Wie die kroatische PR-Maschinerie mit «Ruder Finn» auf Polarisierungskurs ging
Auszug aus dem Buch «Kriegstrommeln ? Medien, Krieg und Politik» von Mira Beham*
zf. Bei der Zerschlagung Jugoslawiens setzte der Westen auf weltweit agierende PR-Firmen. Diese bereiteten den Lügenboden für die darauf folgenden völkerrechtswidrigen Nato-Bombardierungen. Die gleichen Propagandateppiche legten US-amerikanische Firmen wie Ruder Finn und andere für Kroatien, Bosnien-Herzegowina und die Kosovo-Albaner. Exemplarisch sei hier aus dem Werk «Kriegstrommeln» von Mira Beham der Fall Ruder Finn/Kroatien abgedruckt.
Im Frühjahr 1991 gab es zwei immer stärker miteinander rivalisierende politische Optionen für das zerfallende Jugoslawien. Auf der einen Seite wurde für ein Zusammenhalten des Staates plädiert, bis alle strittigen Dinge zwischen den Konfliktparteien einvernehmlich geklärt waren. Diese Position vertrat die Europäische Gemeinschaft, gefolgt von den USA. Die internationale Gemeinschaft war zudem der Auffassung, es handle sich um einen ethnisch-nationalen Konflikt. Noch in der Vereinbarung von Brioni vom 7. Juli 1991, die zwischen der Ministertroika der EG und den jugoslawischen Konfliktparteien getroffen wurde, war die Rede von den «Völkern Jugoslawiens», die über ihre Zukunft selbst entscheiden sollten. Auf der anderen Seite drängten die politischen Führungen Kroatiens und Sloweniens auf eine schnelle Sezession aus dem jugoslawischen Staatsverband und die völkerrechtliche Anerkennung ihrer Republiken als Staaten, um damit eine Internationalisierung des Konflikts herbeizuführen. Am 25. Juni 1991 erklärten die beiden Republiken ihre Unabhängigkeit, was zum endgültigen Ausbruch der bewaffneten Konflikte führte.
Trotz der in Brioni vereinbarten Aussetzung der Unabhängigkeitserklärungen für drei Monate und der damit verbundenen Auflage, ein innerjugoslawisches Einvernehmen über den Fortbestand oder die Auflösung des jugoslawischen Staates zu finden, begann Kroatien für seinen «Staat» und dessen politische Interessen professionelle Werbung ausserhalb Jugoslawiens zu machen. Am 12. August 1991 engagierte die kroatische Regierung die amerikanische Public-Relations-Firma Ruder Finn Global Public Affairs, die später auch die PR-Kampagnen für Bosnien-Herzegowina und die Albaner aus der serbischen Provinz Kosovo führen sollte. In dem Rechenschaftsbericht von Ruder Finn an das US-Justizministerium über den Vertrag mit Kroatien heisst es, dass die Firma «Public-Relations-Massnahmen und Dienstleistungen für Regierungsangelegenheiten» übernimmt, mit dem Zweck, «Strategien und Taktiken für die Kommunikation mit Mitgliedern des US-Repräsentantenhauses und des Senats zu entwickeln und umzusetzen sowie mit Beamten der Exekutivorgane der US-Regierung, einschliesslich derer im State Department, im Nationalen Sicherheitsrat und anderen relevanten Abteilungen und Dienststellen der US-Regierung sowie mit US-amerikanischen und internationalen Nachrichtenmedien». (S. 159?160)
«Rücksichtslose Lügen und Falsifikate»
[?] In einem Konflikt, der massgeblich auf einen Konsens angewiesen war, ging die kroatische PR-Maschinerie auf Polarisierungskurs. Vom 1. bis zum 23. Oktober 1991 verteilte Ruder Finn im amerikanischen Kongress Informationsmaterial, das Kroatien als das Opfer einer grossserbischen Aggressionspolitik auswies. Videoclips mit schrecklichen Bildern von Tod und Zerstörung durch die serbischen «Aggressoren» wurden produziert und unter dem Motto «Stop the War in Croatia» weltweit gesendet. Carl Gustav Jacobsen, Professor an der Carleton University im kanadischen Ottawa und Direktor des «Unabhängigen Komitees für Kriegsverbrechen auf dem Balkan», hat mit zwei Kollegen in einer Analyse festgestellt, dass die Kosten der kroatischen TV-Werbekampagne in verschiedenen kanadischen und US-amerikanischen Fernsehanstalten jene von Coca-Cola und Pepsi zusammengenommen übertrafen.
Das Image, das sich Kroatien im Ausland aufbaute, war das eines jahrzehntelang vom Serbokommunismus unterdrückten Volkes, dessen demokratischer Freiheitswille und Streben nach Selbstbestimmungsrecht vom grossserbischen Expansionismus erstickt werden solle. Aus einem ethnisch-nationalen Konflikt wurde ein Konflikt zwischen zwei Ideologien konstruiert: zwischen Nationalbolschewismus und Demokratie. Der Tenor der Kampagne wird aus einer im November 1991 in Deutschland von der Partei des kroatischen Präsidenten Tudjman, HDZ, herausgegebenen und verbreiteten Propagandaschrift erkennbar: «Der Krieg Serbiens gegen Kroatien ist das blutige Finale des schon lange vorbereiteten grossserbischen Eroberungsplans. Dieser monströse Plan wird von der offiziellen serbischen Politik entworfen und durchgeführt. Er kann also keine Folge der angeblichen Fehler der neuen kroatischen Regierung sein, die durch ihren angeblichen Extremismus die serbische Bevölkerung bedrohe, was die Aggression gegenüber Kroatien rechtfertigen konnte. Es handelt sich um eine aggressive und expansionistische Strategie, die mit den Plänen und mit der Politik Hitlers, Mussolinis und Stalins identisch ist, die fremde Länder, andere Völker, ihre Freiheit und die «Würde des Menschen vernichten wollten. Um ihre Ziele zu erreichen, bedient sich diese Politik der rücksichtslosen Lügen und Falsifikate, der Täuschung des eigenen Volkes und der Weltöffentlichkeit, um Massenzerstörungen, Massaker an der Zivilbevölkerung, Vernichtung der Kulturdenkmäler, Kirchen, Kindergärten, Altersheime, Krankenhäuser und Bibliotheken zu rechtfertigen.[?] Wir sind überzeugt, dass die demokratische Welt, vor allem Westeuropa, nicht erlauben wird, dass ein Staat und ein Volk, das mehr als dreizehn Jahrhunderte hier lebt und einen Teil der europäischen Geschichte und Kultur darstellt, vernichtet werden».
Alle Stereotypen aufgewärmt
Inwieweit es sich bei diesen Behauptungen selbst um «rücksichtslose Lügen und Falsifikate» handelt, soll später erörtert werden. Fest steht, dass Kroatien bei seiner Imagebildung auf ein altes Stereotyp gebaut hat, nämlich die Zugehörigkeit der katholischen Kroaten zur westlichen Zivilisation. Zugleich wurden die Serben in die Ecke der Barbarei gedrängt ? auch ein altes Stereotyp, nämlich das der «orientalischen» orthodoxen Serben, die unter jahrhundertelanger osmanischer Herrschaft «verwildert» sind. Mit dem Hitler-Vergleich schliesslich wurde ein Propagandamuster etabliert, das sich später als äusserst wirkungsvoll erweisen sollte.
Am 12. November 1991 verlängerte die Republik Kroatien ihren Vertrag mit der Firma Ruder Finn bis zum Mai 1992. Das Angebot von Ruder Finn wurde in einem Brief vom 8. November an Dr. Frane Golem formuliert, den von der kroatischen Regierung für diese Zwecke autorisierten Repräsentanten in den USA. In dem Brief hiess es, dass die Firma für den unabhängigen Staat Kroatien lobbyistisch tätig sein wird in bezug auf «Anerkennung, Sanktionen und Embargos [?], Briefings für Beamte der Regierung Bush und Vorbereitung von speziellem Hintergrundmaterial [?], Bereitstellung von Presseerklärungen, Beratungsstellen für Medien und Pressekonferenzen, Leserbriefen und reaktiven sowie proaktiven Artikeln, Briefings für Journalisten, Kolumnisten und Kommentatoren ?»
Im Januar und Februar 1992 organisierte Ruder Finn darüber hinaus Reisen von Kongressabgeordneten nach Kroatien. Am 7. April 1992 wurde der unabhängige Staat Kroatien von den USA anerkannt. Als der Vertrag im Mai 1992 auslief, war die PR-Firma nach eigenen Angaben noch bis 1993 im Rahmen einer informellen Zusammenarbeit als Beraterin für kroatische Medienstrategien in den USA tätig.
Waterman and Associates ?
Gegen Ende 1992 begann die kroatische Regierung in ein schwerwiegendes Imageproblem zu geraten: Als der bosnische Kroatenführer Mate Boban offen den Anschluss der kroatischen Gebiete in Bosnien an Kroatien forderte und der Krieg zwischen Kroaten und Muslimen ausbrach, wurde die Politik Zagrebs in Bosnien-Herzegowina immer häufiger mit der serbischen Aggressionspolitik verglichen. Westliche Berichterstatter, Kommentatoren und Politiker erhoben den Vorwurf, Kroatien und Serbien wollten sich Bosnien-Herzegowina auf Kosten der bosnischen Muslime untereinander aufteilen. Um dieses Bild zurechtzurücken, engagierte die kroatische Regierung im März 1993 die amerikanische Agentur Waterman and Associates für die Dauer eines Jahres und ein Honorar von 300 000 US-Dollar. Der Waterman-Vertrag sah vor, durch Interventionen bei der US-Regierung, im Kongress, in den Medien und in den wichtigsten wissenschaftlichen Einrichtungen die Behauptung zu widerlegen, Kroatien sei, was die Desintegrationspolitik in Bosnien-Herzegowina anbelangte, in glei-chem Masse schuld wie Serbien: «Diesem Standpunkt muss entgegengewirkt werden», hiess es in dem Vertrag. In der Folge fiel es der Firma Waterman auch zu, den Krieg zwischen Kroaten und Muslimen der amerikanischen Öffentlichkeit aus kroatischer Perspektive zu verkaufen. (S. 162?165)
? manipuliert erfolgreich US-Öffentlichkeit
[?] Der Erfolg kroatischer PR-Bemühungen in den USA lässt sich ? zumindest in seiner zeitlichen Entsprechung ? an der konsequenten Änderung der US-Politik im Balkankonflikt ablesen, die von amerikanischen Meinungsführern im wesentlichen unterstützt wurde. Eine kontinuierlich wachsende Zuwendung der amerikanischen Regierung zum Tudjman-Regime und dessen Anliegen kann man schrittweise nachvollziehen:
? Während die Regierung Bush 1991 noch eine von allen Parteien einvernehmlich ausgehandelte Lösung der jugoslawischen Staatskrise befürwortete, sprach sie im April 1992 die Anerkennung Kroatiens, das sich einseitig unabhängig erklärt hatte, als Völkerrechtssubjekt aus.
? Insbesondere die Regierung Clinton hat sich als Vertreterin kroatischer Interessen gezeigt und operierte von Anfang an mit doppelten Massstäben, was die kroatische und serbische Politik in Bosnien-Herzegowina anbelangte. Als der bewaffnete Konflikt zwischen Kroaten und Muslimen voll entbrannt war, kam die amerikanische Forderung auf, die bosnischen Serben mit einer «lift and strike»-Taktik zu bezwingen, also das Waffenembargo gegen die bosnischen Muslime aufzuheben und gleichzeitig Luftangriffe auf serbische Stellungen und wichtige Verkehrsverbindungen zu fliegen, eine Drohung, die nie gegen die bosnischen Kroaten gerichtet wurde. Auch dann nicht, als der muslimische Ostteil der herzegowinischen Stadt Mostar in Grund und Boden geschossen wurde, nach Angaben der UN ein Verbrechen, das um ein Vielfaches schwerer wog als der Beschuss Sarajevos durch die Serben. Auch gab es keine ernsthaften Einwände dagegen, dass sich der kroatische Präsident Tudjman vorbehaltlos auf die Seite der bosnisch-kroatischen Extremisten stellte.
? Im März 1994 wurde der Krieg zwischen Kroaten und Muslimen durch amerikanische (und deutsch-iranische) Vermittlung mit einem »Friedensschluss« beendet. Die in Washington feierlich unterzeichneten Verträge sahen eine Föderation der bosnischen Kroaten und Muslime sowie eine Konföderation zwischen Sarajevo und Zagreb vor. Die Verträge waren in der bosnisch-herzegowinischen Realität nicht die Tinte wert, mit der sie unterzeichnet wurden, legitimierten jedoch kroatische Ansprüche im «souveränen» Staat Bosnien-Herzegowina und schrieben sie fest. [?]
Vertreibung der Serben und «Konstruktion» von «Srebrenica»
Anfang August 1995 gelang es der kroatischen Armee, in einem Blitzkrieg die seit 1991 von den kroatischen Serben gehaltene Krajina zurückzuerobern. Es waren US-Militärs, die die Pläne für diesen historischen Feldzug entworfen haben, der nach Angaben vom Vermittler der Europäischen Union, Carl Bildt, den Tatbestand der «ethnischen Säuberung», der grössten seit Beginn der Balkankriege, erfüllte und zwischen 200 000 und 250 000 Serben in vier Tagen heimatlos machte. In einer Pressekonferenz erklärte Bill Clinton dazu lapidar, er habe ein «gewisses Verständnis» für das kroatische Vorgehen. Als die Bilder der serbischen Elendstrecks und Nachrichten von Greueltaten und Massakern der kroatischen Soldaten erstmals seit Beginn der Balkankriege ein wenig Weltsympathien auch für serbische Opfer aufkommen liessen, konterkarierte die US-Regierung die Bilder des serbischen Leides mit geheimdienstlichen Luftaufnahmen von Massengräbern bei Srebrenica, die viel schrecklichere Verbrechen der bosnischen Serben suggerierten. Angesichts der vermuteten Tragödie von Srebrenica wurden die kroatischen Verbrechen relativiert. Carl Bildts Vorwurf, Tudjman sei ein Kriegsverbrecher, verhallte im Nichts.
Die unter massivem amerikanischen Druck zustandegekommenen Friedensverträge von Dayton im November 1995 schliesslich liessen die Kroaten als eindeutige und einzige Sieger aus dem Konflikt hervorgehen: Die bosnisch-kroatische Föderation mit einer «offenen Grenze» nach Kroatien wurde nochmals besiegelt und damit auch der erweiterte Einflussbereich des kroatischen Präsidenten Tudjman. Nachdem mehr als 70 Prozent der serbischen Häuser in der Krajina von kroatischen Soldaten niedergebrannt und viele der zurückgebliebenen zumeist alten Menschen ermordet wurden, hatte sich das in Dayton vereinbarte «Rückkehrrecht der Flüchtlinge» für diesen Teil des Balkans von selbst erledigt. Damit hatte die Republik Kroatien die «serbische Frage» im eigenen Land, die eine der Ursachen für den Krieg war, gelöst und ist zu einem ethnisch fast homogenen Nationalstaat geworden. (S. 166?168) ?
Quelle: Mira Beham. Kriegstrommeln ? Medien, Krieg und Politik. München 1996.
ISBN 3-423-30531-2