Kauft Ihr Land auch «Rummy Flu» für x Millionen?
von Dr. med. Daniel Güntert, Wattwil
Die Vogelgrippe und die stete Androhung einer bevorstehenden Pandemie mit einem neu mutierten Virus, das sich aus dem Vogelgrippevirus (H5 N1) und dem Influenza-Virus zusammensetzen soll, hat dazu geführt, dass weltweit auf Empfehlung der WHO Regierungen Lagerbestände des Grippeschutzmittels Tamiflu angelegt haben. Die Pharmafirma Roche, lizenzierter Hersteller von «Tamiflu», hat dadurch einen Rekordumsatz im Jahr 2005 erzielen können. Bei genauerer Betrachtung fallen dem aufmerksamen Beobachter allerdings doch einige Ungereimtheiten auf. So erstaunt es, dass die WHO weltweit ein Medikament empfiehlt, dessen Wirkung mehr als umstritten ist und bei dem eindeutig entsprechende Untersuchungen fehlen. Die immerzu heraufbeschworene Gefahr einer genetischen Neukonstruktion aus einem humanen Grippevirus und einem Vogelgrippevirus, die dann weltweit zu einer katastrophalen Pandemie führen soll, besteht schon seit über 10 Jahren. Bisher gab es aber nicht die geringsten Anzeichen einer solchen Mutation. Dennoch lassen sämtliche Medien und offizielle Gesundheitsbehörden, inkl. unseres BAG, keine Gelegenheit aus, um auf die imaginäre Bedrohung hinzuweisen. So muss die Frage erlaubt sein, warum dem so ist, wenn gar keine wissenschaftlichen Hinweise dafür bestehen. Weiterhin fallen Verbindungen zwischen Politik und Pharmaindustrie auf, die Fragen von wirtschaftlichen Interessen aufwerfen. Die genauere Durchleuchtung dieser Pharmakonzerne muss uns hellhörig machen. Dies gilt um so mehr, weil der Bundesrat die Versorgung unseres Landes mit Impfstoffen mehr und mehr ins Ausland verlagern will.
Wir haben uns die Mühe gemacht, einzelne Pharmakonzerne, die im Impfgeschäft weltweit führend sind, etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.
G. D. Searle & Company
Searle wurde 1888 in Nebraska von Gideon Daniel Searle gegründet. Sie wurde 1985 von der Monsanto Company übernommen. 1977 bis 1985 war Donald Rumsfeld CEO und später Präsident der Firma. 1985 spielte Rumsfeld eine entscheidende Rolle bei der Übernahme der Firma von Monsanto. Searle produzierte diverse Medikamente (Ovulationshemmer, Celebrex u.a.) und bildgebende Instrumente. Celebrex musste vor 2 Jahren vom Markt genommen werden, zusammen mit Vioxx, weil bei behandelten Patienten gehäuft Durchblutungskomplikationen, wie Herzinfarkte und Schlaganfälle, auftraten. Rumsfeld war wesentlich an der Vermarktung von Aspartam (NutraSweet®) ? ein Zuckerersatz, auch ein Produkt der Firma Searle ? beteiligt, das aber schon in Tierexperimenten Nebenwirkungen zeigte. Aspartam wird als Nahrungsmittelzusatz, v. a. in Diätkonsumgütern, verwendet und ist nachweislich toxisch. Searle wurde offenbar mehrmals wegen Manipulation und Bestechung von Ärzten kritisiert, die für ihre Produkte warben, u.a. für Celebrex.
Gilead Sciences
Die Firma wurde 1987 von Michal Riordan ins Leben gerufen. Sie spezialisierte sich auf die Entwicklung molekularer, antiviraler Medikamente. 1990 erfolgte eine wissenschaftliche Zusammenarbeit mit der Pharmafirma Glaxo, um die Entwicklung von genetischen Code-Blockern (Antisens-RNA) vorwärtszutreiben. Donald Rumsfeld war 1999 bis 2001 Aufsichtsratsvorsitzender der Firma Gilead Sciences mit Aktienpaketen von mehreren Millionen Dollar. Der Pharmakonzern hat seinen Hauptsitz in Kalifornien, Foster City, und Niederlassungen in Nordamerika, Europa und Australien sowie einen Sitz in Deutschland, München. Ihre Produkte beinhalten hauptsächlich antivirale Medikamente gegen HIV, Hepatitis und andere Viren sowie gegen Pilzinfektionen. Schwerpunkt aber ist die Virusforschung. Gilead Sciences stellte sich zum Ziel, «innovative Therapiemittel in Bereichen mit bisher nicht gedecktem medizinischem Bedarf» zu entdecken, zu entwickeln und zu vermarkten. Die Pharmafirma unterhält diverse Partnerschaftsagreements mit grossen europäischen und japanischen Pharmaunternehmen (u.a. Bristol-Myers Squibb, GlaxoSmithKline, Roche, Pfizer, Tabacco Inc.). Der vormalige Präsident, Dr. Riordan, sagte: «Er [D. Rumsfeld, der Verf.] spielte eine bedeutende Rolle in der Gründung, Entwicklung und Leitung der Firma. Seine breiten Erfahrungen in führenden Positionen in Industrie und Regierung werden uns helfen, dass Gilead weiterhin sich auf dem Markt behaupten kann.» Rumsfeld war zu diesem Zeitpunkt u.a. Mitglied der Direktion von ABB AB und von Gulfstream Aerospace Corp., beides Konzerne innerhalb der Rüstungsindustrie.
Gilead Sciences ist eine der ersten amerikanischen Biotechnologie-Firmen, die führend in der Entdeckung und Entwicklung von neuen, humangenetischen Substanzen sind. Ihr erstes Produkt war 1996 ein antivirales Medikament gegen eine virale Aderhautentzündung bei HIV-Patienten (CMV-Retinitis; VISTIDE®). Tamiflu wurde von der Firma Gilead Sciences entwickelt, und die Herstellungslizenzen wurden 1996 exklusiv an Roche abgegeben. Tamiflu fand damals keinen relevanten Absatz. Kurze Zeit nach den ersten Vogelgrippemeldungen in Asien leitete Gilead Sciences eine Klage gegen Roche ein und forderte die Herstellungslizenz zurück; Roche hätte das Exklusivrecht bis zum Jahr 2016 innegehabt.
Hoffman-La Roche Ltd
Der Pharmakonzern Hoffman-La Roche mit Hauptsitz in Basel ist ebenfalls ein führendes Unternehmen im Bereich Virologie. Wie erwähnt, erhielt Roche die exklusiven Herstellungslizenzen für das Grippemittel Tamiflu von dessen Entwickler Gilead Sciences. Tamiflu war bisher lediglich ein Ladenhüter und fand keinen grossen Absatz, weil es einerseits teuer war, von den Krankenkassen nicht als Behandlungsmedikament anerkannt und entsprechend nicht übernommen wurde. Anderseits war die Wirkung von Tamiflu mässig bis unbefriedigend. Gut dokumentierte Untersuchungen gab es eigentlich keine. Mit dem Auftreten der Vogelgrippe änderte sich die Rolle von Tamiflu schlagartig. Tamiflu wurde zum einzigen Behandlungsmedikament hochstilisiert, obwohl keinerlei vertrauenswürdige Untersuchungen vorhanden waren. Es existierten lediglich wenige Fallbeschreibungen. Angesichts der extrem geringen Anzahl von Krankheitsfällen war dies auch gar nicht anders möglich. Heute existieren ja weltweit lediglich 258 Krankheitsfälle (Stand 15.11.2006, BAG-Bulletin 47/06).
Roche bestätigt offiziell, dass «trotz fehlender klinischer Daten auf Grund der gesammelten Erkenntnisse angenommen werden darf, dass Tamiflu gegen jeden Subtyp des Enzyms Neuraminidase von Grippeviren wirksam ist ? einschliesslich des Stammes H5 N1. Dieser Stamm steht in Zusammenhang mit dem jüngsten Ausbruch von Vogelgrippe in Asien.» Wohl kaum ein anderes Medikament, dessen Wirkung so schlecht dokumentiert ist, könnte weltweit einen so grossen Absatz erzielen, wenn nicht «andere Kanäle» dazu verhelfen würden. Im Frühling 2005 begann die Ausbreitung der Vogelgrippe in Europa. Roche hat in den ersten 9 Monaten des Geschäftsjahres 2005 seinen Umsatz in Deutschland um 8,6 Prozent auf 2,4 Milliarden Euro gesteigert. Der Tamiflu-Umsatz belief sich im Geschäftsjahr 2005 auf 1,2 Milliarden US-Dollar. Franz B. Humer, Verwaltungsratspräsident und CEO von Roche, zum Jahresergebnis: «2005 war ein ausserordentlich erfolgreiches Jahr für Roche. Die Division Pharma erreichte das beste Resultat ihrer Geschichte, was zusammen mit der soliden Entwicklung der Division Diagnostics den Umsatz und den Betriebsgewinn der Roche-Gruppe auf neue Rekordmarken steigen liess. Der Gewinn aus den weitergeführten Geschäften stieg um 2 Milliarden Franken oder mehr als 40%; der Konzerngewinn erreichte 6,7 Milliarden Franken.»
Weltweite «Tamiflu»-Lagervorräte
Die WHO empfiehlt den Aufbau von Lagern von Neuraminidase-Hemmern, zu denen Tamiflu oder auch das Grippemittel Relenza von GlaxoSmithKline gehören. Glaxo muss sich derzeit einer ganz ähnlichen Klage durch das australische Unternehmen Biota wie Roche stellen. Auch dabei geht es um Herstellerlizenzen. Bisher haben mindestens 25 Länder grössere Tamiflu-Vorräte angelegt, um auf einen möglichen Ausbruch einer Pandemie reagieren zu können. Das US-Ministerium bestellte im Oktober 2005 Tamiflu im Wert von 58 Millionen Dollar. Nach Einschätzung der WHO sei beispielsweise die Bundesrepublik nur schlecht gerüstet, die offiziell keinen Tamiflu-Vorrat bestätigt. Anders verhält es sich in den Niederlanden, Frankreich, Österreich oder Frankreich, wo Medikamentenvorräte für 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung existieren. Konkrete Zahlen sind aber nicht ausfindig zu machen.
WHO zweifelt an Wirksamkeit von «Tamiflu»
Wie schon eingangs erwähnt, ist die Wirksamkeit von Tamiflu bei Vogelgrippefällen keineswegs gesichert. Im Januar 2006 wurde in der britischen Ärztezeitschrift The Lancet eine Untersuchung publiziert, die keine Wirkung belegen konnte. Die WHO gibt solche Empfehlungen ab, obwohl sie selbst Zweifel an deren Wirkung bekundet. Ohne Studien über die Ansteckungsfälle mit dem Virus H5 N1 bei Menschen sind laut WHO optimale Dosis und Behandlungsdauer gegen das tödliche Virus ungewiss. Es sei nicht sicher, dass höhere Dosen von Tamiflu als jene, welche bei der normalen Grippe notwendig sind, wirksamer gegen H5 N1 seien, warnt die WHO. (www.who.int/entity/csr/disease/avian_influenza/guidelines/useofoseltamivir2006_03_17A.pdf.)
GlaxoSmithKline
GlaxoSmithKline(GSK) ist ein grosses Pharmaunternehmen aus Grossbritannien mit Hauptsitz in London und Philadelphia. Im Dezember 2000 ging es aus der Fusion von Glaxo Wellcome und SmithKline Beecham hervor und gehört seither mit etwas über 100 000 Mitarbeitern zu den fünf grössten Pharmakonzernen der Welt. Das Unternehmen gibt für 2004 20 Milliarden britische Pfund und für 2005 22 Milliarden Pfund als Umsatz an. Die Gewinne vor Steuern (operating profit) waren 2005 7 Milliarden Pfund. Der Konzern investiert in eigene Forschung, um neue Medikamentenwirkstoffe zu entwickeln. Das derzeitige Produktportfolio umfasst Impfstoffe zur Prävention und Therapeutika zur Behandlung von Krankheiten. Die Forschungsanstrengungen richten sich auch auf Krankheiten, die vorwiegend in unterentwickelten Ländern verbreitet sind.
Zur Produktepalette gehören unter anderem antivirale Medikamente gegen HIV (Zidovudin/Retrovir®), ein Antigrippemittel, Relenza® (Zanamivir), das mittlerweile ebenfalls einen steigenden Umsatz findet, GSK Biologicals ist ebenfalls einer der grössten Impfstoffhersteller weltweit; die Hauptproduktion ist in Rixensart, in Belgien. GSK ist aktuell intensiv mit der Entwicklung eines neuen Impfstoffes gegen das Vogelgrippevirus H5 N1 beschäftigt. Zweifellos sieht GSK im riesigen Markt der Impfstoffe ein «explosives» Potential. Jean Stéphenne, Präsident und Generalmanager bei GSK Biologicals, meint: «Das GSK-Impfstoff-Geschäft geniesst ein explosives Wachstum. Wir haben eine enorm potente Palette an neuen Produkten in der Pipeline [?], inklusive innovativer Impfstofftechnologien, die uns an die Spitze dieses Wettbewerbs bringen werden.» «GSK hat ihre Kapazität betreffend der weltweiten Impfstoffversorgung durch Entwicklung eines weltweiten Herstellungsnetzwerkes erhöht, das sich auf 3 Hauptzentren in Europa, Nordamerika und Asien stützt.» So in Dresden in Deutschland (Influsplit/Fluarix), in Gödöllö in Ungarn (Diphterie, Tetanus und Pertussis/Keuchhusten), in Marietta, Pennsylvania (Grippeimpfstoffe) und in Seattle (Immunstimulantien) sowie in Singapur (Impfstoffe für Kinder).
Ist Pascal Couchepin
bei GlaxoSmithKline «embedded»?
In diesem internationalen Verstrickungsnetz fällt das Agieren von Bundesrat Pascal Couchepin äusserst unangenehm auf: In Zeiten der Kriege und der Krisen darf die nationale Versorgung mit Impfstoffen nicht von ausländischen und v. a. amerikanischen Impfstoffherstellern abhängig gemacht werden. Angesichts der oben erwähnten Schilderungen wäre die Sicherheit von Patienten und der Bevölkerung in Zukunft nicht mehr gesichert. Zu verstrickt sind dabei wirtschaftliche Interessen und Monopolansprüche. Gerade jetzt müsste der Bundesrat Besinnung und kühlen Kopf bewahren, die Landesversorgung in nationale Hände geben und unabhängig bleiben. Von der Firma Berna bestehen auch konkrete Vorschläge, die der Bundesrat nicht abweisen darf. Die Stärkung eigener Firmen, eigener Fachkompetenz und Know-how sowie der eigenen Forschung wäre hier dringendst vonnöten und muss oberstes Anliegen von Bundesrat und Parlament sein. Und wenn Herr Couchepin hier nicht zur Vernunft zu bringen wäre, dann müsste dieser Entscheid von anderer Seite eingefordert werden. Ein Pascal Couchepin ist ersetzbar ? die Sicherheit und Gesundheit der Bevölkerung aber nicht. ?
*vgl. Zeit-Fragen Nr. 47, S. 12