Hungern – in den USA
Die Nahrungsmittelkrise zeigt auch in den USA Folgen: 35 Millionen Menschen müssen sich inzwischen um die jeweils nächste Mahlzeit sorgen. Eine «Freiwilligen-Farm» in Virginia versucht zu helfen.
von Thomas Spang, Woodstock/Virginia
zf. Ein absoluter Skandal. Ein Zeichen der Menschenverachtung, wie es deutlicher nicht sein könnte. Die USA, das reichste Land der Erde, das jährlich Hunderte von Milliarden Dollar für die Rüstung ausgibt, um seine Herrschaft über die Welt zu festigen und die anderen Länder mittels Krieg zu unterwerfen, lässt seine eigenen Bürger hungern. Immer mehr Amerikaner können sich frisches Gemüse, Früchte oder Vollwertbrot nicht mehr leisten. Das führt zu Mangel- und Fehlernährung, worunter vor allem Kinder und alte Menschen zu leiden haben.
Thomas Spang, der Amerika-Korrespondent des «St. Galler Tagblatts», stellt im folgenden Artikel eine «Freiwilligen-Farm» in Virginia vor, die Hilfe leistet. Sein Bericht zeigt, was private Initiative leisten kann und macht gleichzeitig einmal mehr deutlich, dass angesichts der weltweiten Lebensmittelverknappung die Versorgung mit gesunden Nahrungsmitteln regional gesichert werden muss.
Vorsichtig kratzt der hochgewachsene Mann mit der Hacke über den lehmigen Boden. «Das runde Grün sind die Zwiebeln, alles andere ist Unkraut», erklärt Mike Smith fachkundig seiner Pastorin Ann Ross, die neben ihm auf dem Feld arbeitet. Zusammen mit 4 anderen Mitgliedern einer evangelischen Gemeinde aus dem benachbarten Elkton im US-Bundesstaat Virginia jäten die beiden das Zwiebelfeld der «Volunteer-Farm».
Das Land gehört Bob Blair, der seine idyllisch am Fuss der Appalachen gelegene Farm vor 5 Jahren ganz in den Dienst der Hungrigen stellte. Fruchtbarer Boden, auf dem Kartoffeln ebenso gut wachsen wie Melonen, Bohnen, Gurken oder Randen. Alles nährstoffreiche Gemüse, die auf dem Speisezettel der Armen fehlen und Mangelware der sogenannten Lebensmittelbanken für Bedürftige sind.
Gemüse und Früchte für Bedürftige
«Wir haben ein weltweites Hungerproblem, das sich auch hierzulande jeden Tag weiter verschärft», erklärt der Herr mit silbergrauem Haar, der die Kirchentruppe persönlich begrüsst – wie die meisten der rund 5000 Freiwilligen, die bis Ende Jahr den Weg über die verschlungenen Nebenstrassen des Highway 81 zur «Volunteer-Farm» finden. Unter der Woche helfen Rentner und Idealisten, am Wochenende Familien und in den Ferien Gruppen von Schulkindern und College-Studenten. «Das ist nicht Bob Blairs Farm», schärft der ehemalige Helfer der staatlichen Katastrophenschutzbehörde (Fema) den Besuchern ein. «Wir betreiben hier ein Gemeinschaftswerk.»
Die ungewöhnliche Idee kam Bob Blair über Nacht. «Das war mein Marschbefehl», sagt der gläubige Mann, der eines Morgens aufwachte und vor seinem geistigen Auge einen detaillierten Plan sah. Bob verkaufte seine Christbäume, die er auf dem Land gepflanzt hatte, wandelte es in Acker um und bestellte mit ein paar Freiwilligen die ersten zwei Hektaren. In diesem Jahr bebauen die Helfer eine achtmal so grosse Fläche und hoffen, deutlich mehr als die 60 000 Stück Gemüse aus dem zurückliegenden Dürrejahr bei der örtlichen Lebensmittelbank abliefern zu können.
«Die Hilfe der Farm wird dringend gebraucht», sagt Ruth Jones von der «Blue Ridge Area Foodbank», die rund 130 000 Menschen in Virginia Nothilfe leistet. Seit Oktober stieg die Zahl der Hilfesuchenden in den 430 Ausgabestellen um ein Drittel an. «Eine wirkliche Epidemie», klagt Jones.
Die Not wird grösser
Gleichzeitig reduzierte die Regierung ihre Zuwendungen von 4 Millionen Pfund Lebensmittel im Jahr 2004 auf heute nur noch eine Million. Die Hersteller geizen ihrerseits mit kostenloser Mangelware und zwingen Hilfsorganisationen zum Zukauf. «Die weltweite Krise kommt bei uns an», sagt Jones. Blair erzählt seinen Freiwilligen von einem Beispiel aus Crozet, einem malerischen Ort in den grünen Hügeln Virginias, in dem Wohlstand und Hunger verborgen Tür an Tür leben. Die Nachfrage in den beiden örtlichen Ausgabestellen von Nahrungsmittel-Soforthilfe sei im November so dramatisch gestiegen, dass Menschen hungrig wieder gehen mussten.
In ihrer Not wenden sich Hilfesuchende zunehmend direkt an die regionalen Zwischenlager wie jenes in Winchester, wo die Frischprodukte der «Volunteer-Farm» gelagert werden. «Wir haben heute 6 Familien mit Lebensmittelkisten versorgt», berichtet Mary-Jane Dlaine, die ihr Warenhaus nach Herkunft der Spenden sortiert hat. Gähnende Leere herrscht in der Kühlkammer für Fleisch, Frischgemüse und Früchte. Freudig erwartet sie die erste Lieferung von Erbsen, die Bob Blair für die nächsten Tage avisiert hat.
Die «Freiwilligen-Farm» schliesst mit ihren Lieferungen eine Lücke, die Lebensmittelbanken überall in den USA kennen. «Hunger drückt sich in einem reichen Land wie den USA in Mangel- und Fehlernährung aus», erklärt Blair das Phänomen, das paradoxerweise oft zu Fettleibigkeit und Diabetes führt. Leidtragende sind Kinder, alte Menschen und die sogenannten Working-poor.
Genug Freiwillige
Angesichts der Dimension des Problems fühlt sich der aus 400 Einsätzen abgehärtete Katastrophenhelfer zuweilen überwältigt. Oft sorgt er sich um die Zukunft des Gemeinschaftswerks. Doch dann finden sich doch wieder Geldgeber, die das einmalige Projekt voranbringen. Wie im letzten Jahr, als eine Spende half, einen stärkeren Traktor zu kaufen.
Nur der Strom der Freiwilligen scheint nicht zu versiegen. Chrissy Jenkins und Linda Bueckling, die einzigen bezahlten Kräfte auf der Farm, koordinieren den Einsatz via Internet und Telefon. «Eine Aufgabe findet sich immer», sagt Blair. «Die Erfahrung, selber Hand anlegen zu können, macht den Unterschied», erklärt Gottesfrau Ann Ross die Motivation ihrer Gemeinde in Elkton, hier zu helfen. «Das ist gut für den Körper und die Seele», fügt Mike hinzu, der als Labortechniker Ferien nahm, um auf der «Freiwilligen-Farm» mit anzupacken. «Einen Scheck zu schreiben, ist so viel einfacher.» •
Quelle: St. Galler Tagblatt vom 21.5.2008
Widersprüchliche Politik
T.S. Wer mit dem Auto durch die Dakotas fährt, wird bald überwältigt von der Weite der Prärie. Eine einsame Gegend, die bis vor kurzem wenig Perspektiven für die Kinder der eingesessenen Farmer bot. Während viele Junge in die Städte zogen, schlugen sich die älteren Bauern mit Hilfe eines bescheidenen, aber steten Stroms an Subventionen aus Washington durch.
Auch Kerry Dockter aus dem entlegenen Denhoff, North Dakota. Der Rancher kassiert für die Stillegung von 1,8 Quadratkilometern Grasland im Rahmen eines Naturschutzprogramms etwa 22 900 Dollar pro Jahr. Doch nicht mehr lange. «Die Zeiten haben sich geändert», erklärt er einem Reporter, der fragt, warum er künftig auf diese Einkommensquelle verzichten möchte.
Die Erklärung liegt auf der Hand. Die weltweite Knappheit auf den Nahrungsmittelmärkten machen die Früchte der Felder zum neuen Gold. Laut Uno stiegen die Getreidepreise zwischen 2005 und 2008 weltweit um 80%. Also wird Denhoff bei nächster Gelegenheit Land aus dem Naturschutzprogramm herausnehmen, um darauf Rinder weiden zu lassen, es zu bestellen oder an andere zu verpachten. Die Lobbyisten der Bäcker, Bierbrauer, Viehzüchter und Ethanolproduzenten machen sich dafür stark, grosse Teile der 14 Millionen Hektar Land, die gegen Subventionen unter Naturschutz stehen, schnell wieder zu bewirtschaften.
Naturschützer und Jäger hoffen dagegen, dass sich die 400 000 Landwirte mit zusätzlichen Subventionen auch künftig dazu motivieren lassen, auf den lukrativen Anbau von Mais und Weizen oder auch Soja zu verzichten.
Eine paradoxe Situation angesichts der explodierenden Preise an den Agrarbörsen von Chicago, Kansas City und Minneapolis. Dort stehen US-Käufer in Konkurrenz mit internationalen Händlern, die zum Teil dreimal so grosse Order wie früher aufgeben. «Wir sehen manchmal an einem Tag Preissteigerungen, wie wir sie sonst über das ganze Jahr nicht gesehen haben», beschreibt Getreidehändler Jeff Voge die verrückte Stimmung, die zusätzlich angeheizt wird durch spekulative Investitionen grosser Fonds.
Experten eines Washingtoner Instituts, das die Nahrungsmittelpolitik weltweit untersucht, führen bis zu einem Drittel der Preisanstiege auf dem globalen Getreidemarkt auf die Förderung von Ethanol zurück. Laut der Weltbank ging das gesamte Wachstum des globalen Maisanbaus von 2004 bis 2007 in die Biotreibstoffproduktion der USA. •
Quelle: St. Galler Tagblatt vom 21.5.2008
Kommt bald Tierfutter auf den Tisch?
von Thomas Spang, Washington
Amerikaner müssen den Gürtel enger schnallen oder weichen auf Billig-Discounter und Ein-Dollar-Menus aus.
Während die Nahrungsmittelkrise in armen Ländern zu Unruhen führt, macht sie sich in reichen Industriestaaten im Konsumverhalten bemerkbar. Die Amerikaner müssen sich daran gewöhnen, den Gürtel enger zu schnallen.
Linda Parker schaut nach ihrem Einkauf im örtlichen «Giant»-Supermarkt von Bethesda ungläubig auf ihren Kassenzettel. Das Brot kostet 3,99 Dollar, die halbe Gallone (etwa 1,9 Liter) Milch 4,29 Dollar und das Dutzend Eier 3,49 Dollar. Ganz zu schweigen von den gestiegenen Preisen für Fleisch, frisches Gemüse und Obst. «Alles wird teurer», klagt die Hausfrau, die dabei «überschlagen» hat, dass sie inzwischen rund 7% mehr für ihre Einkäufe auszugeben hat. Eine typische Erfahrung, die Amerikaner machen, wenn sie in den Supermarkt gehen.
Nach der letzten offiziellen Statistik macht der Preisanstieg für Lebensmittel im Durchschnitt 4% aus. Tendenz steigend. Die Verbraucher ziehen Konsequenzen. Billig-Discounter wie Wal-Mart erhalten Zulauf, während feinere Adressen wie die Whole Foods-Märkte Kunden verlieren. Immer häufiger lassen die Amerikaner Markenprodukte in den Regalen stehen, um bei den billigeren Eigenmarken der Ketten zuzugreifen. Statt Steaks packen sie Geschnetzeltes in den Einkaufskorb. Und frische Früchte werden durch gefrorene Ware ersetzt.
Vor allem Arme betroffen
Experten müssen bis in die 70er Jahre zurückgehen, um eine solche Änderung im Kaufverhalten auszumachen. «Wir sind noch nicht so weit, dass die Leute ihren Speiseplan mit Tierfutter abrunden», spitzte Detailhandelsanalyst Burt Flickinger gegenüber der «New York Times» den Trend zu. «Aber wir bewegen uns in diese Richtung.» Vor allem Amerikaner, die unter oder knapp über der Armutsgrenze leben, können sich frisches Gemüse, Früchte oder Vollwertbrot kaum mehr leisten. Statt dessen florieren «Ein-Dollar-Menus» von McDonald’s und Billig-Pizzas. Ernährungsspezialisten machen darauf aufmerksam, dass in der industrialisierten Welt Fehlernährung eine Konsequenz der Nahrungsmittelkrise sei.
Ein anderes, weniger typisches Symptom sind die freiwilligen Rationierungen einzelner Produkte. In der Heimat von Uncle Ben’s machte die Nachricht Schlagzeilen, dass Grossmärkte die Abgabe von Reis auf 4 Säcke pro Kunde und Besuch begrenzten. Für die Lebensmittelindustrie bedeuten die höheren Einkaufspreise für die Zutaten Einschnitte in die Profitmargen. Der Kraft-Konzern beispielsweise musste im vergangenen Jahr Mehrkosten von 9% oder 1,3 Milliarden Dollar wegstecken. Genug jedenfalls, um einzelne Produkte anzupassen. So reduzierte das Unternehmen aus Illinois beispielsweise in seiner Miracle Whip-Mayonnaise den teuren Sojaöl-Anteil und ersetzte ihn durch Wasser.
Auch die Restaurants lassen sich etwas einfallen. Beliebte Tricks: kleinere Portionen auf grösseren Tellern, versteckte Preisanstiege hinter dem Komma und Hervorhebung der Gerichte mit besserer Marge auf den Speisekarten. Starbucks denkt über die Einführung des Ein-Dollar-Kaffees nach, weil die Bestellungen für die teuren «Lattes» und «Macchiatos» USA-weit zurückgehen.
Nur noch jeder zehnte Dollar
Was die Krise von jener Ende der 70er Jahre unterscheidet, ist der Anteil, den Amerikaner heute gemessen an ihrem Einkommen für Lebensmittel ausgeben. Während damals noch jeder dritte Dollar in die Ernährung floss, ist es heute nur noch jeder zehnte. Dafür haben aber die Kosten für Energie, Gesundheit und Bildung dramatisch zugenommen. Womit vielen keine andere Wahl bleibt, als zu lernen, in der Krise den Gürtel enger zu schnallen.•
Quelle: St. Galler Tagblatt vom 21.5.2008