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Ein regionales Zahlungsmittel fördert die Region

Ein Gespräch mit Christian Gelleri, Geschäftsführer des Chiemgauer e.V.

Zeit-Fragen: Herr Gelleri, der «Chiemgauer» – was ist das eigentlich?

Christian Gelleri: Der «Chiemgauer» ist ein regionales Zahlungsmittel zur Förderung von regionalen Wirtschaftskreisläufen und von regionalen gemeinnützigen Vereinen.

Es gibt ja den Euro als Zahlungsmittel, warum braucht man dann noch zusätzlich den «Chiemgauer»?

Der «Chiemgauer» ergänzt den Euro als europaweite Währung. Er dient dazu, die Region zu stärken, auf die Region besondere Rücksicht zu nehmen, regionalen Kreisläufen eine Priorität zu verschaffen vor globalen Kreisläufen, das heisst: Was in der Region gemacht werden kann, muss nicht unbedingt überregional gemacht werden. Dieses alte Prinzip der Subsidiarität, dass man erstmal sich selbst hilft oder sich selbst versorgt, und wenn das nicht möglich ist, dass man dann in Austausch mit anderen Regionen kommt und dass man eben eine gesunde Mischung hat aus Regionalisierung und Globalisierung.

Sie sind der Initiator des «Chiemgauer» – wie sind Sie darauf gekommen, so etwas ins Leben zu rufen, was ist das Anliegen dahinter?

Ich habe mich schon als Jugendlicher mit Geldsystemen beschäftigt und war einerseits fasziniert über das Geldwesen, aber auch schockiert, weil ich gelesen hatte, dass Geldsysteme über kurz oder lang innerhalb von 20, 30, 50, 70 Jahren zusammenbrechen, immer wieder, und das seit 3-, 4000 Jahren im Prinzip, ob jetzt bei den Griechen, bei den Römern oder im Mittelalter oder in der Neuzeit: Immer wieder brechen Geldsysteme zusammen, und das hat mich zur Frage getrieben: Warum ist das so und warum ist es nicht möglich, ein nachhaltiges Geldsystem zu entwickeln? Und ich bin da ein bisschen auf die Suche gegangen, was es da für Alternativen gibt.

Und wie waren dann die ersten Schritte, wie ist der «Chiemgauer» entstanden?

Erst haben wir einen Arbeitskreis gehabt, in dem wir das Konzept entwickelt haben. Der Arbeitskreis ist etwa drei Jahre gelaufen. Der Versuch, das Konzept 1:1 im grösseren Massstab umzusetzen, ist zunächst nicht gelungen, da haben wir eine Bauchlandung erlebt.
Ich habe dann meine Lehrerausbildung gemacht und später die Idee gehabt, eine Art Papiergeld einzuführen in ganz kleinem Massstab. Das war an der Waldorf-Schule in Prien, als ich angefangen habe mit einer Schülerunternehmensinitiative. Dort habe ich diese Idee vorgestellt, und die haben dann sechs Schülerinnen begeistert aufgegriffen.

Und wie funktioniert jetzt der «Chiemgauer», wie muss man sich das vorstellen?

Der Chiemgauer ist ein offenes Zahlungssystem. Man kann Euro in Chiemgauer eintauschen, man kann Chiemgauer in Euro zurücktauschen, und das Ziel ist, dass der Chiemgauer möglichst lange in diesem Kreislauf in der Region verbleibt und möglichst viel Wertschöpfung erzeugt. Die Verbraucher tauschen Euro in Chiemgauer ein. Eins zu eins. Es gibt Gutscheine zu 1 Euro, zu 2 Euro, zu 5 Euro, bis zu 50 Euro. Mit diesen Gutscheinen gehen die Verbraucher dann einkaufen, so wie mit dem Euro.
Die Unternehmer müssen beim Rücktausch eine Gebühr bezahlen, 5% oder 10%. Und um diese Gebühr zu vermeiden, geben die Unternehmer möglichst den Chiemgauer ebenfalls in der Region aus. Das ist auch das Ziel, dass der Chiemgauer möglichst lange vom Bäcker zum Müller zum Bauern und zum Schuhgeschäft usw. weitergereicht wird, damit er möglichst lange im Kreislauf bleibt.

Was ist volkswirtschaftlich der Vorteil von diesem System gegenüber dem Euro?

Der Chiemgauer hat vor allem zwei Vorteile: Der eine Vorteil ist, dass das Geld in der Region nicht zur Spekulation verwendet werden kann und dass das Geld stetig in Umlauf bleibt. Ein Chiemgauer läuft regelmässig – vierteljährlich – ab, man muss ihn immer wieder erneuern. Das führt dazu, dass ‹der Rubel rollt› in der Region, dass der regionale Gutschein immer wieder weitergegeben wird, und das führt zu einem stetig fliessenden Geldkreislauf. Das ist der eine Vorteil.
Der andere Vorteil ist, dass man sich wieder auf die regionalen Zusammenhänge besinnt und alle die Dinge in der Region macht, die in der Region gemacht werden können. Da gibt es wichtige Schwerpunkte wie Lebensmittel, Energie, Bauen, Verkehr. Das Ziel ist, dass das möglichst in der Region erwirtschaftet wird und dass man möglichst nur einen kleineren Teil überregional austauscht. So ergänzt sich das dann und führt zu einem hohen Wohlstand.

Und wie sind die bisherigen Erfahrungen? Haben sich Ihre Vorstellungen bestätigt?

Ich selbst habe da natürlich keine allzu grossen Ziele gesetzt oder gar eine politische Veränderung des Systems damit angestrebt. In diesem Sinne bin ich sehr froh, wie die Entwicklung läuft, dass wir sehr dynamisch wachsen. Wir haben ganz klein angefangen mit 20 Unternehmen und mit 70 000 Chiemgauer Umsatz im Jahr, wirklich winzig klein, und daraus hat sich dann ein grösseres Projekt entwickelt mit derzeit 640 Unternehmen und einem Jahresumsatz von 3 Mio. Chiemgauern. Ja, dass das so gesund und dynamisch wächst das Ganze, das zeigt, dass wir da auf sehr gutem Weg sind. Was man natürlich auch sagen muss: dass eine kleine Bürgerinitiative natürlich nicht die wirtschaftlichen Probleme einer Volkswirtschaft lösen kann. Da bräuchte es natürlich den Staat, der sich da vielleicht mit einschaltet, es bräuchte grössere Akteure, die sich da mit einschalten. Aber ich denke, es ist auch ganz gesund, dass man so eine Entwicklung von unten macht und das langsam wachsen lässt.

Jetzt gibt es ja seit einiger Zeit den «Chiemgauer» auch als elektronisches Zahlungsmittel. Was muss man sich darunter vorstellen, und wie sind damit die Erfahrungen?

Der elektronische Chiemgauer ist vor allem zwischen Unternehmen sehr wichtig. Wenn man sich vorstellt: ein Grosshändler und ein Einzelhändler. Da werden ja oft grössere Summen bewegt. Das sind dann nicht ein paar hundert Chiemgauer oder Euro, das sind ja dann tausend oder geht auch mal in einen fünf- oder sechsstelligen Betrag hinein. Das dann mit Papier, mit dem Geldsack abzuwickeln, das ist natürlich nicht die Zukunft. Das haben wir von Anfang an gesehen und haben relativ früh angefangen, den elektronischen Chiemgauer zu entwickeln. Den haben wir jetzt seit 2006 in der Testphase gehabt, 2007 offiziell eingeführt. Wir machen damit sehr gute Erfahrungen, dass der Mittelstand in der Region untereinander diesen elektronischen Chiemgauer als professionelles Zahlungsmittel verwendet. Dieses elektronische Zahlungsmittel ist nichts anderes als Bankkonten bei regionalen Banken. Diese regionalen Banken bieten den Service an, ein Regionalgeldkonto zu führen. Unternehmen können mit diesen Konten relativ einfach arbeiten und diese Konten standardmässig in die Buchhaltung einbinden und damit so agieren, wie wenn sie ein normales Bankkonto führen.

Wenn Sie schon Banken gewinnen konnten, beim «Chiemgauer» mitzumachen, bekommen Sie da nicht Schwierigkeiten mit der Deutschen Bundesbank?

Ja, es gab am Anfang natürlich schon gleich einmal interne Diskussionen in der Bundesbank, ob man solche Regionalwährungen zulassen soll und ob man dagegen vorgehen soll oder nicht. Es gab dann auch ein Gutachten von der Bundesbank, um das einmal genauer zu untersuchen. In dem Gutachten wurde festgestellt, dass diese Regionalwährungen nur ein sehr kleines Ausmass annehmen, dass es nur einen Bruchteil der Volkswirtschaft ausmacht, also damit überhaupt keine Auswirkungen auf die Volkswirtschaft als Ganze hat. Das allein führt schon zu der Schlussfolgerung, dass es sich gar nicht lohnt und gar nicht sinnvoll ist, dagegen vorzugehen. Und das zweite ist, dass es in anderen Ländern, z. B. in Schottland Erfahrungen gibt, schon seit Jahrhunderten, dass auch Milliardenbeträge in schottischen Pfund nicht dazu geführt haben, dass die Volkswirtschaft deswegen gefährdet würde. Das Schottische Pfund ist ein Privatgeld, herausgegeben von der Royal Bank of Scotland. Diese Royal Bank of Scotland ist keine staatliche Bank, sondern eine private Bank. Mit Bezug auf solche Beispiele hat der Bundesbank-Experte dann den Schluss gezogen, dass die Regionalwährungen auch dann, wenn sie das Hundertfache oder gar Tausendfache an Grösse erreichen, dies nicht zu einem volkswirtschaftlichen Schaden führen kann. Das Gutachten geht davon aus, dass es mehr Regionalwährungen geben wird und dass diese im Volumen wachsen. Es kommt aber zum Ergebnis, dass dies keinen volkswirtschaftlichen Schaden hervorrufen wird, weil das Gesamtvolumen insgesamt doch relativ klein ist.

Was sind denn in Ihrer täglichen Arbeit die häufigsten Einwände gegen die Verwendung des «Chiemgauers»?

Der eine Einwand ist gleich mal: «Es ist kompliziert.» Das ist sehr spannend, dass Leute, die nicht mitmachen, Unternehmer oder Verbraucher, erst einmal meinen, es ist kompliziert. Wenn man aber eine Befragung macht von den Teilnehmern, dann sagen fast alle Teilnehmer: «Es ist nicht kompliziert.» Wenn man einmal eine oder zwei Wochen mitgemacht hat, ist es ziemlich simpel und einfach, so einfach wie Fahrrad fahren. Bis man die drei Griffe einmal gelernt hat, braucht es halt eine Woche oder zwei Wochen. Das fand ich sehr interessant, dass das so eine Schwelle ist, mehr die Psychologie oder die Angst davor, dass es kompliziert ist, aber wenn man dann mitmacht, dann ist es eigentlich ziemlich simpel und einfach.
Dann ist da häufig ein Gegeneinwand: «Warum soll ich das regionale Einkaufen jetzt in Regionalgeld machen, man kann es ja auch in Euro machen, oder es gibt auch andere Möglichkeiten, das zu tun.» Da ist es natürlich so, dass man regionale Produkte auch mit dem Euro kaufen kann und auch kaufen soll und damit die regionale Wirtschaft anstösst. Beim Chiemgauer entsteht aber ein tiefergehender Effekt: Wenn man den Chiemgauer dem Nächsten in die Hand gibt, dann überlegt der eben auch: «Wie kann ich den in der Region ausgeben?» Das ist wie ein Merkzettel: Ich gebe diesen Merkzettel dem Nächsten in die Hand, und der andere denkt sich dann: «Jawohl, ich muss auch regional einkaufen, ich muss mich auch an die Spielregeln halten», und der gibt den Merkzettel wieder weiter. So entsteht ein systematischer Effekt, und das ist eben sehr wichtig, dass man nicht nur sagt, es gibt den Einzelnen, und ich entscheide über mich selbst und verändere damit die Welt, sondern es ist ganz wichtig, dass sich eben auch Netzwerke bilden und dass man gemeinsam verändert. Und ich denke, da ist der Chiemgauer ein geeignetes Mittel, um gemeinschaftlich eine Wirkung zu erzielen.

Wie sind jetzt die nächsten weiteren Schritte geplant für die Zukunft?

Das eine ist zunächst das Konsolidieren und dieses Organisatorische, dass man es immer mehr schafft, die Verbraucher zu informieren, welche Angebote es gibt. Da denken wir auch in Richtung einer eigenen Zeitung. Da war das jetzt ein guter Einblick in Zeit-Fragen, dass man sich überlegt: Wie informiert man seine Mitglieder oder die Verbraucher regelmässig über Zeitfragen, die wichtig sind, und zugleich verbunden mit Angeboten, die es in der Region gibt und von denen viele Menschen nichts wissen. Eine weitere Geschichte ist natürlich, verbunden mit dem Finanzmarktwesen, mit der Unsicherheit über die Landeswährung, dass man sich Gedanken macht, wie man Wertstabilität in eine Regionalwährung hineinbringen kann: Wie kann man die Regionalwährung vor der Inflation schützen, wie kann man die Regionalwährung vor der Deflation schützen, beides sind gleich wichtige Dinge und gleich zu beachten, es ist beides gleich gefährlich für die Wirtschaft, sowohl die Inflation als auch die Deflation.
Und eine dritte Herausforderung ist das Thema: Wie kommt man zu Investitionen in der Region? Beim Regionalgeld sagt man dann oft, das ist ein Tauschmittel, und es ist nur verwendbar für den Konsum, und damit heizt es ja nur den Konsum an. Es kommt schon immer mehr auch dazu, dass Unternehmer, Mitarbeiter Chiemgauer übrig haben und sparen und fürs Alter vorsorgen wollen oder wenn sie in fünf Jahren einmal etwas Grösseres kaufen wollen oder irgendwann mal ein Haus damit bauen wollen, dass man hier Instrumente entwickelt, wie man dieses Geld aufbewahrt. Aber dass dieses Geld dann nicht rumliegt, untätig ist oder gar für Spekulationen verwendet wird, sondern dass dieses Geld dann investiert wird in der Region und in der Region für eine Dynamik sorgt, dass es entweder alte Dinge ablöst oder dass es für Wachstum sorgt, dass eben dann eine Vitalität in der Region drin ist und erhalten bleibt. Nur wenn die Region wirtschaftlich stark ist, kann letztlich das Geld wieder zurückgezahlt werden an die Menschen, und mit diesem Geld kann dann wieder etwas gekauft werden. Das vergisst man eben oft: Das Gesparte, das muss ja die zukünftige Volkswirtschaft wieder leisten können, und wenn die an Dynamik und Vitalität verliert und eigentlich abstirbt, dann ist das Gesparte letztlich ja nichts mehr wert. Das heisst letztlich, es herrscht Inflation. Das Geld verliert an Wert. Das ist ja das Traurige, dass dann schon sehr oft – damals die Kriegsanleihen im Ersten Weltkrieg oder heute die Lebensversicherungen oder die Fondsversicherungen – in einem längeren Zeitraum, vielleicht in zwanzig Jahren, dann letztlich gar nichts mehr etwas wert ist und das böse Erwachen kommt.

Herr Gelleri, wir danken Ihnen für das Gespräch und wünschen Ihnen viel Erfolg für die weitere Arbeit. •

Chiemgauer Regiogeld

von Christian Gelleri

Die Anfangsidee war es, eine Schule durch das Einkaufen bei umliegenden Unternehmen zu fördern. Durch den Einkauf verpflichten sich Unternehmen, einen Teil der Umsätze zu sponsern. Umgekehrt sollte die Schule etwas für die Unternehmen tun, indem sie auf diese aufmerksam macht. Mittlerweile sind zahlreiche Vereine und Anbieter dabei, die dieses Prinzip des wechselseitigen Förderns verwirklicht haben. Dahinter steht die Erkenntnis, dass 80% der Ausbildungsplätze und über 70% der Arbeitsplätze bei kleinen und mittleren Unternehmen beheimatet sind. Der Mittelstand gilt als eher «arbeitsintensiv» und beschäftigt relativ zum Umsatz sehr viel mehr Arbeitnehmer als grosse kapitalintensive Unternehmen. Zugleich steht der Mittelstand für hohe Qualität und Service durch die Nähe zum Kunden. Der Mittelstand liegt zahlenmässig bei nahezu 100% der Betriebe und ist damit das Rückgrat für die Wertschöpfung in den Regionen. Damit sollen keineswegs die Verdienste grosser Unternehmen bezüglich der Erzielung von Skaleneffekten in Abrede gestellt werden, aber wenn wir von Regionalentwicklung mit dem Instrument des Regiogeldes sprechen, geht es vorrangig um die Förderung des vielfältigen Mittelstandes.
Neben der Förderung der ökonomischen Stabilität einer Region geht es bei der Stärkung regionaler Wirtschaftskreisläufe um die Verkürzung von Transportwegen. Warum soll Apfelsaft viele hundert Kilometer transportiert werden, wenn es in der Region gute Bedingungen für die Erzeugung gibt? Oft fehlt es an Kleinigkeiten, weil z.B. Anbieter und Verbraucher nicht ausreichend informiert sind, Investitionshemmnisse bestehen oder Potentiale schlicht und einfach vernachlässigt werden. Regiogeld-Initiativen können hier ein guter Impulsgeber sein, Erzeuger und Händler aus der Region zusammenzubringen, Verbraucher zu informieren, Kaufkraft zum Erzeuger zu lenken oder Investoren mit Kreditgebern zu vernetzen.

Einkaufen für einen guten Zweck

Das «Erfolgsrezept» hinter dem «Chiemgauer» sind drei Grundregeln, die durch die gemeinsame Anwendung ihre volle Wirkung entfalten. Die erste Regel ist das «Einkaufen für einen guten Zweck». Der Nutzen für die Verbraucher liegt zwar nicht in einem persönlichen Vorteil, aber dafür in einem handfesten finanziellen Bonus für das vom Verbraucher bevorzugte Projekt, ohne dass der Verbraucher selbst dafür etwas bezahlen muss. Bei der Vielfalt der teilnehmenden Vereine und Projekte ist für so ziemlich alle Verbraucher ein Förderzweck dabei, denn von einem gut laufenden Sozialwerk, einem Kindergarten oder einer Schule profitieren letztlich alle. Hinzu kommt als weiterer guter Zweck die Förderung der regionalen Wirtschaft, zu der fast alle Menschen persönliche Bezüge haben, sei es durch den eigenen Arbeitsplatz, der davon abhängt, oder den Arbeitsplatz von Verwandten und Freunden.

Der Regionalbeitrag

Da die Verbraucher etwas Gutes bewirken, ohne selbst Nachteile zu haben, wird das Netzwerk regelmässig mit neuem Regiogeld gespeist. Die Anbieter von Waren oder Dienstleistungen können nun wählen, ob sie das Regiogeld weiter ausgeben oder zurücktauschen. Der Rücktausch kostet jedoch beim «Chiemgauer» 5 Prozent und beim «Sterntaler» sogar 10 Prozent, und es erfordert den organisatorischen Aufwand, zur Ausgabestelle zu gehen und die Kosten für den Rücktausch in der Buchhaltung abzurechnen. Einfacher und billiger ist es dagegen, das Regiogeld in gleicher Höhe zu verausgaben, wie es vereinnahmt wird. Dies kann geschehen durch die Entnahme von Gewinnen für private Ausgaben des Unternehmers, durch die Bezahlung von Mitarbeitern, Zulieferern und Dienstleistern, des weiteren durch Spenden an Vereine oder durch sonstige Ausgaben des Unternehmens. Indem immer mehr Unternehmen diesem Beispiel folgen und sich dadurch den Regionalbeitrag sparen, kommen regionale Wirtschaftskreisläufe immer mehr in Schwung. Das lässt sich beim «Chiemgauer» empirisch sehr gut zeigen: Wurden anfangs über 90% der «Chiemgauer» im ersten Jahr wieder zurückgetauscht, waren es im zweiten Jahr 60%, im dritten Jahr 50% und im fünften Jahr nur noch 35%.

Der Umlauf-Impuls

Beim «Chiemgauer» wird der Gutschein am Ende des Quartals ungültig, und er muss mit einer Marke um weitere drei Monate verlängert werden. Die Marke kostet zwei Prozent des jeweiligen Gutscheinwerts und macht bei vier Quartalen acht Prozent aus. Regiogeld wird damit als Hortungs-und Spekulationsmittel völlig unattraktiv, und wer sparen möchte, wird kaum jemanden finden, der für die ablaufenden Regiogeldscheine einen hohen Zins bezahlt. Wer Regiogeld sparen möchte, wird schon dann zufrieden sein, wenn ihm der Kreditnehmer bei Fälligkeit des Kredits «frisches» Regiogeld gibt.
Alterndes Geld wirkt also zum einen stimulierend auf die Wirtschaftstätigkeit, weil jeder Geldbesitzer bestrebt ist, die alternden Scheine loszuwerden. Für die teilnehmenden Anbieter von Waren oder Dienstleistungen ergibt sich daraus eine konstant hohe Nachfrage nach ihren Leistungen. Es geht hier also weniger um eine Entfachung von Wachstum als vielmehr um die «Verstetigung der Nachfrage». Wer Regiogeld ausgibt, kann sicher sein, dass dieses früher oder später wieder zurückkehrt, und das sind Aussichten, die eine höhere Planungssicherheit ermöglichen.
Der zweite Effekt des «Schwundgeldes» ist die hohe Bereitschaft, das Geld abzugeben. Selbst ein Marktzins von null ist für den Schwundgeldbesitzer attraktiv, denn dadurch kann er sich die Liquiditätsgebühren sparen. Für den Kreditnehmer eröffnet sich durch den verminderten Zins die Entscheidungsfreiheit, zwischen den Investitionsmöglichkeiten wählen zu können. Natürlich spielen Renditegesichtspunkte weiterhin eine Rolle, doch besteht kein absoluter Zwang mehr, weil auch die Investition in eine Eiche immer noch über den Kreditkosten liegt.
Bei den Chiemgauer Gutscheinen kommt der Verkauf der Verlängerungsmarken gemeinnützigen Zwecken zugute. Beim elektronischen Regiogeld wäre die Abwicklung übrigens noch sehr viel einfacher, da einfach tagtäglich ein minimaler Prozentsatz abgezogen würde. Um den Schwund zu vermeiden, kann der Guthabenbesitzer sein Geld jederzeit auf einem Zinsloskonto parken. Dies ermöglicht wiederum zinsgünstige Kredite.
Das Regiogeld ist somit ein integratives Gesamtkonzept, bei dem das alternde Geld nahtlos übergeht in zinsfreie Sparformen, die wiederum Grundlage sind für zinsgünstige Kredite. Hinzu kommt die Entwicklung von sogenannten «Risikofonds», um vor allem Existenzgründern Kreditmöglichkeiten zu guten Konditionen zu ermöglichen. Paradoxerweise haben nämlich diejenigen, die es sich am wenigsten leisten können, die höchsten Zinsraten zu leisten, während diejenigen, die es bereits geschafft haben, die besten Konditionen erhalten. Mit einem Risikofonds könnte dies teilweise ausgeglichen werden.

Die kleinen Brüder und Schwestern des Euro

In Deutschland und Österreich wurden in den letzten Jahren und Monaten eine Reihe von spannenden Regio-Initiativen gegründet. Aktuell geben 16 Initiativen Regiogutscheine heraus. Jede Initiative hat ihre eigenen Besonderheiten: Beim «Styrrion» in Graz handelt es sich um ein Schülerunternehmen, der «Waldviertler» in Ober­österreich geht von einer Schuhfabrik aus und wird von Arbeiterkammer und Wirtschaftsministerium unterstützt, der «Sterntaler» im Berchtesgadener Land verknüpft das Regiogeld mit einem Tauschring, der «Regio» im bayerischen Oberland wird von einer Bank verwaltet, der «Urstromtaler» in Sachsen-Anhalt baut völlig neue Kreisläufe auf, der «Volmetaler» in Hagen wird von der Unternehmerschaft der Stadt getragen.
Heimatliebe und die Entwicklung eines gemeinsamen Europas sind kein Widerspruch, genausowenig wie Euro und Chiemgauer ein Widerspruch sind. Um ein Bild zu gebrauchen: Die Regiogelder sind wie Delphine, die lebensfroh und vielfältig die Meere beleben, während die Landeswährungen wie Wale das Meer durchkreuzen. Bei einem Blick auf den Wal könnte man auf die Idee kommen, dass es bei so mächtigen Wesenheiten keiner «Ergänzung» bedarf, und dennoch haben im Meer auch Delphine ihren Platz.

Werte- und Qualitätsstandards des Regiogelds

Dem Verband der Regiogeld-Initiativen ist es wichtig, dass sich die «Delphine» an bestimmte Spielregeln halten, und er hat diese in Form von Werte- und Qualitätsstandards formuliert. Demnach soll Regiogeld ein Gewinn für die Gemeinschaft sein und nicht nur einzelnen Interessen dienen. Eines der Kernziele muss die Bildung regionaler Kreisläufe sein mit Hilfe eines Zahlungsmittels, das sich beim Kaufen, Leihen und Schenken «neutral» verhält. Mit Regiogeld soll also z. B. keine Umverteilung von Arm zu Reich stattfinden über Zinsen und Zinseszinseffekte. Die Regio-Initiativen müssen des weiteren transparent arbeiten in bezug auf Strukturen, Zahlen, Arbeitsabläufe und die Kommunikation nach innen und aussen. Die Entscheidungen werden über demokratische Strukturen herbeigeführt, und es gilt das gleiche Recht für alle. Nach der demokratischen Entscheidungsfindung, zum Beispiel zum Einsatz der Entscheidungsträger, ist eine professionelle Struktur erforderlich, die ein effizientes Handeln ermöglicht. Um Erfolge herbeizuführen, muss professionell und zielorientiert gearbeitet werden. Allen Beteiligten muss klar sein, dass sich die Regio-Initiative auf Dauer finanzieren muss, und das wird nicht nur mit ehrenamtlicher Tätigkeit möglich sein, sondern bedarf einer Bezahlung für die Menschen, die dauerhaft für das Projekt arbeiten. Die zu leistenden Beiträge haben die Kosten der Initiative zu decken, alles was darüber hinausgeht, dient dem Gemeinwohl. Damit das Rad nicht ständig neu erfunden wird, arbeiten die Regio-Initiativen zusammen, um gemeinsame Synergien zu entdecken und zu nutzen.
Die Vision des Regiogeldes muss letztlich von Menschen getragen werden, die in der Lage sind, die Sache in den Vordergrund zu stellen und die das «Händchen» dafür besitzen, die Idee zu vermitteln und praxisorientiert umzusetzen. Diese Menschen brauchen die Unterstützung derjenigen, die vielleicht aus persönlichen oder zeitlichen Gründen keinen grossen Beitrag leisten können, indem nicht nur die Idee abgenickt wird, sondern auch durch die Integration in den Alltag regelmässig unterstützt wird. Indem das Regiogeld in das Verhalten der Menschen übergeht, wird es zunehmend zu einer Selbstverständlichkeit, die mit der Zeit die gewünschten Wirkungen hin zu einer ausgewogenen Wirtschaftskultur entfaltet. Das wird eine Kultur des «Sowohl-Als-auch» sein, eine Kultur der Toleranz und Demokratie, eine Kultur des fairen Gebens und Nehmens, in der die individuellen Fähigkeiten der Menschen sich so entfalten können, dass sich sowohl die Individuen als auch die Gesellschaft und die Umwelt nachhaltig entwickeln können.

Literatur und Internetlinks
Gelleri, Christian (2005): Assoziative Wirtschaftsräume in: Fragen der Freiheit, Bad Boll, 2005.
Gesell, Silvio (1986): Die natürliche Wirtschaftsordnung – Durch Freiland und Freigeld, Lauf, 1986.
Kennedy, Margrit, Lietaer, Bernard (2004): Regionalwährungen – Auf dem Weg zu nachhaltigem Wohlstand, München, 2004.
Lietaer, Bernard A. (1999): Das Geld der Zukunft – Über die destruktive Wirkung des existierenden Geldsystems und die Entwicklung von Komplementärwährungen, Pössneck, 1999.

Internetseiten
Projekt des Chiemgauer e.V.: www.Chiemgauer.info
Verband der Regiogeld-Initiativen: www.Regiogeld.de

«Den Tanz um das Goldene Kalb in Zukunft verhindern»

Ein Gespräch mit Bischof Reinhard Marx

Angesichts der Finanzmarktkrise hat der deutsche katholische Sozialbischof Reinhard Marx Spitzenmanager und Anleger zu einer moralischen Erneuerung aufgerufen.
    Gegenüber der Presseagentur Kipa verlangte der Münchner Erzbischof, von überzogenem Profitdenken Abschied zu nehmen. Renditeerwartungen von 20 Prozent im Jahr seien «unsittlich».

Kipa: Herr Erzbischof, Banken gehen reihenweise pleite, die Börse stürzt ins Bodenlose, hat die freie Marktwirtschaft abgewirtschaftet?

Reinhard Marx: Nein. Aber es zeigt sich sehr deutlich, dass eine Marktwirtschaft ohne ordnungspolitische Vorgaben nicht funktioniert. Die Wucht der jetzigen Katastrophe hat mich selbst auch erschreckt, aber ganz überrascht bin ich nicht – leider, muss ich sagen.

Noch vor einem Jahr war undenkbar, dass ein Banker wie Josef Ackermann nach dem Staat als Retter ruft. Ist das die Lösung?

In der globalen Wirtschaft gibt es Verflechtungen, die die Reichweite nationalstaatlicher Regeln begrenzen. Um so mehr sind übernationale Institutionen erforderlich. Versagt hat auch der Staat, weil die Politik nicht eingegriffen hat, obwohl viele sehen konnten, was da passiert. Die Ordnung sollte so sein, dass sie nicht den Gierigen, der ohne Rücksicht seinen Interessen folgt, auch noch belohnt. Wir brauchen Strukturen, die den ermutigen, der sich fair verhält, die Risiken auf den Tisch legt und Leute nicht betrügt.
    Aber neue Regeln allein helfen nicht. Sie ersetzen nicht die moralische Erneuerung bei den Spitzenmanagern oder letztlich auch bei den Anlegern. Nicht umsonst hat man früher vom ehrlichen Kaufmann gesprochen und davon, dass Geldgeschäfte Ehrensache sind.
    Der Kommunismus ist eigentlich erledigt, aber: Wenn der Kapitalismus die Probleme der Gerechtigkeit und der wachsenden Kluft zwischen arm und reich nicht löst, dann kommen die alten Ideologien aus ihren Gräbern. Um so wichtiger, dass wir die soziale Marktwirtschaft weiterentwickeln, dass sie dem Gemeinwohl dient und den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Ich bedaure, dass einige Wirtschaftsakteure, aber auch politische Kräfte, ja auch manche Bürger noch bis vor kurzem einem Turbo-Kapitalismus hinterhergelaufen sind. Renditeerwartungen von 20, 25 Prozent jährlich sind unsittlich, das müsste man wirklich einsehen und entsprechend handeln.

Sollten bestimmte Geschäfte künftig ganz verboten werden?

Ich bin kein Banker. Aber wenn Banken etwas verkaufen, das sie selbst nicht verstehen, ist das schon fragwürdig. Natürlich wird es immer auch riskante Transaktionen geben, die Börse als solche ist ja nicht unmoralisch. Wer Geld übrighat, darf auch ein hohes Risiko eingehen. Aber man muss schon im Blick behalten, dass überschaubare, konservative Anlagen, regional ausgerichtet, gerade jetzt stark gefragt sind.
    Vor nicht allzu langer Zeit galt dieses Geschäftsmodell als überholt. Dass jetzt wieder das Loblied auf Sparkassen und Volksbanken gesungen wird, freut mich. Ich hoffe nur, dass damit ein Erkenntnisgewinn verbunden ist, wie wertvoll solche überschaubaren Lebenszusammenhänge sind, gerade für die Menschen, die ihr mühsam erspartes Geld sicher anlegen wollen.

In der Bankenkrise ist auch viel Vertrauen zerstört worden. Vertrauen schaffen zählt zum Kerngeschäft der Kirche. Wie könnte ihr Beitrag zur Beilegung der Krise aussehen?

Wir sind kein Reparaturbetrieb für Kapitalismusversagen. Wenn die Banker selber Panik haben, dann soll der einfache Kunde ganz gelassen in die Zukunft schauen? Das kann ja nicht sein. Es ist sehr wichtig, dass die Politik und die Banken selber wieder die Grundlagen für Vertrauen schaffen. Das geschieht im Augenblick.
    Natürlich müssen wir auch den Menschen Mut machen, nicht zu verzweifeln. Aber manchmal darf die Kirche keine Trostpflästerchen verteilen, sondern sie muss mit der Faust auf den Tisch hauen und die Entrüstung verstärken. Ich hoffe, dass nach dieser Phase wirklich nachhaltige Veränderungen in Gang kommen, die den Tanz um das Goldene Kalb in Zukunft verhindern.

Quelle: Kipa vom 21.10.2008