Professor Siegwart-Horst Günther erhält den «Nuclear-Free Future Award» 2007
eo. Am 18. Oktober abends am Mozartplatz in Salzburg: Festlich gekleidete Menschen eilen in die mit Fahnen und Blumen geschmückte Residenz. Eine Fanfare ertönt, und unter der Schirmherrschaft der Salzburger Landesregierung begrüsst Claus Biegert, Mitbegründer des «Nuclear-Free Future Award» die etwa 400 geladenen Festgäste im Carabinieri-Saal der Alten Residenz.
Seit 1998 wird dieser Preis an Menschen verliehen, die sich vorbildlich für eine Zukunft ohne Atomwaffen und ohne Atomstrom einsetzen. In drei Kategorien wird der Preis verliehen: «Widerstand», «Aufklärung» und «Lösungen». In der Kategorie «Aufklärung» erhielt in diesem Jahr Prof. Dr. Siegwart-Horst Günther den «Nuclear-Free Future Award». Die Laudatio hielt der Filmemacher und Journalist Frieder Wagner. In bewegenden Worten schilderte er die Verdienste und die Arbeit dieses Arztes im Nahen Osten, der dort beliebt und bekannt ist wie kaum ein anderer Wissenschaftler.
Nach dem Golf-Krieg 1991 hatte Prof. Günther als erster erkannt, dass die Alliierten in diesem Krieg mit den Urangeschossen eine Munition verwendet haben, die die Menschen noch lange nach ihrer Anwendung todkrank macht.
In seiner Dankesrede sagte Prof. Günther darum: «Als ich [?] entdeckte, dass die Alliierten Uranmunition eingesetzt hatten, mit all den furchtbaren Konsequenzen, war ich über diese Ungeheuerlichkeit zutiefst empört. Krieg ist ja sowieso eine furchtbare Sache, aber der Einsatz dieser Munition und Bomben aus abgereichertem Uran, [das eine Halbwertszeit von 4,5 Milliarden Jahren hat und den Gen-Code des Menschen verändert], ist ein menschen- und umweltverachtendes Kriegsverbrechen.»
Die Gäste in der Alten Salzburger Residenz ehrten Prof. Günther an diesem Abend mit langanhaltendem Beifall. Die anderen Preisträger waren in der Kategorie «Widerstand»: Charmeine White Face und die Verteidiger der Black Hills, USA, in der Katagorie «Lösungen»: Tadatoshi Akiba und die Bürgermeister für den Frieden, Japan. Der Preis für das Lebenswerk ging an Freda Meissner-Blau, die Grande Dame der Grünen Österreichs, für ihren Kampf gegen die Nuklearindustrie, und an Prof. Dr. Dr. Armin Weiss, Deutschland, ohne den die Anti-AKW-Bewegung hilflos geblieben wäre. ?
Dankesrede von Professor Günther
Sehr geehrte Damen und Herren
der Salzburger Landesregierung,
sehr geehrte Preisträgerinnen
und Preisträger,
meine sehr verehrten Damen und Herren
Ich freue mich sehr über diese Auszeichnung und danke besonders den Mitgliedern der Jury, dass sie sich bei der Vergabe des 10. «Nuclear-Free Future Award» für mich entschieden haben. Das ist eine grosse Ehre für mich.
Und ich freue mich besonders, dass ich diese Ehrung in dieser wunderbaren Stadt, in Salzburg, entgegennehmen darf.
Als ich nach dem ersten Golf-Krieg 1991 entdeckte, dass die Alliierten in diesem Krieg Urangeschosse eingesetzt hatten, mit allen furchtbaren Konsequenzen, war ich wegen dieser Ungeheuerlichkeit zutiefst empört. Krieg ist sowieso eine furchtbare Sache, aber der Einsatz dieser Munition und Bomben aus abgereichertem Uran ist ein menschen- und umweltverachtendes Kriegsverbrechen.
Sie wissen vielleicht, dass meine Zeit mit Albert Schweitzer mich tief geprägt hat. Sein Credo «Ehrfurcht vor dem Leben» wurde auch mein Leitmotiv als Mediziner und Mensch.
Ich danke Ihnen. ?
Laudatio von Frieder Wagner
Sehr geehrte Festgäste,
sehr geehrte Preisträgerinnen
und Preisträger,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
lieber Professor Günther ?
mein lieber alter Freund
Professor Günther, meine sehr verehrten Damen und Herren, ist nicht nur ein Whistleblower, Aufklärer und Mahner. Professor Günther hat seit mehr als einem halben Jahrhundert leidenden Menschen geholfen: als Arzt, als engagierter Friedenskämpfer und als Organisator von Solidarität und humanitärer Hilfe.
Ich selbst habe diesen grossartigen Mann im Februar 2002 kennengelernt.
Damals besuchte ich ihn in St. Peter-Ording, weil ich für das Fernsehen einen Film über Whistleblower realisieren wollte, also über Menschen, die gegen den Widerstand von Institutionen und Regierungen über Gefahren für Mensch und Umwelt berichten und aufklären und sich dabei von niemanden abbringen oder einschüchtern lassen.
Schon nach der ersten Begegnung mit ihm war mir klargeworden, was Professor Günther in Sachen Aufklärung über Uranmunition und ihre schrecklichen Folgen geleistet hat. Er hatte mir Fotos von Neugeborenen mit schrecklichen Missbildungen gezeigt und erklärt, dass die Väter dieser Kinder alle 1991 an der schweren Panzerschlacht südlich von Basra teilgenommen hatten, bei der die Alliierten tonnenweise Urangeschosse eingesetzt hatten.
Die Ungeheuerlichkeit, die Professor Günther aufgedeckt hat, brachte ihm viel Ärger ein, besonders in der Bundesrepublik Deutschland, wo er in den 90er Jahren geradezu diskreditiert und verfolgt wurde.
Wie beliebt und bekannt er dagegen im Ausland ist, besonders im Nahen Osten, konnte ich dann bei unseren Dreharbeiten mit ihm in Jordanien und im Irak erfahren.
Schon am Flughafen von Amman, wo alle Passagiere wegen der nötigen Visa anstehen mussten, wurde er höflich und ehrerbietig aus der Schlange herausgewunken, man geleitete ihn zu einem kleinen Tisch, bot ihm einen bequemen Stuhl an, brachte ihm Tee und Gebäck, während wir, die Normalsterblichen, fast eine Stunde Schlange stehen mussten, bis wir unsere Visa hatten. In der Zeit war Professor Günthers Pass schon längst von einem zuvorkommenden Zollbeamten in aller Eile mit dem nötigen Visum versehen worden.
Und später, im Irak, im Kinderkrankenhaus von Bagdad, wurde Professor Günther wie ein alter Freund von dem Direktor des Krankenhauses bei der Begrüssung umarmt, wobei dem Direktor vor Freude und Rührung über das unerwartete Wiedersehen die Tränen in den Augen standen.
Später bei einer Visite in diesem Krankenhaus, bei der wir für den Fernsehfilm drehen wollten, erlebten wir eine kleine Überraschung. Der Direktor des Krankenhauses konnte uns aus Termingründen nicht begleiten und hatte uns einen 28jährigen Assistenzarzt zur Seite gestellt. Und dieser junge Arzt erzählte uns stolz, dass er bei seiner Ausbildung gelernt hat, dass 1991 ein älterer Arzt aus Deutschland an diesem Krankenhaus gewesen sei, der die Ärzte schon damals über die schrecklichen Folgen der Uranmunition aufgeklärt hatte. Bei dieser Erzählung hörte Professor Günther leise lächelnd zu und amüsierte sich später köstlich, weil der junge Assistenzarzt gar nicht gemerkt hatte, dass er, Professor Günther, dieser «ältere Arzt aus Deutschland» gewesen war, von dem der junge Mediziner so stolz berichtet hatte.
Damals, 1991, meine Damen und Herren, war Professor Günther fast 67 Jahre alt, also in einem Alter, in dem andere längst ihre wohlverdiente Rente geniessen. Nicht so dieser rastlose Arzt.
Er begann zu dieser Zeit, dieses damals noch kaum bekannte Kriegsverbrechen «Uranmunition», das die ganze Menschheit bedroht, publikzumachen. Eine unbequeme Wahrheit, die die Alliierten dann noch lange versuchten systematisch zu leugnen und zu verschweigen ? zum Teil bis heute.
Als wir Ende September 2003 in den Irak einreisten, hatten die Uno und fast alle westlichen Botschaftsangehörigen den Irak längst wegen der instabilen Lage verlassen, und bei einer der langen Autofahrten für unsere Dreharbeiten im Irak, ich glaube, es war auf der Strecke von Bagdad nach Basra, fragte ich den Professor, wieso er in diesem hohen Alter, er war da ja inzwischen 79 Jahre alt, noch einmal eine so beschwerliche und auch nicht ungefährliche Reise in den Irak auf sich genommen hat? Und was hat Professor Günther mir geantwortet? Nun, er sagte mir gelassen, fast heiter: «Wissen Sie, mein junger Freund, ich bin Arzt und meinem hypokratischen Eid verpflichtet, und dieser Eid zu helfen kennt keine Altersgrenzen!»
Das, meine Damen und Herren, war eine typische Professor-Günther-Antwort, und sie ist kennzeichnend für diesen wunderbaren Mann. Deshalb bin ich sehr froh über die Entscheidung der Jury, in diesem Jahr den «Nuclear-Free Future Award» in der Kategorie «Aufklärung» diesem Mann zu geben. Das war eine kluge und gute Entscheidung.
Ich danke Ihnen. ?
Hunger und Not der Kinder im Irak
Professor Siegwart-Horst Günther arbeitete und lehrte über 40 Jahre als Arzt in Ländern des Nahen Ostens, vor allem auch im Irak. Nach dem ersten und nach dem zweiten Golfkrieg der USA besuchte er das Land, weil ihm das Schicksal der Menschen dort keine Ruhe liess. Als erster brachte er schliesslich an den Tag, was die sogenannte DU-Munition, welche die amerikanische Kriegsallianz in beiden Kriegen tonnenweise auf das Land abwarf, neben allen anderen grausamen Folgen des Krieges an katastrophalen Auswirkungen auf die Bevölkerung und vor allem für die Kinder als deren schwächster Teil mit sich brachte. Der im Verlag Zeit-Fragen erschienene Bildband dokumentiert, was die beiden heissen Kriege, der zweite nach 12 Jahren tödlichen Embargos der Zivilbevölkerung dieses gemarterten Landes auflud. Professor Günther appelliert damit an das Gewissen und das Mitgefühl der Welt, insbesondere Europas, hinzuschauen und im Sinne der Humanität auf eine Beendigung solcher Greuel hinzuwirken.
69 Seiten, 12 Schwarzweiss-
und 40 Farbphotos.
Verlag Zeit-Fragen 2007.