Weshalb die Preise für die Nahrung steigen
Die Grossverteiler machen die Preise
Interview von Mark Kennes mit Dirk Barrez
Brot, Milch, Spaghetti. Die Preise steigen unaufhörlich. In seinem neuen Buch «Koe 80 heeft een probleem»1 erklärt uns der Journalist und Autor Dirk Barrez, wer davon profitiert.
Mark Kennes: Die Bauern beklagen sich seit Jahren über die niedrigen Preise. Ist das Gleichgewicht heute wiederhergestellt?
Dirk Barrez: Es sind nicht in erster Linie die Bauern, denen es besser geht. Sie bleiben zu einem grossen Teil abhängig von den Zwischenhändlern, den Grosseinkäufern, den Verarbeitern und den Grossverteilern. Schauen wir uns das Getreide an, immer noch das wichtigste landwirtschaftliche Produkt, so sehen wir, dass praktisch das gesamte Korn, das auf der Erde produziert wird, von drei grossen Unternehmen aufgekauft wird: Cargill, ADM und Louis Dreyfus. Der Bauer hat dabei natürlich kaum eine andere Wahl. Diese Unternehmen üben eine erdrückende Kontrolle auf den Markt aus.
Sie machen die Preise?
Nicht nur. Mit der Verarbeitungsindustrie, die die Grundprodukte verarbeitet, die wir in den Ladenketten wiederfinden, ist es kaum besser, weil auch hier einige Riesen, wie Nestlé und Unilever, den Markt kontrollieren. Heute sind es die Grossverteiler, die grossen Ladenketten, die mit Abstand den grössten Einfluss haben. So werden zum Beispiel weltweit 8% der Nahrungsmitteleinkäufe bei Wal-Mart, dem amerikanischen Multi, getätigt. Das gibt ihnen eine enorme Macht, um vorteilhafte Gewinnmargen herauszuschinden.
Sie verteidigen die Idee, dass die Bauern bessere Preise für ihre Produkte erhalten müssen. Schliesslich wird dies doch alles dem Konsumenten in Rechnung gestellt, oder nicht?
Bessere Preise für die Bauern, das bedeutet nicht unbedingt höhere Preise für die Konsumenten. Die Liberalisierung des Weltmarktes führte zu einer Senkung der Preise für die Bauern, aber auch zu einer Erhöhung der Preise für die Konsumenten. Die Differenz ging an den Zwischenhandel. Ein gutes Beispiel ist die Kaffeeindustrie. Bis vor 15 Jahren gab es die Kaffeeverträge, die bewirkten, dass die Bauern ein vorhersehbares Einkommen hatten. Inzwischen hat die Abschaffung dieser Verträge dazu geführt, dass die Bauern nicht nur zweimal weniger für ihren Kaffee erhalten, sondern auch, dass die Konsumenten zweimal mehr dafür bezahlen.
In den Vereinigten Staaten hat eine Studie gezeigt, dass zwischen 1970 und 2000 das Einkommen der Bauern um 20% gesunken ist, dass aber die von den Konsumenten bezahlten Preise um 35% gestiegen sind.
Was kann man gegen die Macht dieser Multis machen?
Ich verstehe nicht, weshalb die amerikanischen Behörden und/oder die Europäische Union eine solche Konzentration der Wirtschaftsmacht zulassen. Am Anfang des letzten Jahrhunderts musste sogar Standard Oil (Esso)2 sich aufspalten. Heute stellt offenbar niemand mehr Fragen zur Macht von Unternehmen wie Wal-Mart. Ausserdem gibt es auch Initiativen, in denen Bauern und Konsumenten versuchen, ohne Zwischenhandel in Kontakt zu kommen. So gibt es in Rennes in Frankreich eine Anzahl Bauernläden, die lokale Produkte verkaufen und in denen man eine genauso vielseitige Auswahl an Produkten vorfindet wie in anderen Supermärkten, aber zu konkurrenzfähigen Preisen.
Die Preisunterschiede auf dem Weltmarkt treffen die 2 bis 3 Milliarden kleiner Produzenten, deren gesamtes Einkommen von den Launen des Marktes abhängt, mit voller Wucht.
Nahrungsmittelreserven sind auf dem niedrigsten Stand seit Jahren
Sie sind gegen den freien Markt für Landwirtschaftsprodukte. Seine Anhänger behaupten jedoch, dass er Garant von Effizienz und niedrigen Preisen sei.
Ich bin nicht gegen jegliche Art eines weltweiten Handels. Im Nahrungsmittelsektor ist dies jedoch keineswegs eindeutig. In diesem Sektor haben die kleinsten Schwankungen in Angebot und Nachfrage enorme Auswirkungen auf die Preise und somit auf das Einkommen der Bauern, das heisst in etwa auf 2 bis 3 Milliarden Menschen. Es ist ausserdem sehr schwierig, Angebot und Nachfrage in Übereinstimmung zu bringen.
Wenn die Nachfrage an Äpfeln plötzlich sinkt, kann der Bauer von seinem Obstgarten nicht verlangen, etwas weniger zu produzieren. Die Preisschwankungen sind viel zu gross, was das Einkommen von rund der Hälfte der Menschheit sehr unvorhersehbar und unsicher macht. Und selbst wenn zur Zeit die Preise steigen, so sinken sie im allgemeinen und sind sogar so tief, dass sie Hunger und Armut bei Hunderten Millionen von Bauern hervorrufen. Ausserdem ist dies auch ein Sektor, der lebenswichtig ist für die ganze Menschheit und wo es von Vorteil wäre, wenn eine gewisse Kontrolle bestünde.
Sie betrachten die Landwirtschaft als einen zentralen Punkt für die Entwicklung eines Landes. Weshalb?
Wenn wir die letzten Jahrhunderte untersuchen, so sehen wir, dass jedes, aber wirklich jedes reiche Land im Verlauf seiner Entwicklung seinen Agrarmarkt geschützt hat. Das gilt ebenso für das Grossbritannien des 18. Jahrhunderts wie für die kürzlich erfolgte Entwicklung Chinas. All diese Länder haben ihre Industrialisierung auf Grund eines produktiven und geschützten Agrarsektors durchführen können.
Mit den Regelungen der WTO beraubt man heute jedoch die Länder der Dritten Welt dieser Möglichkeit. Im Namen des freien Marktes untersagt die WTO diesen Ländern, ihren Markt zu schützen. Das Ergebnis ist, dass zum Beispiel, was das Getreide angeht, die Bauern seit 60 Jahren mit einer strukturellen Preissenkung konfrontiert sind. Wir sprechen über eine fünf- oder sechsfache Reduktion der Preise. Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass viele Bauern vom Land in die Städte fliehen, wo sie einen Druck zu niedrigeren Löhnen für die Arbeiter verursachen. Wenn sie in den Grossstädten ihres Landes keine Arbeit finden, besteht die nächste Etappe in der Emigration Richtung Westen. Die niedrigen Preise, die die Bauern für ihre Produkte erhalten, bedeuten also ein Problem für die städtischen Bevölkerungen.
Sehen Sie mögliche Lösungen?
Meiner Meinung nach sollte die Landwirtschaft nicht in den Zuständigkeitsbereich der WTO fallen, sondern in den der Vereinten Nationen. Ich bin für die Schaffung regionaler Märkte, wo die Konkurrenz schon auf ehrlichere Weise funktionieren würde als gegenwärtig auf dem Weltmarkt. Unter regional verstehe ich auf kontinentaler Ebene, wie zum Beispiel Europa, Westafrika, Brasilien. Gegenwärtig werden 88% des Getreides auf regionaler Ebene gehandelt, aber es sind die 12% auf dem Weltmarkt, die die Preise für alles Getreide bestimmen.
Wir brauchen auch mehr Kontrolle über die Lebensmittelversorgung. Die Medien sprechen heute oft vom Energieproblem, aber sie sagen zum Beispiel nie, dass die Vorräte auf dem niedrigsten Stand seit Jahren sind. Ohne Erdöl werden die Dinge schon nicht einfach sein, aber ohne Nahrung, also dann ... ?
Quelle: www.solidaire.org vom 19.9.2007 und
www.ptb.be
(Übersetzung Zeit-Fragen)
1 Dirk Barrez, «Koe 80 heeft een problem. Boer, consument, agro-industrie en grootdistributie» (Die Kuh 80 hat ein Problem. Bauer, Verbraucher, Agroindustrie und Grossverteiler), verfügbar nur auf holländisch, 251 S., Verlag EPO.
2 Ein amerikanischer Erdölmulti, der zu Beginn des letzten Jahrhunderts fast den gesamten Weltmarkt beherrschte. 1911 zwang der Oberste Gerichtshof der USA Esso, sich in 34 unabhängige Gesellschaften aufzuteilen.