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Sie sind hier:   Startseite  >  2007  >  Nr.3 vom 22.1.2007  >  «Marktwirtschaft ohne Kapitalismus» Druckversion

«Marktwirtschaft ohne Kapitalismus»

Eine Neubewertung der Freiwirtschaftslehre aus wirtschaftsethischer Sicht

von Prof. Hermann Kendel, Berlin

Die von Silvio Gesell (1862?1930) entwickelte und zu seiner Zeit vieldiskutierte Freiwirtschaftslehre ist in der ökonomischen und politisch-philosophischen Auseinandersetzung bereits Anfang der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts in den Hintergrund gedrängt worden, obwohl gerade diese Lehre dem einzelnen Individuum mehr Freiheit und für sein Zusammenleben in der Gesellschaft mehr Gerechtigkeit in Aussicht stellt. Mit der vorliegenden Doktorarbeit an der Universität St. Gallen bringt der Autor Roland Wirth (geb. 1974) die Ideen von Silvio Gesell wieder in die allgemeine Fachdiskussion zurück.

Das Buch ist in fünf Teile gegliedert: Im Teil I wird das Konzept der liberalen Bürgergesellschaft als normativer Bezugsrahmen vorgestellt. Die freiwirtschaftlichen Reformvorschläge von Silvio Gesell würden nach Ansicht des Autors die Entwicklung zu dieser liberalen Bürgergesellschaft hin sehr begünstigen. Aus dieser Perspektive könne man aus dem Untergang des Kommunismus nicht ohne weiteres auf eine Überlegenheit der kapitalistischen Marktwirtschaft schliessen. Vielmehr wäre es angemessen, die Systemfrage immer wieder von neuem aufzuwerfen.

Soziale Gerechtigkeit
«Die Gerechtigkeit besteht nur dann, wenn die moralische Gleichheit aller Menschen gewahrt wird. Die legitimen Ansprüche jedes von einer konkreten Handlung oder einer abstrakten Regelung betroffenen Menschen müssen gleichermassen berücksichtigt werden. Über die Legitimität von Ansprüchen muss ein offener Diskurs geführt werden, in dem jede Person die gleiche Chance hat, angehört zu werden und ihre guten Gründe vorzutragen. Wenn aber die legitimen Ansprüche gewisser Gruppen oder auch nur jene einzelner Menschen übergangen worden sind, kann nicht von einer gerechten Lösung gesprochen werden. Es wurde nach dem ?Recht des Stärkeren? entschieden, was vernunftethisch unhaltbar ist.»
Roland Wirth: Marktwirtschaft ohne Kapitalismus

Im kapitalistischen System stehe das Streben nach Geldvermögen im Vordergrund, letztlich um im Alter sorgenfrei von den Zinsen leben zu können. Unter diesem Aspekt sei auch das sozialistische System kapitalistisch gewesen, mit dem Unterschied, dass nicht das Individuum, sondern der Staat den Gewinn aus dem Zins verwaltet habe.
Bei einer freiwirtschaftlich organisierten Bürgergesellschaft würde die Güterfülle dem Individuum sehr viel mehr Freiheit erlauben, seinem eigenen Lebensentwurf nachzugehen, dabei müsste der Einzelne weniger Lebenszeit der Erwerbsarbeit widmen als im heutigen System. Die Wirtschaft beherrsche nicht das Leben in der Gesellschaft, sondern sie diene ihm.

Den Sinn des Wachstums hinterfragen

Im Teil II wird die freiwirtschaftliche Kritik am kapitalistischen Zinssystem im einzelnen erläutert. Während in der neoklassischen, keynesianischen und auch in der sozialistischen Ökonomie Wirtschaftswachstum immer fraglos begrüsst, ja sogar gefordert werde, wird in der modernen Freiwirtschaftslehre der Sinn des Wachstums hinterfragt und auf die ökologischen Gefahren, die aus ihm erwachsen, aufmerksam gemacht.
Im Kapitalismus wachsen einerseits die grossen Geldvermögen kontinuierlich, und zwar exponentiell, andererseits wachsen aber auch die Schulden im gleichen Masse. Die Zinsen und Zinseszinsen müssen von der arbeitenden Bevölkerung aufgebracht werden: Dies geschieht zum einen direkt beim Einkaufen ? Creutz, ein moderner Vertreter der Freiwirtschaftslehre, schätzt, dass heute mindestens durchschnittlich 40% Zinsen im Preis der Konsumgüter versteckt sind ?, zum andern durch Steuern. Denn auch der Staat und die Gemeinden müssen ständig Zinsen und Zinseszinsen für ihre Schulden entrichten. Diese exponentiell verlaufende Entwicklung erzwingt Wirtschaftswachstum und muss letztlich immer wieder von neuem zur Krise führen.
Diese Krisenanfälligkeit und die verschiedenen Bemühungen, die Krisen zu dämpfen, werden vom Autor eingehend beschrieben. Dabei wird auch auf weitere Folgen des Zinseszinssystems, nämlich auf die Dauerkrise in der dritten Welt und das ökologische Desaster, hingewiesen.

Geld ? keine besondere Ware mehr

Im Teil III wird als Antwort auf die im Teil II dargestellte Kritik am herrschenden Wirtschaftssystem die Geldreform diskutiert. Sie ist das Element, welches die Freiwirtschaftslehre von allen anderen sozialreformatorischen Bewegungen abgrenzt und sie einzigartig macht. Die Geldreform besteht darin, dass das Geld zwar weiterhin als Tauschmittel genutzt werden soll, dabei jedoch seinen Wert nicht mehr durch Zinsen auf Kosten der arbeitenden Bevölkerung automatisch vermehren kann.
Das soll ohne Enteignung geschehen: Das Geld soll im Laufe der Zeit durch eine Liquiditätsgebühr an Wert geringfügig verlieren, so wie alle anderen Wirtschaftsgüter auch: Tomaten verderben, Häuser und Strassen müssen ständig gewartet werden usw. Das Geld wäre dann keine besondere Ware mehr, die sich, wenn man sie aufbewahrt, von selbst vermehrt, im Gegenteil, es wäre ein den anderen Waren gleichendes Tauschmittel. Die Liquiditätsgebühr fliesst in die Kassen der Kommunen und des Staates, dadurch wird der Bürger von übermässig grossen Steuern entlastet. Mit dieser Umstellung würde ein sicherer kontinuierlicher und konstanter Geldumlauf und ein stabiles Preisniveau über grosse Zeiträume hinweg erreicht.
Die Zahl der Verlierer in diesem System schätzt der Verfasser als relativ gering ein: es handle sich nur um die relativ wenigen Nettogewinner des Zinssystems. Die arbeitenden Menschen dagegen würden den vollen Lohn für ihre Arbeit erhalten, sie könnten die Waren nun zu zinsbereinigten Preisen kaufen und müsste die Schuldzinsen der Regierungen nicht mehr durch Steuern aufbringen. Sie wären die Gewinner.

Geldreform durchaus denkbar

Da die Eigenschaften des Geldes nicht gottgegeben sind, sondern von den Menschen selbst bestimmt werden können ? der Autor spricht von einer ordnungspolitischen Angelegenheit ? wäre eine solche Geldreform durchaus denkbar, insbesondere wenn die grosse Mehrheit der Menschen sich dadurch sowohl das individuelle als auch das Leben in der Gemeinschaft erleichtern könnte.
Die übermässig gewachsenen Vermögen einzelner würden sich dann ganz allmählich dem allgemeinen Standard annähern, und Unterdrückung, Krieg, Inflationen, Arbeitslosigkeit und sonstige Krisen im Zusammenleben der Menschen wären weniger wahrscheinlich.
Der Autor geht dann auf die technischen Aspekte der Geldreform ein: Die Probleme zum Beispiel bei der praktischen Umsetzung der Liquiditätsgebühr ? vor allem beim Bargeld ? hält er für lösbar. Die Aufgabe, die Geldmenge festzulegen, läge nach wie vor bei der Notenbank. Das neue Geld ohne Wertverlust für den späteren Verbrauch aufzubewahren wäre einerseits durch den Erwerb von Realgütern wie Aktien, Kunstobjekte, Wein oder ähnliches möglich und andererseits, wie bisher, indem man überschüssiges Geld auf eine Bank bringt. Wenn nämlich die Liquiditätsgebühr genau so hoch angesetzt würde, dass sich die Vermögenserträge der Bank im Durchschnitt bei Null einpendeln, bliebe der Wert des aufbewahrten Geldes für den späteren Konsum konstant (S. 82). Auch die Frage, ob das neue System voraussichtlich «anreizverträglich» für effiziente Investitionen sei, bejaht der Autor.

Beseitigung leistungsloser Kapitaleinkommen

Die voraussichtliche Auswirkung der Geldreform wäre ? wie dargestellt ? die allmähliche Beseitigung der leistungslosen Kapitaleinkommen. Das Wachstum des volkswirtschaftlichen Outputs würde sich allmählich auf null einpendeln (so wie übrigens auch alles Wachstum in der Natur: Menschen, Tiere, Pflanzen wachsen begrenzt, exponentielles Wachstum gibt es nur bei bestimmten tödlichen Krankheiten, zum Beispiel Krebs. H. K.). Mit dem Nullwachstum der Wirtschaft würde die Natur wieder leichter zu ihrem ökologischen Gleichgewicht gelangen und die Qualität des Lebens allgemein würde wieder steigen.
Dieser voraussichtliche Fortschritt im Zusammenleben der Menschen mutet fast utopisch an. Der Autor führt nun aber geschichtliche Beispiele an, in denen diese Utopie Realität war: Die ägyptische Kornwährung, die von Lietaer erst kürzlich sorgfältig erforscht wurde, führte zu einer kulturellen Hochblüte vor allem in der Baukunst, aber auch zu allgemeinem Wohlstand: Anders als bisher angenommen, waren die Arbeiter an den Pyramiden zum Beispiel nicht Sklaven, sondern hochbezahlte Fachleute.
Bei dieser Kornwährung handelte es sich um datierte Quittungen auf Tonscherben für Lebensmittel und Wein. Sie wurden erwiesenermassen 2000 Jahre lang als allgemeine lokale Währung benutzt. Diese Quittungen konnte man erwerben, indem man bestimmte Mengen an Getreide und Wein in ein staatliches Lagerhaus ablieferte. Man konnte sich mit ihnen jederzeit Waren aus dem Lagerhaus zurückkaufen. Infolge der Lagerhaltungskosten der Ware verminderte sich der Wert dieser Quittungen im Laufe der Zeit. Es handelte sich also auch hier um Geld, das parallel zur Ware an Wert abnahm.

Beispiel: Brakteaten im Mittelalter

Seit längerem bekannt sind die Brakteaten im Hochmittelalter (900?1300 n. Chr.). Neben der Edelmetallwährung für den Fernhandel gab es verschiedene lokale Währungen in vielen europäischen Regionen, insbesondere in Deutschland, aber auch in England, Frankreich, Dänemark, Böhmen, Polen und Ungarn. Die Brakteaten waren auf dünnes Silberblech einseitig geprägte Münzen, die von Zeit zu Zeit von der Obrigkeit «verrufen», das heisst für ungültig erklärt wurden. Man konnte dann zum Beispiel vier alte, nun ungültige Münzen, für drei neu geprägte eintauschen. Die Obrigkeit konnte sich auf diese Weise teure Finanzämter ersparen. Um der Verrufung zu entgehen, gab jeder, der Brakteaten verdient hatte, sie schnell wieder aus, was, wie damals in Ägypten, zu einer ständig hohen Binnennachfrage führte. Diese verursachte ein konstant hohes Angebot. Geld anzusammeln machte keinen Sinn. Auch hier waren nur die wenigen, bei denen sich die Brakteaten angesammelt hatten, die Verlierer. Bekanntlich führte auch diese Zeit zu einer kulturellen Blüte und zu allgemeinem Wohlstand (gotische Dome, reiche Städte usw.). Nach der Brakteatenzeit verarmten die Bauern wieder, der Reichtum begann sich auf wenige zu konzentrieren, vor allem auf die städtische Oberschicht.

Wörgl in der Weltwirtschaftskrise

Noch bekannter und in vielen Doktorarbeiten erforscht ist das dritte Beispiel: Wörgl. In der Weltwirtschaftskrise Anfang der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts überredete der Bürgermeister von Wörgl, einer Kleinstadt in Tirol, seinen Gemeinderat, Arbeitsgutscheine im Wert von 32 000 Schillingen zu drucken, mit denen die Angestellten und die Materialien der Gemeinde bezahlt wurden. Diese Summe wurde zur Sicherheit in Schillingen bei der Bank hinterlegt. Die Gutscheine waren mit einer Liquiditätsgebühr von 1% pro Monat versehen. Besitzer dieser Scheine mussten diese monatlich mit einer Marke im Wert von 1% bekleben. Um diese Ausgabe zu umgehen, gab jeder, der einen solchen Gutschein erworben hatte, diesen möglichst bald wieder aus.
Die Wirtschaft in und um Wörgl erholte sich sehr schnell, die Arbeitslosigkeit nahm innerhalb eines Jahres um 25% ab, während sie in ganz Europa weiter heftig stieg. 170 andere österreichische Gemeinden baten den Bürgermeister um einen Vortrag. Der französische Ministerpräsident Daladier besuchte Wörgl und erstattete anschliessend seinem Parlament Bericht über diesen erstaunlichen Versuch. Irving Fisher sandte seine Assistenten nach Österreich und sagte: «Bei richtiger Anwendung könnte das Freigeld uns tatsächlich binnen Wochen aus der Krise heraushelfen». (S. 98) Leider griff die österreichische Zentralbank nach etwa 14 Monaten wegen Verletzung ihres Geldmonopols ein, weshalb wir hier nur über relativ kurzfristige Ergebnisse verfügen.
Diese Beispiele zeigen, dass sich das Geld im Laufe der Geschichte durchaus als wandlungsfähig erwiesen hat, und es spricht nichts dagegen, dass Freigeld die nächste Stufe der Verbesserung des Geldwesens erbringen könnte. Die Tatsache, dass fast neun Zehntel der Bevölkerung zu den Nettozahlern des heutigen Systems gehören, spricht dafür, das Geldsystem fairer zu gestalten. Voraussetzung wäre allerdings die Verbreitung des Wissens über die Folgen des kapitalistischen Zinseszinssystems.
Was die Geldreform im individuellen Lebensgefühl bewirken könnte, weiss der Autor nicht genau, aber er nimmt an, dass die heute weitverbreitete Sorge um das materielle Wohlergehen ersetzt würde durch die Frage, wie man das erworbene Geld am besten wieder ausgibt.

Die Bodenreform

Im Teil IV wird die Bodenreform ? bei Silvio Gesell wird diese vor der Geldreform behandelt ? dargestellt: Der Boden soll allmählich in öffentliches Eigentum überführt werden. Auch hier wird nicht, wie im Kommunismus, mit Enteignung operiert. Die Eigentümer sollen von der Gemeinde angemessen (nach Marktlage) entschädigt werden, die Erwerber erhielten den Boden zur privaten Bewirtschaftung in Erbpacht. Die Bewirtschaftung ? das ist dem Autor wichtig ? bliebe also privat organisiert. Zur Bodenreform ein Zitat von Silvio Gesell: «Wie ist es möglich, so fragt man sich verwirrt, dass einzelne Männer den Boden wie eine gemeine Ware kaufen und verkaufen, den Boden, auf den die Menschheit angewiesen ist, wie auf Luft und Wasser?» (S. 111)

Die liberale Bürgergesellschaft
«Die Bürgergesellschaft konstituiert sich in erster Linie durch einen umfassenden Bürgerstatus. Der Bürger wird als geistig und moralisch voll entwickelter Mensch gesehen, der nicht nur zur selbstbestimmten Lebensführung fähig ist, sondern der sich auch aktiv am gesellschaftlichen politischen Prozess beteiligt. Er ist in einem republikanischen Sinn an der Sache der Gemeinschaft interessiert [?] Zum Bürgerstatus gehören einerseits voll entfaltete allgemeine Bürgerrechte, andererseits wird aber vom Einzelnen erwartet, dass er sich aus freien Stücken um die Belange der Allgemeinheit kümmert.»
Roland Wirth: Marktwirtschaft ohne Kapitalismus

Wie beim Freigeld soll auch hier beim Freiland leistungsloses Einkommen behindert werden. Die Pachterträge fliessen in die staatlichen Kassen, damit können Steuern gesenkt werden, der Bevölkerung bleibt mehr Geld zur freien Verfügung. Die Freiheit der Bürger wird gestärkt.
Selbstverständlich sollen nicht nur der Boden, sondern auch in ihm enthaltene Bodenschätze wie Öl, Kohle, Mineralien usw. allen Menschen gehören. Investitionen zur Förderung und Verarbeitung dieser Schätze werden nach den Regeln der freien Marktwirtschaft angemessen entschädigt. Nach dieser Reform würden Kriege unwahrscheinlicher, das ökologische Gleichgewicht könnte sich leichter wiederherstellen und der Boden würde nicht mehr zum Spekulationsobjekt verkommen.
Der Autor weist darauf hin, dass bei der Einführung des Freigeldes zwingend auch Massnahmen gegen die Bodenspekulation notwendig werden. Er bezweifelt allerdings, dass einzig die Vorschläge der Freiwirtschaft zum Erfolg führen würden. Auch die schweizerische Wiederverkaufssteuer zum Beispiel wäre möglich.
Bei Silvio Gesell würden die technischen Probleme bei der Bodenreform, wie zum Beispiel Finanzierung, Parzellierung und die Aufgaben der Bodenverwaltung, vernachlässigt, sie seien jedoch mit entsprechendem Aufwand lösbar. Reale Beispiele mit Freiland, genossenschaftlich organisierte Versuche mit unterschiedlichem Erfolg, gäbe es allerdings nur wenige.
Die Geld- und Bodenreform sind wichtige Meilensteine zu einer freien Bürgergesellschaft, sie garantieren jedoch nicht automatisch einen für zukünftige Generationen sinnvollen Umgang mit den natürlichen Ressourcen. Einige moderne Autoren wie Kennedy, Eisenhut und andere schlagen daher zusätzlich zu diesen beiden Elementen ein drittes vor, nämlich eine ökologische Steuerreform.

Das geistige Fundament der Freiwirtschaftslehre

Im Teil V leuchtet der Autor das historische Umfeld und das philosophische Fundament der Freiwirtschaftslehre kritisch aus und schlägt Perspektiven für einen tragfähigen modernen Reformansatz vor. Auch die Wechselwirkungen der Freiwirtschaftslehre mit ökonomischen Theoriebildungen und mit anderen sozialökonomischen Reformbewegungen kommen zur Sprache.

Positive Freiheit
«Die unter Ökonomen verbreitete neoliberale Geisteshaltung verkürzt individuelle Freiheit weitgehend auf Wirtschafts- oder Vertragsfreiheit. [?] Wenn jemand vom Hungertod bedroht ist, so wird er sich vermutlich freiwillig in die Sklaverei verkaufen, wenn ihm dafür die Versorgung mit Lebensmitteln in Aussicht gestellt wird. Dies hat mit wohlverstandener Freiheit offensichtlich nicht viel zu tun. Die Lebenschancen eines solchen Individuums sind viel kleiner als sie es in Anbetracht der weltweiten Güterfülle sein könnten.»
Roland Wirth: Marktwirtschaft ohne Kapitalismus

Die Nähe zu den Gedanken von Proudhon, die Abgrenzung zu Marx, der Einfluss von George, Nietzsche, Stirner und anderen werden erörtert. Sodann werden Gesells spezielle philosophische Merkmale herausgearbeitet und beurteilt: Sein umstrittenes Staatsverständnis, seine Abneigung gegen Grenzen und Zölle, das Problem des Rechts auf den vollen Arbeitsertrag, seine freiheitliche Harmonieüberzeugung, sein missverständlicher Sozialdarwinismus, seine positive Einstellung zur Emanzipation der Frau ? er schlägt zum Beispiel vor, einen Teil der Erbpacht­erträge an Frauen mit Kindern auszuzahlen ? und sein Verhältnis zu den damaligen Lebensreformbewegungen.
Beim Verhältnis zwischen Freiwirtschaftslehre und ökonomischer Theorie werden unter anderem die Anerkennung von Irving Fisher für Gesell sowie Lob und Kritik von Mainard Keynes besonders herausgestellt. Keynes hielt übrigens das Werk von Silvio Gesell für zukunftsträchtiger als das von Karl Marx. Heute arbeiten vor allem Helmuth Creutz, seine Schülerin Margret Kennedy sowie Bernard Lietaer, Werner Onken, Werner Rosenberger, Bernd Senf und Dieter Suhr auf den Grundlagen der Freiwirtschaftslehre weiter.

Weg von der 20:80-Gesellschaft

Der Autor sieht in der Freiwirtschaft die Chance, von der 20:80-Gesellschaft weg und hin zu einer liberaleren Bürgergesellschaft zu kommen. Er schlägt vor, gezielte Forschungen und Experimente einzuleiten, um mehr Erfahrungen auf diesem Gebiet zu sammeln.
Die Doktorarbeit ist so geschrieben, dass sich auch der interessierte Laie ein Bild machen kann und angeregt wird, darüber nachzudenken, wie wir uns die Wirtschaft so einrichten könnten, dass sie uns nicht mehr beherrscht mit Krieg, Massenarbeitslosigkeit, Geldknappheit und sozialer Ungerechtigkeit, sondern dass sie uns dazu dient, unser Leben als freie und wohlhabende Bürger in einer sinnvollen und zukunftsträchtigen Gesellschaftsordnung gut einzurichten.?

Roland Wirth. Marktwirtschaft ohne Kapitalismus. Eine Neubewertung der Freiwirtschaftslehre aus wirtschaftsethischer Sicht. St. Galler Beiträge zur Wirtschaftsethik 34, 2003, ISBN 3-258-06683-3