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Der fade Geschmack der Globalisierung

Togo

Widerstand gegen billigste EU-Geflügelimporte

von Barbara Sester*

Im westafrikanischen Togo kommen Geflügelabfälle aus der Europäischen Union auf den Markt und zerstören damit die Grundlage vieler lokaler Kleinbauern. Allmählich formiert sich aber immer mehr Widerstand.

Geflügel wird in ganz Afrika gerne gegessen. Es schmeckt, und die Fleischportion ist familiengerecht, wo Kühlmöglichkeiten oft fehlen. Im westafrikanischen Togo hat das lokale Huhn nun globale Konkurrenz bekommen: Tiefgekühlte Geflügelkleinteile aus der EU werden auf den Märkten ungekühlt und billig angeboten. Beliebt sind die Stücke nicht, besonders seit die Verheissungen der Globalisierung durch die Vogelgrippe einen faden Beigeschmack bekommen haben.
Im Sonntagsgottesdienst der katholischen Gemeinde von Adidogomé, einem Stadtteil von Togos Hauptstadt Lomé, bringen die Kirchgänger singend und tanzend ihre Münzen für die Kollekte zum Altar. Eine Frau spendet einen Hahn. Der Pfarrer wird sich freuen über den Sonntagsschmaus, denn ein lokal produziertes Hähnchen ist in Afrika wertvoll und sehr beliebt. Ein paar Hühner picken überall, wo Menschen sind. In der Nähe grosser Städte gibt es auch Geflügelhaltung im grösseren Stil. Ein recht profita­bles Geschäft, das noch besser sein könnte, meint Geflügelzüchter Kokou Amegnikpa. In der Nähe des Flughafens Lomé hält er direkt bei seinem Wohnhaus in einfachen Volieren rund 750 Hühner in zwei Gruppen. Haupteinnahmequelle sind die Eier, doch auch die Althennen sind noch gefragt.

EU-Abfälle für die Armen

Der Vorteil eines Huhns liegt auf der Hand: In der Tropenhitze, oft ohne Kühlmöglichkeiten, braucht es kleine Fleischportionen. Trotzdem ist ein Huhn für viele Togolesen im Alltag zu teuer. Ein Huhn aus kleinbäuerlicher Zucht kostet etwa 2500 Franc CFA (etwa 3,80 Euro). Vor etwa zehn Jahren hat das lokale Hühnerfleisch zudem noch billigere Konkurrenz bekommen ? groteskerweise aus der EU! Tonnenweise landen tiefgekühlte Hähnchenteile in den Häfen Westafrikas. Von dort gelangen sie bei 35° C und hoher Luftfeuchtigkeit ungekühlt auf die Märkte. In Kleinstportionen werden Unterschenkel, Hälse oder Flügel erschwinglich. In Europa verspeist man die Premiumstücke.

Vogelgrippe als Vorteil

Die Importe begannen, nachdem viele Staaten Westafrikas 1995 Mitglieder der neu gegründeten Welthandelsorganisation (WTO) wurden. Zuvor konnten die Länder ihre Einfuhrzölle beliebig steuern, dann wurde der Einfuhrzoll für Fleisch WTO-konform auf 20 Prozent festgelegt. Da die in Europa nahezu wertlose Ware nur den Transport kostet, lohnt sich das Geschäft ? ohne jegliche Subvention durch die EU. Die einheimischen Märkte werden ruiniert.
Doch Kokou Amegnikpa will sich sein Geschäft nicht weiter vermiesen lassen. Er ist Mitglied bei ANPAT, der regionalen Geflügelhalterorganisation, und Delegierter beim togolesischen Zusammenschluss bäuerlicher Produzenten, die wiederum mit westafrikanischen und internationalen Bauernorganisationen kooperieren. Die Bauern wollen den interregionalen Handel in Westafrika fördern und politisch mehr agieren. Die Vogelgrippe hat ihnen dabei geholfen. Seither sind die Leute sensibler geworden. Die Globalisierung war plötzlich ganz nah, und nicht mehr alles aus der «entwickelten» Welt schien toll. Aus Panik kauften die Leute nicht einmal mehr Eier. Nach den Vogelgrippefällen im Jahr 2005 sanken die Importe kurzfristig, im Jahr 2006 waren es mit 2400 Tonnen nur noch halb soviel wie im Vorjahr. Inzwischen sieht man wieder viele Tabletts mit gegrillten Chicken Wings auf den Köpfen der Marktfrauen und angetaute Stücke, die in der Hitze gammeln. Und das, obwohl die Regierung die Importe seit 2000 verboten hat. Auf die Frage, wie das Fleisch denn auf die Märkte gelange, zuckt Amegnikpa hilflos die Schultern, und auch die Marktfrauen wollen sich nicht dazu äussern. Die Wege vom Hafen über die Zollbehörden und Polizeistationen sind verschlungen. Anscheinend gibt es genügend Profiteure bei dem Geschäft.

«Hähnchen des Todes»

Geflügelzüchter Amegnikpa und Kokou Elom Amegadze von der Organisation «Les amis de la terre» (Freunde der Erde) setzen auf Aufklärung. Vorbild dafür ist Kamerun, wo es eine starke Bürgerbewegung mit Unterstützung des Evangelischen Entwicklungsdienstes in Berlin (EED) geschafft hat, die Tiefkühlimporte von Geflügel komplett zu stoppen. Die «Hähnchen des Todes» waren nach vielen Zeitungsberichten und Aktionen so verpönt, dass die Bürgerbewegung bei der Regierung Gehör fand und die Geschichte zu einem Lehrstück in Sachen Demokratie wurde. Davon ist Togo noch weit entfernt. Wer, wie die meisten in Togo, ums tägliche Überleben kämpft, hat kaum Zeit und noch weniger Energie, sich um die Vorteile regionaler Landwirtschaft oder die möglichen Gefahren einer Salmonellenvergiftung durch vergammeltes Geflügelfleisch Gedanken zu machen.
Das Ausmass der Importe und die Auswirkungen auf die Geflügelzüchter sind in Togo allerdings noch weit geringer als in Kamerun. Wer Eier und Hühner anbietet, verkauft sie auch. Es sind vor allem diejenigen, die sich sonst gar kein Fleisch leisten, die die Tiefkühlware kaufen. Viel lieber würden sie ja ein frei und langsam aufgewachsenes Huhn einer lokalen Rasse kaufen. Es ist durchtrainiert, weshalb es auch «Poulet bicyclette» (frz. Fahrradhähnchen) genannt wird. Der Geschmack ist das Hauptargument gegen das fade Hühnerklein, da sind sich alle Afrikaner einig. «Das Fleisch ist dunkel und fest und schmeckt nach was», sagt Amegadze, «nicht so wie das, was ihr uns aus Europa schickt.»
Einen Ausweg sieht Amegadze von «Les amis de la terre» deshalb in der Unterstützung der einheimischen Produktion und im Kampf gegen die Korruption. Die Naturschutzorganisation setzt sich weltweit für die Weiterentwicklung ressourcenschonender Landwirtschaft ein.

Eigenständigkeit

Geflügelzüchter Amegnikpa macht es vor: Der studierte Philosoph und Lehrer ist seit 1989 im Geschäft. Sein Wissen hat er sich über Bücher, Kurse und Besuche bei Geflügelzüchtern in Ghana angeeignet. In der Kooperative COACOM hat er sich mit zehn anderen Landwirten zusammengeschlossen. Sie kaufen gemeinsam Futtermittel ein, mahlen in ihrer eigenen Mühle und betreiben eine Verkaufsstelle. Die Eiweiss-Komponente Soja kommt säckeweise von Bäuerinnen, die ihr eigenes Saatgut verwenden. «Wir wollen kein gentechnisch verändertes Soja», sagt Amegnikpa und hofft, dass er noch viele Landwirte überzeugen kann. ?

*    Barbara Sester ist Redaktorin bei der Badischen Bauern Zeitung.