Nachdenken über das Mass unserer Menschlichkeit
Die Wochen vor Weihnachten sind für viele Menschen sehr strapaziös, und vielen bleibt kaum Zeit, sich ein wenig zu besinnen. Dabei täte es uns allen gut, in diesen Wochen ein wenig mehr Ruhe in unser Leben einkehren zu lassen und wieder einmal etwas nachzudenken.
Vor fast 400 Jahren, 18 Jahre nach Beginn des Dreissigjährigen Krieges, schrieb der deutsche Dichter Andreas Gryphius sein berühmt gewordenes Gedicht «Tränen des Vaterlandes». In eindringlicher Art und Weise charakterisiert der Dichter das nach allem gierende Zerstörungswerk des Krieges.
Das Gedicht endet mit dem Dreizeiler: «Doch schweig’ ich noch von dem, was ärger als der Tod, was grimmer denn die Pest und Glut und Hungersnot: dass auch der Seelenschatz so vielen abgezwungen.»
In diesen Wochen geht Europa in die 10. Adventszeit seit dem mörderischen Jugoslawien-Krieg und die 18. Adventszeit seit dem mörderischen Golf-Krieg und den nicht weniger mörderischen Sanktionen gegen den Irak. Für Millionen von Menschen auf unserer Welt sind Krieg, Tod, Leid und Zerstörung seit vielen Jahren «Alltag».
Aber wir, die im Rest Europas leben, sind noch weitgehend verschont geblieben.
Vor mehr als 60 Jahren schrieb der deutsche Dichter Wolfgang Borchert die Kurzgeschichte «An diesem Dienstag». Die Erzählung hat zwei Schauplätze: den an der Front, wo die Menschen täglich elendig sterben, und den in der Heimat, wo man stolz ist auf die Beförderung des Mannes zum Hauptmann, wo freundliche Päckchen an die Front geschickt werden, wo die Soldatenfrauen geschminkt in die Oper gehen.
Was ist aus unseren Massstäben geworden?
Am 10. Dezember werden es 60 Jahre her sein, dass die Generalversammlung der Vereinten Nationen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verabschiedet hat. Von den Menschenrechten als «Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt» ist da die Rede. Von der Notwendigkeit, «die Menschenrechte durch die Herrschaft des Rechts zu schützen, damit der Mensch nicht zum Aufstand gegen Tyrannei und Unterdrückung als letztem Mittel gezwungen wird».
Aber was für eine Welt haben wir herbeigeführt? Und was sagen wir insbesondere jungen Menschen? Denn sie müssen an das anknüpfen, was wir ihnen hinterlassen.
Wer heute mit jungen Menschen über den Zustand der Welt und zugleich von den Menschenrechten spricht, der erntet immer öfter Kopfschütteln. Warum sprechen wir über die Menschenrechte, wenn sie immer weniger eingehalten werden?
Viele junge Menschen bringen spontan kaum Betroffenheit darüber zum Ausdruck, dass Länder und Völker mit Lügen in Kriege getrieben werden; dass dabei die Errungenschaften der Nachkriegsgeneration, zum Beispiel die Menschenrechte, vorgeschoben werden, um andere Länder mit Krieg zu überziehen, zu beherrschen und zu plündern. Sie protestieren nicht dagegen, dass Staatsbeamte an Verbrechen, an Morden beteiligt sind. Der Aufschrei darüber, dass fast eine Milliarde Menschen Hunger leiden müssen; dass 2 Milliarden Menschen mit weniger als 2 Dollar pro Tag auskommen müssen; dass die paar wenigen Milliardäre dieser Erde 60 Prozent des Weltvermögens ihr eigen nennen und dass auch in den «reichen» Ländern immer mehr Menschen bittere Not leiden müssen, er ist bald verhallt und wenig nachhaltig.
Reagiert die Jugend denn anders als wir? Oder – was haben wir ihr in den letzten 20 Jahren vorgelebt? Haben wir nicht selbst im Taumel der Börseneuphorie der 90er Jahre das Gefühl für unseren Seelenschatz und dessen Bedeutung für unser Leben verloren? Ethik, Moral, Werte – wer wagte noch, sie der Jugend zu vermitteln? Sind sie deshalb «verschwunden»? Oder haben wir nur das Sensorium dafür verloren?
Wer mit Menschen ins Gespräch kommt, auch mit jungen Menschen, erlebt immer wieder, dass viele Recht und Unrecht durchaus empfinden – wenn einer es ehrlich benennt. Wir werden die sich erst noch verschärfende Krise nur als Menschen bewältigen können, wenn wir uns auf unsern Seelenschatz besinnen und mit dem Mass unserer Menschlichkeit an die kommenden Aufgaben herangehen und die Not der anderen nicht aus dem Auge verlieren.
Ein Test steht uns Deutschen gerade bevor.
Ein junger US-Soldat hat politisches Asyl in Deutschland beantragt. Er hat während seines Einsatzes im Irak erlebt, wie Menschen von den Waffen der US-Hubschrauber «in Stücke gerissen wurden». Daraufhin hat er begonnen, sich zu schämen, und er ist zu dem Schluss gekommen, dass sowohl der Krieg gegen den Irak als auch der gegen Afghanistan «nach dem US-Recht und auch nach internationalem Recht illegal» waren und sind. Nun hofft der junge Soldat auf Deutschland. Vor 60 Jahren hätten die Nürnberger Prozesse gegen NS-Verbrecher gezeigt, dass sich niemand mit Befehlsgehorsam herausreden kann. Und er nennt ein deutsches Vorbild und den Urteilsspruch des deutschen Bundesverwaltungsgerichts aus dem Jahr 2005. Das gab einem deutschen Major recht, der den Befehl verweigert hatte, als er den Irak-Krieg unterstützen sollte.
Die jungen Menschen sind erstaunt darüber, dass es auch heute noch Menschen gibt, deren Seelenschatz nicht abgezwungen wurde.
Und was sagen wir Deutschen nun dem jungen Soldaten?
Karl Müller