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Geopolitischer Bankrott und Realitätsverweigerung der USA

von William A. M. Buckler, The Privateer, Australien

Die prägnanteste Kennzeichnung des Sumpfs der selbstgemachten globalen Probleme, in welche die Vereinigen Staaten abgeglitten sind, stammt von einem Amerikaner. Es ist der US-Marinegeneral und Nato-Befehlshaber John Sheehan. Vier-Sterne-General Sheehan hat sich offiziell geäussert und dabei diesen zentralen Punkt deutlich gemacht.
«Die grundlegendste Sache ist die, dass sie nicht wissen, wo zum Teufel die Reise hingeht», sagte er auf Präsident Bush und alle seine Berater bezogen. Dies identifiziert ? abgesehen von der deftigen Sprache ? eine US-Politik ohne Schwerpunkt.
Eine Politik ohne Schwerpunkt hat weder eine Richtung noch ein Endziel. Sie resultiert deshalb in sinnlosen, zufälligen Aktionen. Der gegenwärtige «Vorstoss» in Bagdad passt genau in diesen Zusammenhang. Dies ist der dritte US-«Vorstoss», und er wird aus den gleichen militärischen Gründe scheitern wie die beiden früheren Versuche. Wie weiter?

Klinische Geisteskrankheit

Eine der klassischen Definitionen von echter Geisteskrankheit ist, wenn eine Person, nachdem sie ihren Verstand verloren hat oder dieser stark eingeschränkt ist, in der Erwartung eines anderen Ergebnisses beim nächsten Versuch immer wieder die gleichen Handlungen wiederholt und dabei alle vorangegangenen gegenläufigen Beweise ignoriert. Ein solches groteskes Beispiel ist Adolf Hitler, der nach dem strategischen Debakel in Stalingrad hervortrat und sich an die deutsche Nation mit einer Rede wandte, in der er mit traumwandlerischer Sicherheit behauptete, dass er Deutschland vorwärts führe in eine sonnige Zukunft und zu einem militärischen Sieg. Die Gestapo war entsetzt, als sie später in allen Städten Deutschlands Graffitis auf Wänden entdeckte. Die Botschaft war eine Variante zum Thema: «Wacht auf!» Die deutsche Öffentlichkeit ­wusste, dass die Kriege, die Hitler begonnen hatte, militärisch verloren waren. Aber sie hatten keinen Ausweg. Auf der einen Seite waren sie mit einem Polizeistaat von beispielloser Grausamkeit konfrontiert und auf der anderen Seite mit dem traurigen und tragischen Entscheid der Alliierten am Gipfel in Casa­blanca, dass das erklärte Kriegsziel der Alliierten eine bedingungslose Kapitulation Deutschlands war. Das Endergebnis war ein Kampf bis zuletzt und ein Krieg, der drei Jahre länger angedauert hat, als er sollte. Unter der Oberfläche verborgen gab es grossen deutschen Widerstand gegen Hitler.

Womit die USA jetzt konfrontiert sind

Politisch gesehen sind die Amerikaner jetzt mit einem Präsidenten konfrontiert, der sich vehement weigert zu erkennen, dass sein militärisches Unternehmen im Irak gescheitert ist. Die Verweigerung des Präsidenten verdammt alle US-Streitkräfte zu einem anhaltenden Verlust der eigenen Männer, ohne dass eine militärische Lösung in Sicht ist. Geostrategisch gesehen sind die Amerikaner mit einer Situation konfrontiert, in der ihr Präsident als einzigen politischen Schwerpunkt das «Ausharren» in der Situation im Nahen Osten hat, bis der nächste Amerikaner das Oval Office übernimmt. Der soll dann das Problem lösen, nicht Bush.

Und in zwei Jahren ?

Dieses «Ausharren» zieht sich zwei Jahre hin. Präsident Bush wird sein Amt tatsächlich nicht vor Januar 2009 verlassen. Im Inneren sind die USA immer noch nicht in der Situation, in welcher die Deutschen im Sommer 1943 waren, ungeachtet des «Patriot Act». Im Deutschland des Zweiten Weltkriegs wurden alle öffentlichen Formen von abweichenden Meinungen durch einen ausgewachsenen ­Polizeistaat grausam bestraft.
 Politisch gesehen gibt es für die Amerikaner zwei Auswege. Sie können den von Demokraten kontrollierten Kongress von der Notwendigkeit überzeugen, Präsident Bush das Geld zu entziehen, damit er beginnen muss, das US-Militär vom Irak und dem weiteren Nahen Osten abzuziehen. Oder sie können mit einer öffentlichen lautstarken Forderung an den Kongress herantreten, ein echtes Impeachment (Absetzungsverfahren) in Gang zu setzen.
Dies sind die beiden einzigen Auswege. Wenn keiner der beiden beschritten wird, werden die Amerikaner sich selbst zu zwei weiteren Jahren mit endlosen Verlusten an Menschenleben, Amerikanern und Irakern, verurteilen. Das wird den Irak in ein menschliches Ödland verwandeln. Es wird zudem die USA zu einer globalen Pariah-Nation machen.

Vor dem strategischen Bankrott

Wahrscheinlich hat Präsident Bush in seinem Luftschloss im Weissen Haus noch nichts davon gehört. In einem Hearing des Armed Services Committee des Senats vom 18. April zur Bereitschaft von Armee- und Marine­korps hat der inzwischen pensionierte Generalmajor Robert Scales bezeugt, dass zwei Drittel der regulären Korps und «praktisch alle unsere Reservekorps» nicht einsatzbereit sind. Der pensionierte US-General Barry McCaffrey, ein Zeuge, der erst vor kurzem aus dem Irak zurückgekehrt ist, hat angefügt, dass die Armee eine «Hintertür-Aushebung» benutzt hat, um «700 000 Soldaten mit dem Verluste-Stopp-Programm über ihre freiwillige Verpflichtung hinaus länger in der Armee zu behalten». Die letzten beiden US-«Vorstoss»brigaden werden im Juni ankommen! Das oben Erwähnte spricht für sich. Präsident Bush steht vor dem strategischen Bankrott, und er weigert sich schlicht und einfach, dem ins Gesicht zu blicken.

Steigende Kosten des verlorenen Krieges

Das Budget des Pentagons für das laufende US-Fiskaljahr (2007) beträgt etwa 456 Milliarden US-Dollar. Die von Präsident Bush vorgeschlagene 10-prozentige Erhöhung für das kommende Jahr wird diese Zahl zu über einer halben Billion Dollar ansteigen lassen ? 501,6 Milliarden US-Dollar für das Fiskaljahr 2008. Eine vorgeschlagene zusätzliche Bewilligung, um die Kriege in Afghanistan und im Irak zu finanzieren, «bringt die vorgeschlagenen Militärausgaben für 2008 auf 647,2 Milliarden US-Dollar».
Das UNHCR, die Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen, nimmt an, dass seit Beginn des Krieges bis zu zwei Millionen Iraker ausserhalb des Landes Zuflucht gesucht haben und dass 1,9 Millionen Iraker aus Furcht um ihr Leben gezwungen worden sind, innerhalb des Irak ihren Wohnort zu verlassen. Syrien hat etwa 1,2 Millionen Iraker aufgenommen, eine Anzahl, die etwa 12 Prozent ihrer eigenen Bevölkerung entspricht. Mhkhaimer Abu Jamous, Generalsekretär des jordanischen Innenministeriums, sagte, dass 750 000 irakische Flüchtlinge seine Regierung im Jahr 1 Milliarde US-Dollar kosten, wodurch die Ressourcen eines Landes mit einer Bevölkerung von 5,6 Millionen aufs äusserste strapaziert werden. Diese Iraker stellen gegenwärtig die grösste Flüchtlingskrise der Welt dar.
Die Schiiten gehen im Irak auf die Strasse. Die Kundgebung fand am 9. April in Najaf statt, an dem Tag, an dem sich der Einmarsch der US-Streitkräfte in Bagdad zum vierten Mal jährte. Mehr als eine Million Iraker, die Tausende von irakischen Nationalflaggen (nicht schiitische Flaggen) in die Höhe hielten, marschierten singend: «Ja, ja Irak, nein, nein Amerika» und «Nein, nein Amerika/Besetzer raus, raus». Präsident Bush wurde dazu aufgefordert ? friedlich. Wenn alle Schiiten im Irak sich mit ihren Waffen gegen die US-Besatzungsmacht erheben, wird es nicht mehr so friedlich sein. Die besten internationalen Schätzungen rechnen damit, dass die 16 Millionen Schiiten im Irak eine Bodentruppe von 460000 Mann aufstellen können.
Tausende schiitische Milizen werden in Iran gemeldet ? wir wiederholen: Iran ?, die sich auf eine grosse Konfrontation vorbereiten. Diese schiitische Truppe steht dem logistischen Hauptkorridor der Amerikaner von Kuwait direkt gegenüber. Würden sich die Schiiten erheben, dann ist es eine militärische Gewissheit, dass dieser Strassenkorridor an zahlreichen Orten unterbrochen sein wird. Damit wären die US-Streitkräfte im Zentral­irak und in und um Bagdad herum eingeschlossen, was eine vollständige strategische Einkesselung der US-Bodentruppen, die sich jetzt im Irak befinden, bedeuten würde. Der einzige Weg heraus führt durch den Nordirak und dann durch die östliche Türkei.

In der eigenen «Grünen Zone» gefangen

Eine US-Senatsgesetzesvorlage würde einen Truppenabzug innerhalb von 120 Tagen erfordern, mit dem Ziel einer Beendigung am 31. März 2008. Die Gesetzesvorlage des Hauses würde verfügen, dass alle Kampftruppen bis zum 1. September 2008 abgezogen werden. Präsident Bush hat mehrmals gesagt, dass er gegen diese Gesetzesvorlage das Veto einlegen wird, selbst wenn sie die 97 Milliarden US-Dollar, die er haben will, beinhaltet.
In den Vereinigten Staaten ist Präsident Bushs Irak-Feldzug der politische Boden entzogen worden.    ?

Quelle: The Privateer, Nr. 576, Ende April 2007
(Übersetzung Zeit-Fragen)