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Angst vor einer weltweiten Hungerrevolte?

von Prof. Dr. jur. Dr. h.c. Heinrich Scholler

Die Weltbank und der Internationale Währungsfonds (IWF) haben am 12. April eine Tagung mit einer gemeinsamen Erklärung abgeschlossen. In dieser Erklärung fordern sie die internationalen Einrichtungen auf, dem plötzlich aufgetretenen oder besser plötzlich erkannten weltweiten Hunger durch die sofortige Bereitstellung von mindestens 500 Millionen Dollar entgegenzutreten. Gleichzeitig hat vor allem der Präsident des IWF, Dominique Strauss-Kahn, betont, dass die entstandene Hungerkatastrophe wesentlich gefährlicher und ernster zu nehmen sei, als die vor einiger Zeit publik gewordene Finanz- oder Finanzierungskrise, die in den Vereinigten Staaten von Amerika ihren Ausgang genommen hatte. Was soll denn mit den 500 Millionen Dollar gemacht, oder was soll damit gekauft werden? Geht es nur darum, die in Haiti ausgebrochene politische Unruhe, die aus einer Hungerrevolte hervorging, zu bekämpfen und zu überwinden? Nein, es geht um mehr, denn in vielen anderen Ländern ist das Brot knapp geworden und in manchen verteilt das Militär das Brot an die hungernde Bevölkerung, zum Beispiel in Ägypten. Auch auf den Philippinen und in vielen anderen Ländern sind Nahrungsmittel knapp geworden und Hungerrevolten ausgebrochen. Nach und nach wird berichtet und bestätigt, dass in mindestens 33 Staaten Hunger herrscht und Hunger­unruhen oder Revolten zu befürchten sind. Was ist der Grund hierfür? Weltweit sind die Preise für Grundnahrungsmittel, vor allem für Brot, Reis und Mais, gestiegen. Der Preis für eine Tonne Exportweizen aus den Vereinigten Staaten stieg von 375 Dollar im Januar auf 440 Dollar im März. Reis aus Thailand verteuerte sich im gleichen Zeitraum von 365 Dollar auf 562 Dollar. Als Gründe hierfür wird die wachsende Bevölkerung in den Schwellenländern, und vor allem in den grossen Megasystemen wie China und Indien, angegeben, wenn diese plötzlich über eine grössere Kaufkraft verfügen. Weiter ist aber als zentrale Ursache zu erwähnen, dass in grossem Umfange Reis und Getreide zu Ethylalkohol verarbeitet werden, so dass energiehungrige Maschinen mit dem sogenannten Biosprit, einer Mischung aus Benzin und Ethylalkohol, gefüttert werden können. Da die USA nur etwa 30% des erforderlichen Öls im eigenen Lande oder aus gesicherten Quellen beziehen können, sind sie ein Hauptauftraggeber für die Produktion von Biosprit und damit für die Umwandlung der Broterzeugung auf den Getreidefeldern in Alkoholproduktion. Die Diskussion um die Beimischung von Ethylalkohol in das Benzin für Kraftfahrzeuge ist in Deutschland noch nicht zu Ende, denn sobald der Bestand an Altautos nahe an die Zahl von einer Million absinkt, wird die Beimischung wieder auf mindestens 10% Biosprit gesteigert werden. Der Präsident des IWF hat das plastisch wie folgt ausgedrückt oder ausdrücken wollen: Unsere Hand muss nicht zum Geld, sondern zum Mund gehen; womit er meint, dass wir auf den Getreidefeldern Brot produzieren oder Mais erzeugen sollen und nicht den Biokraftstoff, den man nicht zu Nahrungszwecken, sondern zur Vermehrung des Profites einsetzt.
Liegt aber dem IWF auch daran, die Strukturauflagen für die Länder der dritten Welt endlich zu ändern oder aufzuheben? Darunter versteht man Auflagen, die die verschuldeten Länder der dritten Welt erhalten, um wieder kreditfähig zu werden. Die Auflagen bestehen dann darin, dass sie Kaffee oder Kakao oder ähnliche Produkte erzeugen sollen, die sich schnell und günstig auf dem Weltmarkt verkaufen lassen. Die Eigenproduktion von Nahrungsmitteln ist damit erschwert, reduziert oder unmöglich gemacht. Auch das ist ein Faktor, warum der Hunger weiter zunimmt. Schliesslich sind auch die sogenannten Methoden des «Agrardumpings» zu erwähnen, die vor allem von der EU angewandt werden. Darunter versteht man mit Jean Ziegler («Das Imperium der Schande ? Der Kampf gegen Armut und Unterdrückung», 2005, ISBN 978-3-570-55019-9) Exporte europäischer Agrarprodukte nach Afrika unter der Devise Entwicklungshilfe. Nicht alles, aber vieles ist in Wirklichkeit «Agrardumping». Gerne erzähle ich es nicht, aber es muss erzählt sein: Wenn man mit seiner Familie vor 30 oder 40 Jahren voller Enthusiasmus nach Afrika ging und die ersten ein, zwei Wochen bis zur An-mietung eines Hauses in ein Hotel zog, hatte man ein einfaches, lokales Hotel mit dem schönen Namen «Afrika». Man nahm auch in Kauf, dass auch die eigenen Kinder plötzlich Flöhe hatten. Überrascht aber war man, als man jeden Morgen zum Frühstück originalverpackte bayerische und dänische Butter mit deutschem und dänischem Aufdruck serviert bekam. Was ist die Lehre? Wenn man auch akzeptiert, mit Flöhen zu schlafen, dem «Agrardumping» entkommt man nicht. ?