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Trinkwasser ? das blaue Gold des «Acuifero guaraní»

Der entscheidende Kampf um das Wasser beginnt derzeit in Südamerika

von Elvira Ochoa und Frieder Wagner, Köln

Würde man auf einer Weltkarte einzeichnen, wo heute Kriege und Konflikte herrschen, und diese Karte dann auf eine Karte gleicher Grösse legen, auf der die Bodenschätze der Welt eingezeichnet sind, so würden wir feststellen, dass Konflikte und Kriege deckungsgleich sind mit der Karte der Bodenschätze. Zu diesen Schätzen der Erde zählt inzwischen längst auch das «blaue Gold» ? das Wasser.

Darum sind wir nicht mehr sehr weit davon entfernt, dass unser Reichtum nach Litern Wasser gemessen wird. Die Wasserknappheit und die Methoden, an die Trinkwasserreserven der Erde zu gelangen, könnten dramatischer nicht sein. Es ist also absehbar, dass es in ganz naher Zukunft Kriege um das «blaue Gold» geben wird, wie derzeit noch um das schwarze Gold, die Rohölreserven unserer Erde. Denn der Mensch kann ohne Öl überleben, nicht aber ohne Wasser. Ausserdem kann das Öl durch anderes ersetzt werden, das Trinkwasser nicht.
In der südamerikanischen Region, die allgemein «Triple frontera» ? Dreiländergrenze ? genannt wird, dort, wo Brasilien, Argentinien und Paraguay zusammenstossen, liegt das Objekt der Begierde: der «Acuifero guaraní», ein Süsswasserreservoir von 1 194 000 km2 Ausdehnung! Das entspricht einer Fläche so gross wie Portugal, Spanien und Frankreich zusammen. In einer Tiefe von nur ungefähr 900 Metern befinden sich 55 000 km3 sauberes Trinkwasser, ausreichend für die Versorgung der ganzen Menschheit für über 200 Jahre, behaupten renommierte Wissenschafter. Bis jetzt weiss man allerdings noch nicht einmal genau, wie weit sich dieses unterirdische Süsswassermeer ausdehnt. Man vermutet, es könnte sogar bis zu den Anden reichen.
Tatsache ist, dass von dem gesamten Wasservorrat unseres Planeten 90% Salzwasser und nur 2,5% Süsswasser sind. In Europa führen von den 55 grössten Flüssen inzwischen nur noch 5 sauberes Wasser in Trinkwasserqualität. In den USA sind schon 40% aller Flüsse und Seen für Trinkwasser unbrauchbar geworden. Hauptsächliche Ursache ist der Missbrauch von Düngern in der Landwirtschaft. Die Sorge um die wachsende Wasserknappkeit ist also nicht neu.
Im Jahr 2000, am Ende der Ära von US-Präsident Bill Clinton, wurde von den Ex-Beratern der Präsidenten Reagan und Bush senior ein Dokument verfasst, in dem der «Acuifero guaraní» schon angesprochen wird. In diesem Papier hat ein Satz, bei näherem Hinsehen, eine besonders wichtige Bedeutung ? er lautet:

«Die Vereinigten Staaten von Nordamerika müssen sich versichern, dass die Naturreserven, die auf diesem Planeten vorhanden sind, für die nationalen Prioritäten der USA zur Verfügung stehen.»
Die von den USA kontrollierte Weltbank finanziert seit 2001 Forschungsarbeiten rund um den «Acuifero». Universitäten, Techniker und Wissenschafter aus den Anrainerstaaten werden dafür bezahlt, dass sie alle Informationen zusammentragen, die zur Nutzung des «Acuifero» dienen. Wichtigstes Forschungsziel ist die Bestimmung der Ausdehnung dieser Wasserreserven, die Entwicklung von Strategien zur Vermeidung von Umweltverschmutzungen vor Ort und die «nachhaltige Sicherung» und permanente Kontrolle der Region.
Stefan Thimmel von den «Lateinamerika-Nachrichten» schreibt: «Die Weltbank-Experten haben ihre Lektion inzwischen gelernt. «Nachhaltigkeit» klingt um so vieles besser als Liberalisierung und Privatisierung. Mit dem Argument der «nachhaltigen Sicherung der Reserven» soll dem privaten Sektor der Zugang auf den «Acuifero» geöffnet werden, und nur ausgewählte und ständig kontrollierte Akteure werden dabei zugelassen.»
Der Holländer Axel van Trotsenburg, Regionaldirektor der Weltbank, hat bei der Unterzeichnung eines Abkommens mit den Ländern des «Mercosur» in Uruguay im Jahr 2003 betont, wie wichtig es ist, dass diese Länder eingesehen haben, dass man den «Acuifero erhalten und pflegen» muss. Das vorbereitende Projekt kostet über 27 Millionen Dollar, und die Weltbank ist allein mit 13,4 Millionen dabei. Dieses und ähnliche Projekte werden von Konzernen, die schon weltweit die grössten Wasserrechte besitzen, mitfinanziert, wie zum Beispiel von Coca-Cola und Nestlé. Beide nehmen inzwischen Spitzenpositionen im Geschäft mit dem Wasser ein.
In Südamerika, wo sich 47% der Weltreserven des sauberen Wassers befinden, hat die grosse Schlacht um diesen Reichtum schon längst begonnen. Die Präsenz der Jäger nach dem «blauen Gold» in der Region hat merkwürdige Gesichter: In Foz de Iguazú, einer brasilianischen Stadt an der Grenze zum «Acuífero», wird von den USA seit Jahren eine angeblich «terroristische Zelle» vermutet, ohne dass je ein Hinweis dafür gefunden wurde. Einer der Hauptverdächtigen ist dort zum Beispiel Ismail M. Muhamed von der libanesischen Gemeinde im Ort. Er erzählt nicht ohne eine gewisse Komik, wie sicher seine Stadt nun inzwischen sei: Es wimmelt von Autos mit grossen Antennen und Männern mit schwarzen Sonnenbrillen, die offensichtlich nicht zum Ort gehören, aber alles beobachten. «Wir werden verdächtigt», sagt Muhamed, «den Terrorismus zu finanzieren, auch wenn seit 10 Jahren diese amerikanische Observation keinen einzigen Beweis dafür gefunden hat.»
US-Truppen sind auch schon längst in Paraguay präsent. In der Stadt Mariscal Estigarribia wurde dafür extra ein Flugplatz gebaut mit Landemöglichkeiten für grosse Flugzeuge vom Typ C-5-Galaxy und B-52-Bombern. Der amerikanische Boschafter in Paraguay, John F. Keane, sprach von einer «humanitären und nicht militärischen Mission». Der paraguayische Journalist Alfredo Boccia Paz sagt: «Diese Missionen sind immer als Hilfe getarnt. Die gibt es auch, aber Paraguay kann nicht all die vielen Agenten kontrollieren, die dabei mitkommen und bleiben. Nehmen Sie doch den Irak, da ist man auch einmarschiert unter dem Vorwand, dort gebe es Massenvernichtungswaffen, mit denen der Irak die freie Welt bedrohe.»
Aber nicht nur Vorbereitungen militärischer Art sind zu beobachten, sondern auch Übungen, zusammen mit den nationalen Streitkräften, im so genannten «präventiven Kampf gegen den Terrorismus».
Eine legalere Möglichkeit, an die Ressourcen des Wassers zu kommen, ist der Kauf von Ländereien dort, wo diese Naturressourcen liegen. Zum Beispiel in der nordargentinischen Provinz Corrientes. Da hat sich Douglas Tompkins, ein amerikanischer Ökologe und Multimillionär, 300 000 Hektar Land auf dem Gebiet des «Acuifero» gekauft. Selbst in einem Land, in dem grosse Latifundien relativ normal sind, ist diese Fläche von 3000 km2 ungeheuer gross. Was Tompkins in dieser Region vorhat, nennt er «den Schutz und die Erhaltung des Acuífero und der Natur». Dafür wurden allerdings viele einheimische Bauern zum Verkauf ihrer Ländereien gezwungen. Nicht einmal das uralte Wegerecht zu ihren Feldern in der Nähe durften sie behalten.
Andererseits sagt der Multimillionär von sich, dass er nur einen weltweiten Kreuzzug gegen «die ökosoziale Krise der Zivilisation» betreibe, zur Rettung der Natur und des Menschen. 1990 verkaufte er seinen aus dem Nichts geschaffenen, weltweit agierenden Modekonzern «Esprit» mit einem Gewinn von 150 Millionen Dollar. 1992 gründete der frühere Bergführer und Trekking-Spezialist eine Stiftung zur Bewahrung der letzten Naturparadiese und ihrer Reserven, den «Conservation Land Trust». Nach einer Reise durch das chilenische Patagonien, wobei er sich in diese Landschaft am Ende der Welt verliebte, kaufte er dort nach und nach 2500 Quadratkilometer Land und fügte es zu einem gigantischen Naturpark zusammen, in dem er die Wildnis so wiederherstellt, wie sie einst war. Heute reicht sein chilenisches Imperium vom Pazifischen Ozean bis zur argentinischen Grenze und teilt so Chile in zwei Teile.
«Tompkins hat unser schmales Land zerteilt», empört sich der konservative Senator Antonio Horvath. Er wittert die Machenschaften eines internationalen grünen Kartells, welches verhindern wolle, «dass Chile sich entwickelt», weiss der Spiegel.
Antisemitische Militärs werfen dem Öko-Millionär sogar vor, er erwerbe das Land im «Auftrag des Weltjudentums» zur Gründung eines neuen Israels. Eine lächerliche Unterstellung, die auch noch nicht einmal neu ist, denn argentinische Militärs haben ähnliche Argumente schon in der argentinischen Diktatur von 1976?83 gegenüber unbeliebten Farmern in Patagonien aufgestellt. Tatsache ist, dass sich der scheinbar gutmütige Naturfan mit der Lachsfarmer-Lobby anlegt, weil diese mit ihren Futterabfällen die Fjorde verschmutzen. Aber auch mit den Provinzgouverneuren streitet sich Tompkins, weil er gegen jede Asphaltierung der Panamericana-Strasse auf seinem Territorium ist. Auf der anderen Seite übergab er dem chilenischem Staat 2004 ein riesiges Schutzgebiet, das er inzwischen in Wildnis zurückverwandelt hat.
Trotzdem muss er sich fragen lassen, für wenn diese Erhaltung der Natur gedacht ist. Sicherlich nicht für Menschen wie Ramón Gómez (73), der wie viele auf Tompkins Gebiet des «Acuifero» das Land verlassen muss­te, das seine Familie seit einem Jahrhundert vom Staat gepachtet und bestellt hatte. Er wurde solange bedroht, bis er verstanden hatte, dass es besser für seine Gesundheit und sein Leben wäre, wenn er die Gegend verlassen würde.
Die argentinische Zeitung «Clarin» schreibt darum: «Verstehen wir uns richtig: Wenn die Weltbank von ?Erhaltung? redet, beinhaltet dies die Nicht-Nutzung dieser Reserven durch die Bevölkerung der Länder, auf deren Territorium sich diese Ressourcen befinden. Nur weil es ?erhalten? werden muss, bis die nötigen Schritte zur Privatisierung und zum Verkauf dieser Ländereien durchgezogen wurden.»
Gegen die «verdeckte» Militarisierung und Privatisierung durch Soldaten, Sicherheitsbehörden und Grossgrundbesitzer wurde Ende Juni 2005 auf dem ersten Sozialforum «Triple Frontera» mobil gemacht. «Wir sind eine Art zukünftiger Irak», so einer der Organisatoren des Forums, «und sicher werden einige von uns von den USA bald zu Saddam Husseins erklärt werden, damit man uns vertreiben kann.»
Die Sorge um die Zukunft des «Acuifero» bewegt darum seit einigen Jahren die Menschen dieser Regionen. Alle reden davon, vom Taxifahrer bis zum Zeitungsverkäufer. Sicherlich hat der Besuch von Danielle Mitterand im September 2005 diese Diskussion erneut angefacht. Die Witwe des früheren französischen Präsidenten François Mitterand engagiert sich seit l998 in einer weltweiten Kampagne gegen die Privatisierung des Wassers. Frau Mitterand kam auf Anregung des argentinischen Friedensnobelpreisträgers Rudolfo Perez Esquivel nach Buenos Aires, um an die argentinische Regierung zu appellieren, dass sie das Abkommen von Rom unbedingt unterschreiben müsse. Ziel dieses Abkommens ist es, dass das Recht auf Wasser für die gesamte Menschheit gilt und nicht eine Handelsware für wenige Reiche ist.
«Wenn der Acuifero in die Hände von multinationalen Konzernen gelangen würde», sagt Perez Esquivel, «wäre dies, nach dem Raub des Goldes durch die spanischen Eroberer, die zweite, noch viel grössere Plünderung und Ausbeutung in der Geschichte Südamerikas.»
Dass der «Acuifero guaraní» den Namen des südamerikanischen Ureinwohners trägt, «sollte deshalb als Warnung und Mahnung gesehen werden, die Geschichte der Ausrottung dieser Ureinwohner und die Plünderung dieses Kontinentes nie zu vergessen», mahnt deshalb Eduardo Galeano, der grosse süd­amerikanische Kultur- und Sozialkritiker.    

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