depleted Uranium gefährlich sei, als wir die Panzer zurück nach Kuwait brachten zum Hafen Al Jebayl. Als wir dort ankamen, trugen alle Schutzkleidung, und wir fragten: ?Warum, es ist doch alles vorüber?!? Und sie anworteten: ?Die Geschosse sind radioaktiv, deshalb.? Und wir selbst waren monatelang auf den Panzern herumgeklettert und hatten keine Ahnung von der Gefahr. Aber später haben wir herausgefunden, dass es eine Anordung des britischen Oberkommandos gab, die besagt, dass Depleted Uranium als gefährlich einzustufen ist.»
Die Auswirkungen auf die Gesundheit sind verheerend. Bei internen Sitzungen anerkennen die Beamten des Verteidigungsministeriums, dass ihnen die schädlichen Auswirkungen auf die Gesundheit und die Umwelt bekannt sind, aber in öffentlichen Stellungnahmen ziehen sie es vor, alle schädlichen Gesundheits- und Umweltfolgen völlig zu missachten, weil Munition aus Uran sehr wirkungsvoll ist, um Menschen zu töten und um alles Material und die Infrastrukturen zu zerstören.
Sie haben herausgefunden, dass es überhaupt keinen Schutz gibt. Es gibt keine Möglichkeit der Dekontamination; es ist eine Gefahr für alle Menschen, die in der Region sind, in der diese Waffen angewendet werden.
Als Ergebnis meiner Arbeit als Direktor des Depleted Uranium-Projektes der USA haben wir heute spezifische Anweisungen, Bestimmungen und Gesetze angenommen. Entsprechend diesen eigenen Bestimmungen besteht die Verpflichtung, eine angemessene und wirkungsvolle medizinische Versorgung innerhalb von 24 Stunden und danach für alle Uranopfer zur Verfügung zu stellen. Entsprechend den Bestimmungen der US-Armee 700-48 wird eine vollständige Umweltsanierung verlangt. Jegliche Verseuchung durch Uran und radiologische Stoffe und die Verseuchung durch die Zerstörung der nationalen Infrastruktur müssen behoben werden. Die Bestimmungen gelten, wann immer und wo immer DU-Waffen im Kampf, für Trainings- oder Testzwecke oder bei der Waffenherstellung verwendet werden. Die Regierungsverantwortlichen ignorieren jedoch absichtlich und mutwillig diese Bestimmungen und gesetzlichen Anforderungen.
Bis heute wurde die Mehrzahl der Uranopfer im US-Militär immer noch nicht medizinisch versorgt. Die Opfer der Kriegsgegner wurden medizinisch nicht versorgt. Jegliche Hilfe wurde den zivilen Opfern verweigert, die überall in der Welt der Strahlung ausgesetzt sind und durch diese geschädigt wurden.
Prof. Dr. Asaf Durakovic, Arzt:
«Sie fragen mich, was jetzt mit der Zivilbevölkerung im Irak passiert? Glauben Sie, irgend jemand kümmert sich um sie, wenn sich schon niemand für das Schicksal der eigenen Soldaten interessiert?»
Können Sie uns mitteilen, was Sie über die Lage der Bevölkerung im Irak denken und über die in Kosovo und Afghanistan, wo diese Waffen auch eingesetzt wurden?
Die Personen, die in diesen Gebieten leben, müssen vollen Atem- und Hautschutz innerhalb der verseuchten Zone tragen, bis sie vollständig dekontaminiert ist.
Es ist gesundheitsschädigend für Menschen, wenn sie in der direkten Umgebung von Gebieten bleiben, in denen DU-Munition benutzt wurde. Aber wir müssen unser Verständnis ausweiten, um zu verstehen, dass eingesetzte DU-Munition oder konventionelle Bomben die Luft, das Wasser, den Boden und die Nahrung verseuchen. Alle Personen, die der Verseuchung ausgesetzt sind, werden physiologisch geschädigt wie auch alle zukünftigen Generationen.
Prof. Dr. Albrecht Schott, Chemiker:
«Kenny Duncan war ein kraftstrotzender, gesunder Mann, seine Chromosomen waren vor dem Krieg völlig intakt. Dann kam die Strahlung, es kam zu Chromosomenbrüchen. Je höher die Rate an Chromosomenbrüchen ist, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit der Entstehung von Krebs. Diese hohe Zahl von Chromosomen-brüchen kann man in der Familie von Kenny Duncan sehen. Sie haben drei Kinder, und alle drei Kinder sind genetisch schwer geschädigt. Das Uran ist bei der Verbrennung zu so kleinen Partikeln verbrannt, das es überall im Körper hingelangt, nicht nur zu den Lymphozyten, auch zum Gehirn, zur Leber, auch zum Sperma und zu den Eizellen. Deshalb sind die Kinder von Kenny Duncan genetisch krank. Diese Kinder haben auch geschädigte Chromosomen, und sie werden natürlich hohe Raten genetisch geschädigter Kinder hervorbringen und deren Kindeskinder wieder.»
Ich weiss, dass Sie und Ihre Kollegen Tag und Nacht gearbeitet haben, um uns Bürger über die Konsequenzen von Uranwaffen zu informieren und darüber, was getan werden muss. Können Sie uns kurz das Hauptproblem dieser DU-Waffen erklären?
Das Hauptproblem ist vielfältig; es hat verschiedene Aspekte. Die Luft, das Wasser und der Boden werden verseucht. In jedem Gebiet, in dem DU-Waffen eingesetzt werden, sind die Nahrung und das Wasser bis in die Ewigkeit nicht mehr brauchbar. Die Auswirkungen auf die Gesundheit begannen 24?48 Stunden nach einer DU-Einwirkung; ich, meine Team-Mitglieder und Tausende andere waren betroffen, unter anderem mit Atemproblemen, Hautausschlägen, Nierenproblemen, neurologischen Problemen, Magen-Darmtrakt-Problemen, Augenproblemen; offensichtlich setzte auch ein Entkalkungsprozess der Knochen ein. Also wir sehen, dass es viele Probleme gibt. Deshalb ist es wichtig zu begreifen, dass Krieg heute ausgedient hat ? auf Grund der Waffen, die wir benutzen, und der Zerstörung, die wir mit der fortwährenden Verseuchung der Luft, des Wassers, des Bodens und der Nahrung verursachen. Wir sind nicht in der Lage, die Umwelt zu dekontaminieren. Wir sind nicht in der Lage, medizinische Unterstützung bereitzustellen. Deshalb müssen die Bürger aller Nationen verlangen, dass alle Nationen, inklusive der USA, mit diesem Unsinn aufhören ? dass sie ihre Widersprüche friedlich regeln und die Verseuchung, mit der unsere Welt belastet wurde, soweit wie möglich beheben. Wir müssen verlangen, dass der Präsident der USA, der Premierminister von England, der Premierminister von Australien, der Premierminister von Israel und der Premierminister von Kanada sofort die medizinische Versorgung für alle Opfer bereitstellen und dass die Verseuchung, die durch DU und konventionelle Waffen verursacht wurde, weitgehend bereinigt wird.
Das bezieht sich auf alle Waffen, die im Kampf, beim Testen und bei der Produktion weltweit eingesetzt wurden.
Brian Haw, Golf-Kriegs-Veteran (er demonstriert seit 3 Jahren vor dem britischen Parlament):
«Den Irak befreien? Wir müssen endlich aufhören zu sagen: Du bist böse, und ich bin gut. George Bush und Tony Blair wollen Christen sein? Diese Menschen haben versteinerte Herzen. Würde Jesus Christus ein Baby bombardieren? Wir müssen das endlich stoppen, verdammt nochmal.»
Es ist für jeden Menschen wichtig zu begreifen, dass die Zukunft unserer Erde von friedlicher Koexistenz abhängt. Für jede Nation und jeden Menschen wird es immer Feinde geben, mit denen man sich auseinandersetzen muss, aber heute gibt es ein berühmtes Lied in den USA, das überall auf der Welt gesungen wird. Es heisst «Frieden auf Erden». Meine Damen und Herren, ich frage Sie, ich bitte Sie inständig mitzumachen, dass wir uns für den Frieden auf der Erde einsetzen, denn Frieden beginnt mit jedem von uns.
Also, die Zukunft sieht hell aus, wenn wir uns entschliessen, aktiv zu werden ? die Zukunft sieht hell aus, wenn wir Rechenschaft verlangen. Aber die Zukunft wird nur hell sein, wenn wir von allen Kriegsnationen fordern, mit dem Unsinn sofort aufzuhören.
Herr Dr. Rokke, wir danken Ihnen herzlich für dieses Gespräch. ?
*Telefoninterview mit Dr. Doug Rokke, USA, am XIV. «Mut zur Ethik»-Kongress, Feldkirch, Österreich, vom 1. bis 3. September 2006