Der Sieg der Konzerne darf nicht das letzte Wort sein
Jean Ziegler in einem Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk über die Welternährungskonferenz
Bayerischer Rundfunk: Zum Abschluss der Welternährungskonferenz hat die Welthungerhilfe scharfe Kritik geübt. Die Veranstaltung habe keine verbindliche Vereinbarung zur Entwicklung der Landwirtschaft und der ländlichen Räume auf der Erde gebracht, nur Sofortmassnahmen für die Verbilligung von Saatgut und Düngemitteln, was zusätzliche Abhängigkeit für die kleinen Bauern bringe. Am Telefon der Radiowelt kann ich jetzt den Mann begrüssen, der mehr von diesem Thema versteht als jeder andere auf der Welt, Jean Ziegler, den langjährigen UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, jetzt Mitglied im UN-Menschenrechtsrat, Autor des Buches «Imperium der Schande. Der Kampf gegen Armut und Unterdrückung». Guten Morgen, Herr Ziegler.
Jean Ziegler: Guten Tag.
Herr Ziegler, es klingt aufs erste ja gut, dass die Vereinten Nationen auf verbilligte Saatgüter und verbilligte Düngemittel setzen. Was ist so falsch dran?
Dieser Gipfel, an dem immerhin 50 Staats- und Regierungschefs teilgenommen haben, über 2000 Diplomaten während drei Tagen, endet in einem wirklichen Skandal. Ich glaube, die Welthungerhilfe hat absolut recht, und fast alle Nicht-Regierungsorganisationen sind derselben Meinung: Es ist der Sieg der Konzerne, die etwa 80 Prozent des Weltagrarhandels beherrschen.
Und anstatt – eine Nicht-Regierungsorganisation hat das deutlich gesagt in Rom gestern – den Hunger zu bekämpfen, der fürchterliche Opfer verlangt – jeden Tag sterben 100 000 Menschen am Hunger oder seinen unmittelbaren Folgen, alle 5 Sekunden verhungert ein Kind unter 10 Jahren – wird dieser Hunger jetzt noch potenziert, dieses Massaker, durch die explodierenden Grundnahrungsmittelpreise.
Der Gipfel in Rom droht, diesen Hunger noch zu verstärken, anstatt ihn wirklich zu bekämpfen. Und warum? Weil die Schlussfolgerungen von Rom, die Empfehlungen der Endresolution, die laufen auf mehr Liberalisierung der Märkte hinaus, es wird also noch mehr Agrardumping geben, die Konzerne können ihre Produkte noch mehr in die Agrarländer der südlichen Hemisphäre absetzen, ohne dass diese Länder sich irgendwie wehren können mit Zollschranken, mit Kontingenten usw.
Also, dass Düngemittel, dass Saatgut billiger werden, das bedeutet noch nicht, dass in den armen Ländern die Grundnahrungsmittel billiger werden?
In keiner Weise. Erstens müsste zuerst einmal die Landwirtschaft geschützt werden. Letztes Jahr haben die Industrienationen, die in der OECD sind, und vor allem auch die EU, die 27 EU-Länder, gemeinsam Produktions- und Exportsubventionen an ihre Bauern gezahlt in der Höhe von 345 Milliarden Dollar. Sie können auf jedem afrikanischen Markt heute europäisches Gemüse, Früchte zur Hälfte, zu einem Drittel des Preises gleichwertiger Inlandprodukte kaufen. Und dieses Dumping zerstört die einheimische Landwirtschaft.
Viele hatten ja erwartet, dass es in Rom wenigstens Beschlüsse zum Thema Biosprit geben würde, also zu Verwendung von Anbauflächen in den armen Ländern, um Treibstoff anstatt Nahrungsmittel herzustellen, von denen die Menschen dort leben könnten. Aber es hat dazu praktisch überhaupt keinen Beschluss gegeben. Woran liegt das?
Das liegt an der absoluten Schwäche des gegenwärtigen Generalsekretärs der Vereinten Nationen, der – ich sage das vorsichtig – stark dem amerikanischen Einfluss ausgesetzt ist und deshalb auch keine wirklichen Empfehlungen abgegeben hat, die die Konzerne irgendwie stören könnten. Sie haben absolut recht, wenn Sie sagen, die Tatsache, dass Hunderte von Millionen von Tonnen verbrannt werden – letztes Jahr 138 Millionen Tonnen Mais allein in den Vereinigten Staaten –, um Bioethanol, Biodiesel herzustellen, währenddem die Menschen auf der Welt hungern, das ist ein Verbrechen und müsste komplett verboten werden. In Rom wurde dieses Verbot überhaupt nicht behandelt, eine vage Empfehlung wurde ausgegeben, die Forschung im Bereich der Agrartreibstoffe zu fördern und vielleicht zu andern Produktionsmitteln vorzustossen. Aber auch hier ein totaler Rückschritt und ein Verrat an der Charta der Vereinten Nationen, die Solidarität, Hilfe für die Ärmsten und Respekt für das Recht auf Nahrung für jedermann auf diesem Planeten festhält.
Forschung ist ja immer eine beliebte Ausrede, man denke nur an die Waljagd der Japaner. Vielen Dank. Das waren Auskünfte und das war eine vernichtende Bilanz der Welternährungskonferenz in Rom von Jean Ziegler, dem langjährigen UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Ich danke Ihnen sehr für das Gespräch, Herr Ziegler, auf Wiederhören.
Vielen Dank!
Quelle. Bayrischer Rundfunk, Radiowelt. Das aktuelle Interview vom 6.6.2008.