Zeit-Fragen
Redaktion und Verlag
Postfach
CH-8044 Zürich

Tel. +41 44-350 65 50
Fax +41 44-350 65 51
Zeit-Fragen - Wochenzeitung für freie Meinungsbildung, Ethik und Verantwortung
Sie sind hier:   Startseite  >  2007  >  Nr.25 vom 25.5.2007  >  Die Hamas und Fatah ? instrumentalisiert durch die US-Israel-Kriegsallianz Druckversion

Die Hamas und Fatah ? instrumentalisiert durch die US-Israel-Kriegsallianz

ts. Die Hamas und Fatah sind beide aus der Muslim-Bruderschaft hervorgegegangen ? einer Kreation des Westens. Die Briten hatten die Muslim-Bruderschaften in ihrem Empire aufgebaut, und später setzten (und setzen bis heute) die USA und Israel immer auf diese Karte, um laizistische, soziale und auf das Selbstbestimmungsrecht hinarbeitende Bestrebungen innerhalb des arabischen Raumes zu bekämpfen. Dies weist der US-Amerikaner Robert Dreyfuss in seinem grundlegenden Werk, «Devil?s Game ? how the United States helped unleash fundamentalist Islam», nach.
Die Wurzeln der Hamas, einem Akronym für «Islamische Widerstandsbewegung», auf deutsch «Glaubenseifer» (S. 191), liegen gemäss Dreyfuss in den 30er Jahren. Die von den Briten gesteuerte Muslim-Bruderschaft versammelte stramm antikommunistisch und gegen jeglichen Panarabismus ausgerichtete Moslems.
Diese Muslim-Bruderschaft schlug 1957 in einem Positionspapier vor, dass die palästinensische Bruderschaft eine spezielle Organisation gründen solle, quasi eine Parallelorganisation nebst der eigenen, welche keine sichtbare islamische Färbung oder Agenda aufweise, aber mit dem erklärten Ziel, Palästina zu befreien. (S. 194) Die Bruderschaft gründete alsdann die Liga der Palästinensischen Studenten, von denen einige Führer sich bald vom Islamismus abwandten und den Kern der späteren PLO um Yasser Arafat bildeten. (S. 194)

Teilung der Palästinensischen Bewegung: Muslim-Brüder und/vs. Fatah

Damit war die palästinensische Bewegung geteilt: Die auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker pochenden Nationalisten, welche die Nationale Befreiungsbewegung oder Fatah gründeten, und zwar 1958?59. Und auf der anderen Seite die Islamisten, welche der Muslim-Bruderschaft treu blieben und sich 1960 explizit gegen Fatah stellten. (S. 194)
Ab 1965 begann Fatah mit Guerilla-Attacken gegen Israel und erhielt wegen ihrer Politik der Selbstbestimmung enormen Zulauf. Die Bruderschaft jedoch verlor an Anhängern und zählte vor dem Sechstagekrieg 1967 in der West Bank und in Gaza lediglich knapp 2000 Mitglieder. Während in der West Bank das Königreich Jordanien die Bruderschaft duldete, wurde sie in Gaza durch den ägyptischen Präsidenten Nasser unterdrückt.
Nach dem Sechstagekrieg setzte Israel ganz auf die Bruderschaft, befreite Ahmed Yassin aus der ihm von Ägypten auferlegten Haft und baute ihn und die Bruderschaft als Speerspitze gegen die 1964 gegründete Palästinensische Befreiungsorganisation PLO auf, innerhalb welcher Fatah die stärkste Fraktion bildet (S. 195), dies in der nun von Israel besetzten West Bank und im Gaza-Streifen. Die palästinensische Bevölkerung wurde nun stark islamisiert: So wuchs die Zahl der Moscheen unter israelischer Schirmherrschaft im Gaza-Streifen von 1967 bis 1987 von 200 auf 600 und in der West Bank von 400 auf 750. (S. 195)
1973 gründete Yassin dann unter dem wohlwollend-wachsamen Auge des israelischen Inlandgeheimdienstes Shin Bet das Islamische Zentrum, eine Vorform der Hamas. (S. 196)
1978 anerkannte die rechte Regierung unter Begin die inzwischen Islamische Assoziation genannte Organisation von Yassin.
Dass Israel die Islamisten gegen die PLO ausdrücklich auch finanziell unterstützte, wurde 1987 von einem ehemaligen Journalisten der «New York Times» in den USA publiziert. (S. 196) Obwohl die USA dieses Spiel der Israeli durchschauten, unternahmen sie nichts dagegen.
1987 verfolgte Israel die Gründung der Hamas wohlwollend. (S. 206) Und so bekämpfte in den 80er Jahren die Muslim-Bruderschaft vor allem die PLO, nicht aber Israel. (S. 207) Und für die PLO unter Arafat war immer klar, dass die Hamas eine israelische Kreation war. (S. 209)
Während der zweiten Intifada geriet dann Arafat zwischen Sharon und die Hamas wie zwischen Hammer und Amboss: Die Islamisten begingen grausige Attentate, Sharon schlug gegen die PLO zurück und machte Arafat für die Attentate der Hamas verantwortlich. (S. 211)
Bush und Sharon marginalisierten nun Arafat und boten damit der Hamas Raum zur Expansion. Noch 1996 waren laut Umfragen nur 15% der Palästinenser für die Hamas, 2000 immer noch nur 17%, 2001 dann bereits 27% und 2002 schon 42%! (S. 211f.)
Als 2001 die PLO und die Hamas sich auf eine Einstellung der Anschläge einigten, gab Sharon den Mordbefehl gegen einen Hamas-Führer. In der jüdischen Tageszeitung «Yediot Achronot» hiess es dann treffend: Wer den Mordbefehl gab, war sich vollumfänglich bewusst, dass dies das Gentlemen?s Agreement zwischen der Hamas und der PLO zerschmetterte. (S. 212)
Als dann 2004 Yassin einem israelischen «targeted killing» zum Opfer fiel, nahm der Zulauf zur Hamas weiter zu. Und als Sharon den Rückzug aus dem Gaza-Streifen beschloss, war die PLO nach dem Tode von Arafat so geschwächt, dass die Hamas das Vakuum füllen konnte. (S. 212) So war die Hamas von einer israelischen Kreation und einer erbitterten Gegnerin der PLO zur Hauptfeindin Israels in der West Bank und im Gaza-Streifen geworden, schlussfolgert Dreyfuss in seiner aufschlussreichen Studie. (S. 212)

Rollentausch von Hamas und Fatah?

Es ist kein Geheimnis mehr, dass der Sicherheitsapparat der palästinensischen Fatah seit Jahren vom US-Geheimdienst CIA ausgerüstet und ausgebildet wird. ? Dass die Waffenlieferungen und die Ausbildung von Sondereinheiten, sprich Todesschwadronen, durch die USA unvermindert anhalten, hat den Weg in die Schlagzeilen der Weltmedien gefunden. Eine zentrale Rolle dabei spielt Mohammad Dahlan, offensichtlich eine Art palästinensischer Ahmad Jalabi, (US-geführter Präsident des irakischen Nationalkongresses und späterer irakischer Vize-Premierminister), der gemäss Arjan El Fassed (Electronic Intifada vom 20. Dezember 2006) mit den USA und Israel ausgehandelt hatte, nach dem Rückzug der Israeli die Kontrolle in Gaza zu übernehmen. Schon im Jahre 2002 hatte der israelische Verteidigungsminister Benjamin Ben-Eliezer vor der Knesset erklärt, er habe Dahlan die Kontrolle in Gaza angeboten. Eine Angelegenheit, die sich nun offensichtlich unplanmässig entwickelt hat. Bereits 1994 soll Dahlan in Rom mit israelischen Militärs und Geheimdienstleuten ein Abkommen zur Eindämmung der Hamas getroffen haben.

Quellen: Robert Dreyfuss. Devil?s Game ? how the United States helped unleash fundamentalist Islam. New York 2005. ISBN 0-8050-8137-2
Arjan El Fassed. Who is Mohammad Dahlan? Electronic Intifada vom 20.12.2006