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Appell an intellektuelle Redlichkeit im Diskurs über den Nahen Osten

N. Finkelstein: «Beyond Chutzpah. On the Misuse of Anti-Semitism and the Abuse of History»

von Prof. Dr. Alfred de Zayas, Genf*

«Chutzpah» meint in Jiddisch etwas zwischen «Frechheit» und «Unverschämtheit». Das Wort befindet sich inzwischen im Oxford English Dictionary und avancierte in Amerika sogar zum Modewort mit positivem Unterton, nämlich «Kühnheit». In diesem Sinne betitelte der umstrittene Harvard-Rechtsprofessor Alan Dershowitz, Strafverteidiger von O. J. Simpson (erfolgreich) und Mike Tyson (ohne Erfolg) seine Autobiographie «Chutzpah». Seine Nemesis heisst Norman Finkelstein, Professor für ­Politikwissenschaften an der DePaul University in Chicago.

Finkelstein ist Sohn von Holocaust-Überlebenden, die nach Amerika auswanderten, wuchs in New York auf und setzt sich seit seiner Dissertation für einen gerechten Ausgleich zwischen Israeli und Palästinensern ein. Zusammen mit Ruth Bettina Birn schrieb er das bedeutende Buch «A Nation on Trial» (1998), das die Thesen von Daniel Goldhagen (von diesem Rezensenten in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» vom 12. Juni 1996 besprochen) vernichtend kritisierte, dann folgte sein Bestseller «Die Holocaust-Industrie» (Piper), in welchem er die pietätslose Kommerzialisierung des Leidens der Juden anprangerte. Nun rechnet er mit Dershowitz ab, dem führenden publizistischen Anwalt des Zionismus in Amerika.
In 9 Kapiteln und drei Anlagen beschäftigt sich Finkelstein vor allem mit den Dershowitz-Thesen in dessen Buch «The Case for Israel» (2003), das in Tausenden von Exemplaren vom israelischen Aussenministerum gekauft und verteilt wurde. Der Titel der neuen Streitschrift Finkelsteins, «Beyond Chutzpah», erklärt sich durch seine Empörung über den Versuch von Dershowitz, die Verbrechen der verschiedenen israelischen Regierungen an den Palästinensern zu bagatellisieren oder gar zu rechtfertigen und die Vertreibung von Hundertausenden Palästinensern seit 1947 gesellschaftsfähig zu machen.
Ein Teil des Buches von Finkelstein besteht aus einer gründlichen Analyse und Widerlegung der Thesen von Dershowitz, und es gelingt ihm, eine Reihe eklatanter sachlicher Fehler und Manipulationen aufzuzeigen. Akribisch zeigt Finkelstein, wo Dershowitz Fakten verbiegt und was er verschweigt, und bezichtigt ihn, das inzwischen als unwissenschaftlich geltende Machwerk von Joan Peters «From time Immemorial» (1984) pla­giiert zu haben.
Gewiss gibt das Dershowitz-Buch Anlass zur Widerlegung, aber Finkelstein geht darüber hinaus, um dem Leser fundamentalere Fragen zu stellen. Schliesslich geht es nicht um die intellektuelle Redlichkeit eines Harvard-Professors, sondern um den Frieden im Nahen Osten und um das Wissen und die Weisheit, die notwendig sind, um das Zusammenleben von Israeli und Palästinensern zu ermöglichen. Hierzu liefert Finkelstein eine Fülle belegbarer Fakten über die jüdische Siedlungspolitik seit der Balfour-Deklaration (1917), und jeweils nach der Peel Commission (1937), der UN-Teilungs-Resolution (1947), der Sicherheitsrat-Resolution 242 (1967), Camp David (2000), Taba (2001) sowie der ersten (1987?93) und zweiten («al-Aqsa»-)Intifada (seit 2000).
Finkelstein setzt sich für eine klare Abgrenzung zwischen einer legitimen Kritik an der Politik Israels und dem vulgären Rassismus bzw. Antisemitismus ein. Er illustriert, wie der Vorwurf des Antisemitismus unter anderem durch die amerikanischen Medien und durch die Anti-Defamation League zum Zwecke der Einschüchterung in der politischen Auseinandersetzung instrumentalisiert wird, was die notwendige offene Diskussion über eine friedliche Lösung im Nahen Osten erheblich erschwert.
Nützlich erweist sich Finkelsteins Auswertung der Jahresberichte von Amnesty ­International 1991?1999 mit entsprechenden Zitaten (S. 155ff.), zahlreicher Berichte von Human Rights Watch (S. 132, 203ff.), Berichten der israelischen Nicht-Regierungsorganisation B?Tselem (Israeli Information Center for Human Rights in the Occupied Territories, S. 131ff.), des UN-Sonderberichtserstatters für die israelisch-besetzten Gebiete, John Dugard (S. 202), des UN-Sonderberichterstatters für Folter, Nigel Rodley (S. 160), sowie seine Hinweise auf die Diskussionen in Plenarsitzungen der Menschenrechtskommission und auf Publikationen von Professor David Kretzmer, ehemaligem Mitglied des UN-Menschenrechtsausschusses (unter anderem «The Occupation of Justice») (S. 208ff.) und von Professor Edward Said (unter anderem «The Question of Palestine») (S. 121ff.).
Zu bedauern ist, dass Finkelstein die einschlägigen Berichte und Schlussfolgerungen des Menschenrechtsausschusses und des Ausschusses gegen die Folter der UN kaum berücksichtigt, auch nicht die Berichte des «Centers for Housing Rights and Evictions (COHRE)», die seine Argumente noch weiter untermauern würden. Eine Diskussion der «Geneva Initiative» von 2003 und der «Road-map» des Quartetts hätte die Analyse abgerundet. Zwar fehlt ein Literaturverzeichnis, doch sind alle Quellen in den mehr als 500 ausführlichen Fussnoten zu finden.
Die bisherigen Rezensionen des vorliegenden Buches sind überwiegend anerkennend (unter anderem «Neue Zürcher Zeitung», Times Higher Education Supplement). Bislang sind die von ihm angeführten Fakten von keiner Seite widerlegt oder seine wissenschaftliche Methodologie entkräftet worden. Die Kritik («Jerusalem Post», Jewish Chronicle UK) ist ad hominem gerichtet. Er wird als «Verräter» und Anti-Zionist bezeichnet. Dies stört Finkelstein ebenso wenig wie der Vorwurf, dass er «Beifall von der falschen Seite» bekommt. Eigentlich wendet er diesen Vorwurf gegen seine Kritiker um, wenn er geltend macht, er schreibe vor allem deswegen, weil die «gute Seite» es versäumt habe, die entscheidenden Fragen anzupacken.
Finkelstein protestiert nämlich gegen die lähmende politische Korrektheit in den amerikanischen Universitäten, und es gelingt ihm, fundamentale Probleme des Zeitgeistes zu verdeutlichen. Wie kommt es, dass wissenschaftlich fehlerhafte Bücher wie jene von Peters, Goldhagen und Dershowitz Bestseller werden können. Zweitens, wie sich Professoren an berühmten Universitäten nicht nur wissenschaftliche Manipulationen, sondern auch Plagiate ohne Konsequenzen leisten können. Drittens, wie es möglich ist, dass trotz der kritischen Beurteilung durch unabhängige seriöse Beobachter der menschenrechtlichen Lage in Israel und der besetzten Gebiete die politische Führung Amerikas die gebotenen Schlussfolgerungen ignoriert und die faktische Kolonisierung Palästinas durch israelische Siedler deckt und finanziert, einschliess­lich der berüchtigen Trennungsmauer? Viertens, warum Israel permanent gegen etliche Resolutionen der Vereinten Nationen und sogar gegen die Advisory Opinion des Internationalen Gerichtshofes vom 9. Juli 2004 mit völliger Straflosigkeit verstossen kann?
Es lohnt sich, dieses Buch ein zweites Mal durchzulesen und darüber nachzudenken, welche Konsequenzen für den politischen Alltag notwendig sind, insbesondere in der Menschenrechtspolitik der EU. Vielleicht sollte die EU versuchen, Einfluss auf Israel zu nehmen und verlangen, dass die UN-Resolutionen in die Tat umgesetzt und die Feststellungen des Internationalen Gerichtshofes respektiert werden. In der Tradition seines Mentors Noam Chomsky mahnt uns Finkelstein, unsere Prinzipien ohne doppelte Moral zu behaupten.    ?

Norman G. Finkelstein: Beyond Chutzpah. On the Misuse of Anti-Semitism and the Abuse of History, University of California Press, Berkeley, 2005, 332 Seiten, Register, 3 Anlagen. www.normanfinkelstein.com/article.php?pg=11&ar=180.
Eine deutsche Übersetzung des Buches ist im Piper-Verlag erschienen unter dem Titel «Antisemitismus als politische Waffe. Amerika und der Missbrauch der Geschichte». Siehe auch Rezensionen in der Website von Professor Finkelstein.

*Der Rezensent ist UN-Beamter im Ruhestand, ehemaliger Sekretär des Menschenrechtsausschusses und Chef der Beschwerdeabteilung im Büro des UN-Hochkommissars für Menschenrechte. Er studierte an der Harvard Law School, als Dershowitz bereits dort Professor war. Er ist Gastprofessor für Völkerrecht an zahlreichen nordamerikanischen und europäischen Universitäten (Chicago, Vancouver, Genf, Trier, Alcala de Henares) Autor des Buches «Die Nemesis von Potsdam» (Herbig 2005) und Präsident PEN International, Centre Suisse romande.