Wissenschaft muss dem Schutz und der Verbesserung des Lebens dienen
Gedanken zur Kontroverse um das CERN
von Erika Vögeli
Seit Beginn der 90er Jahre ist der Krieg nach Europa zurückgekehrt und seither sind europäische Staaten in verschiedenste Kriege verwickelt: Somalia, Bosnien, Kosovo, Afghanistan, der Irak, Libanon u.a. sind Stationen einer Entwicklung, die uns immer tiefer in die Kriegsallianz mit der einzig verbliebenen Supermacht hineingeführt haben.
In erschreckendem Ausmass scheinen wir uns auch daran zu gewöhnen, uns abzufinden, denn gestorben und gelitten wird – zumeist – nicht hier bei uns.
Dabei erreichen uns aus all diesen Ländern immer wieder Berichte und Bilder von Ärzten, Augenzeugen und Waffenexperten, die von ungeheuren Explosionen berichten, von Kratern, in denen keine Trümmer übrigbleiben, von seltsamen Symptomen und Verletzungen: von Körpern mit abgestorbenem Gewebe ohne sichtbare Wunden, von «eingeschrumpften» Leichen, von Menschen, denen man verletzte Gliedmassen amputieren musste, wobei das Absterben des übrigen Gewebes trotz Amputation fortschrittt und schliesslich zum Tode führte, von Leichen mit schweren Verwundungen, die aber nicht bluten, von ausgedehnten inneren Verletzungen ohne sichtbare Teile von Munition, aber auch von bisher unbekannten Krankheiten und von einer unglaublichen Zunahme an Krebserkrankungen und nicht zuletzt von den Missbildungen unglaublicher Art bei Neugeborenen. Der Hilferuf der Ärzte aus Gaza, die um Informationen über die Art der dort eingesetzten Waffen baten, um entsprechend nach Möglichkeiten der Hilfe zu suchen, blieb unbeantwortet: Die internationalen Rüstungskonzerne und die Armeeführungen und die verantwortlichen Regierungen, die ganz genau wissen, was sie überall eingesetzt haben, hüllen sich bis heute in Schweigen.
Wissenschaft im Dienst der Waffenindustrie
Schon immer sind Kriege als Experimentierfeld für neue Waffen genutzt worden. So ganz offensichtlich auch in den letzten Jahren – von sogenannt zivilisierten Ländern, die sich anmassen, den Menschen der Welt ihre «Werte» aufzuzwingen. Die wissenschaftlichen Grundlagen und Techniken für diese neuen Waffen müssen irgendwo entwickelt werden. Auch das ist natürlich nichts Neues – die militärische Forschung wird seit Jahrzehnten vorangetrieben, und die Rüstungskredite der USA, aber auch der Länder der Europäischen Union machen deutlich, dass diese Mächte in nächster Zukunft keine friedlichen Wege einzuschlagen gedenken. Weltweit sind Wissenschaftler in unzähligen Forschungseinrichtungen damit beschäftigt, atomare, biologische, chemische, sogenannt konventionelle und völlig neue Waffen zu entwickeln. Ein nicht unbedeutender Bereich liegt dabei in der Entwicklung neuer Atomwaffen – der alte Traum der Militärs von Bomben mit der Wirkung einer Atom- oder Wasserstoffbombe ohne oder mit geringem radioaktivem Fallout wird intensiv weitergeträumt. Die «Führbarkeit» eines Atomkrieges ist in den Strategiepapieren ein aktuelles Thema.
Warum keine Sachdiskussion?
Wenn wir im folgenden die in den letzten Wochen aufgekommene Debatte um das CERN1, die Europäische Organisation für Atomforschung in Genf aufgreifen, so nicht, um die von Professor Otto E. Rössler aufgeworfenen Bedenken zu den möglichen Gefahren der bevorstehenden Experimente mit dem Large Hadron Collider (LHC) zu beurteilen. Dies sollen – wie Rössler selbst fordert – die Wissenschaftler in einer ehrlichen und sachlichen Auseinandersetzung tun. Leider lässt die bisherige Diskussion diese Ernsthaftigkeit vielfach vermissen – viele Reaktionen bewegen sich im Bereich des Reisserischen, des Lächerlichmachens oder einer Art oberlehrerhaften Gehabes. Rössler hat gefordert, man solle seine These prüfen bzw. widerlegen. Dies – so sollte man meinen – müsste doch auch das ureigenste Anliegen einer Organisation sein, die reine Forschung betreiben will, denn so stellt sich das CERN dar und mit dieser Absicht war es 1954 offiziell gegründet worden: Offene internationale Zusammenarbeit ohne Geheimnisse und ohne militärische Ziele irgendwelcher Art2 sollten hier möglich sein. Offensichtlich lassen sich Rösslers Kern- und astrophysische Überlegungen doch nicht so einfach vom Tisch wischen.
«Extraterritorialer Status» – wozu?
Nicht unbedeutend ist in diesem Zusammenhang der Status des CERN: Als extraterritoriales Gebilde, das nur «unter Kontrolle der Organisation», also sich selber stehe, sei es keiner der nationalen Rechtsprechungen der Mitgliedländer unterstellt. Deshalb geniesse das CERN rechtliche «Immunität»!3 Es kontrolliert sich selber, wählt sein Aufsichtsgremium selber. Jeder der 20 Mitgliedstaaten ist durch einen Vertreter der Regierungsbehörden und einen Vertreter der nationalen Forschungsinteressen im Rat des CERN repräsentiert. Jeder Staat hat eine Stimme, die meisten Entscheide erfordern ein einfaches Mehr, wobei in der Regel weitestgehender Konsens gesucht werde. Unabhängig davon, wie der aktuelle Fall wissenschaftlich zu beurteilen ist, ist eine solche Konstruktion vom Standpunkt von Demokratie und Neutralität schwer nachvollziehbar. Menschen sind nicht unfehlbar – auch Physiker nicht. Die Bedenken von Rössler machen zumindest einen Umstand deutlich, der – wenn nicht bei diesem Experiment, so doch möglicherweise bei einem anderen – erhebliche Folgen für die Schweiz und darüber hinaus haben könnte. Seit Marie Curie sind die Gefahren dieser Forschung wohl nicht kleiner geworden. Wissenschaftsfreiheit in Ehren, aber angesichts der Tatsache, dass heute kein Forschungslabor – schon gar nicht eines dieser Art und Grösse – sich den direkten oder indirekten Einflüssen von Industrie, Politik und Militär entziehen kann, müssen diese Fragen neu diskutiert werden. Denn anzunehmen, dass Atomphysik von solch fundamentaler Art – mit über 3000 bester Wissenschaftler und einem Etat, der von 20 Staaten finanziert wird – den Interessen des militärisch-industriellen Komplexes gleichgültig sein würde, wäre wohl naiv. Weder die Schweiz noch die übrigen beteiligten Länder können sich hier aus der Verantwortung stehlen. Es ist nicht nachvollziehbar, wieso eine Einrichtung von solcher Tragweite sich dem Recht so gänzlich entziehen können soll. Hier stellen sich ganz grundlegende Fragen der Demokratie und des Völkerrechts und für die Schweiz auch Fragen der Neutralität. Wenn auch das CERN – mit Betonung auf auch, bei weitem nicht allein – an militärischer Forschung im Atombereich, dem Kernbereich des CERN, beteiligt ist, müssen wir uns erst recht Gedanken dazu machen, wie sich eine solche Organisation mit dem Recht der Völker vereinbaren lässt.
Militärische Bedeutung der Teilchenphysik
Einer derjenigen, der seit Jahrzehnten darauf hinweist, dass die Forschung des CERN seit langem von allen Staaten auch für die militärische Entwicklung «genutzt» wird, ist André Gsponer, selbst jahrelanger Mitarbeiter am CERN. Die im LHC durchgeführten Experimente müssen auch in diesem Zusammenhang beurteilt werden.
Im LHC sollen Teilchen (Hadronen, zum Beispiel Neutronen und Protonen) auf nahezu Lichtgeschwindigkeit beschleunigt werden und dann mit anderen Teilchen kollidieren, um in zahlreiche kleinere Teilchen zu zerstrahlen. Man wolle dabei unter anderem Quarks isoliert betrachten und gewisse theoretische Annahmen nachweisen.
Liest man die Beschreibung dieser Experimente, so kann man nicht umhin, diesen Vorgang mit der Herstellung von Antimaterie zu vergleichen, wie ihn André Gsponer und Jean-Pierre Hurni in ihrem Artikel «Antimatter weapons (1946-1986): From Fermi to Teller’s speculations to the first open scientific publications» beschreiben. Zentrales Anliegen ihres Beitrages ist dabei zu zeigen, welche Bedeutung solche Forschungen für die Waffenherstellung hat bzw. haben könnte. Schon in den 40er und 50er Jahren befasste man sich in den einschlägigen amerikanischen und russischen Atomwaffenlabors auf der Suche nach der «sauberen» Atombombe, das heisst, einer Bombe mit der gewaltigen Zerstörungskraft der Atom- bzw. Wasserstoffbombe, ohne aber den radioaktiven Fallout, der durch Kernspaltung entsteht. Da die Wasserstoffbombe (Kernfusion) zur Zündung eine Kernspaltung (Plutoniumbombe) erforderte, hinterliess auch sie diese Verseuchung. Antimaterie (die jeweiligen Gegenstücke zu Protonen und Elektronen mit umgekehrter Ladung, also positiv geladene Elektronen – Positronen – und negative geladene Protonen – Antiprotonen) und die Annihilations-Reaktion (gewaltige Energiefreisetzung in der Vernichtungsstrahlung beim Aufeinandertreffen von Materie und Antimaterie) schienen da zumindest theoretisch eine Möglichkeit, die man neben anderem weiter verfolgte.
Zwei charakteristische Eigenschaften der Annihilations-Reaktion oder Vernichtungsstrahlung erklärten und begründeten, so Gsponer und Hurni, das grosse Interesse an der Antimaterie: «Die erste besteht darin, dass die Freisetzung nutzbarer Energie pro Masseneinheit bei der Vernichtungsstrahlung grösser ist als bei jeder anderen Kernreaktion. Eine Proton-Antiproton-Annihilation setzt 300mal mehr Energie frei als eine Spaltungs- oder Fusionsreaktion. Die zweite liegt darin, dass die Annihilation von selbst beginnt, wenn man Antimaterie in die Nähe von Materie bringt, ohne dass es eine kritische Masse bräuchte wie in der Spaltung und ohne die Zündungsenergie, die für eine Fusion erforderlich ist.»4 Könnte man Antimaterie herstellen und «aufbewahren», bis man sie verwenden will, liessen sich daraus gewaltige energetische Prozesse mit kleinster Masse herbeiführen. Sowohl die Erzeugung als auch das Festhalten und damit Kontrollieren-Können von Antimaterie sind offenbar heute bereits grundsätzlich möglich. Letzteres gelang dem CERN erstmals im Juli 1986, damals allerdings nur für 10 Minuten. Die Erzeugung von Antimaterie beschreiben Gsponer und Hurni wie folgt: «Protonen werden auf annähernd Lichtgeschwindigkeit beschleunigt und dann auf ein Ziel geschossen. Die darauf folgende Kollision ist so heftig, dass ein Teil der Energie in Materie-Antimaterie-Paare transformiert wird.»5
Die Spekulationen über die Verwendbarkeit dieser gigantischen Energiequelle mit zugleich minimal kleiner Masse gehen vom Einsatz für Treibstoffe im All6 über Antimaterie-Waffen oder mit Antimaterie gezündete Wasserstoffbomben bis zu durch Antimaterie initiierte elektromagnetische Impulswaffen, mit denen die gesamte elektrische und elektronische Infrastruktur eines Gegners «verbraten» werden könnte. Oder für Raketenabwehrschilde.7 Wozu Antimaterie oder die Annihilations-Reaktion schliesslich einmal eingesetzt werden – ob eine durch Antimaterie gezündete thermonukleare Bombe realisierbar ist oder nicht und ob Waffen, die Annihilations-Energie nutzen, machbar sind oder nicht – das Interesse der Militärs daran ist mit Sicherheit sehr gross. Im März 2004 liess Kenneth Edwards, Direktor des sogenannten «Revolutionäre Munition»-Teams am Munitions Directorate der Eglin Luftwaffenbasis in Florida, offenbar verlauten, dass Gerald Smith, ehemaliger Vorsitzender für Physik und Leiter des Antimaterie-Projekts der Pennsylvania State University Positronen-Atome (bestehend aus einem Elektron und einem Antielektron) im Laborexperiment «lagerbar» zu machen suche. Sollten sie erfolgreich sein, «wird dieser Ansatz die Möglichkeit dafür eröffnen, militärisch signifikante Mengen von Positronen-Atomen zu lagern».8
In Anbetracht der Einflussnahme durch Politik und Konzerne …
Um den Verlauf der Diskussion um das CERN zu verstehen, muss man all diese Aspekte der dort betriebenen Forschung mit einbeziehen. Dabei ist Gsponer bezüglich des CERN selbst der Meinung: «Es gibt keine Konspiration zur Herstellung von Waffen. Es gibt viel guten Willen zu forschen, zu verstehen, die Technologien bis ans Limit zu betreiben. Und das ist genau das, was die Militärs wollen.» Dank seiner hohen Zahl bestqualifizierter Forscher nimmt das CERN in diesem Forschungsbereich ganz offensichtlich eine führende Position ein, ist aber, wie gesagt, natürlich nicht die einzige Einrichtung dieser Art. Wie schon in anderen Forschungsbereichen der Rüstungsindustrie (etwa der in Deutschland entwickelten DU-Munition) scheint Europa dabei die Rolle der wissenschaftlichen Entwicklung und Finanzierung der Voraussetzungen für die Waffentechnologie zugedacht – die USA erachten sich als qualifizierter und berechtigter, diese Techniken praktisch umzusetzen.
Vor diesem Hintergrund – und in Anbetracht der Einflussnahme durch Politik und Konzerne, der heute jede Wissenschaft ausgesetzt ist, braucht es dringend eine ethische Debatte über den Sinn und Zweck solcher Forschung und einer wirksamen öffentlichen Kontrolle, denn wohl überall auf der Welt laufen Wissenschaftler Gefahr, ob der Faszination des Möglichen, der wissenschaftlichen Karriere, den merklichen und unmerklichen Einflussnahmen von Interessengruppen die ethischen Prinzipien der Wissenschaft – deren oberstes und grundlegendstes Prinzip es ist, dem Menschen, dem Leben zu dienen – hintanzustellen. Wissenschaft ist faszinierend – aber sie darf nur dem Schutz und der Verbesserung des Lebens dienen.•
1 So die zum Eigennamen gewordene Abkürzung der anfänglichen französischen Bezeichnung Conseil Européen pour la Recherche Nucléaire.
2 vgl. Robert Jungk, Vorwort. In: Grinevald, Jacques; Gsponer, André; Hanouz, Lucile; Lehmann, Pierre. La Quadrature du CERN. Lausanne, Editions d’en bas, 1984.
3 vgl. dazu auch http://www.3sat.de/mediathek/mediathek.php?obj=8877&mode=play#
4 André Gsponer und Jean-Pierre Hurni. Antimatter weapons (1946-1986): From Fermi to Teller’s speculations to the first open scientific publications. Version ISRI -86-10.3, 2. Februar 2008.
5 a.a.O.
6 vgl. dazu u.a. Keay Davidson: Air Force pursuing antimatter weapons Program was touted publicly, then came official gag order. In: San Francisco Chronicle vom 4. Oktober 2004, (er bezieht sich auf ein Referat von Kenneth Edwards, Direktor des sogenannten «Revolutionäre Munition»-Teams am Munitions Directorate der Eglin Luftwaffenbasis in Florida): http://www.sfgate.com/cgi-bin/article.cgi?file=/c/a/2004/10/04/MNGM393GPK1.DTL
Extremely Efficient Nuclear Fuel Could Take Man To Mars in Just Two Weeks. Adapted fom Materials provided by the Ben-Gurion University of the Negev: http://www.sciencedaily.com/releases/2001/01/010103073253.htm
7 vgl. Gsponer und Hurni, a.a. O. «Antimatter weapons for the destruction of enemy missiles and warheads were one of the possibilities cited by an early Pentagon inquiry into the feasibility of a shield against nuclear weapons. The Pentagon study, completed in October 1983, was headed by Dr. James C. Fletcher, a former Administrator of the National Aeronautics and Space Administration‚ ‹Antimatter beams could provide an effective and highly lethal kill mechanism› the report said.» William:j. Broad. Space Arms Projecets Ignite Debate on U.S:-Soviet-Science-Exchanges. New York Times vom 1. Juli 1985
8 Keay Davidson: Air Force pursuing antimatter weapons Program was touted publicly, then came official gag order. In: San Francisco Chronicle vom 4. Oktober 2004.
Die Wissenschaftler des CERN wählen aus den Reihen ihrer Kollegen die Mitglieder des Science Policy Committee, welche dann vom Rat ernannt werden.
Gegenwärtige Mitgliedländer: Belgien, Bulgarien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Grossbritannien, Holland, Italien, Norwegen, Österreich, Polen, Portugal, Schweden, die Schweiz, die Slowakei, Spanien, Tschechien und Ungarn.
Organisationen und Länder mit Beobachterstatus: Europäische Kommission, Indien, Israel, Japan, Russische Föderation, Türkei, die Unesco und die USA.
In Programme involviert sind derzeit: Algerien, Argentinien, Armenien, Aserbeidschan, Brasilien, Chile, China, Estland, Georgien, Island, Iran, Irland, Kanada, Kolumbien, Kroatien, Kuba, Litauen, Mexiko, Montenegro, Marokko, Neuseeland, Pakistan, Peru, Rumänien, Serbien, Slowenien, Südafrika, Südkorea, Taiwan, Thailand, die Ukraine, Vietnam, Weissrussland und Zypern.
Neben den 2500 angestellten Mitarbeitern bewegen sich rund 8000 Gastwissenschaftler, die Hälfte aller Teilchenphysiker der Welt, die rund 580 Universitäten und 85 Nationalitäten repräsentieren, am CERN.