Zeit-Fragen
Redaktion und Verlag
Postfach
CH-8044 Zürich

Tel. +41 44-350 65 50
Fax +41 44-350 65 51
Zeit-Fragen - Wochenzeitung für freie Meinungsbildung, Ethik und Verantwortung
Sie sind hier:   Startseite  >  2006  >  Sonderausgabe Vogelgrippe vom 8.3.2006  >  Vogelgrippe auf Rügen: Ist das Virus aus dem Labor spaziert? Druckversion

Vogelgrippe auf Rügen: Ist das Virus aus dem Labor spaziert?

Der Zentralverband europäischer Laufentenhalter gibt sich mit Halbwahrheiten nicht zufrieden

Brief des Zentralverbandes europäischer Laufentenhalter ZEL
an das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und VerbraucherschutzReferat 323 - Tierseuchenangelegenheiten

Augsburg, 21.2.2006

Vogelgrippe auf Rügen
hier: Freisetzung von Viren durch Friedrich-Loeffler-Institut, Riems

Sehr geehrte Damen und Herren,

wie gestern in den Medien zu sehen war, hält Wolfgang Fiedler, Direktor der Vogelwarte Radolfzell, drei Szenarien für den Ausbruch der Vogelgrippe auf Rügen für möglich:

1. Menschen haben das Virus eingebracht
2. sehr frühe Zugvögel
3. das Virus ist schon seit Herbst oder noch länger da

Die Zugvögelthese sei unwahrscheinlich, solche Zugvögel seien nicht bekannt. Gegen die These, das Virus sei schon länger da, spreche, dass noch nie ein Vogel gefunden wurde, der klinisch gesund war, aber Viren ausgeschieden habe. Für uns ist deshalb die These, das Virus sei von Menschen eingebracht worden, die wahrscheinlichste.

Der Spiegel schrieb am 18. Februar in seiner Online-Ausgabe: «Nach Angaben des ZDF entdeckten Reporter bei einem Hubschrauberrundflug Hunderte toter Vögel an der Südspitze der Halbinsel Bug, zwischen Rügen und der Halbinsel Ummanz sowie einige hundert Meter entfernt von der Insel Riems, dem Sitz des Bundesforschungsinstitutes für Tiergesundheit.» Es ist extrem auffällig, dass diese dokumentierten Fundorte in unmittelbarer Nähe des Friedrich--Loeffler-Instituts (FLI) und davon ausgehend in Nordrichtung mit der dort vorherrschenden leichten Meeresströmung an der Westküste Rügens entlang liegen. Zur Verdeutlichung verweisen wir auf die beiden Grafiken im Anhang. Auffällig ist weiter, dass es sich laut Thomas Mettenleiter, dem Leiter des FLI, um einen Erreger handelt, der nahe verwandt mit einem in der Mongolei und am Quinghai-See in China entdeckten Virus ist, also einen sehr weiten Weg hinter sich gebracht haben muss. Nach eigenen Angaben bewahrt das FLI genau solche Virusisolate aus bestätigten Seuchenfällen auf und hält Referenzvirusstämme vor.

Die Wahrscheinlichkeit, dass trotz sorgfältigen Umgangs mit biologischem Material Viren aus dem Institut heraus in die Umwelt gelangen konnten, ist uns der Höhe nach nicht bekannt; es muss jedoch auf Grund des zuvor Gesagten angenommen werden, dass sie grösser als Null ist. Im Sinne eines Worst-Case-Szenarios gehen wir davon aus, dass ein Freisetzen des Virus durch das FLI stattgefunden haben kann. Wir erinnern in diesem Zusammenhang auch an die Historie des FLI: Die Insellage wurde wegen der biologischen Risiken für die Bevölkerung gewählt.

Unter Bezugnahme auf das Informationsfreiheitsgesetz vom 5. September 2005 verlangen wir die Vorlage belastbarer amtlicher Informationen, die nachweisen, dass ein Freisetzen des Virus durch das FLI sicher ausgeschlossen werden kann, alternativ die Bestätigung, dass tatsächlich Viren freigesetzt wurden.
Wir bitten davon auszugehen, dass es mit Verbalien der Art «es gibt keinen Hinweis» oder «es liegen keine gesicherten Erkenntnisse vor», wie sie in Risikoanalysen des FLI und Statements Ihres Ministeriums üblich sind, diesmal nicht getan ist. Wir Geflügelhalter haben einen Anspruch darauf, definitiv zu erfahren, ob die Viren aus dem FLI stammen oder nicht. Die Beweislast sehen wir bei demjenigen, der mit dem gefährlichen Virus umgeht, also beim FLI und bei Ihrem Ministerium als dessen Auftraggeber. Bis zur Vorlage einer überzeugenden Antwort muss deshalb gelten, dass Sie ein Freisetzen des Virus durch das FLI nicht ausgeschlossen haben. Für die Beantwortung dieses Schreibens haben wir uns den 3. März vorgemerkt. Unser Schreiben geht in Kopie auch den Fraktionen im Deutschen Bundestag zu mit der Anregung, hieraus eine Kleine Anfrage an die Bundesregierung zu formulieren.

Mit freundlichen Grüssen
Bruno Stubenrauch, Präsident des Zentralverbandes europäischer Laufentenhalter

Der Spiegel schrieb am 18. Februar: «Nach Angaben des ZDF entdeckten Reporter bei einem Hubschrauberrundflug Hunderte tote Vögel an der Südspitze der Halbinsel Bug, zwischen Rügen und der Halbinsel Ummanz sowie einige hundert Meter entfernt von der Insel Riems, dem Sitz des Bundesforschungsinstitutes für Tiergesundheit.»In der Welt am Sonntag war am 19. Februar zu lesen: «Der Erreger sei nahe verwandt mit einem in der Mongolei und am Quinghai-See in China entdeckten Virus, sagt Thomas Mettenleiter, Leiter des Bundesforschungsinstituts für Tiergesundheit.»Ohne Zweifel geht das Friedrich-Loeffler-Institut mit diesem Virus um. Zu den Aufgaben des Nationalen Referenzlabors für Aviäre Influenza im Friedrich-Loeffler-Institut (Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit) auf der Insel Riems gehört nämlich:

 «- die Bereithaltung von Referenzvirusstämmen
- die Aufbewahrung von Virusisolaten aus bestätigten Seuchenfällen». (www.fli.bund.de/Leistungsuebersicht.1033.0.html)

 Nach einem Bericht in der Zeitung «Die Welt» vom 9. August 2005 wird im FLI ausser-dem aktiv mit dem H5N1-Virus experimentiert.
Im Internet ist inzwischen ein Artikel zu lesen, der sich direkt mit der These auseinandersetzt, das Virus stamme von der Insel Riems: «Vogelgrippe-Virus von der Seuchen-Insel?» (Gerhard Wisnewski, 22. Februar 2006)
Um Licht in die Angelegenheit zu bringen, hat der ZEL am 21. Februar das Verbraucherministerium angeschrieben und um Vorlage belastbarer Informationen gebeten, die ein Freisetzen des Virus durch das FLI entweder definitiv ausschliessen oder bestätigen. 


Das obenstehende Schreiben wurde am 22. Februar auch der FDP-Bundestagsfraktion, der Fraktion DIE LINKE im Bundestag und der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen übersandt mit der Bitte um Prüfung, ob dem Verdacht nicht mit dem parlamentarischen Instrument der Kleinen Anfrage nachgegangen werden sollte.

Am 3. März hat Dr. Bätza vom BMELV geantwortet, ohne jedoch irgendwelche belastbaren, für das FLI entlastenden Daten oder Dokumente vorzulegen. Wegen der Kürze der Antwort kann sie hier komplett wiedergegeben werden:

Von: Rolf.Heuser@bmelv.bund.de

Freisetzung von Viren durch das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI)

Sehr geehrter Herr Stubenrauch, auf Ihre Nachricht zu der genannten Problematik vom 21.2.2006 nehme ich Bezug und wie folgt Stellung: Der auf Rügen festgestellte Virusstamm ist zwar verwandt mit denen in Vietnam und China, aber nicht identisch. Mit dem Ðeuropäischenð Stamm wurde im genannten Institut vor dem ersten Ausbruch auf der Insel Rügen nie gearbeitet. Insoweit sehe ich die geäusserte Vermutung als haltlos.

Mit freundlichen Grüssen
Im Auftrag
Dr. Bätza

Mehr als den Charakter einer Einzelmeinung hat die Mail nicht. Hierzu fehlt es einfach an Substanz. Die Argumentation ist zudem unter Einbezug der Mutationsfähigkeit von H5N1 leicht zu widerlegen. Wir haben deshalb unter nochmaliger Bezugnahme auf das Informationsfreiheitsgesetz «amtliche Informationen» angefordert.

Brief des Zentralverbandes europäischer Laufentenhalter ZEL an das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und VerbraucherschutzReferat 323 - Tierseuchenangelegenheiten

Augsburg, 5.3.2006

Vogelgrippe auf Rügen
hier: Freisetzung von Viren durch das Friedrich-Loeffler-Institut, Riems
Ihre Antwort "Heuser, Rolf" per Mail vom Freitag, 3. März 2006 10:42

Sehr geehrte Damen und Herren,

vielen Dank für die Übersendung der persönlichen Einschätzung von Herrn Dr. Bätza, unsere geäusserte Vermutung sei haltlos.

Leider stellt dieser Zweizeiler aus unserer Sicht keine Antwort des BMELV auf unsere Anforderung belastbarer Fakten zum Ausschluss der Freisetzung von H5N1-Viren durch das FLI dar, schon gar nicht in Hinblick auf die uns gemäss Informationsfreiheitsgesetz IFG vom 5. September 2005 zustehenden amtlichen Informationen.

Die unbelegte Einschätzung von Herrn Dr. Bätza überzeugt uns nicht, sie ist zudem unlogisch und leicht zu widerlegen:
1. Selbstverständlich war das Virus H5N1/Asia in der mit der als «europäisch» bezeichneten Variante verwandten Form im FLI vor dem Ausbruch auf Rügen vorhanden. Alle Virusisolate aus bestätigten Seuchenfällen sind dort vorhanden, wie beim FLI nachzulesen ist. Anders wäre auch keine Diagnose der Verwandtschaft des «europäischen» Virus mit H5N1/Asia möglich gewesen. Und selbstverständlich wird im FLI ständig mit H5N1 umgegangen.

2. Sie können in Veröffentlichungen des FLI auch leicht nachlesen, dass H5N1 gerne und ständig mutiert. Genau diese Fähigkeit zu Mutationen bemüht das FLI und Ihr Ministerium selbst, wenn es um das Verkaufen von Worst-Case-Szenarien geht. Die «europäische» Variante von H5N1/Asia ist auch nicht anders als durch Mutation entstanden. Nichts spricht derzeit dagegen, dass die Mutation eines im FLI vorhandenen H5N1/Asia zu einer «europäischen» Variante entweder im FLI vor Freisetzung oder ausserhalb des FLI kurz nach Freisetzung in den bedauernswerten auf Rügen infizierten Tieren erfolgt ist.

Sollte Ihre zweizeilige Mail tatsächlich die offizielle Antwort des BMELV auf die Anfrage eines besorgten Verbands gewesen sein, ist dies ein Armutszeugnis für Ihr Ministerium. Wir geben hiermit unserer Anfrage nochmals den wohl erforderlichen Nachdruck und verlangen unter Bezugnahme auf § 7 Informationsfreiheitsgesetz vom 5. September 2005 die Vorlage von amtlichen Informationen binnen der vom Gesetz vorgeschriebenen Frist von einem Monat, die wir bereits mit unserem ersten Schreiben vom 21. Februar 2006 in Gang gesetzt sehen.

Wir hoffen, dass es nicht erst zu einer Anzeige gegen das FLI kommen muss und gegen alle Personen, die in irgendeiner Form Beihilfe, auch zur Verschleierung, geleistet haben.

Mit freundlichen Grüssen
Bruno Stubenrauch, Präsident des Zentralverbandes europäischer Laufentenhalter

Quelle: www.zel-eu.de
Abdruck mit freundlicher Genehmigung durch den ZEL