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Organisierte Kriminalität in Kosovo

Schon 2005 war bekannt, wer das Sagen hat

von Jürgen Roth

zf. Aktiv gefördert von der Administration Bush und der Europäischen Union, in klarer Verletzung der Resolution 1244 des Uno-Sicherheitsrates und gegen den ausdrücklichen Willen Serbiens erklärte Kosovo am 17. Februar einseitig seine «Unabhängigkeit». Abgesehen von Camp Bondsteel, der grössten amerikanischen Basis in Europa, welche die USA niemals freiwillig räumen werden und mit der die Souveränität Kosovos eine Farce darstellt, stellt sich die Frage, welche geostrategische Rolle die USA dieser Region zugedacht haben.
Der folgende Artikel aus dem Jahre 2005 aus der «Weltwoche» und ein aktueller, den wir in der nächsten Ausgabe publizieren werden, machen deutlich, dass die USA seit ihrer aktiven Einmischung in dieser Region Kräfte unterstützen, die mit Demokratie und Freiheit für die Bevölkerung in Kosovo nichts im Sinne haben: Es sind kriminelle und mafiöse Strukturen, die hier diplomatische Immunität erhalten haben und denen ganz offensichtlich eine entsprechende Rolle im globalen Machtkampf zugedacht worden ist.
Der «Weltwoche» liegt ein Geheimpapier vor, das belegt, wie die Politgrössen das Organisierte Verbrechen dominieren. Unterstützung für ihre mafiösen Geschäfte fanden sie auch in der Schweiz.

Wenn demnächst die Verhandlungen über den völkerrechtlichen Status Kosovos beginnen, wird das brennendste Problem kein Thema sein: Die Verbindung zwischen politischen Entscheidungsträgern und mächtigen kriminellen Clans in der serbischen Provinz, die seit 1999 von der Uno verwaltet wird. So sind drei der wichtigsten kosovo-albanischen Politiker tief in die Organisierte Kriminalität verwickelt, insbesondere in den Drogenschmuggel. Das geht hervor aus streng geheimen Dokumenten des deutschen Bundesnachrichtendienstes (BND), der Uno und der internationalen Schutztruppe Kfor, die der Welt­woche vorliegen.
Schwer belastet in diesen Dokumenten werden namentlich Ramush Haradinaj, der bis März Ministerpräsident war, Hashim Thaçi, der heute die Demokratische Partei Kosovos führt, und Xhavit Haliti, der im Präsidium des Parlaments sitzt. Pikant: Thaçi wird als Mitglied der kosovo-albanischen Delegation bei den Statusverhandlungen teilnehmen. Alle drei machten Karriere in der UÇK, der Kosovo-Befreiungsarmee, lebten lange Jahre in der Schweiz und pflegen noch heute persönliche oder geschäftliche Beziehungen zu unserem Land.
In einer 67 Seiten starken Analyse des BND über die Organisierte Kriminalität (OK) in Kosovo, die vom 22. Februar 2005 datiert, steht wörtlich zu lesen: «Über die Key-Player (wie zum Beispiel Haliti, Thaçi, Haradinaj) bestehen engste Verflechtungen zwischen Poli­tik, Wirtschaft und international operierenden OK-Strukturen in Kosovo. Die dahinter stehenden kriminellen Netzwerke fördern dort die politische Instabilität. Sie haben kein Interesse am Aufbau einer funktionierenden staatlichen Ordnung, durch die ihre florierenden Geschäfte beeinträchtigt werden können.» Deshalb, schreibt der deutsche Bundesnachrichtendienst, strebten «massgebliche Akteure der OK auf dem Balkan entweder in hohe Regierungs- oder Parteiämter und/oder pflegen gute Beziehungen zu diesen Kreisen». Die Organisierte Kriminalität verschaffe sich so «ein geeignetes politisches Umfeld», heisst es in der Analyse des Bundesnachrichtendienstes, gestempelt als «Verschlusssache ? amtlich geheimgehalten».
Eine dieser Schlüsselfiguren in Kosovo, in der Schweiz bestens bekannt, ist Hashim Thaçi, Spitzname «Schlange», der Vorsitzende der Demokratischen Partei Kosovos. Glaubt man dem BND, kontrolliert er heute einen gewichtigen Teil der kriminellen Aktivitäten in Kosovo. Und: «Thaçi gilt neben Haliti [?] als Auftraggeber des Profikillers Afrimi», auf dessen Konto mindestens elf Auftragsmorde gehen sollen.
Thaçi, 36, lebte vor dem Kosovo-Krieg ab 1995 als anerkannter Flüchtling für fünf Jahre in der Schweiz und studierte an der Universität Zürich ? mit einem Stipendium ? osteuropäische Geschichte. Er war 1992 einer der Gründer der UÇK und später ihr politischer Führer. Auf einen Schlag berühmt wurde er 1999, als er bei den serbisch-albanischen Friedensverhandlungen von Rambouillet als Delegationsleiter der kosovo-albanischen Seite auftrat ? und damit als Politiker von der internationalen Gemeinschaft anerkannt wurde.
Thaçi habe zu dieser Zeit einen «Sicherheitsdienst» kontrolliert, «ein im gesamten Kosovo aktives kriminelles Netzwerk», schreibt der deutsche Bundesnachrichtendienst: «Mit Stand 2001 sollen direkte Kontakte zur tschechischen und albanischen Mafia bestanden haben.» Und im Oktober 2003 soll Thaçi, so der BND, «im Zusammenhang mit umfangreichen Drogen- und Waffenhandelsgeschäften in engem Kontakt» zu einem Clan gestanden haben, dem auch Geldwäsche und Erpressung vorgeworfen werden. Die Annahme Thaçis Verwicklungen in die Organisierte Kriminalität, das sei betont, beruhen auf nachrichtendienstlichen Quellen und mussten juristisch bislang nicht bewiesen werden.

Der Clan der Kosovo-Albaner

Ein zweiter «Key-Player», Ramush Haradinaj, 37, ist wohl einer der umstrittensten Politiker in Kosovo. Im BND-Bericht steht: «Die im Raum Decani auf Familienclan basierende Struktur um Ramush Haradinaj befasst sich mit dem gesamten Spektrum krimineller, poli­tischer und militärischer Aktivitäten, die die Sicherheitsverhältnisse im gesamten Kosovo erheblich beeinflussen. Die Gruppe zählt etwa 100 Mitglieder und betätigt sich im Drogen- und Waffenschmuggel und im illegalen Handel mit zollpflichtigen Waren. Ausserdem kontrolliert sie kommunale Regierungsorgane.» Die Kfor bezeichnet diese Gruppe in einem Geheimbericht vom 10. März 2004 als «the most powerful criminal organization» der Region und schreibt, Haradinaj habe auch die Verteilung humanitärer Hilfsgüter kontrolliert und als Machtinstrument missbraucht.
Seine Karriere konnte er dank tatkräftiger Mithilfe der internationalen Staatengemeinschaft, insbesondere der USA, machen. Ramush Haradinaj, der fliessend Englisch und Französisch spricht, kam im Jahr 1989 als Gastarbeiter in die Schweiz und war Rausschmeisser einer Disco im Skiort Leysin. Im Februar 1998 kehrte er nach Kosovo zurück und organisierte militärische Operationen der UÇK. Nach Kriegsende fiel er wegen bewaffneter Auseinandersetzungen mit anderen Clans auf, die von den Uno-Behörden vorerst als «Racheaktionen» und als «Begleichung alter Rechnungen» gedeutet wurden. Tatsächlich dürfte es sich um Machtkämpfe unter Mafiafamilien gehandelt haben, wie auch folgendes Beispiel zeigt.
Einen aufschlussreichen Fall mit diplomatischen Verwicklungen beschreibt die Central Intelligence Unit (CIU), der Nachrichtendienst der Uno, in einem vertraulichen Bericht vom 29. Dezember 2003. Demnach überfiel Haradinaj mit bewaffneten Männern am 7. Juli 2000 das Haus eines rivalisierenden Clans, der ihn offenbar im Drogengeschäft konkurrenzierte. Laut CIU habe er der Familie 60 Kilogramm Kokain stehlen wollen, die sie angeblich im Haus versteckt hielt. Bei einer Schiesserei wurde er verwundet und musste fliehen.
Bevor Haradinaj von Uno-Polizisten verhört werden konnte, sei er in einer Blitzaktion, initiiert durch zwei mutmassliche CIA-Agenten, in einen italienischen Militärhubschrauber gesetzt und zu einer Armee­basis der USA geflogen worden, steht im Bericht des Uno-Nachrichtendienstes. Und die Uno-Beamten erhielten aus ihrem Hauptquartier in Pri?tina den Befehl, «auf Massnahmen gegen Ramush Haradinaj zu verzichten». Der Grund für diese irritierende Zurückhaltung: Es wurde befürchtet, die Verhaftung oder nur schon die Beschuldigung eines «Helden des Befreiungskampfes» könnte die angespannte Situation in Kosovo zur Explosion bringen. Haradinaj wurde in den USA nach diesem Zwischenfall aus dem Schussfeld gebracht: «Während seines Aufenthaltes in den USA erhielt er Training, und die amerikanischen Dienste garantierten ihm Unterstützung für seine politische Karriere. Sollte Kosovo unabhängig werden, wäre er der favorisierte Präsidentschaftskandidat», steht im CIU-Bericht.
Zurück in Kosovo gründete der Protégé der USA eine neue Partei, die Allianz für die Zukunft Kosovos. Ramush Haradinaj wurde im Dezember 2004, so wie es sich die USA wünschten, Ministerpräsident in Kosovo. Aber nur drei Monate lang. Im März 2005 trat er von seinem Amt zurück und stellte sich dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag. Ihm wird vorgeworfen, während des Kosovo-Konfliktes systematisch ethnische Säuberungen durchgeführt zu haben, verbunden mit Folterungen und Vergewaltigungen von Serben und Roma. Er bestreitet alle Vorwürfe. Im Juni wurde er, auf massiven Druck der US-Regierung und gegen den Willen von Chefanklägerin Carla Del Ponte, aus der Untersuchungshaft entlassen. Er darf sich vorläufig auch politisch wieder betätigen. Der Prozess in Den Haag gegen ihn wird voraussichtlich 2007 beginnen. Der Vorwurf der Organisierten Kriminalität wurde noch nicht vor die Justiz gebracht.

Anschlag in Zürich

Wichtig in Kosovo ist auch Xhavit Haliti, Spitzname «Bunny». Glaubt man Erkenntnissen der Kfor, ist das Mitglied des Parlamentspräsidiums (und Stellvertretender Parteivorsitzender der Demokratischen Partei Kosovos) eine «bekannte kriminelle Figur, involviert in den Waffen- und Drogenhandel». Auch im BND-Bericht wird er «mit Geldwäsche, Drogen-, Waffen-, Menschen- und Treibstoffschmuggel, Frauenhandel und dem Prostitutionsgeschäft in Verbindung gebracht und dem inneren Zirkel der Mafia zugeordnet. Als Schlüsselfigur in der OK bewegt(e) er ständig grosse Geldsummen.»
Haliti, 49, begann seine Karriere, wie Haradinaj und Thaçi, in der Schweiz. Hier hielt er sich Ende der 80er Jahre auf und studierte Psychologie. 1990 wurde auf ihn in Zürich ein politisch motivierter Bombenanschlag verübt. Ein Jahr später gehörte er bereits dem Präsidium der Volksbewegung Kosovos an und betrieb von der Schweiz aus die Organisation der UÇK. Vor und während des Krieges soll er Waffen für sie beschafft und den «Homeland Calling Fund» kontrolliert haben. Für diesen Fonds spendeten, mehr oder weniger freiwillig, kosovo-albanische Emigranten vor allem in der Schweiz und in Deutschland 400 Millionen US-Dollar.
Als die Spenden nach Kriegsende zurückgingen, «wandte sich Haliti in grossem Stil der Organisierten Kriminalität zu» schreibt die Kfor. Damit ist er laut dem geheimen Kfor-Dossier kein Einzelfall: «Auffällig ist, dass unter all den Namen, die auf den OK-Dienststellen kursieren, es sich fast ausschliesslich um UÇK-Kommandanten bzw. Führer von Spezialeinheiten handelt.» Auch Haliti wurde bis heute nichts Gerichtsverwertbares nachgewiesen.
Die Schweiz, so zeigt sich an diesen drei prominenten Beispielen einmal mehr, war ein Dreh- und Angelpunkt der UÇK-Aktivitäten. Hier wurden vor dem Kosovo-Konflikt Millionen für Waffen und Propaganda gesammelt und Kämpfer rekrutiert, um den sogenannten Freiheitskampf der unterdrückten Albaner in Kosovo zu finanzieren und zu steuern. Im Sommer 2001 beschloss der Bundesrat, dass führende Vertreter der kosovo-albanischen Organisationen ihre ­politischen Aktivitäten einzustellen haben und auch kein Geld mehr sammeln dürfen. Gegen Haliti verhängte er eine Einreisesperre.

Opium für Europa

Die geheimgehaltenen Berichte der Nachrichtendienste lassen den Schluss zu, dass  Kosovo, trotz Uno-Verwaltung und internationaler Schutztruppe, eine der wichtigsten kriminellen Drehscheiben Europas ist. Einer der Gründe ist das profitable Geschäft mit Drogen: Ein grosser Teil der ständig wachsenden Opiumernte in Afghanistan gelangt in Form von Heroin über Albanien und Kosovo auf den westeuropäischen und US-Markt. Täglich werden 500 bis 700 Kilo durch Kosovo und Albanien geschmuggelt und teilweise in eigenen Labors weiterverarbeitet, sagt Klaus Schmidt, Chef der Pameca, der europäischen Mission zur Unterstützung der Polizei in Albanien. Täglich werden in der albanischen Hauptstadt Tirana auf dem grauen Geldmarkt eine Million Euro an Drogengeldern getauscht. Experten sprechen vom «weltweit grössten Drogenkartell», das in den vergangenen Jahren entstanden ist.
Selbst die Ausschreitungen im März 2004, die Kosovo an den Rand eines erneuten Bürgerkriegs brachten, seien von kriminellen Drahtziehern bewusst geschürt worden, damit diese in aller Ruhe ihren Geschäften nachgehen konnten, ist im BND-Bericht zu lesen: «Anfang April 2004 wurde aus Sicherheitskreisen auf dem Balkan bekannt, dass die jüngsten Unruhen in Kosovo durch die Organisierte Kriminalität vorbereitet und in deren Auftrag durchgeführt worden sein sollen.» Während der Krawalle wurden ganze Lastwagen mit Heroin und Kokain über die nicht kontrollierte Grenze geschmuggelt, weil die Uno-Polizisten und die Kfor-Soldaten mit dem Eindämmen der Unruhen völlig überfordert waren. Diese Erkenntnisse bestätigen Polizeibeamte der Uno in Pri?tina, die zu ihrer Sicherheit anonym bleiben müssen. Und sie beklagen sich, dass bis zum heutigen Tag nichts gegen die kriminellen Strippenzieher unternommen wurde.
Die Uno und die Kfor haben das Problem nicht einmal ansatzweise in den Griff bekommen. Der Uno-Polizei fehlen nicht zuletzt die Mittel. «Wir gehen mit einem Holzschwert in die Schlacht», klagt einer der höchsten Uno-Polizeioffiziere vor Ort. Vor allem aber fehlt es ihr am politischen Rückhalt, um wirksam gegen die Mafia-Clans vorgehen zu können. «Weder regionale Regierungskreise noch die Exekutive», schreibt der Bundesnachrichtendienst, hätten «auf Grund ihrer eigenen Verwicklungen ein Interesse an deren Bekämpfung». Und ein leitender Beamter der Uno-Polizei, Abteilung zur Bekämpfung der Organisierten Kriminalität, sagte der Weltwoche: «Namhafte Personen, bis hin zum früheren Premierminister, steckten hinter den März-Unruhen, die von einer bekannten kriminellen Struktur vorbereitet wurden. Dies ist zahlreichen Diensten bekannt, trotzdem wird nichts gegen diese Struktur unternommen.» Seine Erklärung dafür: «Man will hier keine weitere Unruhe, und die würde es geben, wenn man gegen Ramush Haradinaj OK-Ermittlungen führen würde.»
Eine Konsequenz dieser Zurückhaltung: In Westeuropa ? insbesondere in der Schweiz, in Deutschland und Italien ? sind die kosovo-albanischen Clans heute eine führende kriminelle Macht. Der BND sieht darin ein «hohes Bedrohungspotential für Europa». In Kosovo selbst werden inzwischen viele Dienststellen der Uno-Polizei an den einheimischen Kosovo-Police-Service übergeben. Dort aber sitzen die alten Kader an der Spitze, die im Verdacht stehen, engste, teilweise familiäre Beziehungen zu bekannten Mafia-Grössen zu pflegen.
Die Dokumente des BND, der Kfor und der Uno dagegen wurden tief in den Tresoren der Regierungskanzleien vergraben.    ?

Jürgen Roth ist Publizist in Frankfurt. Er hat zahlreiche Bücher über das Organisierte Verbrechen geschrieben. www.juergen-roth.com

Quelle: Weltwoche 43/2005