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Gedenkfeier zum 50. Jahrestag von Albert Schweitzers Appell gegen Atomrüstung

dk. Am 23. April 1957 richtete Albert Schweitzer einen aufrüttelnden Appell gegen die Atomrüstung von Radio Oslo aus an die ganze Menschheit. Dies tat er in einer Zeit des angespannten Wettrüstens zwischen den beiden Supermächten USA und Sowjetunion, die nach dem Zweiten Weltkrieg mit Atomversuchen auf dem Bikini-Atoll und in Sibirien begonnen hatten.
Die Internationale Albert Schweitzer Gesellschaft veranstaltete zum Gedenken an diesen Appell an 53 Orten auf der ganzen Welt Feiern, die an diesen Anlass erinnerten. Die erste Veranstaltung fand auf den Marshall-Inseln statt, die zweite in Hiroshima, es folgten Feiern in Europa, in Afrika und schliesslich auch in Los Angeles und San Francisco.
In die Kette dieser Veranstaltungen reihte sich auch die Gedenkfeier in der Heiliggeistkirche in Bern ein, die am 22. April 2007 vom Schweizer Hilfsverein für das Albert-Schweitzer-Spital in Lambarene veranstaltet wurde. Pfarrer Hans Zoss wies in seiner Einführung darauf hin, dass die heutige welt­politische Lage der damaligen nicht unähnlich ist und eine grosse Anzahl von Staaten über Atomwaffen verfügen und diese Staaten offensichtlich auch bereit sind, sie einzusetzen. Die Gefahr, «einmal durch irgend­    einen Zufall auf die blödeste Art in einen Atomkrieg hineinzustolpern», wie Schweitzer dies in einem weiteren Appell ausdrückte, ist nach wie vor nicht gebannt und nimmt, so Pfarrer Hans Zoss, mit der Weiterverbreitung der Atomwaffen eher zu als ab. Die Gedenkfeier sollte denn auch die Mahnung Albert Schweitzers an die Welt ? gerade angesichts der heutigen weltpolitischen Lage ? erneuern.
Das Jugendsymphonieorchester des Konservatoriums Bern unter der Leitung von Ingo Becker spielte die Symphonie Nr. 82 von Joseph Haydn, genannt der «Bär», und die Symphonie Nr. 9 «Aus der Neuen Welt» von Antonin Dvorak und verlieh so der Feier einen würdigen Rahmen und dem Appell den mitreissenden, jugendlichen Schwung.
Danach verlas Rainer Zurlinde die Rede Albert Schweitzers, die damals von Radio Oslo von etwa 150 angeschlossenen Radiostationen in 50 Staaten übertragen wurde:
«Mit anderen, die sich verpflichtet fühlen, in diesen Tagen als Mahner in Wort und Schrift aufzutreten, erhebe ich meine Stimme. Mein Alter und die Sympathie, die mir die von mir vertretene Idee der Ehrfurcht vor dem Leben eingetragen hat, lassen mich erhoffen, dass meine Mahnung mit dazu beitragen kann, der Einsicht, die nottut, den Weg zu bereiten.»
Mit seiner Rede informierte Schweitzer als Arzt über die medizinisch-biologischen Folgen von Kernexplosionen als «nicht zu unterschätzende Gefahr für die Menschheit». Die radioaktive Verseuchung der Atmosphäre durch Atomwaffenversuche und die davon ausgehenden Gefahren für die Gesundheit von Mensch und Tier und für den biologischen Kreislauf auf der Erde werden in dieser Rede eindringlich geschildert. Zu dieser Zeit wurden unter Wissenschaftern bereits die Folgen der regelmässigen Atombombenversuche diskutiert. So war bekannt, dass nach den Atombombenversuchen in Sibirien in Japan regelmässig radioaktiver Regen niederging oder der Columbiafluss in der Nähe eines Atomkraftwerks in Nordamerika verseucht war. Japanische Fischer in der Nähe des Bikini-Atolls wurden ebenfalls durch radioaktiven Ascheregen verseucht und erkrankten. Albert Schweitzer wies auf die Gefahren der radioaktiven Strahlung für die menschliche Gesundheit hin und zeigte auf, dass durch sie schwere Erkrankungen des Blutes entstehen, die zum Tode führen. Bei der Explosion von Kernwaffen gelangen kleinste Partikel in die Atmosphäre und verursachen tiefgreifende Veränderungen unseres Erbguts, deren Folgen vielleicht heute noch nicht absehbar sind und erst in 100 oder 150 Jahren bei unseren Nachkommen deutlich werden: «Nach unserem letzten Gespräch dachte ich darüber nach, dass eine Gefahr dieses Ausmasses durch den menschlichen Verstand nicht leicht zu erfassen ist. Solange ein Tag nach dem anderen vergeht und die Sonne fortfährt, auf- und unterzugehen, scheint der unveränderliche Kreislauf der Natur gleichsam solche Gedanken auszulöschen. Doch wir vergessen, dass die Sonne wie früher auf- und untergehen und der Mond weiter über den Himmel ziehen wird, die Menschheit aber hier auf Erden eine Situation herbeiführen kann, in der Sonne und Mond auf eine von allem Leben entblösste Erde herabblicken werden.» (Albert Schweitzer, zitiert nach Cousins, Norman: Albert Schweitzers Mission: Healing and Peace, New York, London 1985, S.106)
Albert Schweitzers Appell fand damals überall auf der Welt nachhaltiges Echo. In den USA löste er eine öffentliche Diskussion aus. In der «New York Times», im Saturday Review und anderen Blättern erschien seine Rede in voller Länge. Obwohl Schweitzer auch mehrfach stark angegriffen wurde, wurde schliesslich ein Teilerfolg erreicht, nämlich dass Verhandlungen über den Stopp der Atomtests in Genf begannen, die schliess­lich 1963 zum Moskauer Abkommen über die Einstellung von Versuchsexplosionen in der Atmosphäre, im Kosmos und unter Wasser führten.
Angesichts der angespannten weltpolitischen Lage und der Tatsache, dass heute sehr viel mehr Staaten über Atomwaffen verfügen, die weitaus zerstörerischer sind, ist Albert Schweitzers Mahnung aktueller denn je: «Zurzeit haben wir die Wahl zwischen zwei Risikos. Die eine besteht in der Fortsetzung des unsinnigen Wettrüstens in Atomwaffen und der damit gegebenen Gefahr eines unvermeidlichen und baldigen Atomkriegs, das andere im Verzichten auf Atomwaffen und in dem Hoffen, dass Amerika, die Sowjetunion und die mit ihnen in Verbindung stehenden Völker es fertigbringen werden, in Verträglichkeit und Frieden nebeneinander zu leben. Das erste enthält keine Möglichkeit einer gedeihlichen Zukunft. Das zweite tut es. Wir müssen das zweite wagen.» (Albert Schweitzer, zit. nach: Ehrfurcht vor dem Leben und Weltverantwortung ? Albert Schweitzers Appelle gegen die Atomrüstung, Christian Jenssen, Berlin, Günsbacher Hefte 9, hrsg. vom Internationalen Albert-Schweitzer-Zentrum, F-68140 Günsbach, S. 30) ?

«Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will»

Wenn ich über das Leben nachdenke, empfinde ich die Verpflichtung, jeglichen Willen zum Leben in meiner Umwelt dem meinen gleichzuachten.
Die Grundidee des Guten besteht also darin, dass sie gebietet, das Leben zu erhalten, zu fördern und zu seinem höchsten Wert zu steigern; und das Böse bedeutet: Leben vernichten, schädigen, an seiner Entwicklung hindern. (S.111)
Heute sind wir in der Lage, aus Erfahrung über den Völkerbund in Genf und über die Organisation der Vereinten Nationen (Uno) reden zu können.
Institutionen dieser Art können Bedeutendes leisten, indem sie in entstehenden Streitigkeiten zu vermitteln suchen, die Initiative zu Beschlüssen und zu gemeinsamen Unternehmungen der Nationen ergreifen und was dergleichen wertvolle, zeitgemässe Dienstleistungen mehr sind. [?] Wie wäre es den Flüchtlingen und Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg ergangen, wenn es die Uno nicht gegeben hätte, die sich ihrer annehmen konnte!
Aber den Zustand des Friedens herbeizuführen, haben diese beiden Institutionen nicht vermocht. Sie bemühten sich vergeblich darum, weil sie es in einer Welt unternehmen mussten, in der keine auf die Verwirklichung des Friedens gehende Gesinnung vorhanden war. Als juristische Institutionen konnten sie diese Gesinnung nicht schaffen. Dies vermag nur der ethische Geist. (S.122)
Zu welcher Macht der Geist es bringen kann, ist im Verlaufe des 17. und 18. Jahrhunderts offenbar geworden. Er hat damals die Völker Europas, unter denen er auftrat, aus dem Mittelalter herausgeführt, indem er dem Aberglauben, den Hexenprozessen, der Folter und so mancher überlieferten Grausamkeit und Torheit ein Ende machte. An Stelle des Alten hat er ein Neues gesetzt, welches den, der dieses Geschehen verfolgt, immer wieder erstaunen lässt. Was wir an wahrer, innerlicher Kultur je besessen haben und noch davon besitzen, geht auf jenes Auftreten des Geistes zurück. (S. 123)
 Nur in dem Masse, als durch den Geist eine Gesinnung des Friedens in den Völkern aufkommt, können die für die Erhaltung des Friedens geschaffenen Institutionen leisten, was von ihnen verlangt und erhofft wird.
Noch aber leben wir in der Zeit der Friedlosigkeit. Noch müssen sich die einen Völker durch die anderen bedroht fühlen. Noch muss jedem das Recht zugestanden werden, sich mit den furchtbaren Mitteln, über die wir verfügen, zu seiner Selbstverteidigung bereit zu halten.
In dieser Zeit schauen wir aus nach einem ersten Zeichen des Wirkens jenes Geistes, dem wir uns anvertrauen müssen. Es kann in nichts anderem bestehen, als dass die Völker damit beginnen, das, was sie sich im letzten Krieg angetan haben, nach Möglichkeit wiedergutzumachen. Viele Tausende von Gefangenen und Deportierten warten darauf, dass sie endlich in die Heimat zurückkehren dürfen, ungerecht in der Fremde Verurteilte, dass sie freigesprochen werden, nicht zu reden von so vielen anderen Ungerechtigkeiten an Einzelnen, die wiedergutzumachen sind.
(S. 127)
Regierungen können durch solche, die anderer Meinung sind, abgelöst werden. Die Völker sind das Bleibende. Ihr Wille ist das Entscheidende.
In unserer Zeit müssen wir uns also darüber im klaren sein, dass, wenn keine öffentliche Meinung der Völker für die Abschaffung der Atomwaffen vorhanden ist, diese nicht durchgeführt werden kann.
 Nicht alle in Frage kommenden Regierungen sind sich dessen bewusst. Es gibt auch solche, die die Abschaffung der Atomwaffen und den dadurch ermöglichten Frieden wünschen und planen, es aber nicht für erforderlich erachten, dass eine diese fördernde und garantierende öffentliche Meinung in ihren Völkern aufkomme. Sie ziehen es vor, es mit einer unbestimmten öffentlichen Meinung zu tun zu haben, die sie nach Belieben dirigieren können. Die Lenkung der öffentlichen Meinung ist ja eine Hauptbeschäftigung der Regierungen in unserer Zeit.
Wo wir heute darauf ausgehen müssen, durch die baldige und völlige Abschaffung der so reichlich vorhandenen Atomwaffen zu einem dauernden Frieden zu gelangen, darf man in keinem der beteiligten Länder in der Illusion verbleiben, dies ohne eine die Abschaffung fordernde und sie garantierende öffentliche Meinung verwirklichen zu können.
Die Völker als solche müssen gegen die Atomwaffen sein, wenn es gelingen soll, diese loszuwerden. (S. 136/137)
Ich bin der Zuversicht, dass der aus der Wahrheit kommende Geist stärker ist als die Macht der Verhältnisse. Meiner Ansicht nach gibt es kein anderes Schicksal der Menschheit als dasjenige, das sie sich durch ihre Gesinnung selber bereitet. Darum glaube ich nicht, dass sie den Weg des Niedergangs bis zum Ende gehen muss.
Finden sich Menschen, die sich gegen den Geist der Gedankenlosigkeit auflehnen und als Persönlichkeiten lauter und tief genug sind, dass die Ideale ethischen Fortschritts als Kraft von ihnen ausgehen können, so hebt ein Wirken des Geistes an, das vermögend ist, eine neue Gesinnung in der Menschheit hervorzubringen.
Weil ich auf die Kraft der Wahrheit und des Geistes vertraue, glaube ich an die Zukunft der Menschheit. Ethische Welt- und Lebensbejahung enthält optimistisches Wollen und Hoffen unverlierbar in sich. Darum fürchtet sie sich nicht davor, die trübe Wirklichkeit so zu sehen, wie sie ist. (S. 163) ?

Quelle: Albert Schweitzer, Die Ehrfurcht vor dem Leben, München 1966, ISBN 3 406 49448X