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Silvio Gesell, Hedge-Fonds Amaranth und andere Geschichten

von Dr. rer. publ. W. Wüthrich, Zürich

Die Zinsfrage steht in der Freiwirtschaftslehre von Silvio Gesell im Zentrum. (vgl. Zeit-Fragen Nr. 3 vom 22. Januar) Es war in der Menschheitsgeschichte schon immer umstritten, ob für ausgeliehenes Kapital Zinsen verlangt werden dürfen. Bereits die Perser kannten vor 2500 Jahren ein Zinsverbot. Auch das Alte Testament und der Koran enthalten mehrere Stellen, die das Zinsnehmen verbieten. Die katholische Kirche hat das Zinsverbot im Mittelalter ins kanonische Recht aufgenommen. Wirklich durchgesetzt wurde es jedoch selten.

Vor etwa 100 Jahren hat der Ökonom Silvio Gesell die Bedeutung der Zinsfrage erneut aufgeworfen. Für ihn waren Zins und Zinseszins arbeitsloses Einkommen. Er forderte jedoch kein Verbot. Sondern er plädierte, mit der Geldpolitik das Zinsniveau Richtung «null» abzusenken. Eine Umlaufgebühr sollte den kontinuierlichen Umlauf des Geldes sichern. Silvio Gesell lehnte bereits in der Zeit des klassischen Goldstandards vor dem Ersten Weltkrieg die Golddeckung im Geldsystem ab. Autorisierte Banken sollten Papiergeld ohne Golddeckung herausgeben. Diese «Geldschöpfung» aus dem «Nichts» bzw. aus der Druckerei sollte jedoch dosiert geschehen. Die Geldmenge soll auf die Wirtschaftsleistung, das heisst auf die Menge der angebotenen Güter und Dienstleistungen, abgestimmt werden, so dass keine Inflation entsteht. Dabei sollen auch soziale Kriterien wie die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit mitberücksichtigt werden. ? Das «Freigeld» war ein Schlüssel nicht nur für die Lösung wirtschaftlicher, sondern auch gesellschaftspolitischer Fragen.

Freiwirtschaftsbewegung in der Schweiz

Im 20. Jahrhundert hat das Gedankengut von Silvio Gesell in der Schweiz vielerorts Verbreitung gefunden. 1915 wurde in Bern der Freiland-Freigeld-Bund gegründet, der sich zur Schweizerischen Freiwirtschaftsbewegung weiterentwickelte. 1946 entstand die Liberalsozialistische Partei. Werner Schmid wurde in den National- und Hans Bernoulli in den Ständerat gewählt.
Aufgefallen ist die Kaufkraft-Initiative der Liberalsozialistischen Partei im Jahre 1951. Die Partei reichte mit 89 000 Unterschriften (nur 50 000 waren damals verlangt) eine Verfassungsinitiative ein. Damit sollte die Geldordnung in der Schweiz auf eine neue Grundlage gestellt werden. Die Nationalbank sollte ? losgelöst vom Gold ? die Aufgabe erhalten, den Geldumlauf kontinuierlich auf die Wirtschaftsleistung abzustimmen, so dass die Kaufkraft erhalten bleibt und Arbeitslosigkeit vermieden wird. ? Das Volk entschied sich jedoch anders. Es lehnte die Volksinitiative massiv ab und stimmte mit über 70 Prozent dem Vorschlag des Parlamentes zu, die Golddeckung des Schweizerfrankens in der Bundesverfassung zu verankern.

Neuere Entwicklungen

Im Jahr 1975 hat die Liberalsozialistische Partei in einem gewissen Sinn recht bekommen. Die Mitgliedländer des Internationalen Währungsfonds IWF lösten sich vollständig von der Goldbindung, gaben die Wechselkurse frei und begannen, quasi aus dem «Nichts» Papiergeld zu drucken. Offiziell sollte die Geldmenge zwar auf die Wirtschaftsleistung abgestimmt werden. ? In Wirklichkeit hatten die Währungshüter noch ganz andere Ziele. Es wurde Geld gedruckt oder elektronisch produziert ? auf Teufel komm raus ? bis heute. Die Wirtschaft soll permanent wachsen, Konjunkturschwächen müssen mit Geldspritzen «ausgebügelt» werden, den Bedürfnissen der Finanzwelt muss Genüge getan werden, die ausufernde Staatsverschuldung mit der stetig wachsenden Zinslast muss finanziert werden. Die heutigen und die kommenden Kriege verschlingen viel Geld. ? Ohne die permanente Schaffung neuer Geldmittel könnte all dies nicht finanziert werden. Allein für den Irak-Krieg geben die USA monatlich viele Milliarden Dollar aus. Die Steuern reichen dazu bei weitem nicht aus. ? Silvio Gesell würde sich wundern, was aus seiner Idee der Geldmengensteuerung geworden ist.
Weshalb hat die weltweit massiv ausgeweitete Geldmenge nicht die Preise in die Höhe getrieben? ? Der verschärfte Wettbewerb innerhalb der globalisierten Welt hält die Inflation zurück wie ein Deckel auf dem Kochtopf. Wie lange noch?
Was ist aus dem vielen neugeschaffenen Geld geworden, das in Umlauf gesetzt wurde? ? Die Finanzbörsen schwimmen heute im Geld, das über die elektronischen Computersysteme der Banken in Sekundenbruchteilen an jeden Ort der Welt verschoben werden kann. Das US-Wirtschaftsmagazin «Forbes» schätzt, dass heute weltweit Gelder in der Grössenordnung von 20 000 Milliarden Dollar eine möglichst lukrative Anlage suchen. Auch aus der Statistik lässt sich das Wachstum des Geldumlaufs erkennen. In der massvollen Schweiz hat sich die Geldmenge in den letzten 10 Jahren verdoppelt. Die Wirtschaftsleistung ist dagegen in nur geringem Umfang gewachsen. In anderen Ländern klaffen die zirkulierende Geldmenge und die Wirtschaftsleistung noch weit stärker auseinander.

Hedge-Fonds und Private Equity ? Spiel mit Milliarden

Was geschieht mit dem vielen Geld, das als Folge der oben dargestellten Entwicklung im Umlauf ist und verzinst sein will? Das Zinsniveau ist wegen der Geldschwemme zwar in vielen Ländern relativ niedrig. Im Bereich der Vermögensanlage steht der Zins jedoch nicht mehr im Zentrum. Heute spricht man von der Rendite. Diese baut nicht nur auf dem Zins und der Dividende auf, sondern zielt auch auf Kurs- und Preisschwankungen aller Art. Gemeint sind zum Beispiel die Kursschwankungen der Aktien, das Auf und Ab der Währungen und der Rohstoffpreise. Diese Schwankungen sollen ausgenützt werden, um damit die Rendite zu steigern. Daraus ist eine «Wissenschaft» geworden, die heute kaum mehr jemand überblickt und die sich zum Tummelfeld für Finanzakrobaten entwickelt hat. Die Hedge-Fonds zum Beispiel versuchen all diese Mechanismen professionell auszunützen, um die Rendite der anvertrauten Gelder zu steigern. Dabei werden manchmal riesige Geldbeträge eingesetzt. (vgl. «Was sind Hedge-Fonds?», in: Zeit-Fragen Nr. 2 vom 10.1.2005) Dass der Tanz auf dem hohen Seil gefährlich sein kann, zeigen folgende aktuelle Beispiele: Der US-Hedge-Fonds «MotherRock» hatte gewettet, dass die Gaspreise weiter steigen. Die Rechnung ging nicht auf, so dass der Fonds einen Totalverlust von einer halben Milliarde Dollar erlitt. Dem Fonds «Amaranth» erging es noch schlechter. Auch er wettete auf den Gaspreis. Er verlor im Oktober 2006 innerhalb nur einer Woche 6,5 Milliarden Dollar. Die «Vega Asset Management» verlor im Verlauf des letzten Jahres ebenfalls etwa 6 Milliarden Dollar. ? Mit solchen Beträgen hätte man in der Schweiz die Neat, den 55 Kilometer langen Eisenbahntunnel durch die Alpen, finanzieren können.
MotherRock, Amaranth und Vega sind keine Einzelfälle. 1998 hatte der LTCM-Funds mit zwei Nobelpreisträgern der Wirtschaftswissenschaften in der Geschäftsleitung in kurzer Zeit eine ähnlich hohe Summe verloren. Damals musste Alan Greenspan die CEOs (Geschäftsleiter) der Grossbanken zusammenrufen, um das Finanzsystem vor dem Absturz zu bewahren.
Noch bekannter als die Hedge-Fonds sind heute die Private-Equity-Gesellschaften. Diese sogenannten Beteiligungsgesellschaften gehen ? vereinfacht ausgedrückt ? wie folgt vor: Sie kaufen sich in mittlere und grössere Unternehmen ein. Sobald sie die Macht haben, bauen sie das Unternehmen oft radikal um, um es später als Ganzes oder in Teilen mit Gewinn weiterzuverkaufen. Auch sie verfolgen das Ziel, für ihre Gelder eine möglichst hohe Rendite zu erzielen. Die US-Beteiligungsgesellschaften haben im letzten Jahr (bis September) auf diese Weise im Durchschnitt eine Rendite von 23,6 % erzielt (Thomson Financial).
Vor eineinhalb Jahren hat der damalige SPD-Vorsitzende Franz Müntefering im Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen die Private-Equity-Gesellschaften als «Heuschrecken» bezeichnet. Sie würden «keinen Gedanken verschwenden an die Menschen, deren Arbeitsplätze sie vernichten. Sie bleiben anonym, haben kein Gesicht, fallen wie Heuschreckenschwärme über Unternehmen her, grasen sie ab und ziehen weiter.» Er hat damit eine politische Auseinandersetzung ausgelöst, die noch anhält.
 Wie bei den Hedge-Fonds sind manchmal riesige Geldbeträge im Spiel. Kleininvestoren haben hier keinen Zugang. Dazu drei aktuelle Beispiele: Die US-Gesellschaft «Blackstone» hat vor wenigen Wochen in Texas die Spitalkette HCA mit acht Medizinalzentren für 33 Milliarden Dollar übernommen. Drei andere haben für 22 Milliarden Dollar den Gasversorger «Kinder Morgan» aufgekauft, der ein riesiges Netz für Erdgas betreibt. Die beiden britischen Beteiligungsgesellschaften «TCI» und «Tecra» haben vor kurzem in Holland in einem offenen Brief in Zeitungen aufgerufen, die «ABN Amro» ? eine Grossbank mit 200jähriger Geschichte ? aufzuspalten und die Einzelteile zu verkaufen. Für die Aktionäre würde so ein Mehrwert, das heisst ein Gewinn, entstehen. Die Empörung in der Bevölkerung und in der Regierung war gross.
In den nächsten Monaten werden «Mammut-Deals» erwartet, das heisst Übernahmen für noch nie dagewesene 50 Milliarden Dollar und mehr. Damit kann man fast alles kaufen. Niemand weiss, woher das viele Geld kommt und ob auch politische Ziele damit verfolgt werden. Die immer mächtiger werdende Branche der Beteiligungsgesellschaften soll in diesem Jahr für ihre Aktionen mehr als 1000 Milliarden Dollar zur Verfügung haben. In diesen Tagen wurde bei Aufkäufen die Marke von 50 Milliarden fast erreicht. Die Beteiligungsgesellschaften «Texas Pacific» und «Kohlberg, Kravis und Roberts (KKR)» übernehmen für 45 Milliarden Dollar TXU Corp., den grössten Stromversorger in Texas. Sie gehen dabei Schulden ein von mehr als 30 Milliarden Dollar. Als Vergleich: die Neat, der 55 Kilometer lange Tunnel durch die Alpen, kostet etwa 20 Milliarden Schweizerfranken ?
 Es fällt auf, dass vermehrt grosse Unternehmen aus dem Bereich der Grundversorgung zum Spielobjekt von Finanzgesellschaften werden. In der Schweiz stellen sich Fragen: Was geschieht, wenn der Bund die Post an die Börse bringt und die Mehrheitsbeteiligung an der Swisscom aufgibt? Was geschieht mit unseren noch zahlreichen selbständigen Elektrizitätswerken, wenn der Strommarkt liberalisiert wird ? so wie es die EU verlangt? Was geschieht mit den Spitälern, die möglicherweise privatisiert werden? Geraten sie alle ins Visier von global tätigen Beteiligungsgesellschaften?

Gefahren

Zwischen den Hedge-Fonds und den Private- Equity-Gesellschaften besteht hinsichtlich der Finanzen eine Gemeinsamkeit: Beide finanzieren ihre Aktivitäten in der Regel oft nur zu 20 oder 25 Prozent mit eigenem Geld. Den Rest erhalten sie von den Banken ausgeliehen. Diese profitieren doppelt davon. Einerseits erhalten sie Zinsen, andererseits kassieren sie als Berater für Übernahmen und Fusionen hohe Kommissionen. Der Datenlieferant Thomson Financial berechnete, dass die grossen Investmentbanken für die Begleitung von Übernahmen und Fusionen in der ersten Hälfte 2006 unglaubliche 20 Milliarden Dollar kassiert haben. (FuW, 1. Juli 2006)
Sowohl bei den Hedge-Fonds wie auch bei den Private-Equity-Gesellschaften besteht die Gefahr, dass sie ihre meist riesigen Schulden nicht zurückbezahlen können, wenn ihre Rechnung nicht aufgeht. Banken können deshalb in Schwierigkeiten geraten. Es kann auch schlimmer kommen. Banken sind miteinander vernetzt und können sich gegenseitig in den Abgrund reissen ? so wie beim Dominospiel ein Stein den anderen zu Fall bringt. Daraus kann sich eine Wirtschaftskrise mit katastrophalen Folgen entwickeln.

Überbordender Kapitalismus

Es ist ein Spiel mit Milliarden in einer Zeit, in der unzählige Menschen mit weniger als einem Dollar im Tag auskommen müssen. ? Überbordet der Kapitalismus? Silvio Gesell würde sich wundern, was aus der «Zinsgesellschaft» geworden ist, die er vor 100 Jahren analysiert hatte. Wundern würde sich auch Fjodor M. Dostojewskij, der in seinem Roman «Der Spieler» feinfühlig beschreibt, wie ein Spieler im Casino allmählich den sozialen Bezug zu seiner Umwelt verliert ?
Die oben geschilderten Beispiele deuten darauf hin, dass sich die gesellschaftliche Spaltung vertieft und die Entsolidarisierung sich verstärkt ? einerseits zwischen Teilen der Finanzbranche und der Wirtschaft und andererseits ? tiefergehend ? zwischen Finanz und Gesellschaft.
Nach dem Zweiten Weltkrieg haben liberale Ökonomen und Politiker wie Ludwig Erhard, Wilhelm Röpke und andere Brücken gebaut und den Weg bereitet für die «soziale Marktwirtschaft». Wer setzt heute ihr Werk fort? Wo bleibt die Stimme der Genossenschaftsbewegung? In der Schweiz zum Beispiel soll die Post in eine Aktiengesellschaft umgewandelt werden, die wie in Deutschland oder Österreich früher oder später an die Börse kommt. Post und Swisscom könnten jedoch auch als Genossenschaft organisiert werden. Ihre Kunden und die Gemeinden würden nicht handelbare Anteilsscheine zeichnen und damit ihre eigene Versorgung tragen. Post und Swisscom wären damit dem Finanzpoker entzogen. Migros, Coop, Raiff­eisen und Volg haben längst bewiesen, dass auch grosse Dienstleistungsbetriebe sehr gut als Genossenschaften geführt werden können. Post und Swisscom wären so privatisiert, ohne das Gemeinwohl in Gefahr zu bringen.

Silvio Gesell heute

Am Grundprinzip des Zinses hat sich seit Gesell nichts geändert. Sowohl für den Zins wie auch für die Rendite muss gearbeitet werden. Der Zins oder die Rendite, die an die Anleger bezahlt wird, entsteht nicht aus dem «Nichts». Dahinter ist Arbeit und Mühe. Es sind Kosten, die in die Preise einkalkuliert werden, oder es sind Steuern, die der Staat für die Zinsen aufwenden muss. Noch etwas hat sich seit Silvio Gesell nicht geändert: Damals wie heute werden Kriege geführt, um die Rendite der investierten Gelder zu steigern.
Was ist aus dem Gedankengut von Silvio Gesell geworden? Es lebt. Dazu ein Beispiel aus der Schweiz: Die WIR-Genossenschaft (seit 1998 WIR-Bank) hat ihre Wurzeln in der Freiwirtschaftslehre von Silvio Gesell. Diese grosse Genossenschaft mit heute mehr als 62 000 Klein- und Mittelbetrieben wurde 1934 gegründet. Sie schafft wie eine Notenbank neues Geld aus dem «Nichts» und gewährt damit ihren Genossenschaftern gegen übliche Sicherheiten Kredite ? vor allem langfristige Hypothekarkredite ? und verlangt dafür eine Verwaltungsgebühr von 1 Prozent.
Im Jahr 2005 sind in der Bilanz über 800 Millionen WIR-Franken (1 WIR = 1 Schweizerfranken) ausgewiesen, die auf diese Weise in Umlauf gelangt sind.1 Dieses Genossenschaftsgeld wird von den 62 000 Klein- und Mittelbetrieben als Zahlungsmittel akzeptiert und verwendet ? bis es nach vielen Jahren wieder zurückbezahlt wird. ? Die Zahlungen in WIR-Franken haben im Jahr einen Umfang von etwa 1,65 Milliarden. Wenn man berücksichtigt, dass die Rechnungen jeweils zu 30 bis 40 Prozent in WIR gezahlt werden (der Rest in Schweizerfranken), dann beträgt der Austausch von Gütern und Dienstleistungen zwischen den Mitgliedern mehr als drei Milliarden Franken im Jahr. Auf eine regelmässige Umlaufgebühr (im Sinne von Silvio Gesell) wurde nach einer Experimentierphase verzichtet. Dafür fördert ein Netzwerk von lokalen Organisationen mit Publikationen und Veranstaltungen den regionalen Handel zwischen den Genossenschaftsmitgliedern.
Was 1934 als Experiment begonnen hatte, funktioniert im Rahmen einer Genossenschaft nun schon seit mehr als 70 Jahren. WIR ist heute mehr denn je eine Alternative zur Globalisierung. Es ist wahrscheinlich das ­grösste und beständigste Projekt mit Alternativgeld in Europa. (vgl. Zeit-Fragen vom 9.8.2004)     ?

1 Der grundsätzliche Unterschied besteht ? vereinfacht ausgedrückt ? darin: Die Notenbank verlangt für neu produziertes Geld, das sie dem Bankensystem gegen Sicherheiten zur Verfügung stellt, einen Zins, der höher ist als ihre Herstellungskosten und als ihr Verwaltungsaufwand. Dabei entsteht in der Regel ein Milliardengewinn, der heute zum grossen Teil an die Politik ausgeschüttet wird.

Jagd auf Schweizer Traditionsunternehmen

ww. Als Beispiel für die oft undurchsichtige Vorgehensweise von Private-Equity-Gesellschaften soll hier die Übernahme der schweizerischen Traditionsunternehmen Unaxis (vormals Bührle AG), Saurer und möglicherweise auch Sulzer kurz dargestellt werden.
Wer sind die Akteure? Es sind drei Private-Equity-Gesellschaften: Die österreichische «Victory», die englische «Laxey Partner» und die «Renova Management». Hinter der vor zwei Jahren gegründeten «Renova» steht der russische Oligarch Victor Vekselberg, der 25 Prozent des russischen Erdölkonzerns TNK-BP besitzt.

Ereignisse

(in chronologischer Reihenfolge)
1. Die britische Beteiligungsgesellschaft «Laxey Partner» drängte den Verwaltungsrat von Saurer, mehr Dividende an die Aktionäre auszuzahlen. Zuvor hatte sie einen grossen Teil der Saurer-Aktien aufgekauft.
2. Gleichzeitig bauten «Victory» und «Renova» eine grosse Beteiligung an Unaxis auf.
3. Danach verkaufte «Laxey Partner» seine Saurer-Aktien an «Victory».
4. «Victory» und «Renova» hatten nun genügend Macht, um aus Unaxis und Saurer einen neuen Konzern mit dem Namen «OC Oerlikon» zu konstruieren. Er wird heute fast ausschliesslich von ausländischen Managern geführt.
Vielen bisherigen Aktionären von Saurer und Unaxis fiel es nicht schwer, sich von ihren Aktien zu trennen. Sie erhalten dafür heute an der Börse den doppelten oder den dreifachen Betrag, der noch vor einigen Monaten dafür bezahlt wurde. Auch der Kurs der Sulzer-Aktien hat sich in den letzten Monaten verdreifacht.
5. Es gibt Indizien, dass die gleichen Beteiligungsgesellschaften nun auch versuchen, Sulzer aufzukaufen. «Vielleicht» sagte Victor Vekselberg in einem Interview am Wirtschaftsforum in Davos. Finanzzeitungen gehen heute davon aus, dass sie bereits eine Beteiligung von 25 Prozent aufgebaut haben. Dies genügt in den meisten Fällen für die Ausübung von Macht, weil die restlichen Aktien auf viele Personen verteilt sind, die sich nicht organisieren.
6. Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Vor wenigen Wochen gab «Victory» den Kauf von mehr als 20 Prozent des Berner Technologiekonzerns Ascom bekannt. Die ­Beteiligungsgesellschaft beherrscht damit faktisch auch dieses Traditionsunternehmen.
7. Damit nicht genug: Die Finanzwelt spekuliert, dass auch die beiden Traditionsunternehmen Rieter (Winterthur) und Georg Fischer (Schaffhausen) von «Victory» und Vekselberg ebenfalls still und leise übernommen werden könnten.

Wer wahrt die Interessen der Mitarbeiter und der Region?

Saurer, Sulzer, Rieter usw. sind Unternehmen mit einer gegen 200jährigen Geschichte. Sie sind als Pioniere der Industrialisierung in ihrer Region stark verankert. Ihre Geschichte ist ein Stück Schweizergeschichte. Sie haben zwei Weltkriege, die Wirtschaftskrise in den 1930er Jahren und viele Konjunktureinbrüche durchlebt und überlebt. Ihre Mitarbeiter haben mit der Herstellung von Textilmaschinen, dem Guss von Eisen und Stahl, dem Bau von Dampfmaschinen, Lokomotiven, Eisenbahnwagen, Lastwagen und Postautos, Autobestandteilen, Schiffsmotoren, Turbinen zur Stromherstellung, Pumpen, Heizungen, Telekommunikationsanlagen und Maschinen aller Art das Gesicht der heutigen Schweiz geprägt. Es berührt seltsam, wenn solche Traditionsunternehmen ? Perlen der Schweizer Maschinenindustrie ? zum Spielobjekt von undurchsichtigen Finanzkreisen werden. Wer wahrt die Interessen der Mitarbeiter? Wer hat die Anliegen der Region im Auge? Wer setzt sich ein für die Interessen der Schweiz?

Welche Strategie verfolgen die Aufkäufer?

Man liest, dass Saurer, Unaxis (vormals Bührle) und Sulzer für Russlands Öl- und Gasindustrie interessant sein könnten. Die Interessen des milliardenschweren russischen Oligarchen Victor Vekselberg sind hier beheimatet. Der Eindruck entsteht, dass «Victory», Vekselberg und die Personen, die anonym im Hintergrund agieren, über unbeschränkte Geldmittel verfügen. Nur so lässt sich in kurzen Zeitabständen ein industrielles Grossunternehmen nach dem anderem aufkaufen. Ohne die Hilfe von Banken im Hintergrund wäre dies alles allerdings nicht zu realisieren.
Der Geschäftsführer von «Victory», Ronny Pecik, betont in Interviews, dass er nicht auf kurzfristige Rendite aus sei, sondern längerfristige Interessen habe. Zur Zusammenarbeit mit seinem Geschäftsfreund Victor Vekselberg äusserte sich Pecik wie folgt: Er rechne damit, dass in den nächsten drei bis fünf Jahren viel Kapital aus Russland Investitionsmöglichkeiten im Westen suche. Die Schweiz eigne sich für solche Engagements besonders gut, weil das Land über viel industrielles Know-how verfüge (FuW vom 6.1 und 20.1.2006).
Weiter ist bekannt, dass alte Traditionsunternehmen wie Saurer, Sulzer, Rieter usw. über stille Reserven verfügen, die in ihrer langen Firmengeschichte von vielen Generationen erarbeitet wurden. Diese Reserven sind in der offiziellen Bilanz (zum Beispiel als Bauland) weit unter ihrem wahren Wert aufgeführt. Sollen diese Reserven verkauft werden? Wird der Erlös in die Taschen der Aufkäufer fliessen?

Offene Fragen

Warum investieren die russischen Oligarchen ihre offensichtlich riesigen Geldmittel nicht im eigenen Land für den Aufbau einer gesunden Wirtschaft. Vieles liegt noch im argen. Das Vermögen von Victor Veckselberg zum Beispiel wird auf 16 Milliarden Dollar geschätzt. Seine Beteiligungsgesellschaft «Renova» soll über 10 Milliarden Dollar flüssige Mittel verfügen. Viele Milliarden an Aufbauinvestitionen werden in Russland dringend gebraucht. Weshalb fliessen sie ins Ausland? Wo bleibt die soziale Verantwortung des Kapitals? Weshalb überbordet in Russland der Kapitalismus, noch bevor er richtig begonnen hat? Der erfolgreiche Kapitalismus baut auf einem sozialverantwortlichen Unternehmertum auf. Zügelloser Finanzkapitalismus untergräbt ihn.

Offenlegung und verschärfte Meldepflichten

Für die Schweiz stellt sich nicht nur die Frage der Aufklärung. Woher kommen die riesigen Geldmittel, mit denen ein Unternehmen nach dem andern aufgekauft wird? Was steckt dahinter? Warum sind nicht schon längst gesetzliche Regelungen erlassen worden, die hier Klarheit schaffen. Es hat sich gezeigt, dass Finanzakrobaten immer wieder Wege finden, die bestehenden Vorschriften mit Hilfe von Banken auszutricksen (via Optionsgeschäfte). Stille und leise Übernahmen können in der Schweiz besonders gut abgewickelt werden, weil es an den international üblichen Meldevorschriften und Offenlegungspflichten fehlt. Ist es nicht stossend, dass Unternehmen, die viele tausend Arbeitsplätze anbieten, zu blossen Handelsobjekten verkommen? Das öffentliche Interesse verlangt hier dringend Abhilfe.
    Der Verband der Schweizerischen Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (Swissmem) ist inzwischen aktiv geworden. Im Nationalrat wurde eine Änderung des Börsengesetzes beschlossen. Die Meldepflichten sollen verschärft werden. Unbekannte Raider (Aufkäufer) sollen ihr Visier schneller öffnen müssen, so dass ihr Tun rascher entdeckt würde. Die Gesetzesänderung wird aber nicht so schnell in Kraft treten. Bis dahin kann noch viel passieren. Zudem wird das neue Gesetz das grundsätzliche Unbehagen nicht beseitigen. Die Kreise, die hinter den Beteiligungsgesellschaften stehen, können auch weiterhin verdeckt operieren. Im Falle von «Victory» wird eine undurchsichtige Privatstiftung genannt.

Öffentliches Interesse

Mehrere Generationen haben die Traditionsunternehmen aufgebaut, die in ihrer Region verwurzelt sind und auf die sie stolz sein können. Deshalb hat die Bevölkerung auch Anspruch auf Information und Mitsprache. Eine Art Landsgemeinde müsste abgehalten werden, an der die Fragen ihrer wirtschaftlichen Zukunft debattiert werden.
Wer hat in unserer kurzlebigen Zeit schon realisiert, dass künftig wichtige Wirtschaftsentscheide, die Tausende von Arbeitsplätzen betreffen können, in Moskau oder sonst irgendwo auf der Welt in einem Gremium gefällt werden, das niemand kennt? ? Diese Fragen stellen sich nicht nur in der Schweiz, sondern auch global. Die Finanzminister der G-7-Staaten beschlossen vor wenigen Wochen, eine Expertengruppe einzusetzen. Sie soll bis Mitte Mai einen «Fahrplan» ausarbeiten, um bei Private-Equity-Gesellschaften und bei Hedge-Fonds mehr Transparenz zu schaffen. Diese Thematik soll am nächsten G-8-Treffen behandelt werden, das im Juni in Heiligendamm an der Ostsee stattfinden wird.    ?