Ist die WTO eine Gefahr für die Freiheit?
Soll das «Schweizer Sackmesser» künftig in China hergestellt werden?
von Dr. rer. publ. W. Wüthrich, Zürich
Zeit-Fragen-Leser erinnern sich: Das Schaffhauser Städtchen Stein am Rhein hatte vor zwei Jahren den Plan gefasst, seine Burg «Hohenklingen» aus dem 12. Jahrhundert mit viel Geld (23 Millionen) zu renovieren (Zeit-Fragen Nr. 28 und 30, 2005). Die WTO schreibe vor, dass so ein grosses Projekt weltweit ausgeschrieben werden müsse, hiess es bald einmal. Die Stadtbehörden, vor allem Stadtpräsident Hostettmann, fanden sich nicht damit ab. Die Burg Hohenklingen gehöre zur Region und werde auch von Unternehmen der Region restauriert ? das war klar. Diese haben schliesslich einen Bezug dazu. Sie beschäftigen Mitarbeiter der Region, bilden Lehrlinge aus und zahlen Steuern. Sie würden später auch da sein, wenn Reparaturen anfallen. Hostettmann ging in die Offensive. Er erklärte Stein am Rhein zur «WTO-freien» Zone. Er brachte damit seinen Protest gegen die lebensfremden Einschränkungen der WTO zum Ausdruck und tat öffentlich kund, dass er sich nicht buchstabengetreu daran halten werde. Er sei nicht bereit, «unsinnige Bestimmungen einzuhalten, die für kleinere Gemeinden und Städte wenig tauglich» seien.
Hostettmann war damit nicht allein. Zuvor hatten dies schon über 70 andere Schweizer Gemeinden getan ? darunter grosse Städte wie Zürich und Genf. Weltweit ist es bereits ein Kreis von weit über tausend Gemeinden. Dazu gehört auch eine Weltstadt wie Wien. Hostettmann musste sich trotzdem Kritik gefallen lassen. Ein Leserbriefschreiber verlangte zum Beispiel, der Kanton Schaffhausen solle Stein am Rhein beaufsichtigen. Hostettmann blieb standhaft. Stein am Rhein wurde gerichtlich eingeklagt, weil es das Projekt nicht korrekt ausgeschrieben hatte. Kläger war allerdings nicht ein Unternehmen aus China oder aus einem anderen Billiglohnland ? sondern ein Architekt aus der Nachbargemeinde, der sich übergangen fühlte. Das Obergericht Schaffhausen verurteilte das kleine Städtchen am Rhein zu einer symbolischen Strafe von einigen hundert Franken («Schaffhauser Nachrichten» vom 30. Mai 2006).
Inzwischen ist die Burg Hohenklingen renoviert worden. Der Fortbestand des mittelalterlichen Bauwerks ist gesichert. Es war ein Gemeinschaftswerk ? geleitet von einem einheimischen Architekten. Viele Bauhandwerker aus der Region haben ihren Beitrag geleistet ? ebenfalls das kantonale Amt für Archäologie und Experten der eidgenössischen Denkmalpflege. Der Geschäftsführer der Deutschen Burgenvereinigung stellte bei einem Besuch fest, er habe auf einer Baustelle noch nie eine so sympathische und angenehme Stimmung erlebt. Die «neue» Burg Hohenklingen wurde vor wenigen Wochen mit einem grossen Fest eingeweiht. Die Burg ist Juwel und Stolz der Region (vgl. Beilage der «Schaffhauser Nachrichten» vom 14. September).
Victorinox
Die folgende Geschichte ereignete sich in der Innerschweiz. Sie ist nicht weniger spannend als die Geschichte der Burg Hohenklingen im Kanton Schaffhausen. Sie beginnt vor 116 Jahren. Victorinox ? nein, es geht nicht um Asterix, Obelix und die Gallier. So heisst ein Familienunternehmen, das Ende des 19. Jahrhunderts in der Innerschweiz gegründet wurde. In einer ehemaligen Mühle in Ibach, Kanton Schwyz, eröffnete Karl Elsener 1884 eine Messerschmiede. Als er erfuhr, dass die Schweizer Armee ihre Soldatenmesser in Deutschland bezog, kam er nicht mehr zur Ruhe. Er tüftelte so lange, bis er ein «Sackmesser» vor sich hatte, das auch die Armee überzeugte. Ab 1891 erhielten die Soldaten ein Schweizer Sackmesser mit einem Schweizerkreuz. Nach dem Tod seiner Mutter wählte Elsener ihren Namen Viktoria als Firmenbezeichnung. Rostfreien Stahl bezeichnet der Fachmann als «Inox». Die Kombination ergab den neuen Produkte- und Firmennamen: Victorinox.
Heute ist die Firma Victorinox mit 920 Mitarbeitern der grösste Arbeitgeber im Kanton Schwyz und die grösste Messerfabrik Europas. Die Luft in den Produktionshallen riecht nach Metall. Beeindruckende Stanzmaschinen machen einen ohrenbetäubenden Lärm. Rund um die monströsen Apparate stapeln sich Metallwannen mit kleinen, ungeschliffenen Messerklingen, Schraubenziehern, Dosenöffnern usw. Hier entstehen die Taschenmesser von Victorinox. Etwa 100 000 Messer verschiedenster Art werden tagtäglich produziert ? etwa 15 Millionen im Jahr. 90 Prozent werden in alle Welt exportiert.
«Swiss Army Knife»
Die Schweizer Armee bezieht ihre Messer seit 1891 von Victorinox. Das Soldatenmesser, das einige Male weiterentwickelt wurde und praktisch gar nicht kaputtgehen kann, hat Kultcharakter. Das «Soldatenmesser 61» (es wurde 1961 eingeführt) ist zur Legende geworden. Es ist der einzige Ausrüstungsgegenstand, der den Milizsoldaten das ganze Leben begleitet. Es ist immer dabei ? in den Ferien, auf der Velotour, beim Picknick usw. Ich kann dies nur bestätigen.
Das kleine Messer mit dem Schweizerkreuz, das Victorinox heute in vielen Varianten herstellt, hat auch Kultcharakter im Ausland. Dazu nur dies: Das «Swiss Army Knife» gehörte zu verschiedensten Expeditionen ? auf den Mount Everest, in die Arktis oder zum Amazonas. Die Amerikaner fanden besonders Gefallen an dem Messer. Es war offizieller Ausrüstungsbestandteil der Space-Shuttle-Crew. Seit Lyndon B. Johnson verschenken US-Präsidenten Victorinox-Taschenmesser an ihre Gäste im Weissen Haus. Ein besonderes Ereignis war der Besuch von US-Präsident Georg Bush sen. und seiner Frau Barbara im Werk von Victorinox im Jahr 1997. Beide konnten dort ihr Messer selber nach eigenen Wünschen montieren. Barbara Bush soll es ganz allein geschafft haben.
Clinch mit der WTO
Die Schweizer Armee will nun ein neues Sackmesser. Ein Kreuzkopfschraubenzieher und eine Säge sollen noch eingefügt werden. Auch das Design soll sich ändern. Es wird nicht mehr grau sein, sondern grün. Das Schweizerkreuz soll bleiben. Für Victorinox wäre dies alles kein Problem, verkauft sie doch schon ein Taschenmesser, in das ein USB-Speicherchip eingebaut ist. Und nun die Crux: Der Beschaffungsauftrag der Schweizer Armee soll weltweit ausgeschrieben werden ? so schreibt es die WTO vor. Von Journalisten darauf angesprochen, antwortete das Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) lakonisch: «Dann kommt das Sackmesser eben aus China».
Die Geschäftsleitung von Victorinox kennt bis heute vier chinesische Fabriken, die ihre Messer haargenau nachbauen. Es sei zwar noch ein qualitativer Unterschied, sagt Carl Elsener, der Patron der Firma. Er vertraue jedoch darauf, in der Qualität die Nase vorn zu behalten.
Eine Region wehrt sich
Alois Kessler (Oberst im Generalstab a D) will die Produktion des neuen Armeemessers unbedingt in der Schweiz behalten. Er kritisiert, dass die Bundesbehörden internationale Verträge oft zuungunsten der Schweiz auslegen, «um ja nicht in Verdacht zu geraten, dass wir uns nicht an das Völkerrecht halten». Er fordert, die Schweiz solle den rechtlichen Spielraum ausnutzen, der oft bestehe. Kessler sieht auch einen Weg. Das VBS solle das Messer einfach zur Waffe erklären, zur sogenannten «arme blanche» (Hieb- und Stichwaffe) ? und nicht als Werkzeug bezeichnen. Dann sei eine weltweite Ausschreibung nicht notwendig. Das VBS solle sich nicht päpstlicher verhalten als der Papst. Sollte es trotzdem zur weltweiten Ausschreibung kommen, so verlangt Kessler, dass das VBS von allfälligen Interessenten im Ausland «Qualität, soziale Verantwortung und ökologisches Bewusstsein» verlangen müsse. Das sei rechtlich möglich. Nur tun müsse man es.
Für Firmenchef Carl Elsener gibt es noch einen weiteren Grund, aktiv zu werden. Das Sackmesser habe auf dem Weltmarkt gerade deshalb einen so guten Ruf, weil es in der Schweiz hergestellt werde. «Wir sind überzeugt, dass wir es uns nicht leisten können, das Schweizer Sackmesser im Ausland herzustellen. Das Schweizerkreuz auf den Sackmessern trägt millionenfach die Botschaft der Schweizer Qualität in die Welt hinaus.»
Oberst Kessler lancierte eine Petition, die in kürzester Zeit von 3000 Personen unterschrieben wurde. In Umfragen verlangten 92 Prozent der Befragten, die Produktion des Armeemessers in der Schweiz zu behalten. Das VBS krebste daraufhin zurück. Eine Ausschreibung sei eventuell nicht unbedingt nötig, heisst es. Die rechtliche Situation werde überprüft, sobald die technischen Spezifikationen definitiv vorlägen. Der Entscheid wird in Kürze fallen.
Vertrauen
Es gibt bei Victorinox keine Gewerkschaften. Das ist jedoch kein Zeichen autoritärer Betriebsführung, sondern Ausdruck des Vertrauens zwischen der Geschäftsleitung und den Mitarbeitern. So sieht es auch eine Mitarbeiterin, als sie von einem Journalisten gefragt wurde, ob sie es nicht langweilig finde, den ganzen Tag Messer zusammenzusetzen. Das sei nicht so. Sie habe Vertrauen und fühle sich hier zu Hause.
Bei Mutterschaft wird ? schon seit langem ? grosszügig Urlaub gewährt. Auch die Väter, die für ihre Frauen einspringen, können mit einer familienfreundlichen Arbeitszeitregelung rechnen. Bei Victorinox wird für jeden einzelnen Fall eine persönliche Lösung gesucht. Darin liegt auch der Unterschied zu den kollektiven Vereinbarungen, wie sie Gewerkschaften abschliessen. Weitere Beispiele: Behinderte werden integriert. So kann ein Mann, der sein Augenlicht verloren hat, an einem extra für ihn geschaffenen Arbeitsplatz wieder selber seinen Lebensunterhalt verdienen. Ausländer werden integriert: So hat eine portugiesische Mitarbeiterin, die ihr Handwerk hier von Grund auf gelernt hat, heute eine Vorgesetztenposition (Quelle: SF DRS «Report» vom 17. Oktober).
Victorinox als Familienbetrieb
Der Seniorchef ist mit seinen 81 Jahren heute noch in Arbeitsschürze in der Fabrikhalle anzutreffen. Auch die Kinder und Schwiegersöhne machen es sich nicht in grossen Büros bequem. Eine «Teppichetage» gibt es bei den «Chrampfern» des Elsener-Clans nicht. Auch Carl Elsener junior legt Hand an, wenn Not am Mann ist. Er hat schon als kleiner Bub gelernt, wie man Messer reinigt.
Die Verantwortung für das Ganze und die Ausrichtung auf das Gemeinwohl zeigt sich auch im folgenden: Die Familie verzichtete in den Boomzeiten, die Firma an die Börse zu bringen (was viele Millionen Franken eingebracht hätte). Victorinox gehört heute zur Familienstiftung. Damit wird verhindert, dass viel Geld als Dividende abfliesst und dass bei eventuellen Nachfolgestreitigkeiten die Firma geschwächt oder gar aufgeteilt wird.
Ein Blick zurück
1994 erhielten die National- und Ständeräte in Bern das WTO-Dossier ? mehr als 1000 Seiten mit komplizierten Vertragstexten. Wer hat sie wohl gelesen? Das Dossier bestand aus 26 verschiedenen Verträgen, die miteinander verknüpft waren. Das Vertragswerk wirkte wie ein fest gefügter Monolith und durfte nur als Ganzes unterschrieben werden. Eine Diskussion über die Tragweite hat in der Öffentlichkeit kaum stattgefunden. Man dürfe eben nicht «Rosinen picken», hiess es aus dem Bundesamt für Wirtschaft (Seco). Die Schweiz sei ganz besonders auf die WTO angewiesen, weil wir ja schliesslich jeden zweiten Franken im Ausland verdienen würden.
Eine Gruppe von kleinen und mittleren Bauern ergriffen damals das Referendum gegen den Beitritt der Schweiz zur WTO, insbesondere weil sie befürchteten, dass die Landwirtschaft Schaden nehmen würde. Sie wurden nicht gehört. Sie mussten ihre Unterschriftensammlung bei 30 000 Unterschriften abbrechen (50 000 wären für eine Volksabstimmung nötig gewesen.) Ihre Befürchtungen sollten sich bewahrheiten. Jeder dritte Bauer hat seither aufgegeben. Werden diese Bauern bald einmal fehlen, wenn weltweit immer mehr Nahrungsmittel für die Herstellung von Benzin gebraucht werden und die Billigimporte aus dem Ausland ins Stocken geraten?
WTO ? Haus für globalen Kapitalismus
Woran krankt die WTO? Unbestritten ist, dass der internationale Austausch von Gütern und Dienstleistungen eine Art Strassenverkehrsordnung braucht ? mit Einbahnstrassen und Fahrverboten und einem Polizisten, der aufpasst. Ebenso sind gewisse Handelserleichterungen wünschenswert. Victorinox und viele andere Unternehmen profitieren davon. Deshalb soll hier die WTO auch nicht als Ganzes in Frage gestellt werden. Solche Ziele hatte bereits die Vorgängerorganisation GATT verfolgt. ? Die WTO ist jedoch mehr als eine «Strassenverkehrsordnung». Sie will eine grenzübergreifende Hausordnung für den globalen Kapitalismus bzw. für die globale Marktwirtschaft erstellen. Damit mischt sie sich ? wie die beiden oben geschilderten Beispiele zeigen ? auf eine problematische Art und Weise in interne, sensible Bereiche der einzelnen Länder ein. ? So wurde das nie diskutiert. Ist die WTO eine Gefahr für die Freiheit?
Die WTO stellt sich in verschiedener Hinsicht quer. Jedes der 151 WTO-Länder hat seine Eigen- und Besonderheiten, die es ernst zu nehmen gilt. So ist kein Grund ersichtlich, weshalb ein Land wie die Schweiz davon abgehalten werden soll, weiterhin Landwirtschaft zu betreiben und sich selber zu versorgen ? auch wenn die kleinräumigen und gebirgigen Verhältnisse für die Nahrungsmittelproduktion nicht optimal sind. Ebensowenig besteht Grund, dass ein Städtchen wie Stein am Rhein seine mittelalterliche Burg nicht nach eigenem Gusto renovieren soll. Weshalb soll die Schweizer Armee ihre Sackmesser ? wie bereits seit mehr als 100 Jahren ? nicht weiterhin bei Victorinox kaufen, wenn die Qualität und das Umfeld im Kanton Schwyz «stimmt»? ?
Victorinox ? Beispiel für werteorientierte Unternehmensführung
ww. Victorinox produziert nicht nur Messer mit einer besonderen Qualität. Das Unternehmen zeichnet sich durch eine besondere, werteorientierte Unternehmensführung aus. Carl Elsener, der vierte der Familiendynastie und Juniorchef von Victorinox, zeigt dies mit einem Vergleich aus der Bibel. «Unser Unternehmen fühlt sich christlichen Grundsätzen verpflichtet. Auf sieben fette Jahre folgen sieben magere Jahre ? das ist der Gang der Dinge seit Jahrtausenden. Soweit mein Vater mit seinen 81 Jahren zurückdenken kann, gab es bei uns aus wirtschaftlichen Gründen noch nie eine Entlassung.»
Er weist stolz auf die katholisch-soziale Tradition des Hauses hin. Das Schweizerkreuz sei für sie mehr als ein Nationalsymbol. «Wir haben Reserven gebildet in den sieben fetten Jahren.» Damit werden die Arbeitsplätze in schlechten Zeiten gesichert.
Ein Ausgleich geschieht über die Arbeitszeit. Wenn der Betrieb nicht ausgelastet ist, wird die Schichtzeit etwas verkürzt. Wenn viele Aufträge eingehen, wird sie wieder verlängert.
Die WTO ? eine Gefahr für die Freiheit?
ww. Die Auseinandersetzung um das Schweizer Sackmesser und die Debatte um die Burg Hohenklingen zeigen, wie lebens- und weltfremd gewisse Vorschriften der WTO sind. 152 Länder aus verschiedenen Kulturkreisen und oft mit einem ganz unterschiedlichen Entwicklungsstand gehören zur WTO. Tausende von weiteren Beispielen aus zahlreichen Ländern könnten vermutlich hinzugefügt werden. Dass die WTO so nicht funktioniert, zeigen auch die seit 2001 laufenden Verhandlungen der Dauha-Runde, die wegen unüberbrückbarer Differenzen zu keinem Abschluss kommen. Es ist Sand im Getriebe. Wie soll es weitergehen?