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«Ziel Iran: Die Wahrheit über die Pläne des Weissen Hauses für einen Regimewechsel»

Interview von Amy Goodman, «DemocracyNow!», mit dem früheren UN-Inspekteur Scott Ritter

Der frühere UN-Waffeninspekteur Scott Ritter kommt zu der Schlussfolgerung: «Der Weg, den die Vereinigten Staaten gegenwärtig in bezug auf den Iran eingeschlagen haben, ist ein Weg, der unweigerlich in den Krieg führt. Solch eine Vorgehensweise wird sogar den historischen Fehler, den wir im Irak gemacht haben, in den Schatten stellen.»

Fünfundzwanzig Minister der Europäischen Union werden erwartungsgemäss am 17. Oktober zusammentreffen, um den UN-Sicherheitsrat aufzufordern, Sanktionen gegen den Iran zu verhängen. Sie sagen, Sanktionen seien notwendig wegen der Weigerung des Iran, die Urananreicherung einzustellen. Obwohl der Iran behauptet, dass sein Nuklearprogramm dazu diene, Elektrizität zu gewinnen, behaupten die Vereinigten Staaten und einige ihrer Verbündeten, dass der Iran versuche, Atomwaffen zu entwickeln.
Am Samstag sagte Mohammad Ali Hosseini, der Sprecher des iranischen Aussenministeriums, dass Drohungen des Westens, Sanktionen zu verhängen, Teil eines «psychologischen Krieges» seien und dass die Islamische Republik mehr denn je entschlossen sei, friedliche Nukleartechnologie zu betreiben.

Amy Goodman: Der frühere Waffeninspekteur Scott Ritter behauptet in seinem neuen Buch, dass die Bush-Regierung entschlossen sei, Krieg gegen den Iran zu führen. In «Target Iran: The Truth About the White House?s Plans for Regime Change» untersucht Scott Ritter die US-amerikanische Regierungs­politik des Regimeswechsels und das Potential des Iran, die nationalen Sicherheitsinteressen der Vereinigten Staaten zu bedrohen. Er schreibt: «Der Weg, den die Vereinigten Staaten gegenwärtig in bezug auf den Iran eingeschlagen haben, ist ein Weg, der unweigerlich zum Krieg führt. Solch eine Vorgehensweise wird sogar den historischen Fehler, den wir im Irak gemacht haben, in den Schatten stellen.» Scott Ritter ist jetzt bei uns im Studio. Willkommen bei «Demo­cracyNow!»
Scott Ritter: Vielen Dank.

Was, denken Sie, ist der Schlüssel zum Verständnis des Iran und der Vereinigten Staaten zum jetzigen Zeitpunkt hinsichtlich Ihrer Titelaussage ? Target Iran?
Nun, das Wichtigste ist, die Tatsache zu verstehen, dass sich der Iran direkt im Fadenkreuz der Bush-Regierung befindet, insbesondere als ein Ziel der Bush-Regierung, wie es sich aus der Nationalen Sicherheitsstrategie der Vereinigten Staaten ergibt. Wissen Sie, das ist keine hypothetische Debatte unter politischen Analysten oder Spezialisten für Aussenpolitik. Lesen Sie die Version der Nationalen Sicherheitsstrategie von 2006, in welcher der Iran sechzehnmal als die Bedrohung Nummer 1 für die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten genannt wird, denn im selben Dokument wird die Absicht begrüsst, präemptive Aggressionskriege als legitimes Mittel einzusetzen, um mit solchen Bedrohungen umzugehen. Dieses Dokument bestätigt auch die Doktrin der Bush-Regierung, regionale Transformationen weltweit durchzuführen ? in diesem Fall speziell im Nahen Osten. Wir sprechen hier nicht über hypothetische Dinge, trotz der ganzen Diskussion über Diplomatie, von der die Bush-Regierung gerne hätte, dass Sie sie glauben. Es gibt keine Diplomatie, wie es schon im Irak der Fall war. Diplomatie ist nur eine Vernebelung, um das eigentliche Ziel des Regimewechsels zu verschleiern.

Können Sie etwas zum Unterschied in der Vorgehensweise der Vereinigten Staaten gegenüber Nordkorea und dem Iran sagen? Nordkorea hat gemäss seiner eigenen Berichterstattung eine Atombombe gezündet.
Das einzige, was die Vorgehensweisen der Bush-Regierung gegenüber Nordkorea und gegenüber dem Iran gemeinsam haben, ist, dass das Endziel ein Regimewechsel ist. Das andere, was sie gemeinsam haben, ist die völlige Zusammenhangslosigkeit des Vorgehens. Sehen Sie, Nordkorea und Iran, das können Sie nicht vergleichen, das sind Äpfel und Orangen.
Nordkorea ist eine erklärte Atommacht. Sie erklärten sogar ihre Absicht, Atomwaffen zu haben. Sie haben das vor niemandem verborgen. Sie sind aus dem Atomwaffensperrvertrag in völliger Übereinstimmung mit den Rechtsvorschriften ausgetreten. Sie setzten die Welt davon in Kenntnis. Sie sagten, wir werden nicht teilnehmen. Sie hielten sich an die entsprechenden Fristen. Sie luden die Inspekteure aus. Und dann, Überraschung, Überraschung, trotz der Tatsache, dass die Bush-Regierung sagte: «Gut, sie bluffen nur», ? naja, sie bluffen nicht. Sie haben gerade eine gezündet. Und nun stellen Sie sich einmal vor: Wenn wir Nordkorea weiterhin auf unverantwortliche Weise drängen ? ich sage es noch einmal, wovon reden wir hier?
Was wollen wir in Nordkorea erreichen? Liegt uns wirklich das nordkoreanische Volk am Herzen, wollen wir Menschenrechte ?, nein, einen Regimewechsel. Alles dreht sich nur um einen Regimewechsel. Es geht darum, dass die Vereinigten Staaten die Regeln des Miteinanders jedem anderen in der Welt  diktieren können. Verstehen die Menschen, dass unsere Politik gegenüber China auf einen Regimewechsel hinausläuft? Verstehen Sie, was die Konsequenzen davon sind? Das geht vor in Nordkorea. Und wir sollten nicht überrascht sein, dass sie genau das getan haben, was sie angekündigt haben.
Nun, nehmen wir den Iran. Der Iran ist eine Nation, die sagt: «Wir haben kein Nuklearwaffenprogramm. Wir haben kein derartiges Ziel.» In der Tat, als Nordkorea seine Bombe zündete, verurteilten die Iraner dies. Sie sagten, dass Nuklearwaffen nicht Teil eines weltweiten Gleichgewichts sein können. Und dennoch, versuchen wir weiterhin, sie zusammen in einen Topf zu werfen, als ob Nordkorea und der Iran ein wesentlicher Bestandteil der gleichen Politik seien. Nun, vielleicht sind sie wesentlicher Bestandteil derselben unzusammenhängenden Vorgehensweise, die die Bush-Regierung im Umgang mit der Verbreitung nuklearen Materials begonnen hat.

Scott Ritter, Sie sind soeben aus dem Iran zurückgekommen?
Ja, ich war Anfang September im Iran.

Und was haben Sie dort gemacht?
Ich bin als Journalist für die Zeitschrift Nation dort hingegangen. Ich war dort, um für einen Artikel zu recherchieren, der hoffentlich im November erscheinen wird. Wissen Sie, es war lustig, die iranische Regierung sagt, wie viele andere Regierungen auch, das eine und tut das andere. Ich hatte ein volles Programm, dem man zuvor zugestimmt hatte, dass ich gehen und X und Y interviewen würde, dass ich bestimmte Orte besuchen würde, schauen würde usw. Und ich kam dorthin und erfuhr, dass die iranische Regierung ? ganz egal, was wir hier in den Vereinigten Staaten vereinbart hatten ? erstens keine Ahnung davon hatte, dass ich kam, und zweitens, dass ich ein Programm hatte. Ich erschien also im Iran und war auf mich gestellt.
Was für eine augenöffnende Erfahrung auf sich allein gestellt zu sein, in einer Nation, in einem Land, das islamo-faschistischer Staat genannt worden ist. Ich habe Diktaturen im Nahen Osten besucht. Ich war in Ländern, die hohe Sicherheitsanforderungen haben. Iran ist kein solches Land. Ich bin ein früherer Geheimdienstbeamter, der ein paar ganz schön starke Meinungen in bezug auf den Iran vertreten hat, und dennoch hatte ich volle Bewegungsfreiheit im Iran mit keinerlei Behinderung. Und als Ergebnis, obwohl ich das abgesegnete Programm hatte, hatte ich meine eigene Agenda, welche mir erlaubte, hohe Regierungsbeamte, hohe Militärs, hohe Geheimdienstmitarbeiter zu interviewen und Orte zu besuchen, die als sehr sensibel eingestuft wurden. Die Schlussfolgerung ist, dass die amerikanischen Medien den Iran völlig falsch darstellen. Der Iran ist ein sehr modernes, verwestlichtes, prowestliches und überraschend proamerikanisches Land, das in keiner Weise eine Bedrohung für die Vereinigten Staaten darstellt.

Sie waren früher Waffeninspekteur im Irak.
Richtig.

Können Sie etwas über Ähnlichkeiten oder Unterschiede sagen, die Sie zwischen den Entwicklungen hin zur Invasion in den Irak und dem, was jetzt mit dem Iran geschieht, sehen?
Die grösste Gemeinsamkeit, die wir hervorheben müssen, ist, dass in beiden Fällen keine Beweise vorgelegt wurden, um die Anschuldigungen zu untermauern, die gemacht werden. Der Irak wurde beschuldigt, Programme von Massenvernichtungswaffen zu besitzen. Diese Programme beinhalten chemische, biologische, nukleare und ballistische Geschosse mit langer Reichweite. Es gab einen Inspektionsprozess vor Ort, die Inspekteure hatten vollen Zugang zu den fraglichen Anlagen, und aus diesen Inspektionen resultierten keinerlei Daten, die die Anschuldigungen der Bush-Regierung bestätigt hätten. Und dennoch wurde dem Irak gesagt, es sei nicht Sache der Inspekteure, die Waffen zu finden. Es sei Sache des Irak zu beweisen, dass sie nicht existieren. Der Irak sollte etwas beweisen, was nicht existiert. Und das konnten sie nicht. Wir wissen heute, dass Saddam Hussein im Jahr 1991 sein ganzes Waffenprogramm zerstört hat. Es gab überhaupt nichts zu finden oder zu entdecken. Es gab keine Bedrohung.
Jetzt haben wir den Iran. Der Iran wird beschuldigt, ein Nuklearwaffenprogramm zu haben. Und dennoch ist die Internationale Atomenergiebehörde, sind die Inspekteure, die den vollständigen Zugang zu den Anlagen im Iran gehabt haben, herausgekommen und haben gesagt: «Nun, wir können nicht sagen, dass es kein geheimes Programm gibt, von dem wir nichts wissen. Was wir sagen können, als direktes Ergebnis unserer Untersuchungen, ist, dass es keine Daten gibt, die die Behauptung der Bush-Regierung belegen, es gebe ein Nuklearwaffenprogramm.» Und dennoch schiebt die Bush-Regierung wieder einmal die Beweislast dem Iran zu, indem sie sagt: «Es ist nicht Sache der Inspekteure, das Nuklearwaffenprogramm zu finden. Es ist Sache der Iraner zu beweisen, dass keines existiert.» Warum gehen wir diesen Weg? Weil man etwas nicht Vorhandenes nicht beweisen kann. Es gibt nichts, was der Iran tun kann, das die Bush-Regierung zufrieden stellen wird, weil ihre Politik letzten Endes nichts mit der Nichtverbreitung zu tun hat und auch nichts mit Abrüstung. Es geht um den Regimewechsel. Und die Bush-Regierung will nichts anderes als Bedingungen schaffen, die sie dem eigentlichen Ziel, der militärischen Intervention, näherbringt.

Scott Ritter, Sie sprechen in Ihrem Buch unter anderem darüber, dass man der Ankündigung des obersten geistlichen Führers, die dieser in Form einer Fatwa ausgesprochen hatte, nämlich dass der Iran den Erwerb atomarer Waffen vollkommen ablehne, keine Beachtung geschenkt hätte.
Wenn wir «Oberster geistlicher Führer» sagen, dann bedeutet das zunächst, dass sich die meisten Amerikaner am Kopf kratzen werden und fragen: «Wer?», denn wir haben einen Reklamehelden zur Dämonisierung. Er heisst Ahmadinejad. Er ist der Idiot, der mit wirklich dummen und abscheulichen Dingen an die Öffentlichkeit tritt, wie zum Beispiel «Es ist das Ziel des Iran, Israel von der Weltkarte wegzuwischen.» Und er gibt lächerliche Stellungnahmen über die USA usw. ab. Und es ist natürlich ein gefundenes Fressen für die amerikanischen, für die westlichen Medien, weil man all diese markanten Sprüche bekommt, Ahmadinejad, Ahmadinejad, Präsident des Iran. Aber was die Leute nicht verstehen, ist, dass er zwar reden kann, aber seinen Finger auf keinerlei Machthebel legen kann. Wenn man die Verfassung des Iran liest, merkt man, dass das iranische Präsidentenamt eine nahezu rein repräsentative Funktion ist.
Die wirkliche Macht im Iran bleibt beim obersten geistlichen Führer, derzeit Ayatollah Khamenei. Er wird von einem Gremium, dem Wächterrat, unterstützt. Dann gibt es noch eine zweite Gruppe, den Expertenrat. Das sind jene Personen, die das Militär, die Polizei, das Atomprogramm und alle Machtinstrumente kontrollieren. Der oberste geistliche Führer hat nicht nur eine Fatwa [islamisches Rechtsgutachten eines Spezialisten für islamische Rechtsprechung, Anm. d. Ü.] erlassen, die besagt, dass Nuklearwaffen nicht mit islamischem Recht, nicht mit dem schiitischen Glaubenssystem, für das er verantwortlich ist, vereinbar sind, sondern er hat sich 2003 sogar über die Schweizer Botschaft an die Bush-Regierung gewandt, um ausrichten zu lassen: «Seht her, wir würden gerne unsere Beziehungen zu den Vereinigten Staaten normalisieren. Wir würden gerne den Anstoss geben zu einem Prozess, der zu einem Friedensvertrag zwischen Israel und dem Iran führt.» Stellen Sie sich das vor, Israel und der Iran. Er sagt nicht: «Wir wollen Israel von der Erdoberfläche wegwischen». Er sagt: «Wir wollen Frieden mit Israel.» Und sie waren willens, ihr Atomprogramm auf den Tisch zu legen.
Warum hat die Bush-Regierung dieses Angebot nicht angenommen? Weil es zu einem Normalisierungsprozess führen würde, im Zuge dessen die USA die Legitimität des Gottesstaates anerkennen und sich zu einer friedlichen Koexistenz mit dem Gottesstaat bereit erklären würden. Dies ist nicht die Position der Bush-Regierung. Sie will den Gottesstaat nicht. Sie wird nichts in Richtung einer Anerkennung tun, das heisst, nichts, das einen Frieden unterstützt. Sie hat den Friedensvorschlag abgelehnt. Daher ist es nicht Ahmadinejad, der eine Bedrohung für den internationalen Frieden und die Sicherheit darstellt, was die amerikanisch-iranischen Beziehungen betrifft. Es ist vielmehr die Bush-Regierung, weil sie es ablehnt, den Frieden auf die Tagesordnung zu setzen. Bush spricht über Diplomatie. Es wird aber keine Diplomatie, keine wahre Diplomatie geben, bevor er Condoleezza Rice nicht in ein Flugzeug setzt und sie nach Teheran schickt, um mit dem obersten geistlichen Führer zu sprechen.

Das Umschlagbild des neuen Buches zeigt ein US-Gewehr, ein Gewehr mit einer amerikanischen Flagge. Sprechen Sie über dieses Bild und dessen Hintergründe.
Ich wünschte, ich könnte mich mit den Lorbeeren für diese Umschlaggestaltung schmücken. Aber leider, nein, nicht leider, sondern glücklicherweise, ist sie das Werk eines wirklich guten Nation-Books-Grafikers, der die Idee hatte, ein Cover zu gestalten, das nicht nur gut aussieht, sondern Symbolcharakter hat. Aber ich denke, es geht darum, dass der Iran das Angriffsziel ist. Wir sprechen über Amerika und amerikanische Symbole. Und jetzt haben wir eine amerikanische Flagge, die in ein Symbol verwandelt wurde, das in der ganzen Welt erkannt wird, wenn wir von den USA sprechen: eine Waffe. Es ist sehr traurig zu sehen, dass, wenn wir heute über die USA sprechen, über die Nation, die man mit den Menschenrechten verbindet und mit den individuellen bürgerlichen Rechten, dass auf der ganzen Welt an Gewalt, an Waffengewalt gedacht wird, denn das ist es, wozu wir geworden sind: eine Nation der Gewalt.

Wie sieht das Szenario USA ? Iran aus, das Sie sich ausmalen?
Krieg. Unterm Strich bleiben der Bush-Regierung zwei weitere Regierungsjahre. Sie verfolgt eine Politik der regionalen Umgestaltung im Nahen Osten: «Regime Change». Diese Politik spielt sich heute im Irak mit all ihren schrecklichen Erscheinungsformen ab. Man dürfte meinen, sie müssten mittlerweile etwas gelernt haben, aber das haben sie nicht. Immer noch sagen sie, der Iran müsse in eine echte Demokratie transformiert werden, obwohl man den Eindruck hat, wenn man die heutigen Fernsehnachrichten hört oder andere aktuelle Informationen, dass wir dabei sind, von einer Demokratie im Irak Abstand zu nehmen.
Schauen Sie, Bush hat schon gesagt, dass er den Iran nicht dem nächsten Präsidenten überlassen will, sondern, dass dies ein Problem ist, das er jetzt lösen muss. Und der andere Faktor, den wir hier noch nicht einbezogen haben, und den wir einbeziehen müssen, ist die Rolle, die von Israel gespielt wird, die Vereinigten Staaten unter Druck zu setzen, eine sehr aggressive Haltung gegenüber dem Iran einzunehmen. Israel hat eine rote Linie gezogen, was bedeutet, es wird weder ein Atomwaffenprogramm im Iran dulden, noch wird es etwas dulden, was mit Kernenergie zu tun hat, insbesondere die Anreicherung, die zu einem Atomprogramm verwendet werden könnte. Also, selbst wenn der Iran die Wahrheit sagt ? der Iran sagt: «Wir haben kein Atomwaffenprogramm. Wir wollen nichts anderes als friedliche Kernenergie,» ? erklärt Israel darauf: «Solange der Iran eine Anreicherungsmöglichkeit hat, stellt diese eine Bedrohung für Israel dar», und Israel übt Druck auf die Vereinigten Staaten aus, durchgreifende Massnahmen zu ergreifen.

Auf welche Weise?
Der Druck ist diplomatisch. Wir sehen ? ab 2002 sah man, wie der israelische Premierminister und der Verteidigungsminister im Vorfeld des Irak-Krieges in die USA kamen und sagten: «Hey, machen wir uns nicht all zu viele Sorgen über den Irak. Der ist nicht wirklich ein grosses Problem. Ich weiss, wir machen viel Aufhebens um die Massenvernichtungswaffen, aber das grosse Problem ist der Iran.» Und die Bush-Regierung sagte: «Wir wollen im Moment nicht über den Iran reden. Wir haben mit dem Irak zu tun.» Sofort nach dem Krieg kamen die Israeli und sagten: «Nun gut, danke, dass Ihr Saddam beseitigt habt. Jetzt wollen wir, dass Ihr Euch auf den Iran konzentriert.» Und die Vereinigten Staaten liessen den Iran weiter auf dem Abstellgleis. Und erst als die israelische Regierung einer iranischen Oppositionsgruppe, den Mujehedin-e-Khalq, Geheimdienstinformationen zuspielte, und diese Gruppe dann hervortrat und sagte: «Seht her, es gibt diese Anlage in Natanz. Dort passiert die Anreicherung», waren die Vereinigten Staaten plötzlich gezwungen zu sagen, «Oh, wir müssen den Iran wieder ganz vorne auf die Prioritätenliste setzen.» Und es war Israel, welches das Tempo der Medienaktivitäten über den Iran diktiert hat.

Die Medien sagen, dass der Iran keine Kernenergie benötigt ? er hat viel Öl ? dass Kernkraft nur sein Mittel ist, um an Atomwaffen zu kommen.
Na ja, es steht ausser Zweifel, dass der Iran viel Öl besitzt, aber dieses Öl ist der einzige Vorteil des Iran im Sinne einer lebensfähigen Weltklassewirtschaft. 1976 kam der Schah in die USA, hat seine Vertreter geschickt, um zu vermitteln und zu sagen: «Schauen Sie, wir haben eine Analyse durchgeführt, und wir haben nur eine begrenzte Menge Öl. Und im Moment müssen wir es exportieren. Wenn wir es nicht exportieren, machen wir kein Geld, usw. Wir haben nicht genug Öl, um dies aufrechtzuerhalten. Wir brauchen eine autochthone Energiepolitik, die unser Öl für den Export frei hält. Wir wollen Kernenergie einsetzen.» Und die US-Regierung sagte: «Gute Idee, Herr Schah. Sie haben unsere volle Unterstützung.» Das war Gerald Ford.
Der damalige Stabschef im Weissen Haus war Dick Cheney. Verteidigungsminister war Donald Rumsfeld. Also, heute argumentieren Cheney und Rumsfeld, dass der Iran ein in Öl schwimmendes Land sei, das kein Kernenergieprogramm brauche ?1976 unterstützten beide das Ziel des Iran, Kernenergie einzusetzen. Nicht nur Kernenergie, sie haben den Schah auch unterstützt, als er sagte: «Wir können nicht zulassen, dass ein Kernenergieprogramm den Launen von Sanktionen und von Krieg ausgesetzt ist. Wir brauchen eine autochthone Möglichkeit, Brennstoff herzustellen, einschliesslich des vollen Urananreicherungsverfahrens.» Und raten Sie mal, was die US-Regierung 1976 sagte. «Kein Problem, Herr Schah. Gute Idee.» Freilich tauchten die Islamisten 1979 auf der Szene auf, und plötzlich änderten wir unsere Meinung. Letztlich ist der Iran rechtlich und wirtschaftlich völlig berechtigt, ein Kernenergieprogramm zu haben, früher haben wir darin einen verantwortungsvollen Weg gesehen.

Scott Ritter, sowohl Seymour Hersh, der Pulitzer Preisträger und Enthüllungsjournalist, als auch der pensionierte Luftwaffenoberst Sam Gardiner haben gesagt, dass bereits verdeckte Operationen des US-Militärs im Iran begonnen haben. Meinen Sie, dass dies stimmt?
Ich habe Respekt für die Berichterstattung Seymour Hershs. Ich habe Respekt für die Analyse Sam Gardiners. Und ich habe Respekt den Leuten gegenüber, die mit mir geredet haben und die imstande sind, dies zu wissen. Schauen Sie, schon überfliegen wir den Iran mit unbemannten Luftfahrzeugen, mit Drohnen ohne Piloten. Am Boden rekrutiert die CIA die Mujahedin-e-Khalq, die Kurden, die Azeris, die innerhalb des Iran im Auftrag der Vereinigten Staaten agieren. Und wir haben Grund zur Annahme, dass wir tatsächlich uniformierte Mitglieder der US-Streitkräfte und amerikanische Bürger, die als Paramilitärs der CIA agieren, in das iranische Staatsgebiet eingeschleust haben, um Geheimdienstinformationen zu sammeln.
Also, wenn man die Grenzen und den Luftraum eines souveränen Staates mit paramilitärischen und militärischen Streitkräften verletzt, ist das eine Kriegshandlung. Es ist ein kriegerischer Akt. Daher, wenn die Amerikaner sagen: «Ach, es wird keinen Krieg im Iran geben» ? es gibt schon jetzt einen Krieg im Iran. Wir sind im Krieg mit dem Iran. Nur sind wir nicht im herkömmlichen deklarierten Stadium des Krieges. Die Bush-Regierung verfolgt eine Politik des Regime Change. Sie werden das Militär einsetzen, und das Militär ist bereits im Einsatz.

Es bleibt uns nur eine Minute, aber was ist mit der Rolle der Medien in der ganzen Geschichte? Im Vorfeld des Einmarsches haben sie Sie scharf kritisiert, haben sie Sie angeschmiert, da Sie ein UN-Waffeninspekteur waren, der gegen den Einmarsch war.
Also wissen Sie, sie können mich wieder angreifen, so viel sie wollen. Mir ist es egal. Es hat keine Wirkung. Ich bin nicht das Problem. Ich bin nicht das Thema. Das Thema sind die Wahrheit und die Tatsachen. Ich glaube, es ist heute ganz klar, dass uns die Wahrheit und die Tatsachen bezüglich der Wirklichkeit im Irak im Vorfeld des Krieges vorenthalten wurden, und es ist ganz klar, dass die Medien das gleiche mit dem Iran machen. Wir werden vorprogrammiert, um alles Negative über den Iran für bare Münze, für wahr zu halten. Das ist einer der Gründe, warum ich das Buch schrieb, um alles ins rechte Licht zu rücken.     ?

Quelle: www.democracynow.org vom 16.10.2006 (Übersetzung Zeit-Fragen)


Scott Ritter arbeitete von 1991 bis 1998 als UN-Waffeninspekteur in der Spezialkommission (UNSCOM) im Iran. Sein neues Buch trägt den Titel: «Target Iran: The Truth About the White House?s Plans for Regime Change.» Sein vorheriges Buch heisst: «Iraq Confidential.»